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HARVARD COLLEGE
LIBRARY
FROM THE FUND OF
CHARLES MINOT
CLASS OF 1828
JAHRGANG I
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ARCHIV
FÜR SCHRIFTKUNDE
OFFIZIELLES ORGAN DES
DEUTSCHEN SCHRIFTMUSEUMS
ZU LEIPZIG
SCHRIFTLEITUNG MUSEUMS-DIREKTOR
PROFESSOR DR. SCHRAMM
LEIPZIG, GERICHTSWEG 26
LEIPZIG
VERLAG VON K, F., KOEHLER
1918
Lu, 5
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7 epee:
—
INHALT
Zur Einführung + = 3 25 2 2. a EL A Fa aria .
Deutsche Schrift und lateinische Schrift. Von Universitäts - Professor
Dr. Krabbo-Leipaie 22... 3 ara Kae ees
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift. Von Professor Dr. Freiherr von
Lichtenberg-Berlin ......... EI er ee: Seen ces es
Die Anordnung unseres Alphabets. Von Universitäts-Professor Dr. Hommel-
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. Von Oberlehrer Dr. Stübe-Leipzig .
Mitteilungen 4... # 24-2 a ae ea Fre nr
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift. Von
Dr. Adolf Grohmann . ...: 2:20 ne 0 m on ee.
Studien zur englischen Kurzschrift im Zeitalter Shakespeares: Timothe
Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Von Paul Friedrich... ; »-:. 4 #: 8 2:0 2-0 wa. ua eh
Deutsche Würde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift vom
Banne britischen Einflusses. Von Professor Fr. Kuhlmann. ... .
Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares: Timothe
Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Von Dr. Paul Friedrich. (Schluß). . ....... PEE E ee
Der „britische Schnörkel“. Eine Entgegnung. Von Professor Ansgar
Schoppmeyer, Berlin... ... 2.2... 2 ee ee ewe ee ewe
Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig. .......
Türkische Nationalschrift. Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift.
Von Pauly: Janko. 222.2. 2 32.223. 2a su wei a
Über die mutmaßliche stenographische Entstehung der ersten Quarto von
Shakespeares „Romeo und Julia“. Von Dr. phil. Adolf Schöttner
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Zur Einführung.
E: wirklich brauchbares, allen Anforderungen entsprechendes Werk
über Geschichte der Schrift gibt es nicht; ein solches wird wohl auch in
absehbarer Zeit nicht geschrieben, da die Arbeit unter den heutigen Ver-
hältnissen die Kraft eines Mannes weit übersteigt. Es fehlen zumeist
die Grundlagen für eine wirklich einwandfreie Darstellung der geschicht-
lichen Entwicklung der Schrift; soweit sie da sind, sind sie so zerstreut,
sei es in Zeitschriften oder Sammelwerken, sei es in Grammatiken oder
Geschichtswerken, daß es kaum möglich ist, sie überhaupt in jahrelanger
Arbeit zusammenzubringen. Dazu kommt in bezug auf die Arbeiten
selbst der beklagenswerte Zustand, daß sie vielfach ohne jeden Zusammen-
hang mit der allgemeinen Schriftgeschichte behandelt worden sind; es
fehlte eben das Zusammenarbeiten der Schriftfreunde und der Schrift-
kundigen, ja sie gingen oft aneinander vorüber, ohne sich zu beachten,
als ob sie sich nichts angingen; und doch ist der Zusammenhang der ein-
zelnen Schriftgebiete vielfach ein viel engerer, als die Vertreter der ein-
zelnen Schriftgruppen ahnen. Seit Jahren suchte eine größere Anzahl
„Schriftfreunde“ dem Übel abzuhelfen, freilich ohne greifbaren Erfolg,
da eine Bibliographie der Schriftkunde fehlt und ein Museum, in dem
man alles, was die Schriftkunde betrifft, zusammen sehen könnte, nicht
vorhanden war. Die Bemühungen wurden aber vor Jahresfrist insofern
von Erfolg gekrönt, als in Leipzig im Anschluß an das Deutsche Buch-
gewerbemuseum dank dem verständnisvollen und energischen Eingreifen
des Deutschen Buchgewerbevereins und der zielbewußten Tatkraft seines
Vorsitzenden Dr. Volkmann, dank dem freundlichen Entgegenkommen
der Kgl. Sächsischen Staatsregierung unter Beihilfe der Stadt Leipzig
ein Deutsches Schriftmuseum ins Leben gerufen werden
konnte, das, von allen Seiten tatkräftig unterstützt, sich in kurzem zu
einer Sammelstelle des Schriftwesens herausgewachsen hat, wie man es
nicht zu hoffen wagte. Reiche Stiftungen von Gipsabgüssen, Photo-
graphien, Literatur, von größeren Geldbeiträgen usw. schufen eine Grund-
lage, die zusammen mit den Arbeiten für die in diesem Jahr stattfindende
Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig die
freudige Perspektive eröffnet, daß das so lange vernachlässigte Gebiet der
Schriftkunde künftig mehr berücksichtigt und mehr erforscht wird. Das
Museum selbst gliedert sich zunächst in vier ‘Abteilungen: Eine histo-
rische Abteilung, die die Druck- und Schreibschrift aller Völker von
den primitivsten Anfängen der Schrift bis zur Neuzeit vorführen soll in
Gipsabgüssen, Photographien, Nachbildungen, Originalen usw; eine
spezielle Abteilung, die die besonderen Abarten der Schrift zeigen
wird, wie: Kalligraphie, Pasigraphie, Geheimschrift, Kurzschrift, Zahlen-
schrift, Blindenschrift, Notenschrift, moderne Kunstschrift; eine tech -
nische Abteilung, die die Schreibwerkzeuge vom grauen Altertum
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, I. 1. 1
2
bis zur Neuzeit enthält und das Schreibmaterial, auf dem geschrieben
wurde und geschrieben wird; eine bibliographische Abteilung
durch eine Bibliothek der Schriftkunde, der die Aufgabe zufallen soll,
die ungeheuer zerstreute Literatur auf all den genannten Gebieten zu
sammeln und zu registrieren, vor allem aber eine möglichst lückenlose
Bibliographie auf dem Gebiete der Schriftkunde zu ermöglichen. Damit
wäre wenigstens der erste Schritt zur Möglichkeit einer erfolgreichen
Bearbeitung der Schriftkunde getan. Freilich mit dem bloßen Sammeln
von Gegenständen und Literatur ist es nicht getan, das Gesammelte muß
auch verarbeitet, ergänzt, kritisch gesichtet, in Beziehung zueinander
gebracht werden, soll eine wirklich brauchbare Geschichte der Schrift
daraus entstehen. Gar manche Monographie über dies oder jenes Schrift-
gebiet wird geschrieben, gar mancher Aufsatz über Einzelheiten verfaßt
werden müssen, bis überall Klarheit herrscht. In richtiger Erkenntnis
dessen ist neben das Deutsche Schriftmuseum der Verlag von K. F. Koehler
in Leipzig getreten und hat die Herausgabe eines „Archiv für Schrift-
kunde“ in die Wege geleitet, das allen denen, die auf dem Gebiete der
Schriftkunde arbeiten, die Möglichkeit geben soll, sich gegenseitig kennen
zu lernen und ihre Meinungen auszutauschen. Daß die neue Zeitschrift
eine streng wissenschaftliche sein will, ist nach dem Gesagten klar. Pro-
pagandistische Tendenzen nach irgendeiner Richtung liegen ihr also voll-
ständig fern. Ebensofern liegen ihr Auseinandersetzungen über den
Inhalt einer Handschrift oder eines Druckes; ihr kommt es nur auf die
Schrift als solche an. Flaggensignale und ähnliches sind, obwohl sie
menschliche Gedanken ausdrücken, keine Schrift und scheiden infolge-
dessen auch aus. Typographie und Stenographie kommen nur insofern
in Frage, als ihre Geschichte von Wichtigkeit ist oder bahnbrechende
Änderungen vorkommen. Das Deutsche Schriftmuseum ist dem Verlag
von K. F. Koehler, der in uneigennütziger Weise durch die vorliegende
Zeitschrift einen Sammelpunkt für die Schriftkunde geschaffen hat, zu
größtem Danke verpflichtet und bittet alle die, die Interesse für die Ent-
wicklungsgeschichte der Schrift haben, um rege Mitarbeit; Stoff zur
Bearbeitung gibt es in Hülle und Fülle — selbständige Aufsätze, Referate
und Rezensionen, Notizen und bibliographische Zusammenstellungen sind
jederzeit erwünscht —; manches Dunkel wird gelichtet, manche Unrichtig-
keit berichtigt werden können, so daß wir hoffentlich im Laufe der Jahre
Faulmanns,,Geschichteder Schrift‘, die an Phantasterei und Unwissenschaft-
lichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, und Taylors Buch ,,The Alphabet‘
durch ein besseres, wissenschaftlich einwandfreies Werk ersetzen können.
Leipzig, im Februar 1914.
Deutsches Schriftmuseum zu Leipzig
Dr. Albert Schramm
Museumsdirektor.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 3
Deutsche Schrift und lateinische Schrift
Von Hermann Krabbo.
eit einigen Jahren streitet man sich heftig in Deutschland, welcher
Schriftart der Vorzug zu geben sei; Vorkämpfer der Antiqua oder lateini-
schen Schrift stehen auf der einen Seite, Streiter für die Fraktur oder
deutsche Schrift auf der anderen. Aus beiden Lagern ist mit oft mehr
Eifer als Sachkunde namentlich über den einen Punkt gestritten worden,
ob und wie weit die deutsche oder Frakturschrift wirklich eine nationale
Errungenschaft sei. Denjenigen, die für die Fraktur kämpfen, ist Fürst
Bismarck stets ein willkommener Eideshelfer gewesen; denn er hat sich
zu gunsten der ihm lieberen und bequemeren deutschen Schrift mit dem
machtvollen Einfluß seiner Persönlichkeit eingesetzt. Der der Schrift-
kunde leider vorzeitig entrissene Ludwig Traube hat auf zwei in dieser
Richtung getane Äußerungen des Fürsten hingewiesen!) und aus ihnen den
Schluß gezogen, daß Bismarck an eine deutsche Nationalschrift glaubte.
Aus den Verlautbarungen des Fürsten geht zunächst nur hervor, daß die
Lektüre von deutschen Werken in lateinischem Druck ihm zu zeitraubend
und unbequem war?2); er erklärte, ein in Fraktur gedrucktes deutsches
Buch in drei Vierteln derselben Zeit erledigen zu können, wie ein gleiches,
das sich in Antiqua präsentiere. Er fuhr dann in der Äußerung vom Jahre
1882 fort: „Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt,
oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen
Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleiche Schwierigkeit machen.
Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen.
Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde
Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben
1) Ludwig Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. II (Einleitung in die
lateinische Philologie des Mittelalters, herausgegeben von Paul Lehmann, München
1911) 7, Anm. ı. Die beiden Äußerungen des Fürsten stammen vom 24. Mai 1881
und vom 4. Oktober 1882; vgl. Horst Kohl, Fürst Bismarck Regesten II, S. 240
und 292.
2) Genau umgekehrt hat die Rücksicht auf Friedrich den Großen, der an die
Fraktur nicht gewöhnt war, gelegentlich dazu geführt, Werke preußischer Schrift-
steller in Antiqua zu drucken; das bezeugt ein Brief Ramlers vom 13. September
1749, angeführt bei Heinrich Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche
Literatur (2. Aufl. Berlin 1878) 41. Ich verdanke den Nachweis Herrn Dr. Fritz
Arnheim-Berlin.
1*
4 Hermann Krabbo
sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen. . .‘“ Mit voller Sicherheit
läßt sich aus diesen Worten doch nicht der Schluß ziehen, daß Bismarck
an den nationalen Ursprung unserer Schrift glaubte — nur so können
Traubes Worte in ihrem Zusammenhang gedeutet werden. Und wie mir
Herr Professor Horst Kohl freundlichst mitteilt, hat sich der Fürst auch
ihm gegenüber schriftlich wie auch (am 26. November 13891) mündlich
zum gleichen Thema "geäußert; vom nationalen Charakter der Fraktur
sprach er nur insoweit, alser inihr dehistorisch gewordene
Form unserer Schrift sah, die mit der deutschen Sprache, dem deutschen
Wortbilde eng verbunden sei.
Die Frage nach der Entstehung der Fraktur kann nur behandelt werden
im Zusammenhang mit der Frage nach dem Ursprung der lateinischen
Schrift; und hinter dieser Frage steht das Problem von der Entstehung der
Schrift überhaupt; wenigstens mit ein paar Worten darf ich hieranknüpfen!).
Die älteste Schrift, die wir kennen, ist die Bilderschrift; wir finden sie
als ursprüngliche Schrift bei den Kulturvölkern, deren Schrifttum wir weit
nach rückwärts überblicken, so bei den Ägyptern und den Chinesen; wir
finden sie gleichermaßen noch heute bei manchen Naturvölkern. Die
Deutung der Schriftzeichen geschieht vom Bilde auf das Wort. Beim
Steigen der Kultur häuft sich nun aber die Zahl der Worte und mit ihnen
die Zahl der Schriftbilder derart, daß man beim Schreiben aus praktischen
Gründen auf eine kleinere Einheit als das Wort zurückgehen muß; so geht
man erst zu Silbenzeichen, dann aber zu Lautzeichen oder Buchstaben über.
Diese Entwicklung hat sich für uns erkennbar bei den orientalischen Völkern
vollzogen; von ihnen, den Semiten, übernahmen die Griechen die Buch-
staben, deren Bestand sie den eigenen Bedürfnissen entsprechend modelten.
Namentlich fügten sie, was ein entscheidender Fortschritt war, besondere
Lautzeichen für die Vokale hinzu, indem sie den für sie unbrauchbaren
Zeichen der semitischen Hauchlaute diese neue Bedeutung gaben. Von
den Griechen wanderten die Buchstaben schließlich weiter westwärts zu
den Römern. Vermittler der Schrift waren den Römern die alten griechisch-
chalkidischen Kolonien in Unteritalien, die einen von dem uns geläufigen
griechischen Alphabet mehrfach abweichenden Buchstabenbestand kannten.
1) Für die folgenden Ausführungen zitiere ich hier zusammenfassend einige
Werke und Monographien, auf die sich dieser kurze Abriß stützt, ohne nachher
im einzelnen überall die Zitate zu wiederholen. B. Bretholz, Lateinische Paläo-
graphie, Teil von Meisters Grundriß der Geschichtswissenschaften I, ı (2. Aufl. 1912). —
M. Tangl, Deutsche Schrift. In dem von Joh. Hoops herausgegebenen Reallexikon
der Germanischen Altertumskunde I (1912), 395ff., sowie die Erläuterungen Tangls
zu den von ihm herausgegebenen Schrifttafeln (Schrifttafeln zur Erlernung der
lateinischen Paläographie, herausgegeben von W. Arndt. Heft I und II in vierter
von Tangl besorgter Aufl. Berlin 1904 und 1906; Heft III herausgegeben von
Tangl, 2. Aufl. Berlin 1907; auch die beiden ersten Hefte, von Tangl in ihrem
Bestand vielfach verändert und sachkundig erläutert, sind durch ihn etwas ganz
anderes geworden, als sie früher waren. — Franz Steffens, Lateinische Paläo-
graphie (2. Aufl. Trier 1909). — K. Brandi, Unsere Schrift (Göttingen ıg11).
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 5
An den chalkidisch-griechischen Buchstaben haben die Lateiner bei der
Übernahme wieder mancherlei geändert, so entfernten sie die drei Aspirata,
die sie zu Zahlzeichen machten: das Chi wurde als 50, das Theta als 100,
das Phi als 1000 verwendet; und so ist das lateinische Alphabet entstanden,
allmählich, nicht mit einem Schlage: die ältesten bekannten römischen
Inschriften, so namentlich eine 1899 auf dem Forum Romanum gefundene
vierkantige Säule, weisen noch lateinische Worte mit überwiegend griechi-
schen Schriftzeichen auf. Das lateinische Alphabet entwickelte sich so zu
einem Bestand von 2ı Buchstaben (ABCDEFGHIKLMNOPQORSTVX).
Zu ihnen traten im Zeitalter Ciceros zwei weitere Buchstaben hinzu, Y
und Z; man bedurfte ihrer zur Transkription griechischer Worte. Bei
diesem Bestand, 2ı lateinische + 2 griechische Buchstaben, ist es ge-
blieben, der Versuch des gelehrten Kaisers Claudius (} 54 p. Chr.), drei
neue von ihm erfundene Buchstaben in Umlauf zu setzen, scheiterte, ob-
wohl von diesen Buchstaben wenigstens einer zweifellos einem praktischen
Bedürfnis entsprochen hätte, ein konsonantisches v als besonderes Zeichen
neben dem vokalischen u.
Indem das lateinische Alphabet sich in voller Selbständigkeit neben dem
griechischen entwickelt hatte, gab es also im Mittelmeerkulturkreis zwei
indogermanische Alphabete; auf sie gehen mittelbar oder unmittelbar alle
seither in Europa gebrauchten Schriftzeichen zurück, natürlich mit Aus-
nahme der türkischen. Auf lateinische und griechische Buchstaben lassen
sich namentlich auch die ältesten Schriftzeichen der Germanen zurück-
führen. Die Runenschrift ist nach der herrschenden Ansicht im 3. Jahr-
hundert nach Christus an der Donau von den Germanen erfunden worden
unter starker Anlehnung an die lateinischen Buchstaben!), sie ist dann
Gemeingut der Germanen geworden. Andererseits hat der Gote Wulfila
(er starb 383) im 4. Jahrhundert sein gotisches Alphabet im wesentlichen
auf dem ihm näher liegenden griechischen: Alphabet — die Goten wohnten
damals im Norden der Balkanhalbinsel — aufgebaut unter Hinzunahme
einiger lateinischer Buchstaben, und ist dabei frei gestaltend vorgegangen.
Hatte zuerst das römische Reich für die Verbreitung lateinischer
Schriftzeichen gesorgt, so übernahm die gleiche Aufgabe später die römische
Kirche: zugleich mit den heiligen Schriften brachten die Missionare
den Germanen auch die lateinischen Buchstaben, in denen das Evangelium
geschrieben war. Künftig wurde der lateinische Buchstabenbestand auch
da verwendet, wo die Deutschen Aufzeichnungen in der Muttersprache .
machen wollten; natürlich genügte der Buchstabenbestand diesen Be-
dürfnissen nur mangelhaft; nicht alle Laute der germanischen Zunge
ließen sich mit lateinischen Buchstaben wiedergeben; die Angelsachsen
1) Vgl. zu der noch umstrittenen Frage nach dem Ursprung der Runen die Zu-
sammenstellung der Literatur bei L. Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. I
(Zur Paläographie und Handschriftenkunde, herausgegeben von Paul Lehmann,
München 1909) 4 Anm. 2.
-
6 Hermann Krabbo
haben diesem Umstand Rechnung getragen, sie haben besondere Schrift-
zeichen fiir das aspirierte d und t erfunden. Auf dem Festland dagegen
ist man unter dem Bann der lateinischen Buchstaben nicht so weit ge-
kommen; daß die Buchstaben für den Bedarf des Deutschen nicht ganz
ausreichten, empfand man auch hier, wie mehrfach bezeugt ist!); und der
merowingische König Chilperich (ein Enkel Chlodowechs, gest. 584) ist
wie der Kaiser Claudius unter die Erfinder gegangen: er ersann Zeichen
für vier neue Laute, eines für gedehntes o, ein zweites für ae, ein drittes für
aspiriertes t, ein viertes für w. Der Bann der lateinischen Schriftkultur
war zu stark, als daß diese sicher germanischem Sprachbedürfnis ent-
sprechenden Buchstaben sich hätten durchsetzen können, obwohl, wie
Gregor von Tours erzählt, der königliche Erfinder seinen Geisteskindern
mit Gewalt Eingang verschaffen wollte durch den Befehl, daß alle alten
Handschriften mit dem Bimsstein getilgt und unter Verwendung der könig-
lichen Buchstaben neu geschrieben werden sollten — wenigstens die
Durchführung des ersten Teils dieser Gewaltmaßregel wäre im Zeitalter
der Palimpseste vielleicht keine ganz ungewöhnliche Manipulation ge-
wesen; aber wir kennen jedenfalls keine einzige Handschrift, die unter
Verwendung der neuen Buchstaben geschrieben wäre. Der Buchstabe
für w, den der Merowingerkönig des VI. Jahrhunderts einführen wollte,
hat sich erst im XI. und XII. Jahrhundert durch Verdoppelung des v
gebildet, und die weiteren Fortschritte gegenüber dem lateinischen Buch-
stabenbestand, die die deutsche Sprache dann noch erzielt hat, die Scheidung
von vokalischem u und konsonantischem v, von vokalischem i und konso-
nantischem j, sind erst Errungenschaften neuerer Zeiten. Auch die
Diphthonge ä, ö und ü stellen späte und bescheidene Fortbildungen des
lateinischen Alphabets dar. Also: was den Bestand an Schriftzeichen be-
trifft, steht die deutsche Schrift stark im Bann der lateinischen; sie hat
sich kaum zu einer selbständigen Fortbildung und Umbildung der über-
nommenen Zeichen erhoben, wie solches die Griechen mit den semitischen,
die Lateiner mit den griechisch-chalkidischen Buchstaben taten, wie es
noch in germanischer Frühzeit der Erfinder des Runenalphabets gegenüber
den lateinischen, der Gotenbischof Wulfila gegenüber den griechischen
Buchstaben vermochten. |
* *
%*
Nun zu der zweiten Frage, zur Entwicklung der Buchstabenformen.
Wiederum haben wir mit der lateinischen Frühzeit zu beginnen. In den
Jahrhunderten vor Christi Geburt stehen uns zum Schriftstudium nur
inschriftliche Denkmäler zur Verfügung; wir ersehen aus ihnen, wie sich
große, schöne Buchstaben entwickeln, von Formen, die etwa dem ent-
sprechen, was wir heute als große gedruckte lateinische Buchstaben kennen;
ı) Vgl. Tangl, Deutsche Schrift a. a. O. 397.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift | 7
die Wissenschaft bezeichnet diese Schriftgattung als Kapitale: feierlich
und groB reiht sich da Buchstabe an Buchstabe, alle gleich hoch, meist
auch gleich breit, man spricht deshalb von litterae quadratae. Die Elemente,
aus denen sich die Buchstaben zusammensetzen, sind wenige: der senk-
rechte, der wagerechte, der schräge Strich; dazu Kreis und Halbkreis.
Diese schönen, aber schwerfälligen Buchstaben haben auch über ihre in-
schriftliche Verwendung hinaus in der Literatur Eingang gefunden, die
glänzenden Handschriften — oder modern ausgedrückt: die Pracht-
ausgaben — der klassischen und frühchristlichen Dichter sind vielfach in
ihnen geschrieben. Für den täglichen Gebrauch waren diese Buchstaben,
die mehr gemalt als geschrieben wurden, nicht geeignet, aber auch als
Bücherschrift waren sie sehr schwerfallig. So ist man, um eine etwas
flüssigere Bücherschrift zu gewinnen, dazu gekommen, die starren Formen
der Kapitale durch Rundung für die schreibende Hand bequemer zu
machen, unter Festhaltung schöner und klarer Formen, wie solche die
Buchschrift verlangte; so ist die Unziale entstanden: sie mit ihren runden
Formen ist ihrer Entstehung nach in erster Linie Bücherschrift, die nur
selten in Inschriften sich findet (denn die runde Linie ist dem Meißel un-
bequem), während die Kapitale ihre Formen als epigraphische Schrift
herausgebildet hatte und erst an zweiter Stelle Bücherschrift wurde. Auch
die Unziale entfernte sich noch weit von den Bedürfnissen des Tages; auch
sie stellte, wie die Kapitale, hohe Anforderungen an die Kunstfertigkeit
des Schreibers, auch sie erforderte großen Aufwand an Zeit und Pergament.
So wird sie weitergebildet zu einer Mischschrift, in die einzelne kursive
Elemente (Buchstabenverbindungen) eindringen, während doch der unziale
Grundcharakter beibehalten wird; sodann werden die Buchstaben kleiner,
dafür aber, um bessere Unterscheidungsmerkmale zu gewinnen, bilden
sich bei einzelnen Buchstaben Ober- und Unterlängen heraus; die Schrift
geht allmählich über zum Vierlinienschema. Man bezeichnet diese Weiter-
entwicklung der römischen Bücherschrift als Halbunziale. Ein weiteres -
Mittel, das neben dieser Fortentwicklung der Buchstabenformen dem
unabweislichen Bedürfnis, schnell schreiben zu können, dienen sollte,
bestand darin, daß man konventionelle Kürzungen in die Bücherschrift
einführte, und zwar schließlich in solchem Umfang, daß schon Kaiser
Justinian sich genötigt sah, gesetzgeberisch gegen diesen zum Unfug
werdenden Gebrauch vorzugehen. Da namentlich die juristischen Hand-
schriften durch das Übermaß von Kürzungen tatsächlich unbrauchbar
wurden, verfügte der Kaiser 533: ‚‚Gleichermaßen gehen wirwegen Fälschung
auch gegen diejenigen vor, die es wagen sollten, unsere Gesetze mittels
unverständlicher Kürzungen niederzuschreiben. Alles soll nach unserem
Willen durch den vollen Buchstabenbestand, nicht durch Kürzungen
ausgedrückt werden; wer sich ein solches Buch herstellt, in dem sich an
irgendeiner Stelle Kürzungen finden, der möge wissen, daß er der Besitzer
eines unbrauchbaren Kodex sei. Denn wir verbieten, irgend etwas vor
8 Hermann Krabbo
Gericht zu verlesen aus einem Kodex, der an irgendeiner Stelle die nichts-
würdigen Kürzungen aufweist.“
Kapitale, Unziale und Halbunziale sind Buchschriften; neben ihnen
her läuft in allen den Jahrhunderten, in denen jene Buchschriften ge-
schrieben wurden, eine flüchtige Geschäftsschrift oder Kursive. Das Wesen
von Kursivschriften besteht in zweierlei: einmal besteht bei ihnen die
Tendenz, das Schriftbild des einzelnen Buchstaben durch die rasch schrei-
bende Hand fließender und flüchtiger zu gestalten: bequeme Striche werden
verlängert, unbequeme verkürzt, schwinden manchmal ganz; die ursprüng-
liche Form des Buchstaben wird so weit gemodelt, daß die Grundelemente,
ob Schaft oder Rundlinie, im neuen Schriftbild oft ganz verwischt sind.
Sodann hat jede Kursivschrift die Tendenz, die einzelnen Buchstaben
miteinander in Verbindung zu setzen, ohne Absatz von Buchstabe zu
Buchstabe weiter zu schreiben. Die ältere Kursive also knüpft an die
Buchstaben der Kapitale an, deren strenge, schöne Formen sie zu flüchtig
hingehauenen, schwer lesbaren Buchstaben umbildete. In diesen Buch-
staben ist z. B. die Schrift von mehreren Wachstafeln gekritzelt, die man
1786 in Siebenbürgen entdeckte; und mehr als 1/ Jahrhundert verging,
bis der Münchener Professor Maßmann 1840 die rätselhaften Buchstaben
als lateinische Schrift erkannte und deutete.
Jede Kursivschrift trägt Keime der Entartung in sich; es sind im Laufe
der Schriftentwicklung wieder und wieder Anläufe zu konstatieren, die
den das Lesen allzusehr störenden Entgleisungen der Kursive entgegen-
wirken wollen. So knüpft denn auch die Fortentwicklung der römischen
Geschäftsschrift weniger an die entartete Majuskelkursive an, als vielmehr
an die runden Formen der Unziale. Es entsteht eine jüngere Kursive etwa
gleichzeitig mit der Halzunziale!). Sie verkleinert, wie ihre kalligraphische
Schwester, die Halbunziale, die Buchstaben und bringt damit zahlreiche
Ober- und Unterlängen bei den Einzelbuchstaben hervor; sie ist also eine
Minuskelschrift. Sie macht reichlichen, man darf sagen, überreichlichen
Gebrauch von den Möglichkeiten, die Einzelbuchstaben miteinander zu
verbinden; nicht einmal vor den Wortenden macht sie halt, was uns das
Lesen ungemein erschwert, die wir an scharfe Worttrennung gewöhnt sind:
in römischen Urkunden, die sich dieser Schrift bedienen, finden sich
ganze Zeilen, innerhalb deren kaum eine Worttrennung vom Schreiber
respektiert ist.
Wir haben jetzt die Entwicklung der lateinischen Schrift bis zu dem
Augenblick verfolgt, wo das weströmische Reich endgültig zusammen-
brach: Bücherschrift war damals die Halbunziale, Geschäftsschrift die
jüngere oder Minuskelkursive.e. Auf den Trümmern des Römerreichs er-
richteten germanische Wandervölker, zu festen Siedlungen übergehend,
ihre Staaten; sie übernahmen ganz einfach die Schrift, wie sie sie vor-
1) Jedoch führen selbstredend auch direkte Verbindungslinien von der älteren
zur jüngeren Kursive, vgl. Arndt-Tangl, Tafel 32A = Steffens Tafel 13.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 9
fanden; literarisch nicht interessiert, wie sie waren, kiimmerten sie sich
allerdings nicht um die Bücherschrift, sondern nur um die Geschäftsschrift,
die auf dem ehemals römischen Boden, dessen einzelne Teile jetzt politisch
zusammenhanglos nebeneinander standen, sich nun allerdings rasch sehr
divergierend entwickelte; so schrieb man, um nur zwei Extreme namhaft
zu machen, in der Stadt Rom, speziell in der päpstlichen Kanzlei, in ge-
spreizter Breite, im Frankenreich, speziell in der merowingischen Königs-
kanzlei, in gedrängter Enge. Hält man Proben dieser beiden Schriften
nebeneinander, so tritt über den Verschiedenheiten der gemeinsame Grund-
charakter zurück, und er ist früher auch völlig verkannt worden: man war
der irrigen Ansicht, die Schriften, die im langobardischen, im mero-
wingischen, im westgotischen Reich geschrieben wurden, seien nationale
Erfindungen der Langobarden, der Franken, der Westgoten, und man
prägte das Schlagwort Nationalschriften, einen Terminus technicus, der
durchaus unrichtig ist, der aber, da er bequem ist, vielfach festgehalten
wird. Ich betone nochmals: wie die Nachfahren der alten Römer selbst,
die sich wenigstens in Teilen Italiens noch politisch selbständig hielten, so
schrieben auch die Germanen aller Festlandreiche die sich verschieden
entwickelnde jüngere römische Kursive, sie brauchten diese Buchstaben
sowohl wenn sie lateinisch schrieben, als auch wenn sie die Laute der
Muttersprache wiedergaben.
Nur auf den Inseln an der Peripherie des abendländischen Kulturkreises
war die Entwicklung der Schrift eine andere: bis nach Irland war das
römische Reich überhaupt nie vorgedrungen, und auch in England, das
spät erobert und früh wieder geräumt war, hat die lateinische Schriftkultur
keine Spuren hinterlassen, die lebensfähig genug gewesen wären, die
Römerzeit zu überdauern. Zu den Iren und zu den Angelsachsen, den
germanischen Eroberern Britaniens, ist die lateinische Schrift erst zusammen
mit dem Christentum gelangt; aus der Bibel haben die Inselbewohner die
Buchstaben kennen gelernt, d. h. natürlich die Buchstaben der Bücher-
schrift, die Halbunziale. Somit entwickelt sich hier auf den Inseln eine
weitere sogenannte Nationalschrift, die im grundsätzlichen Gegensatz zu den
Festlandschriften steht; auf dem Festland schreibt man kursiv, auf den
Inseln nicht kursiv; natürlich war die Inselschrift an Klarheit weit über-
legen, während die festländischen Kursivschriften unter den Händen der
Germanen steigender Entartung anheimfielen.
In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts nun setzt sich auf dem ganzen
abendländischen Festland eine kräftige Reaktion durch gegen die herunter-
gekommenen Kursivschriften; es ist dies eine Seite der geistigen Be-
wegung, die man zu bezeichnen pflegt als die karolingische Renaissance.
Daß die neue sich emporringende Schrift so überraschend schnell fast
überall die bisherigen Schriften verdrängen konnte, wurde dadurch ermög-
licht, daß eben damals das ganze festländische und christliche Abendland
sich politisch unter dem Zepter Karls des Großen einte. Wollte man von
10 Hermann Krabbo
der entarteten Kursive los, wollte man zu klareren Schriftzügen übergehen,
so konnte kein Zweifel obwalten, wo man die Vorbilder zu suchen hatte:
bei den Angelsachsen, deren Schrift dem Festlande nicht unbekannt ge-
blieben war: die Werke des Beda Venerabilis hatten mit dem universalen
Wissen des groBen Angelsachsen auch angelsächsische Schrift in der Welt
verbreitet; die irischen und angelsächsischen Missionare, namentlich
Bonifatius und sein Kreis, hatten Propaganda für die Inselschrift gemacht,
und schließlich: der führende Mann des Gelehrtenkreises, den Karl der
Große um sich gesammelt hatte, Alkuin war selbst ein Angelsachse. Doch
ist die neue Festlandschrift keine sklavische Nachahmung der angelsäch-
sischen Buchstaben, sie steht durchaus selbständig neben ihnen, vielfach
direkt an halbunziale Vorbilder anknüpfend. Sie hat sich, wie bemerkt,
rasch das ganze christliche Festland erobert, und mit den siegreichen
Scharen des normannischen Eroberers Wilhelm hat sie 1066 auch die Insel
der Angelsachsen selbst gewonnen.
Das hervorstechendste Merkmal der neuen Schrift, die als karolingische
Minuskel bezeichnet wird, ist die Aufgabe kursiver Verbindungen: Buch-
stabe wird wieder selbständig neben Buchstaben gereiht. Das bedeutet
an sich eine Verlangsamung des Schreibens gegenüber der Kursive. Die
karolingische Minuskel bleibt jedoch leistungsfähig, einmal indem jetzt ein
leidliich wohlerwogenes System von Kürzungen sich durchsetzt, dann aber,
indem die einzelnen Buchstaben durchweg viel kleiner geschrieben werden;
die karolingische Minuskel bringt Buchstaben hervor, die, soweit sie
zwischen den beiden Mittellinien stehen, klein sind, viele Buchstaben da-
gegen haben ausgesprochenste Ober- und Unterlängen; alles in allem sind
es diejenigen Formen, die etwa den uns heute vertrauten gedruckten
kleinen lateinischen oder Antiquabuchstaben entsprechen. Im Zeitalter
der karolingischen Renaissance wird aber nicht nur diese neue Schrift
ausgebildet; vielmehr beginnt man gleichzeitig auch die alten schönen
Bücherschriften der Römer, Kapitale und Unziale, wieder zu kultivieren,
und zwar werden diese würdevollen Buchstaben vornehmlich zu Über-
schriften und Unterschriften, sowie zu Initialen verwendet. So erwerben
sich die alten Kapitalbuchstaben also ein neues Heimatrecht in der karo-
lingischen Minuskel, und noch heute halten beide Schriftarten, die an sich
ja gar nichts miteinander zu schaffen haben, treu zusammen als das große
und kleine Alphabet der Antiqua. Soweit in deutscher Sprache fortab
Aufzeichnungen gemacht werden — ich erinnere an einige frühe Beispiele
wie das Hildebrandlied oder den Heliand oder an die Straßburger Eide —,
stehen keine anderen Schriftzeichen zur Verfügung als die der karolingischen
Minuskel.
Das Reich Karls des Großen also hat der christlich - abendländischen
Welt eine neue und schöne Einheitsschrift geschenkt, die gleichermaßen
als Bücherschrift und als Urkundenschrift verwendet wurde; und diese
Einheitlichkeit ds Schrifttums ist dem Abendlande erhalten ge-
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 11
blieben, auch als schon unter Karls Enkeln die politische Einheit
in die Brüche ging; in Deutschland, Frankreich, Italien, den christlichen
Staaten der spanischen Halbinsel, schließlich auch in England, kurz überall
wird in karolingischer Minuskel geschrieben, einerlei, ob es gilt lateinische
oder nationale Laute schriftlich festzuhalten. So wissen wir, um nur eine
nicht alltägliche Verwendungsmöglichkeit dieser Buchstaben zu erwähnen,
von einem deutschen Missionar, der zu den Slawen kam. Um predigen zu
können, obwohl er zunächst wenigstens der slawischen Sprache uhkundig
war, ließ er sich Predigten in slawischer Sprache so aufschreiben, daß
mit lateinischen Buchstaben die Laute der slawischen Zunge, so gut es eben
ging, wiedergegeben wurden. Diese Predigten las der Missionar dann vor,
natürlich ohne selbst zu wissen, was er sagte).
Im Laufe des ı2. Jahrhunderts nun bahnt sich eine Wandlung der
Buchstabenformen in dem Sinne an, daß ihre schlichten Linien gebrochen
werden; diesen Brechungen sind namentlich die Rundungen ausgesetzt,
aber auch die Schaftenden; man bezeichnet die so etwa seit 1200 sich
durchsetzende Schrift als gotische Minuskel, und dieser Ausdruck der
Renaissancezeit, der eigentlich einen verächtlichen Sinn hat, trifft doch
die charakteristische Eigenart dieser Schrift ausgezeichnet. Man kann die
in den Buchstabenformen sich vollziehende Stilwandlung in Parallele
stellen mit der sich gleichzeitig durchsetzenden Änderung des Architektur-
stils: auch hier wird die schlichte Rundung des romanischen Stils ab-
gelöst durch den gebrochenen gotischen Spitzbogen. Die Gotisierung der
Karolingischen Buchstaben, die sich mehr oder minder im ganzen abend-
ländischen Geltungsbereich der Schrift durchsetzt, bedeutet natürlich eine
Verkünstelung, eine Entfernung von den Bedürfnissen, die die Praxis
des Tages an die Schrift zu stellen berechtigt ist; und so vollzieht sich jetzt
nach den Jahrhunderten der Schrifteinheit allerorten eine erneute Zweiung
in kunstvollere Bücherschrift und schlichtere Geschäftsschrift; während
die gotische Minuskel es zu oft glänzender und prunkender Ausgestaltung
bringt, entwickelt sich neben ihr eine Kursivschrift. Zu den Elementen
der gotischen Buchstaben gehören kleine Zierstriche an den Enden der
Buchstabenschäfte: dieser Striche bemächtigt sich die Kursive und ver-
wendet sie, um mit ihnen Buchstabenligaturen herzustellen. Dem Sieges-
zuge der neuen Kursive ist sehr förderlich der neue billige Schreibstoff,
das Papier, das — kurz nach Christi Geburt in China erfunden — im
späteren Mittelalter endlich Eingang in Europa findet und das Schrift-
lichwerden von Verwaltung und Rechtsprechung ermöglicht.
Also seit dem 13. Jahrhundert sind allgemein im Gebrauch gotische
Minuskel als Zier- und Bücherschrift, gotische Kursive als Geschäfts-
schrift, und zwar finden beide Schriften wiederum übereinstimmend Ver-
wendung für alle Sprachen, für die lateinische Gelehrten- und Kultsprache
und ihre romanischen Tochtersprachen ebensosehr, wie für die germa-
1) Vita Wernheri episcopi Merseburgensis, Mon. Germ. hist., Scriptores XII, 246.
12 Hermann Krabou
nischen Mundarten. Es ist dabei zu bemerken, daß Italien, wie es sich
in der Baukunst gegenüber der Kompliziertheit nordischer Gotik ziemlich
zurückhaltend verhielt, so auch im Schriftwesen stärker als die Länder
nördlich der Alpen an den Formen der karolingischen Schrift festhielt.
Eine neue Weiterbildung oder eigentlich Rückbildung der Schrift-
entwicklung geht nun eben von Italien aus, und zwar im Zeitalter des
Humanismus und der Renaissance. Genau ebenso wie schon die karolin-
gische Renaissance in der Schriftentwicklung den alten Formen der Kapitale
und Unziale zu neuer Blüte verholfen hatte, so vollzieht sich jetzt eine
Wiedergeburt der karolingischen Minuskel. Durch die Renaissance wurden
in den Kreisen der italienischen Humanisten die lateinische Sprache
und die lateinischen Klassiker zu neuem Leben erweckt; mit ihnen sollte
auch die lateinische Bücherschrift in neuer Schönheit erstehen. Mit
rechter wissenschaftlicher Gründlichkeit gingen die Humanisten stets
auf die ältesten ihnen erreichbaren Handschriften ihrer geliebten Klassiker
zurück; diese alten Handschriften boten durchweg die korrektesten Texte,
sie zeichneten sich, in reiner karolingischer Minuskel geschrieben, auch
durch klare schöne Schriftzüge aus, mit deren Deutlichkeit die gotischen
Handschriften jüngerer Jahrhunderte nicht konkurrieren konnten. Darin
allerdings irrten die Humanisten allgemein völlig, daß sie annahmen, in
der karolingischen Minuskel, die sie wieder aufleben ließen, die richtige
Schrift der alten Römer gefunden zu haben.
Wir bezeichnen die von den Humanisten neu gepflegte karolingische
Schrift als Renaissanceminuskel. Oft ist es nicht leicht, auf den ersten
Blick zu sagen, ob eine Handschrift in karolingischer oder in Renaissance-
minuskel geschrieben, ob sie im II. oder im 15. Jahrhundert entstanden
ist; so gut haben sich die Humanisten in den Geist der alten Schrift hinein-
gedacht, die sie mit dem irrtümlichen Ehrennamen der Antiqua auszeichne-
ten, während die sonst landesübliche Schrift als ‚‚gotische‘‘ gebrandmarkt
wurde, gotisch im Sinne von mittelalterlich-barbarisch; denn das Gotenvolk
galt als eigentlicher Zerstörer der antiken Kultur, die jetzt neu aufleben sollte.
Die Humanisten sind aber noch einen Schritt weiter gegangen: aus ihrer
Schrift, der Renaissanceminuskel, haben sie sich eine Kursivschrift
zurechtgemacht, die unter Festhaltung der schönen klaren Buchstaben
der karolingischen Minuskel diese Einzelbuchstaben schräg stellt und
miteinander verbindet.
Diese beiden neuen Schriften, die das Zeitalter der Renaissance hervor-
gebracht hat, die Renaissanceminuskel und die Renaissancekursive, treten
nun also neben die beiden anderen damals üblichen Schriften, die gotische
Minuskel und die gotische Kursive, so daß wir also im ausgehenden
Mittelalter vier Grundtypen der Schrift nebeneinander haben, die man
nach zwei Gesichtspunkten sondern kann: es stehen einerseits zwei gotische
Schriften und zwei Renaissanceschriften einander gegenüber; und anderer-
seits: es gibt zwei Minuskelschriften, die mit Einzelbuchstaben arbeiten,
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 13
und zwei Kursivschriften, dazwischen natürlich allerlei Mischschriften.
Von einer scharfen Konkurrenz, in die die Renaissanceschriften auf allen
Gebieten mit den gotischen Schriften eingetreten wären, ist zunächst
nichts zu verspüren: ihrer Entstehung gemäß erfreuen sich die Renaissance-
schriften zunächst nur begrenzter Verbreitung: sie sind im wesentlichen
beschränkt auf die lateinische Sprache, von der aus sie zögernd auch in die
romanischen Sprachen Eingang finden, und sie sind weiter beschränkt
dadurch, daß nur die humanistisch gebildeten Kreise sich der Antiqua-
buchstaben bedienen.
An sich hätte es nun durchaus im Bereich des Möglichen gelegen, daß
die herrschende Zweiheit der Buchstabenformen sich in längerer Ent-
wicklung wieder irgendwie vereinheitlicht hätte: da ist aber ein Ereignis
von epochemachender Wirkung dazwischengetreten, das den im Augen-
blick herrschenden Dualismus von Antiqua einerseits und gebrochener
Gotik oder, wie man sich zu sagen gewöhnt hat, Fraktur, andererseits ver-
ewigt hat: die Erfindung der Buchdruckerkunst. Gutenberg, seine Genossen
und Schüler, die mit gegossenen, beweglichen Einzellettern zu drucken be-
gannen, konnten nicht im Zweifel sein, welche Schriftart sich für den
Druck eignete: sie konnten ihre Vorbilder nicht in den Kursivschriften
suchen, sondern nur bei den Minuskel-Biicherschriften, die ebenfalls
Einzelbuchstaben neben Einzelbuchstaben stellen. Die deutschen Er-
finder des Buchdrucks wählten sich unter den beiden Möglichkeiten, der
gotischen Minuskel und der Renaissanceminuskel, ganz naturgemäß die
allein damals in Deutschland allgemein verbreitete gotische Schrift aus;
in gotischen Lettern haben sie sowohl lateinische, wie deutsche Texte ge-
druckt. Die ersten ausländischen Buchdrucker sind dem deutschen Bei-
spiel durchaus gefolgt, sie haben ebenfalls in gotischen oder Frakturlettern
gedruckt, vielfach aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie ihre Lettern
aus Deutschland, wo solche zuerst fabrikmäßig hergestellt wurden, be-
zogen hatten. Auch die italienischen Drucke des 15. Jahrhunderts sind
in ihrer Mehrzahl mit Frakturlettern hergestellt; aber sowie die neue Kunst
einmal in Italien heimisch geworden war, begannen die Italiener, auch
in Antiqua zu drucken, und es entsteht eine Gegenbewegung: den Fraktur-
drucken, die sich von Deutschland aus verbreiten, arbeiten entgegen die von
Italien ausgehenden Antiquadrucke. Zunächst ist das Ergebnis ein buntes
Durcheinander: man druckt mit beiden Arten von Typen lateinische Texte
ebenso wie Texte in romanischen und germanischen Sprachen. Es gibt auch
ziemlich frühe deutschsprachige Drucke, die sich lateinischer Lettern be-
dienen, so eine Ausgabe des Titurel vom Jahre 14771). Dann aber bahnt
sich eine Scheidung an, und sie vollzieht sich naturgemäß folgendermaßen:
Wie die Renaissanceminuskel erwachsen war durch die neubelebte Be-
schäftigung mit der lateinischen Sprache, so erobert sich jetzt auch der aus
der Renaissanceminuskel geborene Antiquadruck allmählich die Herrschaft
1) Worauf Tangl, Deutsche Schrift, a. a.O. 401 hinweist.
14 Hermann Krabbo
auf dem Gesamtgebiet des Lateinischen. Die katholische Kirche, die am
Lateinischen als der Kultsprache festhält, gerät damit in den Bann des
Antiquadruckes, der zunächst in Italien vollständig siegt; die Antiqua er-
obert sich auch die italienische Sprache und in ihrem Gefolge die anderen
romanischen Sprachen. Anders ist die Entwicklung in Deutschland. Zwardie
lateinische Sprache ist auch bei uns bald der Antiqua anheimgefallen; ein
Mann wie Erasmus von Rotterdam ließ selbstverständlich seine lateinischen
Schriften in diesen Lettern setzen. Im übrigen aber haben wir überwiegend
an der Fraktur festgehalten. Die gotische Minuskel war vor der Erfindung
des Buchdrucks die allein bei uns heimische Bücherschrift; die in Deutsch-
land gemachte Erfindung bildete ihr den Frakturdruck nach, und so ist er
zum spezifisch deutschen Druck geworden. Daß wir im 16. Jahrhundert
überwiegend den radikalen Bruch mit der römischen Kirche vollzogen haben,
daß wir die lateinische Vulgata zugunsten von Luthers Bibelverdeutschung
außer Kurs setzten, wird nicht ohne Einfluß geblieben sein. Immerhin
hat sich die uns geläufige Gleichung: Antiqua = lateinischer Druck,
Fraktur = deutscher Druck erst sehr allmählich durchgesetzt. Auf ein
nach mehrfacher Richtung lehrreiches Beispiel wies der verstorbene
Ludwig Traube hin!): ich meine das Nachwort, das Rorarius, oder, wie
der Mann eigentlich gut deutsch heißt, Rörer, zu der Ausgabe von Luthers
Bibelverdeutschung geschrieben hat, die 1545 bei Hans Lufft in Wittenberg
herauskam. Diese Ausgabe ist, wie nicht anders zu erwarten, in Fraktur
gedruckt, aber auffallenderweise sind die großen Anfangsbuchstaben der
Substantiva scheinbar ganz regellos bald in der normalen Fraktur, bald
aber in der aus dem Rahmen fallenden Antiqua gedruckt; Rorarius bemerkt
dazu: „Zum dritten sind zweierley Buchstaben der UA B C und der A B C-
gestalt, gesetzt, dem unerfaren Leser unterscheid anzuzeigen, Das wo
dieser U B C stehen, die Schrifft rede von gnade, trost etc. Die anderen
ABC von Zorn, straffe etc.‘ Die merkwürdige, typographisch nicht ein-
heitliche Ausstattung dieser Bibelausgabe sollte also bewirken, daß irgend
jemand, der zu Gottes Wort griff, um Trost in seinen Herzensnöten zu
suchen, sofort an die richtigen Stellen geriete, und nicht etwa auf ein
Kapitel, in dem der racheschnaubende Jehova Schwefel und Feuer vom
Himmel regnen läßt. — Vom Standpunkt der Schriftkunde ersehen wir
aus dieser Bibelausstattung folgendes: Ein hochgebildeter Mann, wie es
Georg Rörer war, erblickte 1545 in Antiqua und Fraktur nicht verschiedene
Alphabete, sondern nur verschiedene Druckformen, von denen man er-
warten durfte, daß beide den deutschen Lesern geläufig waren. Weiter
ersehen wir aus dem Nachwort, daB die Schlagworte ,,deutsches Alphabet“
und ‚lateinisches Alphabet‘‘ damals noch unbekannt waren; Rörer kann
sich nicht anders ausdrücken, als indem er sagt: Buchstaben der UBC
und der ABC. Endlich aber ist lehrreich, daß die Stellen, in denen von
Gnade und Trost die Rede ist, in Fraktur gedruckt sind, als derjenigen
1) Vorlesungen und Abhandlungen II, 8.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 15
Schrift, die den Deutschen bei weitem lieber und vertrauter war; die tief-
gehende Abneigung gegen die Antiqua, von der die Masse unseres Volks
schon damals erfüllt war, kommt auch hier zum Ausdruck.
So ist also die Fraktur und ihre kursive Schwester, die Fortbildung der
gotischen Kursivschrift, zur typischen deutschen Schrift geworden; ihrer
haben sich Goethe und Schiller, haben sich Bismarck und Moltke bedient.
Doch ist diese Schrift auch in neuerer Zeit durchaus nicht auf Deutschland
beschränkt geblieben; namentlich in den skandinavischen Reichen erfreut
sie sich erheblicher Verbreitung. Auch den Engländern und Franzosen
ist sie zum mindesten bekannt und wird von ihnen gern zu Überschriften
verwendet. Andererseits ist die Fraktur niemals die unbeschränkte Ge-
bieterin in deutschen Landen geworden. Neben ihr hat zu allen Zeiten
auch die Antiqua für deutsche Texte Verwendung gefunden. Genau wie
heute im 2a Jahrhundert standen auch früher die deutschen Schriftsteller
oft zweifelnd vor der Frage, in welcher Schriftart sie drucken sollten, und
das Für und Wider wurde mit denselben Argumenten erwogen, die in dem
Schriftstreit von heute wiederkehren. Ich führe ein Beispiel aus dem
18. Jahrhundert an. Der bekannte Dichter Ludwig Gleim schrieb 1761 an
seinen Berliner Freund Karl Wilhelm Ramler, der ein Bändchen Oden
drucken lassen wollte: „Lassen Sie es doch nebst dem Text mit Lateinischen
Lettern drucken; der junge Bieitkopf will es so sauber machen als möglich
ist! Er ist sehr für die Lateinischen Lettern; die Franzosen, sagt er, hätten
für unsere Gothischen Buchstaben einen rechten Abscheu gehabt, und alle
Bücher mit Lateinischen Lettern gedruckt weggekauft‘‘!).
Ich komme zum Schlusse. Nicht von Haus aus ist die Fraktur unser
nationales Eigentum gewesen — darin irren manche ihrer Verfechter —;
aber niemand wird bestreiten können, daß sie in den letzten Jahrhunderten
stets die vorherrschend deutsche Schrift gewesen ist. Gegen sie ist nun
neuerdings in Deutschland eine starke Bewegung entfacht worden. Wir
sollen uns zur Antiqua bekehren, und wenn wir es nicht freiwillig tun,
sollen wir zwangsweise dazu bekehrt werden. Die Propaganda für die
Antiqua saugt ihre Kräfte zu großem Teile aus der Internationalität des
modernen Weltverkehrs. Das Ausland, das in tausend Beziehungen zu
uns steht, empfindet es als Arroganz, daß wir uns nicht derjenigen Schrift-
zeichen bedienen, die den Engländern der alten und der neuen Welt und
den Romanen geläufig sind. Unsere deutsche Wissenschaft hat dem auch
vielfach Rechnung getragen und in ihren deutschsprachigen Publikationen
die Fraktur aufgegeben, die Antiqua eingeführt; um nur an ein dem
Historiker besonders naheliegendes Beispiel zu erinnern, ist die altbekannte
Sybelsche ‚Historische Zeitschrift‘, nachdem sie durch 47 Jahre im
Gewande der Fraktur erschienen war, 1906 zur Antiqua übergegangen.
Auch die unaufhaltsam vordringende Schreibmaschine, für deren Technik
1) H. Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur 225.
16 Hermann Krabbo
die Fraktur bis jetzt wenigstens noch nicht recht geeignet erscheint, sorgt
bei uns fiir die Verbreitung der Antiqua. Aber darum liegt noch lange
kein zwingender Grund vor, die Fraktur jetzt auszurotten. Nicht nur
Gefiihlsmomente sprechen fiir sie: es kann vielmehr nicht bestritten werden,
daß die Fraktur sich manchen Besonderheiten unserer Sprache ungleich
besser anpaßt als die Antiqua. Auch lauten die Urteile unserer Mediziner
und Experimental-Psychologen überwiegend dahin, daß die Fraktur das
Auge auf die Dauer weniger ermüde. Ganz besonders überzeugend ist
nach dieser Richtung die Aussage des Berliner Rechtshistorikers Zeumer,
der bekanntlich von dem schweren Mißgeschick betroffen wurde, langsam
zu erblinden; der konnte an sich feststellen, daß in den Jahren seiner ab-
nehmenden Sehkraft er noch lange in Fraktur gedruckte Bücher lesen
konnte, während er die Antiqua nicht mehr bewältigte.
So meine ich, wir Deutschen, die wir beide Alphabete beherrschen,
können uns dessen nur freuen. Mancher Autor wird, wenn er gewisse
Worte hervorheben oder einander gegenüberstellen will, sich mit Vorteil
beider Typen nebeneinander bedienen, so wie schon der alte Bibeldruck
von 1545 sich diese Möglichkeit zunutze gemacht hat. Und wenn manche
Schriftsteller oder Herausgeber von Zeitschriften für ihre Veröffentlichungen
die Antiqua bevorzugen, so ist das auch ihr gutes Recht. Mag die Fraktur
kämpfen und sich ihrer Haut wehren; erliegt sie dermaleinst der Antiqua,
so ist sie eben altersschwach geworden und muß das Los mancher anderen
Schriftart teilen, die vor ihr gekommen und gegangen ist. Behauptet
sie sich aber weiterhin als lebensfähig, dann soll sie, die Millionen unserer
Volksgenossen ein teures Gut geworden ist, uns auch nicht öder Gleich-
macherei zuliebe gewaltsam geraubt werden.
Ebensowenig erfreulich freilich, wie die einseitige Propaganda für die
Antiqua, ist es, wenn sich dagegen neuerdings eine ebenso radikale Gegen-
bewegung erhoben hat, die nur die Fraktur für die deutsche Sprache
gelten lassen will, die bei jedem in Antiqua gedruckten deutschen Text
ein Geschrei erhebt von Gefährdung der allerheiligsten Nationalgüter und
von würdeloser Liebedienerei vor dem Ausland. Der historisch gewordene
Zustand für Deutschland ist doch zweifellos, daß bei uns beide Schriftarten
nebeneinander verbreitet sind, die Fraktur gewiß an erster Stelle, aber
neben ihr auch durchaus daseinsberechtigt die Antiqua; ich erblicke in
diesem Nebeneinander der Schriften durchaus einen Reichtum unserer
deutschen Kultur, einen Reichtum, der geschmälert würde, wenn eine der
beiden Schriften zugunsten der anderen ganz unterdrückt würde. Die
Frage, welche Schrift in Deutschland herrschen solle, braucht nicht im
Sinne eines Entweder — Oder entschieden zu werden: die richtigeAntwort
lautet: Deutsche Schrift und lateinische Schrift.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 17
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift.
Von Reinhold Frhr. v. Lichtenberg.
D neuesten vergleichenden Forschungen und die Altertumsfunde zeigen
immer deutlicher, daß der alte Spruch Ex Oriente lux und die Ansicht,
daß alle Kultur aus dem Osten gekommen sei, auf alten Irrtümern be-
ruhen. Auch das so wichtige Kulturgut der Buchstabenschrift erweist jetzt
Abb. 5. Steine mit schriftartigen Zeichen aus der Höhle von Mas d’Azil, Arizge.
seinen arischen Ursprung im Westen Europas, und zwar in uralten Zeiten, aus
denen wir von den Kulturen des Orients noch keine Funde besitzen. Auch
hierin ist der irrigen Phöniker-Hypothese nunmehr der Boden entzogen.
In zahlreichen Gräbern Spaniens und in Dolmen Portugals fanden sich
Steine, die mit merkwürdigen aus geraden Linien bestehenden Zeichen
bedeckt sind. Diese an Schrift erin- |
nernden Zeichen erstrecken sich nach
Maßgabe ihrer Fundorte über einen
sehr großen Zeitraum, nämlich von
sehr alten Abschnitten der jüngeren
Steinzeit in die frühe Bronzezeit, ja
sogar bis in die Eisenzeit. Zu den Abb. 2. Renntierstäbe mit schriftartigen
ältesten gehören die aus den portugie- m en La
sischen Dolmen von Alvao, und doch
haben sich in der Grotte von Mas d’Azil in Frankreich (Abb. ı) undan Renn-
tierstäben von verschiedenen Fundorten Frankreichs (Abb. 2) noch ältere
inschriftartige Zeichen gefunden, die uns noch weit über die jüngere Steinzeit
bis in die ältere Steinzeit, also viele Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung
zurückführen. wobei höchstbezeichnender Weise eine sehr große Anzahl
dieser uralten Zeichen von französischem Boden mit den etwas jüngeren von
der spanischen Halbinsel vollständig übereinstimmen, was bereits allen For-
schern, die auf dem Gebiete der Schrift arbeiten, aufgefallen ist!) (Abb. 3).
ij, AAV to HY b
1) Severo, Os dolmens de Traz-os-mentes in der Zeitschrift Portugalia, t. I,
Oporto 1899—1903. G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur und ihre Be-
ziehungen zum Orient. Mannus-Bibliothek, Heft 7, S. 55—66, Würzburg 1912.
Vgl. auch Evans, Scripta Minoa, Oxford 1909, p. 3.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. f. 2
18 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Beweist schon dieses lange Fortleben der an so-verschiedenen und weit
getrennten Orten sich gleich bleibenden Zeichen, daB sie nicht miiBiger
Spielerei ihr Dasein verdanken, sondern ihnen ein bestimmter geistiger
Inhalt, eine Bedeutung, zu eigen sein muß, so wird dies ganz unzweifel-
haft, wenn wir erkennen, daß diese Übereinstimmungen sowohl zeitlich
als räumlich noch viel, viel weiter reichen.
Drei verschiedene europäisch-arische Kulturkreise sind es, in deren
Schriften die Lautzeichen mit diesen vorgeschichtlichen Zeichengruppen
die größten Übereinstimmungen zeigen; und diese Schriften können wir
mit einer einzigen Ausnahme auch wirklich lesen.
Die drei Kulturkreise sind fol-
gende: Auf der spanischen Halb-
insel selbst entwickelten sich aus
diesen steinzeitlichen Zeichen zwei
Schriften, im Norden die soge-
nannte keltiberische, im Süden die
sogenannte turdetanische, die so-
wohl untereinander als mit den
steinzeitlichen Zeichen die größten
Übereinstimmungen besitzen (vgl.
die Schrifttafel). Warum der Name
keltiberisch nicht ganz zutreffend
ist, werde ich weiter unten zu er-
läutern haben. Beide Schriftarten
erhielten sich noch bis weit in die
geschichtlichen Zeiten und er-
scheinen auch noch auf Münzen.
Weitere auffällige Ähnlichkei-
ten in der Form sind zwischen den
Zeichen von Alväo (vgl. Abb. 3)
Abb.3. Stein mit Schriftzeichen aus einem und den germanischen Runen
Do EN EOE LIVROS zu entdecken. Auch hier ist die
große Anzahl der völlig gleiche Form aufweisenden Zeichen von aller-
größter Bedeutung.
Endlich der dritte Kulturkreis, der eine Schrift mit den gleichen Formen
besitzt, ist der ägäische. Die zahlreichen Inschrifttafeln von Kreta sind
trotz der eingehenden Forschungen von Evans und anderen Gelehrten
heute noch nicht lesbar (Abb. 4). Dagegen besaß die Insel Kypros eine der
kretischen ganz ähnliche Schrift, deren Entzifferung schon vor ungefähr
drei Jahrzehnten gelungen ist. Hier zeigt sich noch ein sehr bemerkens-
werter Umstand; diese kyprische Schrift ist nämlich nicht wie die Runen
und die keltiberische und turdetanische Schrift eine Buchstabenschrift,
sondern eine Silbenschrift. Auch hierfür werde ich die Erklärung weiter
unten bringen. Auch die noch unlesbare kretische Schrift muß nach der
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 19
die Anzahl der gesprochenen Laute bedeutend übersteigenden Zahl der
Zeichen eine Silbenschrift gewesen sein. Einzelne dieser Zeichen finden
sich auch sonst im Gebiete der ägäischen Kultur auf Gefäßen und Ton-
scherben und in Troja kommen sie auf uralten Spinnwirteln vor. Aber
noch weiter reicht der Einfluß dieser Schrift. Schon um 2000 v. Chr.
hatten ägäische Völkerschaften Nieder-
lassungen außerhalb ihrer Heimat in Ägyp- AM a Fe = Y7
IU * p rea =lı,,
ili | I
ten begründet. Auch in diesen Ansiedlungen
wurden zahlreiche Gefäße gefunden, an
H+34Nlen |
HAIFA YY
deren Henkel oder Körper kurze Inschrif-
ten in ägäischer Schrift stehen, die wohl
pl 5 + + III
Abb. 4. Inschrift von Kreta.
entweder den Eigentümer oder den Her-
steller dieser Gefäße angeben (Abb. 5).
Also im Norden, ferner ganz im Westen
und im Südosten Europas waren Schriften
heimisch, die untereinander in der Gestalt
ihrer Zeichen eine große Verwandtschaft
besitzen, und zwar nicht nur in der Ge-
stalt, sondern vielfach, wenn auch nicht
immer, auch im Lautwerte miteinander
übereinstimmen, wie wir bei Betrachtung
der Schrifttafel noch erkennen werden. Daß diese Schriften nicht nur
untereinander verwandt sind, sondern auch das geistige Eigentum arischer
Völker sind, wird dadurch erwiesen, daß in ihnen allen die Doppelaxt
in verschiedener Gestaltung als Grundlage für mehrere Zeichen auftritt.
Diese Doppelaxt ist aber ein in ee
ganz Europa bis in die ältesten AY x% T TY i Y T 7 Gd
Zeiten erkennbares urarisches
Wahrzeichen des als Gatte der A iW Tl H + I 1 Ww
Erde und Vater alles Lebens ge-
dachten Himmelsgottes, das uns M d + LH Z
allen als der Hammer Thors gar
wohl bekannt ist!). Abb. 5. Ägäische Schriftzeichen von Kahun
In der ägäischen Schrift tritt in Ägypten.
auch noch ein zweites sinnbildliches Zeichen auf, das Hakenkreuz. Dieses
ist ein heiliges Zeichen des Lebens, das während der jüngeren Steinzeit
von den europäischen Süd- oder Ostariern erdacht wurde und ebenfalls
in ganz alten Schichten Trojas bereits auftritt. In der Bronzezeit fand
es dann, sowohl in seiner Gestalt mit vier Armen als auch in einer
anderen mit nur drei Armen, dem sogenannten Triskeles, bei allen
1) Vgl. v. Lichtenberg, Die ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, S. ııı ff. v. Lichten-
berg, Religion und Mythos, in Memnon, Bd. V, S. 225—236. O. Montelius, The
Sun-God’s Axe and Thor’s Hammer, in Folk-Lore, vol. XXI, London 1910, S. 60
bis 78 und G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur usw., S. 121 ff.
2*
20 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
arischen Völkern Verwendung und wanderte außerdem, einzelne Stämme
auf ihren Wanderungen begleitend, nicht nur nach Ägypten, sondern
auch nach Elam im Zweistromlande, und kam dann bei den arischen
Indern zu hohem Ansehen.
Sehen wir uns nun die Schrifttafel genauer an. Vorangestellt habe ich
die Runen. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten sind
manche Laute auch mit etwas anderen Formen geschrieben worden, und
ich habe diese Zeichen dann stets in der betreffenden Spalte zusammen-
gestellt. In der zweiten Spalte folgen die Zeichen aus den portugiesischen
Dolmen von Alväo, denen ich, da sie noch unentziffert sind, auch keine
Lautwerte zuschreiben konnte, ebensowenig wie der ebenfalls noch unles-
baren ägäischen Schrift.
Von den Runen und den Zeichen von Alväo stimmen 18 Zeichen in der
Form entweder ganz überein oder sind sich so ähnlich, daß sie offenbar auf
gleiche Grundformen zurückgehen. In mehreren Spalten kommen auch
Zeichen vor, die nicht nur mit einem, sondern auch mit zwei oder mehr
Zeichen aus anderen Schriften Ähnlichkeiten besitzen. So hat das turde-
tanische a nicht nur mit dem th der Runen Verwandtschaft im Form-
gedanken, sondern auch mit der einen liegenden Form des a der Runen.
Solche Zeichen sind dann auch zweimal in derselben Spalte verzeichnet.
Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es, daß neben diesen Überein-
stimmungen der Form auch zahlreiche des Lautwertes vorkommen.
Das r zeigt in allen Schriften eine dem Runenzeichen verwandte Form,
ebenso das k und 1. Das Zeichen, das in den Runen z zu lesen ist, hat
in den anderen Schriften den nahe verwandten Wert s, im griechischen
Alphabete bedeutet es ps, und selbst in der kyprischen Silbenschrift ist es
als se, also eine mit s beginnenden Silbe, zu lesen. Ebenso bedeutet ein
von der Doppelaxt abgeleitetes Zeichen stets o, in der kyprischen Schrift
ro. Die Doppelaxt gab außerdem in mehreren Schriften auch,die Grund-
form für Zeichen mit anderen Lautwerten; so z. B. in den Runen für m
und diesem in der Form sehr ähnlich ist die Rune e. Ganz deutlich stellt
auch im Turdetanischen das m eine Axt dar, und verwandte Zeichen,
finden sich für m im Keltiberischen, im Griechischen und in der Schrift
von Kypros, wo es die Silbe mi bezeichnet; daneben kehrt die Rune e im
Keltiberischen, Turdetanischen und Griechischen als s wieder. Ebenso
sind im Keltiberischen und Griechischen die beiden Zeichen für p und für n
der n-Rune nahe verwandt. Ähnlich ist es auch mit dem Zeichen h, das
in mehreren Schriften als ch, also dem h nahe verwandt, vorkommt;
ferner mit th, das bei anderen Völkern zu d erweicht ist, und auch das a
besitzt in vielen Schriften einander nahe stehende Formen, ebenso wie
das t.
Die letzte Spalte der Tafel mit phönikischen Zeichen führt uns in den
asiatisch-semitischen Kulturkreis; damit treten wir weit aus den bisher
behandelten Gebieten der arischen Völker heraus, und es wird nun unsere
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Abbildung 6. Schrifttafel.
22 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Aufgabe sein, zu untersuchen, wie auch hier die Ubereinstimmungen eine
Erklärung finden können.
Zunächst fällt in der ganzen Tafel auf, daß die drei europäisch-arischen
Kulturkreise, in denen sich Übereinstimmungen der Form und des Laut-
wertes finden, in drei räumlich weit voneinander getrennten Landgebieten
auftreten. Den beiden Übereinstimmungen nach müssen also alle drei
Schriftarten einen gemeinsamen Ursprung haben, und dieser wird dort zu
suchen sein, wo sich das höchste Alter nachweisen läßt, wobei dann die
Gründe und Wege für die Übertragung nach anderen Ländern auch zu
untersuchen sind.
Auf unserer Tafel stellen die Zeichen der Dolmen von Alväo die älteste
Entwicklungsstufe dar. Aber, wie bereits gesagt, wir besitzen auf Renntier-
stäben aus Frankreich noch ältere ebenfalls der Form nach gleiche Zeichen-
gruppen, die bis in die ältere Steinzeit reichen. Aus Frankreich stammen
also die ältesten Denkmäler. Wie erklärt sich dann die spätere Ausbreitung
nach den verschiedenen Gebieten? Denn, daß die bisher beliebte Ab-
leitung der europäischen Schriften von den Phönikern eine irrige und nicht
länger haltbare ist, zeigt der Umstand, daß diese ältesten Denkmäler,
Alväo mit inbegriffen, in Zeiten zurückreichen, aus denen wir nicht nur
keine phönikischen Denkmäler besitzen, was an sich noch kein strenger
Beweis wäre, sondern in denen das aus einer ziemlich jungen Rassen-
mischung hervorgegangene Volk der Phöniker noch gar nicht bestand,
also auch noch keine Schrift haben konnte.
Die Renntierstäbe aus Frankreich gehören der älteren Steinzeit an und
fallen demnach vor die letzte Eiszeit, in der Mitteleuropa von Gletschereis
bedeckt war. Vorher aber, als in ganz Europa ein warmes Klima herrschte,
besiedelten die altsteinzeitlichen Vorfahren der Arier mit ihrer Kultur
auch ganz Mitteleuropa. Vor den von Skandinavien her eindringenden
Eismassen mußten die Mitteleuropäer sich zurückziehen und wurden
so nach Süden und Westen verdrängt, so daß Mitteleuropa selbst lange
Zeit unbewohnbar blieb, und Kulturreste dieser Zeit nur bis zu den Rändern
des Vergletscherungs-Gebietes gefunden werden können.
Aus so alten Zeiten stammen also die ältesten Zeugen einer Schrift in
Europa, d. h. aus jenen Zeiten, als die europäische Menschheit nach Frank-
reich und weiter nach Spanien zurückgedrängt war. Dies ist der Grund,
warum wir auch aus der nacheiszeitlichen jüngeren Steinkultur die ältesten
Schriftreste aus Spanien und Portugal besitzen. Inzwischen hatte aber
der Mensch, dem schwindenden Eise nachziehend, auch wieder von ganz
Europa bis Skandinavien Besitz ergriffen, und so entwickelte sich auf
unserem ganzen Erdteile die Kultur der jüngeren Steinzeit, die bei den
weiten Länderstrecken, in denen sie herrschte, natürlich auch örtliche Unter-
schiedeaufwies, dieder Ausgangspunkt für neueEntwickelungsreihen wurden.
Auf diese Weise trat schon bald die Spaltung der Arier nach Stämmen
ein, und die Gebiete dieser Stämme weisen sich als besondere Kulturkreise
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 23
aus. Diese Kreise sind folgende: Im Norden war die sogenannte Megalith-
kultur, die ihren Namen daher hat, daB in ihrem Bereiche die Toten in
Kammern bestattet wurden, die man aus oft riesig groBen, meist unbe-
hauenen Steinblécken errichtete. Der zweite Kreis ist der der Süd- oder
Ostarier, der nach der daselbst herrschenden Übung, die Gefäße mit bunten
Verzierungen zu bemalen, auch das Gebiet der Gefäßmalerei genannt
wird.
Zwischen diesen beiden arischen Hauptkulturkreisen traten dann auch
Verbindungen ein, und so entstand bald ein drittes Kulturgebiet nördlich
des Balkans und der unteren Donau, das sich über große Teile des heutigen
Österreichs bis Mitteldeutschland und noch westlich des Rheines erstreckte.
Nach der wichtigsten Verzierung, der Spirale und dem Mäander, die auf
einfarbigen Tongefäßen eingeritzt wurden, heißt dieses Gebiet in der
Wissenschaft das der Spiral-Mäander-Keramik. Durch Völkerwande-
rungen dehnte sich dieses Gebiet bis tief in das vorgeschichtliche Griechen-
land hin aus.
Da nun während der Eiszeit die arischen Völker nach Westfrankreich
und Spanien zuriickgedringt waren, diese Lander also, solange Mittel-
europa unbewohnbar blieb, die wichtigste Siedelungsstätte der Arier
waren, erklärt es sich leicht, daß sich in diesen Ländern die ältesten Denk-
mäler mit schriftartigen Zeichen erhalten haben, aber auch, daß wir in
der steinzeitlichen Kultur Spaniens nahe Beziehungen zu den Kulturen
sowohl der Nord- als der Südarier wahrnehmen können.
Die Beziehungen zu den Nordariern bestehen darin, daß auch auf der
spanischen Halbinsel die Dolmen, die aus riesigen Steinblöcken errichteten
Grabbauten, in Gebrauch waren, und auch hier die ganze Entwickelungs-
reihe von den einfachen bis zu den reich ausgestatteten Gräbern zu be-
obachten ist. Die Beziehungen zu den Südariern wieder erweisen sich
dadurch, daß in der Gefäßverzierung merkwürdige Übereinstimmungen mit
der Gefäßmalerei der Südarier zu bemerken sind, und auch das dieser
Gruppe zuerst allein eigene Hakenkreuz in Spanien ebenfalls auf alten
Gefäßen erscheint.
Es ist hier nicht der Ort und würde viel zu weit führen, alle diese Überein-
stimmungen nach Norden und Süden zu untersuchen; für unsere Zwecke
genügt der Nachweis, daß in früher Steinzeit auf der spanischen Halbinsel
die Nord und Süd trennenden Merkmale noch gemeinsam zu beobachten
sind, und auch der Beginn der Buchstabenschrift hier nachweisbar ist.
Dies läßt es auch verständlich erscheinen, daß sich dann sowohl bei Nord-
als Süd-Ariern Schriften finden, die wenigstens in der Gestaltung ihrer
Zeichen sowohl untereinander als mit den Inschriften von Alväo viele
Berührungspunkte aufweisen.
Neben dieser Ähnlichkeit der Form sind aber auch einschneidende
Unterschiede zwischen den beiden Schriften zu erkennen. Im Norden
entwickelten sich die Runen, die eine reine Buchstabenschrift darstellen,
24 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
in der südlichen ägäischen Kultur war die Schrift, wie durch das lesbare
Kyprische erwiesen wird, eine Silbenschrift. Doch auch hierfiir ist wohl
eine Erklärung zu finden. Jene südarischen Stämme, die von Westen aus
das Gebiet des ägäischen Meeres besiedelten, brachten mit anderen Kultur-
gütern, z. B. der Gefäßmalerei, auch die Schriftzeichen mit. In ihrer
neuen Heimat aber fanden sie bereits eine dort wohnhafte Bevölkerung
anderer Rasse vor, der sie als neue Herrenschicht wohl ihre Kultur auf-
zwangen, in Einzelheiten aber selbst Beeinflussungen erfuhren.
Die nichtarischen Völker Afrikas und Asiens hatten damals bereits
mannigfache Bilderschriften erfunden, so die ägyptischen Hieroglyphen,
die Keilschrift und die den Hieroglyphen sehr ähnliche kleinasiatisch-
hettitische Bilderschrift. Die Wortbedeutung der Bilder dieser Schriften
war inzwischen bereits zu einer Silbenbedeutung verallgemeinert.
Auf dieser Stufe fanden die einwandernden Arier die bereits früher in
Ägäa angesessene Bevölkerung, und als sie dieser ihre arische Schrift
mitteilten, verwandelte sich die Buchstabenbedeutung der Zeichen unter
Einwirkung der Urbevölkerung anderer Rassen zu einer Silbenbedeutung.
Dies war wohl um so leichter möglich, als die Arier die Schrift damals
noch nicht wie die asiatischen Völker zum täglichen Gebrauche verwendeten,
sondern sie benutzten die Schrift, ihrer ursprünglichen Bedeutung als
Offenbarung der Gottheit entsprechend, nur zu religiösen Zwecken,
so daß den einzelnen Buchstabenzeichen gleichzeitig die Bedeutung einer
göttlichen Offenbarung, eines göttlichen Wahrzeichens innewohnte.
Als dann zum Teil noch während der Steinzeit, zum Teil in der Bronzezeit
von Norden her nordarische Stämme nach Griechenland gelangten!),
brachten sie auch die reine Buchstabenschrift, wie sie in den nordischen
Runen enthalten ist, wieder mit, und da die Zeichen in der Gestalt den in
Ägäa bereits üblichen nahe verwandt waren, trat eine Rückbildung der
einstigen Silbenschrift zur späteren griechischen Buchstabenschrift ein.
Nur auf der räumlich so fern abliegenden Insel Kypros erhielt sich die
ägäische Silbenschrift bis lange in die geschichtlichen Zeiten.
Bei den uns erhaltenen kyprischen Inschriften tritt aber eine Erscheinung
auf, die auch bei den nordischen Runen zu bemerken ist, und die in der
Wissenschaft zu manchen Irrtümern und Mißverständnissen den Anlaß
gab. In beiden so weit voneinander getrennten Schriftarten stammen die
uns erhaltenen Inschriften aus verhältnismäßig jungen Zeiten. Die
kyprischen Inschriften gehören sämtlich dem ersten Jahrtausende vor Christ
an, die erhaltenen Runeninschriften stammen gar erst aus nachchrist-
licher Zeit.
Daß es aber irrig ist, daraus auf die späte Entstehung dieser Schriften
1) Von diesen nordischen Stämmen werden einige, die Achäer, Ionier und Teukrer,
schon in ägyptischen Urkunden des zweiten Jahrtausendes genannt, die letzten waren
die Dorer. Die von Westen eingewanderten Südarier erkenne ich in den Pelasgern,
den Pulasata der Ägypter, den Philistern der Bibel.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 25
zu schlieBen, erweist die kyprische durch mancherlei Umstande deutlich.
Der eine Beweis ist die sehr große Übereinstimmung der Zeichen mit denen
der um tausend Jahre älteren Inschriften von Kreta, so daß der Schluß
nicht möglich ist, daß die kyprische Schrift Jahrhunderte später, nachdem
die kretische längst vergessen war, in sehr gleicher Gestalt neu erfunden
worden sei. Zweitens spricht auch die Sprache der kyprischen Inschriften
gegen die nachträgliche Erfindung. Die Sprache ist nämlich in allen In-
schriften griechisch; und hierfür ist diese Silbenschrift höchst unbequem.
So wurde z. B. das Wort für König „basileus‘‘ in Silbenschrift „pa —si —
le— wo —e‘‘ geschrieben, eine Schreibart, die gewiß nicht zur größeren
Bequemlichkeit, zum leichteren Verständnisse und besserer Lesbarkeit
der Wörter beiträgt. Daher wäre es ganz unverständlich, wenn auf Kypros,
nachdem sonst die griechische Buchstabenschrift längst im Gebrauche war,
diese Silbenschrift erst neu in einem griechisch sprechenden Lande er-
funden worden wäre. Dies alles beweist, daß die kyprische Schrift in die-
selben Zeiten wie die kretische zurückreicht, und daß beide ihre Wurzel
in den so verwandten und viel älteren Zeichen Spaniens, wie z. B. von
Alvao, haben.
Was aber von dem hohen Alter dieser Silbenzeichen gilt, das gilt natür-
lich auch von den in der Form so sehr übereinstimmenden Runen. Auch
hier spricht die Gleichheit der Gestalt für den gemeinsamen Jahrtausende
älteren Ursprung. Daß Inschriften erst aus so später Zeit erhalten sind,
hat seinen Grund darin, daß die Germanen wohl am längsten daran fest-
hielten, die Schrift nur zur Erforschung des göttlichen Willens und zur
Weihung von besonderen Geräten, wie z. B. hölzernen Speeren, an die
Gottheit zu verwenden. Solche Weiheinschriften, z. B. „Thor weihe diesen
Hammer“, sind uns erhalten, und auf den uralten Gebrauch, mit den
Runen den Willen der Götter zu erkunden, weisen sowohl der Mythos als
geschichtliche Überlieferungen.
Der Mythos erzählt uns im Hävamälliede der Edda von Odin, der auf
der Suche nach höchster Weisheit neun Tage am Baume hing und dabei
die Runen ersann. Nun besitzen wir wohl die Edda in einer Fassung,
die offenbar erst aus christlicher Zeit stammt und überarbeitet ist; das ist
aber doch sicher, daß solche uralt heidnische Züge und Gedanken nicht erst
von dem christlichen Überarbeiter erfunden sein können.
Daß die Runen viel älter als unsere Denkmäler sind, geht aus Tacitus
hervor, der in seiner Germania (Abschnitt r0) die Schrift der Germanen
erwähnt und deren Buchstaben, also die Runen, lateinisch als ‚‚notae“
bezeichnet. Über den Gebrauch der Runen zur Schicksalserforschung
berichtet Julius Cäsar in seinem Gallischen Kriege (I, 53), wo Procillus
erzählt, die Sueben hätten über ihn als Gefangenen dreimal das Los ge-
worfen. Und wie lange dieser Brauch sich erhielt, geht aus der Erzählung
Alkuins in der Vita des heiligen Wilibrord (Abschnitt ıı) hervor, wonach
der Friesenkönig Radbod wegen des Schicksales seiner christlichen Ge-
26 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
fangenen an drei Tagen dreimal das Los warf. DaB dieses Loswerfen mit
Runenstäben geschah, ist sicher; auf welche Weise dies geschehen sein
kann, untersucht G. Neckel!) und kommt zu dem Schlusse, daß an jedem
der drei Tage je drei Runenstäbe aus den anderen herausgegriffen und über
den Gefangenen geworfen wurden. Aus der Lage der Stäbe und der auf
ihnen eingeritzten Runen wurde dann in einem Spruche das Schicksal als
Wille der Gottheit abgelesen.
Ich erwähnte schon, daß es noch ein drittes arisches Schriftgebiet in
Spanien selbst gebe, und daß sich hier zwei besondere Schriftarten, die
keltiberische und die turdetanische, entwickelten, die noch in verhältnis-
mäßig späten Zeiten auf Münzen vorkommen. Der Name keltiberisch
ist darum nicht ganz richtig, weil die Schrift, wie wir sahen, weit in vor-
geschichtliche Zeiten zurückreicht, und die Kelten erst in geschichtlicher
Zeit in Spanien einrückten, die Iberer aber ein nichtarisches, kleinasia-
tisches Volk waren, das niemals tief in das Innere der Halbinsel eindrang,
sondern sich mit einigen Plätzen an der Südküste Spaniens und der West-
küste Portugals begnügen mußte, was die von ihm hinterlassenen Gräber,
die ganz anders als die arischen Dolmen errichtet sind, beweisen 2). Da
dies Fremdvolk aber an der Südküste saß, lernten es die zur See kommenden
Römer bald kennen und benannten die ganze Halbinsel als die iberische.
Zur Zeit, aus der die Münzen stammen, waren die Kelten bereits mächtig
in Spanien, und so gewinnt der Name keltiberisch dann einige Berechtigung,
wenn man iberisch im Sinne der Römer nur geographisch faßt, und mit kel-
tisch die Zeit bezeichnet werden soll, aus der die lesbaren Inschriften stammen.
Daß aber im Altertume das Bewußtsein des heimischen Ursprunges
dieser Schriften nicht erloschen war, beweist eine Stelle des griechischen
Geographen Strabo (d, 1, 6), der von den Turdetaniern berichtet, sie seien
das weiseste Volk Spaniens und bedienten sich einer 6000 Jahre alten
Schrift, in der sie ihre Geschichte, Dichtungen und Gesetze in Versen auf-
geschrieben hätten.
Auch M. Ph. Berger3), der noch fest an den phönikischen Ursprung der
Schrift glaubt, wundert sich, daß in Spanien nur Inschriften in den beiden
genannten Schriftarten, aber keine einzige phönikische Inschrift zutage
gekommen ist. Dann (S. 338) betont er den Umstand, daß sich die keltibe-
rischen Inschriften zumeist im Norden der Halbinsel fanden, und kommt
selbst zu dem Schlusse, daß diese Schrift den Weg von Norden nach Süden
genommen.
Aber auch noch weiter nach Süden wirkte diese Schrift auf andere
Völker. Den Dolmen gleiche Grabbauten finden sich auch an der ganzen
1) „Zur Einführung in die Runenforschung“, in Germanisch-romanische Monats-
schrift, Bd. I (1909, 1. Teil, S. 7 ff., 2. Teil, S. 81 ff.).
2) Vgl. v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in Europa, in „Memnon‘“‘, Bd. III
und v. Lichtenberg, Haus, Dorf, Stadt, Leipzig 1909, S. 206 ff.
3) Histoire de l’ecriture dans l'antiquité, Paris 1891, S. 333.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 27
Nordkiiste Afrikas und beweisen, daB schon tief in der Steinzeit arische
Volker von Spanien aus nach Afrika gelangten und ihre Kultur verbreiteten.
In diesen afrikanischen Dolmengebieten finden wir aber auch die lybischen
Volker im Besitze von Schriften, die sehr an die beiden von der spanischen
Halbinsel gemahnen. Darum hat auch Severo zwei dieser lybischen
Schriften in seine Tafel, auf der er die Abhängigkeit der Buchstaben-
schriften von den Zeichen von Alväo ableitet, mit aufgenommen!).
Doch nicht nur nach Afrika, auch nach Asien reichte der Einflußbereich
der europäischen Schrift. Schon seit jeher war die große Ähnlichkeit der
phönikischen Buchstaben mit der ältesten Gestalt der griechischen auf-
gefallen. Daraus zog man den Schluß, da ja Herleitung von Kulturgütern
aus der Fremde leider stets einen großen Reiz ausübte, die Schrift sei von
Phönikern den Griechen mitgeteilt worden. Wohl erhoben sich dagegen
warnende Stimmen, doch ohne Erfolg. Der älteste dieser Warner dürfte
der griechische Schriftstellet Diodor sein?2). Er erwähnt (5, 74) die An-
sicht vom phönikischen Ursprunge der Schrift, setzt aber hinzu, auf
Kreta meine man, die Schrift sei dort von den Musen erfunden worden,
wonach die Phöniker sie ebenfalls annahmen und ein wenig veränderten.
Dies klingt wie eine Erinnerung an die uralte kretische Silbenschrift,
und die Erforschung sowohl der kretischen als der kyprischen Schrift hat
neuerdings auch heutige Forscher zu der Vermutung gebracht, die Sache
könne umgekehrt sein, als man bisher dachte, und die phönikische Schrift
eher von der griechischen abstammen. So ist der französische Forscher
Dussaud zu der Überzeugung gelangt, das phönikische Alphabet stamme
von einem sehr alten griechischen ab). Prätorius wieder findet für viele
phönikische Zeichen den Ursprung in solchen der kyprischen Silbenschrift®).
Neuerdings hat Hermann Schneider aus anderen, nämlich mythologischen
Gründen die westsemitischen Schriften von der kretisch-ägäischen Schrift
abzuleiten gesucht®).
Diese Ansichten werden nun wohl, nachdem wir den gemeinsamen
Ursprung aller europäischen Schriften in den Zeichen der Dolmen von
Alväo und in den altsteinzeitlichen Renntierstäben aus Frankreich kennen
gelernt haben, zur Gewißheit erhoben. Auch die Phryger, ein arisches,
den europäischen Thrakern verwandtes Volk Kleinasiens, hatten eine dem
griechischen Alphabete nahe verwandte Schrift. Als die nichtarischen
1) Zeitschrift Portugalia, t. I, S. 745.
2) Sowohl die Diodorstelle als die früher erwähnte von Strabo ist abgedruckt
bei Wilke, Megalithkultur. S. 6r Anm. 4 u. S. 63 Anm. 1.
3) Dussaud, Les Arabes en Syrie avant l’Islam, $.73ff., und derselbe, Les
civilisations préhelléniques dans le bassin de la mer Egée, S. 297 ff.
*) Prätorius, Das kanaanäische und das südsemitische Alphabet, in der Zeit-
schrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. LXIII, 1909, S. 189— 198
und derselbe, Über den Ursprung des kanaanäischen Alphabets.
5) H. Schneider, „Drei Aufsätze‘‘, Leipzig, Hinrichs, 1913; vgl. auch v. Lichten-
berg, Buchstabenreihe u. Mythos, in Memnon, VII.
28 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Volker Kleinasiens, z. B. die Lykier und Tyrrhener, zur Buchstabenschrift
übergingen, nahmen auch sie Schriften an, die dem Phyrgischen, Griechi-
schen, der Silbenschrift von Cypern und teilweise auch den Runen sehr
ähnlich sind; und die Tyrhenner brachten schon vor dem Jahre 1000 v. Chr.
ihre Schrift als die etruskische auch nach Etrurien in Italien mit!). Auch
auf den Kleinasien vorgelagerten griechischen Inseln wurden Inschriften
in kleinasiatischen Sprachen und den europäischen Schriften verwandter
Schrift gefunden?). Da diese kleinasiatischen Inschriften ein sehr hohes,
dem gleich zu erwähnenden Mesasteine nahe stehendes, zum Teil noch
höheres Alter besitzen, wäre es, wenn die phönikische Schrift wirklich die
Grundlage der griechischen bildete, doch recht merkwürdig, daß diese
kleinasiatischen Völker ihre Schrift lieber aus zweiter Hand von den
Griechen, als aus erster Hand von den ihnen geographisch ebenso nahe
wohnenden Phönikern übernommen hätten. Bei den arischen Phrygern
und Griechen wird wohl in der Schrift überhaupt nicht Übernahme, sondern
Stammesverwandtschaft zugrunde liegen.
Noch bleibt aber der Weg zu untersuchen, auf dem unsere europäisch-
arische Schrift zu den Semiten nach Asien gelangte. Auch dieser Weg
und die Art der Übertragung können nun ganz deutlich erwiesen werden.
Bis zum Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausendes bedienten
sich die Semiten der Keilschrift, also einer aus Bilderschrift entstandenen
Silbenschrift. Um 850 v. Chr. tritt uns in dem sogenannten Mesasteine
die erste semitische Inschrift mit Buchstaben entgegen. Es war also,
wenn auch der Mesastein vielleicht nicht das älteste Schriftstück in dieser
Schrift war, sondern ältere Vorläufer hatte, doch eine neue Erscheinung
im semitischen Kulturkreise. Weitere Erklärungen dafür geben uns die
ägyptische Überlieferung des 13. und ı2. vorchristlichen Jahrhunderts
und die neuesten Ausgrabungen in Palästina.
Zn den Zeiten der ägyptischen Könige Ramses II. (1296 —ı230 v. Chr.),
Merneptah (1230—1220) und Ramses III. (1198—1167) wurde Agypten
vielfach durch die von Norden kommenden Seevölker beunruhigt. Die
Inschriften dieser Könige nennen uns auch die Namen dieser Völker,
und darunter erscheinen die uns wohl bekannten griechischen Namen der
Ionier, Achäer und Teukrer. Es werden aber außerdem von den Ägyptern
auch noch die Pulasata genannt, und diese sind nichts anderes als die
Philister der Bibel, die Pelasger der Griechen?). Warum bedrohten diese
europäischen Völker Ägypten?
1) Vgl. v. Lichtenberg, ‚‚Über gegenseitige Einflüsse von Orient u. Okzident im
Becken des Mittelmeeres im Orientalischen Archiv‘, Bd. II, Heft 4.
2) Vgl. bei Berger, Histoire de l'écriture dans l’antiquite die Schrifttafeln auf
S. 131— 149.
3) Vgl. dazu oben $.24 Anm.; ferner: v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in
Europa, in Memnon III, desselben, Ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, $. 141—145
und desselben, „Einflüsse der ägäischen Kultur auf Ägypten und Palästina“. Mit-
teilungen d. Vorderasiat. Ges. 1911, Heft 2, S. 28.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 29
Der Grund war die dorische Wanderung. Als die Dorer von Mittel-
europa aus in Griechenland einzogen, wurde daselbst der Raum zu eng.
Ältere ansässige Völker wurden verdrängt, und kamen nach Osten, über
Kypros und Kleinasien ausweichend, auf die Wanderung, auf der sie
schließlich, da sie auch Syrien schon stark besiedelt fanden, auch für
Ägypten gefährlich wurden, bis Ramses III. in einer blutigen Seeschlacht
ihrem weiteren Vordringen ein Ende machte. Danach fanden drei dieser
Stämme, die Achäer, Teukrer und Pelasger, auf Kypros und an der benach-
barten syrischen Küste neue Wohnsitze. Im Norden besiedelten die
Teukrer mehrere phönikische Küstenstädte, im Süden gaben die Pelasger-
Philister dem Lande, wo sie ansässig wurden, den Namen Palästina, d..h.
Land der Philister. Nach ihnen erst wanderten auch die Israeliten im Lande
ein, und wie mächtig die Philister daselbst waren, zeigt der Umstand,
daß noch später das Buch der Richter 13, ı berichtet, die Philister haben
40 Jahre lang die Israeliten beherrscht.
Die Ausgrabungen der letzten Jahre in den einst von den Philistern
besiedelten Städten in Palästina brachten zahlreiche Gefäße zutage, deren
Verzierung ganz mit den Gefäßen der ägäischen Kultur übereinstimmt,
also die ägäische Heimat der Philister auch auf diesem Wege bezeugt.
Die Teukrer und Philister waren aber über Kypros nach Syrien gelangt,
und als Ägäer werden sie auch die ägäische Schrift, besonders in
der kyprischen Ausgestaltung, in ihre neuen Wohnsitze mitgebracht und
ihren Nachbarn anderer Rasse übermittelt haben, die die neue Schrift,
die viel leichter und bequemer war als die schwierigere Keilschrift, gewiß
gern annahmen. Dies beweist der Umstand, daß nach Ausweis des Mesa-
steines etwa drei Jahrhunderte nach der Einwanderung der arischen Ägäer
die phönikische Schrift bereits voll entwickelt und im allgemeinen Gebrauch
bei den Westsemiten war.
Wie dann von dieser neuen phönikischen Schrift sich andere semitische
Tochterschriften ablösten, ist eine Frage, die von den Forschern in semi-
tischen Sprachen bereits eingehend untersucht wurde, die uns aber über die
uns gesteckte Aufgabe weit hinausführen würde.
Fassen wir die Ergebnisse noch einmal kurz zusammen. Der Ursprung
der europäisch-arischen Schrift geht weit hinter den aller anderen Schriften
zurück; die Anfänge reichen bis in die ältere Steinzeit, Jahrtausende vor
unserer Zeitrechnung. Als Mitteleuropa vom Eise befreit war, bildeten
sich drei Kulturmittelpunkte, in denen die Schrift weiter entwickelt wurde:
Der eine auf der spanischen Halbinsel selbst, der zweite im Norden mit
seinen Runen, der dritte im Südosten mit der ägäischen Silbenschrift,
aus der dann durch nordischen Einfluß wieder die griechische Buchstaben-
schrift entstand. Während alle nichtarischen Völker nur Bilderschriften
kannten, war die arische Schrift von jeher eine Buchstabenschrift, und daß
die ägäische Schrift eine Entwickelungsstufe als Silbenschrift durchmachte,
hat seine besonderen Gründe, die wir oben kennen lernten. Die letzten
30 Fritz Hommel
Ausstrahlungen dieser arischen Schrift nach nichtarischen Völkern sind
in Afrika die Iybischen Schriften, in Asien die phönikische Schrift mit ihren
west- und süd-semitischen Zweigentwicklungen.
Unter den europäischen, arischen Schriften haben die Runen die älteste
Buchstabengestalt am treuesten bewahrt, sie stellen also die älteste lesbare
arische Schriftform dar.!)
Die Anordnung unseres Alphabets.
Von Fritz Hommel.
Bo durch die Erfindung des Feuerbohrers und in weiterem Verlauf
der Schmiedekunst steht schon der primitive Mensch weit über der Tier-
welt. Wenn diese Erfindungen als die Mutter der materiellen Kultur
bezeichnet werden können, so kann man ihnen die dann nachfolgende
Erfindung der Schrift als die Mutter der geistigen Kultur gegenüber-
stellen.
Die Schrift begann aber sicher nicht mit Buchstabenzeichen, dem
sogenannten Alphabet, sondern mit Sinnzeichen (oder Wortbildern) und
Silbenzeichen, die ja auch ursprünglich Worte vorstellten, wie die älteste
babylonische Schrift, ferner die agyptische Hieroglyphenschrift und die
noch heut gebräuchliche chinesische Schrift deutlich lehren. Das waren
natürlich noch reine Bilder,die das betreffende Wort, wenn auch in rohen
Umrissen, vorstellten (z. B. Türe, Vogel, Stern, Fuß, Hand usw.) oder
symbolisch bezeichneten (z. B. eine Waffe für töten, Bein auch für gehen,
Hand am Mund für sprechen, Stern für Himmel und Gott u. ä. m.). Schon
die Verwendung solcher Bild- oder Wortzeichen auch für einzelne dem
betreffenden Wort gleichlautende Silben (z. B. babylonisch im Segel,
Wind, dann aber auch für jede im lautende Silbe, so in di-im-me-ir,
lies dimmir ,,Gott‘‘) war eine Geistestat; erst dadurch war es ja möglich,
auch rein grammatische Elemente(Vorsilben und Endungen) zu graphischem
Ausdruck zu bringen. Uber diese Stufe ist beispielweise die wohl älteste
Schrift, die wir kennen, die babylonische, aus deren Bildzeichen sich die
sogenannte Keilschrift entwickelt hat, nie hinausgekommen; dafür hatte
sie aber den Vorteil, von vornherein auch jeden Vokal zum Ausdruck zu
bringen.
Erst im weiteren Verlauf, wenn vielleicht auch schon viel früher, als
man gewöhnlich annimmt, wurde die großartige Abstraktion gemacht,
die einzelnen Laute (zunächst die Konsonanten) auch durch einzelne
Zeichen auszudrücken. Auf dieser Stufe steht das sogenannte phöni-
kische Alphabet, die Mutter der griechischen und lateinischen
und damit zugleich auch unserer modernen europäischen Schrift. Aber
auch schon die alten Ägypter hatten ein solches ebenfalls nur die Kon-
1) Erweiterter Abdruck aus „Mitteilungen des Allgem. Deutschen Schriftvereins“' 1912.
Die Anordnung unseres Alphabets 31
sonanten bezeichnendes Alphabet, dessen alte Anordnung wir leider nicht
kennen, und zwar von 24 (statt 22) Buchstaben; nur haben die Agypter
den Gebrauch dieser einzigartigen Erfindung dadurch wieder abgeschwächt,
daß sie daneben den ganzen komplizierten Apparat von Sinnzeichen
(Ideogrammen) und Silbenzeichen beibehielten, ja mehr und mehr die
einfachen Buchstabenzeichen (Laut- statt Wortbilder) überwuchern ließen.
Indem ich die Frage, ob die Phöniker mit ihrem Alphabet eine Neu-
entdeckung machten oder ob zwischen demselben und dem der Ägypter
ein alter Zusammenhang besteht, so daß sie also dann diejenigen gewesen
wären, die erst die richtige Konsequenz aus jener uralten Erfindung
zogen, für heute noch offen lasse, will ich zunächst einmal nur das
phönikische Alphabet mit seinem nächsten Verwandten, der südara-
bischen Schrift, kurz beschreiben.
wag ago TWABTAP JAE
yoo logb ytl I yat A
way twas 152%
in hebrasschu Q uadrat- set fs
orn aay awa ap 129
yah bya4 yr os 031x 192
NVA nwuwaa 7978
Abb. J: Probe der phénikischen Schrift (Zeit Salomos).
Beide etwa in gleich alte Zeit zurückgehende Alphabete, das phönikische
und das südarabische (sogenannte minäo-sabäische), weisen auf ein
gemeinsames Mutteralphabet, das aber der phönikischen Ausprägung
näher als der südarabischen gestanden haben muß, zurück. Von den
29 konsonantischen Lauten, die die semitischen Sprachen sämtlich dereinst
besaßen, drückt das phönikische Alphabet nur 22 durch besondere Zeichen
aus, von denen aber wiederum vier ganz deutlich sekundären Charakter
tragen, so daß also zunächst nur ı8 Zeichen in Gebrauch gewesen sein
werden; das südarabische Alphabet hat dagegen auch für die übrigen Laute
sich neue Zeichen geschaffen, so daß nun jeder in der Sprache existierende
Konsonant bei ihnen ein besonderes Zeichen besaß. Das beiden Alphabeten
zugrunde liegende Mutteralphabet, welches spätestens um 1500 v. Chr.
schon dagewesen sein muß, hatte wohl nur 18 Zeichen!), drückte also nur
1) Es hatte zwar von den oben genannten vier secundären Zeichen wohl schon
die Zeichen für Teth und Koph, dagegen waren höchst wahrscheinlich die Zeichen
32 Fritz Hommel
die wichtigsten Konsonanten, nicht alle feineren daneben noch existierenden
Nuancen aus, etwa derart, wie wenn wir englisch zeal Eifer und seal Siegel
auf ein und dieselbe Weise sil schreiben würden. Diese anfänglich noch
bestehende und im phönikischen Alphabet fast ganz in Übung gebliebene
Unvollkommenheit, nicht alle Laute der Sprache, vor allem nicht gewisse
gerade dem Semitischen charakteristische Laute, graphisch zu bezeichnen,
läßt fast die Vermutung aufkommen, daß es ein nichtsemitisches Volk
X % izh 4
> rt mn
3 s “uy. Y
k (5. =
A Im o
i > A AXT
Aurserdom werh svdorabrran 4] (N),
( HY, 2 (x ch) und g (am X =?)
Abb.2: Phönik. u. südarabische Schrift (links in jeder der beiden Kolumnen phon., rechts südarabisch).
4
4
i
O
Q
a p th
y
)
3
X
H
gewesen, welches dieses Mutteralphabet geschaffen hat. Der Ort, wo es
entstanden, kann auch weder die phönikische Küste, noch Südarabien
gewesen sein, sondern war aller Wahrscheinlichkeit nach die Gegend,
wo sowohl die Phöniker alter Überlieferung nach herstammten als auch
sicheren Spuren zufolge die südarabische Kultur ihre ursprüngliche Heimat
hatte, nämlich die längs des Persischen Golfes sich hinziehende ost-
arabische Küste, das alte Nachbarland Babyloniens Magan, wo
nachweislich schon im 3. vorchristlichen Jahrtausend neben den Semiten
für Jod und Waw und ebenso die für Lamed und Resch wohl nur je ein Zeichen,
was hier zu begründen nicht der geeignete Ort ist.
Die Anordnung unseres Alphabets 33
die einem ganz anderen Sprachstamm angehörenden Sumerier saßen,
dasselbe Volk, welches auch in Babylonien in noch älterer Zeit neben den
Semiten wohnte und dort die weit kompliziertere babylonische Bilder-
schrift, aus der die Keilschrift hervorging, erfunden hat.
Ein vollkommenes Alphabet nach unserem Sinn konnte aber eine
Konsonantenschrift, wo z. B. lbn (je nach dem Zusammenhang) sowohl
Leben als laben und auch lieben gelesen werden konnte, noch nicht sein;
erst durch die Ausprägung besonderer Vokalzeichen ist ein solches für
unsere Begriffe vorhanden. Diesen weiteren großen Schritt getan zu haben,
ist das Verdienst eines indogermanischen Volkes, der Griechen, welche diese
wichtige Erfindung bei der Her-
übernahme des phönikischn | “SG
Alphabets etwa um 1000 v.Chr.
gemacht haben. Sie verwendeten
gewisse Zeichen dieses Alpha-
bets, die solche semitischen
Laute, welche in ihrer Sprache
entweder fehlten oder doch nicht
als notwendig empfunden wur-
den, bezeichneten, also mit
einem Worte für sie überflüssig
erschienen, dazu, um die Haupt-
vokale a, e, i, o und u auszu-
drücken; so zwar, daß sie das
Zeichen für den Kehlkopfver- a E
schluBlaut (den sogenannten ee SS
Spiritus lenis), der nach semi- Ga
tischem Empfinden jedemVokal ne Een In
im Anlaut eines Wortes oder R aoo ooo
einer Silbe vorhergeht (vgl. z. B. 0 eee
Wildente, genauer Wild’ente),
Abb. 3: Magan oder Ostarabien,
i . > die Hei d itischen Alphabets.
fiir a, das Zeichen fiir h zum e mat des westsemitischen phabets
Der
vorgeschichtliche
Euphrat.
A ALLO
ee
fi
>
M
Li j
Ä ot
Ausdruck des Vokals e, das Zeichen fiir j zum Ausdruck des i, das Zeichen
fiir den dem indogermanischen ganz fremden Kehlkopflaut ‘Ajin fiir den
Vokal o und das Zeichen für w für den Vokal u verwendeten.
Zugleich mit der Herübernahme überkamen die Griechen aber auch
die feste Anordnung dieses Alphabets, die noch bis heute bei uns
fortlebt (a, b, c, d, e, f usw.), von den Phönikern, und zwar mit denselben
Namen. Denn die Bezeichnungen Alpha, Beta, Gamma, Delta, E usw.
entsprechen genau den Namen, welche die betreffenden Buchstaben schon
bei den Phönikern führten, nämlich Aleph, Beth, Gimel (ursprünglich wohl
Gaml), Daleth, Hê usw. Diese Namen, die fast durchgängig, wenn auch
nicht mehr in allen Fällen, eine noch ganz durchsichtige Bedeutung haben
(Aleph = Rind, Beth = Haus, Gaml = Waffenstern oberhalb der Stern-
Dr. Scheamm, Archiv fie Schriftkunde. I. !. 3
34 Fritz Hommel
bilder Stier und Widder, Daleth = Tür, H& = Himmel usw.), müssen also
vor der Zeitder Entlehnung durch die Griechen, also etwa im 2. vorchristlichen
Jahrtausend, den Phönikiern mitsamt der festen Anordnung der Zeichen
geläufig gewesen sein; ja es spricht von vornherein alles dafür, daß sie diese
Namen schon aus ihrem alten Stammland Ostarabien mitgebracht haben.
Hier mit der Frage nach dem Sinn dieser Namen und ihrer Anordnung
Stier A,A kK x
Haus B, B A a
Wate Ce Tp nt
Cire pA A 7 a
Himmel E, E = n
Weg
at(ElY) y 1 | 2 ww”
aS wu z fp og fa NN RM 20
o $ zo) md
H,H A m
—,O © V J o 0.0 Age
j m, P Mund
Arm I, J 7 I
x + mi:
B ee
Hand K,K J > 5 A P,R Kopf
vw z,5 urine Rae)
n X T,T ete
Abb. 4: Vergleichende Schrifttafel des phönikisch-hebräischen ad griechisch-lateinischen Alphabets
in der alten Anordnung und mit der deutschen Ubersetzung der Namen.
setzt nun am besten und am methodischsten die weit schwierigere wenn
auch stets reizvoll bleibende Frage nach dem Ursprung des Alphabets ein.
Ist einmal diese erste Frage befriedigend beantwortet (und das zunächst
allein soll den Gegenstand dieser heutigen Ausführungen bilden), dann ist
auch die Hoffnung vorhanden, das zweite Problem zu lösen.
Zunächst ist eines klar, daß jeder dieser Namen mit dem Buchstaben
und Laut beginnt, den das betreffende Zeichen, dem der Name gegeben
wurde, vorstellt (also wie bei uns b = be, k = ka heißt, nicht etwa wie
wir m em, n en, f ef nennen, wo dem dadurch bezeichneten Laut noch ein
Vokal vorhergeht); und zweitens müssen die Erfinder dieser Namen und
Die Anordnung unseres Alphabets 35
Namenreihe, die nicht die Erfinder des Alphabets gewesen zu sein brauchen,
in der Form der Zeichen eine gewisse wenn auch nur entfernte Ahnlichkeit
mit dem Tier oder Gegenstand, dessen Namen sie dem betreffenden Zeichen
beilegten, erblickt haben. Dabei ist durchaus nicht notwendig, daB schon
fiir die Erfinder des Alphabets das Zeichen fiir b ein Haus (Beth) oder das
für d eine Tür (Daleth) war; die Zeichen können ursprünglich etwas ganz
anderes haben vorstellen sollen, aber zu einer gewissen Zeit, wohl nachdem
sie schon lange in Gebrauch gewesen und vielleicht ihre älteste Form schon
mehr oder weniger umgeändert hatten, glaubte man in ihnen die uns
überlieferte Bedeutung, bzw. das durch diese ausgedrückte Bild, erkennen
zu sollen und gab ihnen zugleich nach einem sinnreichen System die uns
ebenfalls noch überlieferte, ja von uns mit kleinen Abweichungen bis heute
beibehaltene Anordnung.
Daß hierbei wirklich ein sinnreiches System zugrunde liegt,
läßt sich unschwer und auch jedem Laien leicht begreiflich aufzeigen,
sogar wenn wir noch nicht den Schlüssel zur Erklärung dieses Systems
gefunden hätten.
Zunächst sind es einmal zwei symmetrisch aufgebaute Hälften von
je 9 bzw. ıı Buchstaben, die uns dabei entgegentreten. Man vergleiche
nur folgende für sich selbst sprechende Gegenüberstellung, zu der noch
bemerkt sei, daß man schon im Altertum diese Zweiteilung wahrgenommen
und sogar praktisch angewendet hat, indem man gelegentlich auch mit
der zweiten Hälfte I, m, n usw. (daher der Ausdruck elementa statt
Alphabet) statt mit der ersten das Ganze beginnen lassen konnte, ähnlich
also, wie man im alten Orient das Jahr entweder mit dem Frühjahr oder
aber mit dem Herbst (also mit der einen oder mit der anderen Jahres-
hälfte) anfangen ließ. Ä
Aleph = Stier | Lamed = Pflugschar
Beth = Haus | Mim = Wasser
Gimel = gamlu-Stern | Nün = Fisch
Daleth = Tür Samek = Himmels-Dach
Hê = Himmel | ‘Ain = Auge
Waw = Drache (?) | Pi = Mund
Zain = Zwillinge (?) ! [Sade = Hirn]
[Cheth = Zaun (?)] |Koph = Hinterkopf (?)]
Teth = Zisterne (?)] Resch = Kopf
Jod = Arm Schin = Urin, Regen
Kaph = Hand Thau = Kreuz
Hier ist zunächst auffallend, daß gegen Schluß jeder Reihe links zwei
und rechts drei Körperteilnamen (Arm, Hand; Auge, Mund, Kopf) und
zwar in sogenannter chiastischer Anordnung (Arm und dann ein Teil
des Arms; rechts: zwei Teile des Kopfs und dann der Kopf selbst) be-
gegnen. Da rechts auf die Körperteile noch zwei andere Namen, darunter
das Kreuz = Schlußmarke (als solche schon im alten Orient nachweisbar),
3*
36 Fritz Hommel
folgen, so läßt das vermuten, daß die zwei letzten Zeichen eine Art Anhang
oder Unterschrift bilden, denen dann am Anfang der ersten Hälfte zwei
Zeichen als Überschrift oder Einleitung entsprechen würden — was sich
später durch meine von astralgeschichtlichen Erwägungen ausgehende
Erklärung bestätigen wird. Auf diese Weise bliebe dann nach Ausscheidung
der Einleitung und des Schlusses von je zwei Namen und der Namen der
Körperteile noch folgende Gegenüberstellung übrig:
Gimel = gamlu - Stern Lamed = Pflugschar
Daleth = Tür Mim = Wasser
He = Himmel Nün = Fisch
Waw = Drache (?) Samek = Himmelsdach!)
Zajn = Zwillinge (?)) |
Auch hier ist, trotzdem es links fünf und rechts nur vier Namen sind,
doch wiederum die Symmetrie gewahrt, da ja wegen der nur zwei Körper-
teilnamen links (wofür, wie wir später sehen werden, ein ganz besonderer
Grund maßgebend war) gegenüber den drei Körperteilnamen rechts ein
Ausgleich sich als notwendig erwies; das links fehlende Zeichen ist also
wieder eingebracht.
Eine weitere Symmetrie besteht nun darin, daB dem Waffenzeichen
links fast ganz dasselbe Zeichen rechts entspricht, nur daB links die Spitze
oben, rechts aber unten angebracht ist (s. das Bild auf der Tabelle, S. 34),
und daß ferner dem dritten Zeichen links, das den Namen He (genauer He’)
Himmel?) führt, rechts ein wieder fast gleiches Zeichen (nur um eine Stelle
weiter vorgerückt, wofür der Grund später ersichtlich werden wird) mit
dem ganz ähnlichen Namen Himmelsdach®) gegenübersteht.
Bevor wir nun dazu übergehen, den Schlüssel zu diesem sinnreichen
1) Auch die oben $. 35 in eckige Klammern gesetzten Zeichen, links: Cheth und
Teth, rechts: Sade und Koph habe ich hier stillschweigend mitausgeschieden, da sie
ganz deutlich erst sekundärer Entstehung sind, nämlich Cheth aus He mit Zufügung
eines senkrechten Striches links, Teth ein Kreis mit eingeschriebenen Zeichen Thau,
Sade die eine Form (alte Variante) des Zeichens Zajn mit links hinzugefügtem senk-
rechten Strich und Koph einfach das ‘Ain mit durchgezogenem senkrechten Strich.
Auch hierin steckt System: es sind das sämtlich Zeichen für emphatische Laute,
die speziell den semitischen Sprachen eigen sind und offenbar dem Lautbestand der
Erfinder fremd waren. Aber wenigstens zwei davon, Teth und Koph, müssen
schon dem Mutteralphabet beigefügt worden sein, vgl. oben S. 31, A. 1), da sie fast
in der gleichen Form auch dem südarabischen Alphabet eigen sind. Eingefügt sind
sie in der linken Reihe unmittelbar vor den Körperteilnamen, in der rechten Reihe
zwischen denselben und zwar vor dem Namen für Kopf, da Sade Hirn (und den Vogel,
der aus dem Kopf des Ermordeten fliegt) und Koph Hinterkopf bedeutet.
2) Die Bedeutung steht dadurch fest, daßhai’-at (das at ist lediglich Femininendung)
im arabischen „Himmel“ heißt; vgl. “ilm al-hai’at ‚Astronomie‘.
3) samak heißt „stützen“: (vgl. die vier Säulen oder Stützen des Himmels), im
Arabischen aber speziell von Gott gesagt „den Himmel hoch heben“, und samk
heißt arabisch Decke der Wohnung, Dach. Vgl. auch noch babylonisch simaku
Cella eines Götterbildes.
Die Anordnung unseres Alphabets 37
System nachzuweisen und zwar in einer auch jedem Laien verstandlichen
Form, sei noch bemerkt, daB die notwendige Voraussetzung dazu natürlich die
richtige Deutung der uns überlieferten Buchstabennamen ist. Alle Ver-
suche, die hierbei von falschen Übersetzungen ausgehen, sind von
vornherein ganz oder wenigstens teilweise verfehlt. Unbestritten sind
Aleph = Rind, Beth = Haus, Daleth = Tür, Jod = Arm, Kaph = Hand,
Mim = Wasser, Niin = Fisch, ‘Ain = Auge, Pi = Mund, Resch = Kopf
und Thau = Kreuz, bzw. Zeichen, SchluBmarke, also elf von den 18
(nach Ausscheidung der oben besprochenen vier sekundären. Zeichen
übrigbleibenden) Buchstaben. Wenn man Lamed bisher mit Ochsen-
stachel und Samek mit Stütze übersetzt hat, so war das wenigstens an-
nähernd richtig; der Ochsenstachel ist gleich der Pflugschar ein spitziger
Gegenstand und beide stehen zum Rind in naher Beziehung!), und auch
„Stütze‘‘ war (vgl. oben S. 5, A. 3) eine wenigstens mögliche Wiedergabe
von Samek, die vom Richtigen (Dach, Himmelswölbung) nicht allzuweit
entfernt lag. Über die richtige Bedeutung von He’ = Himmel war schon
oben das Nötige bemerkt; die Zeichen für He’ wie für Samek könnte man
für ein Gitter (dann in der linken Hälfte Himmelsgitter, wozu die vorher-
gehende Türe gut paßt), aber auch für einen Baum halten, was wieder
auf den Himmel gehen kann, wenn man sich des Himmels- und Welten-
baumes in den verschiedenen mythologischen Systemen des Altertums
erinnert.
Aber grundfalsch waren die bisherigen Übersetzungen von Gimel (Vari-
ante Gamel, wie griechisch Gamma beweist) durch Kamel, was allerdings
arabisch und hebräisch gamal heißt, und von Schin durch Zahn
(hebr. schen, arabisch sinn). Daß das Zeichen für Schin in der Be-
griffssphäre des Wassers gesucht werden muß, hätte schon die Ähnlichkeit
mit dem Zeichen Mim (Wasser) lehren können; zu allem Überfluß heißt
hebräisch schin Woasserschlagen und schain oder schen Urin (bei
den Arabern dann übertragen auf den Urin gewisser Sternhäuser =
Regen). Und daß das dem Lamed (Pflugschar) so ähnliche Zeichen für
Gimel kein Kamel vorstellen konnte, hätte man längst sehen können;
wenn es in der chaldäischen Astronomie einen „Waffenstern‘‘ gab, der
den Namen gamlu führte, so liegt das ungleich näher. Ich gab die
letztere Erklärung bereits vor 14 Jahren in meinen „Aufsätzen und Ab-
handlungen‘‘, S. 264, A. ı, und sie war es, die mir ein Jahr später (vgl.
ebenda, S. 472f.) in Zusammenhalt mit der Aufeinanderfolge von Wasser
1) Im Hebraischen kommt ein einziges Mal das Wort milmad vor (Richter
3, 31), wo Luther Ochsenstecken übersetzt, die alte Überlieferung (LXX und Vul-
gata) aber richtig Pflugschar gibt. Der Name Lamdu, wovon milmad nur eine
Weiterbildung ist, kommt wahrscheinlich von einem alten Wort lahem „Rind“
(vgl. das äthiopische) her; daraus bildete man ein Wort lihamu, Feminin lihamtu,
lihämdu, lämdu „Pflug‘‘ (vgl. analog babyl. tihämtu, tihamdu, tämdu Meer), und
von diesem lämdu dann ein neues Verbum /amad angewöhnen (so äth.), lernen
(vgl. ähnlich von alpu Rind das Verbum alipa sich gewöhnen, allapa lehren).
38 Fritz Hommel
und Fisch (= Wassermann und Fische am gestirnten Himmel) den rich-
tigen Schlüssel zur Lösung des Ganzen an die Hand gab. Es bleiben noch
Waw (Vau) und Zain (mit tönendem s wie franz. und engl. z zu sprechen)
übrig, von denen das erste im Hebräischen einen Haken, in welchen man
die Ringe des Vorhangs einhängt, bedeutet; das ist aber gewiß sekundär.
Die richtige Deutung beider Zeichen und damit dann auch der Namen
Abb. 5; Siegelzylinder aus Susa (älteste Zeit).
wird sich uns nachher ganz von selber ergeben; alle bisher aufgestellten
Übersetzungen dieser beiden Namen waren mehr oder weniger geraten.
Nun zur Lösung selbst, deren Richtung eben schon angedeutet wurde.
Es ist in der Tat der gestirnte Himmel, der uns denn hierbei den Weg
weist, wie er schon vor viertausend Jahren beim erstmaligen Aufstellen der
noch heute üblichen Anordnung der Buchstaben den Urhebern derselben der
Führer war. Daß astrale Vor-
stellungen den ganzen alten
Orient schon von der ältesten
Epoche an beherrschten, läßt sich
durch eine ganze Reihe von Bei-
spielen belegen und wird heute
nur noch von solchen bestritten,
die tatsächlich nicht mit den
Quellen vertraut sind und noch
in veralteten, jetzt längst über-
holten Anschauungen stecken. Ich
könnte einfach auf das schöne
im vorigen Jahr erschienene Werk meines Freundes Alfred Jere-
mias verweisen „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur‘‘, wel-
ches dafür eine Fülle von Belegen zugleich mit trefflichen mit großer
Sachkenntnis ausgewählten Illustrationen bietet; aber es soll hier doch
auf einiges derartige, auf wenige besonders lehrreiche Zeugen dafür
kurz hingewiesen werden. In der obenstehenden Abbildung sehen wir
einen uralten babylonischen, in Elam gefundenen Siegelzylinder, der
in jeder der beiden Reihen von mythologischen Darstellungen, die er
En u az : = = |
Abb. 6: Altagyptischer Siegelzylinder
(sog. Zodiakus von Gezer in Südpalästina).
: Die Anordnung unseres Alphabets 39
bietet (die Abb. auch bei Jeremias, a. a. O., S. 259), Sonne, Mond und
Venusstern enthält, aber auch außerdem einige Symbole aufweist, die
nur astral ‚gedeutet werden können, wie die bogenschießende, auf zwei
Hunden (Sirius und Prokyon) stehende Göttin oder den Skorpion in der
oberen Reihe; die Anschauung, daß die Bogengöttin dem Sirius angehört,
muß auch aus andern Gründen als uralt gelten, da sie der babylonischen
und ägyptischen Mythologie gemeinsam ist, und da auch die Araber
nur eine Seiria (al-Schi‘raj) statt eines Seirios kennen. Ähnlich finden
wir aufeinem sehr alten in Gezer in Südpalästina gefundenen Siegelzylinder-
abdruck (s. Abb. 6) wiederum Sonne und Mond, darunter Fisch und Skor-
pion (beides bekannte Sternbilder des Tierkreises) und außerdem noch zwei
Vögel, zwei Antilopen, ein Krokodil, eine Schlange, eine Vase in Gestell,
daneben eine umgestürzte (also ausgegossene) Vase und noch zwei bis
drei ungedeutete Symbole, wohl sämtlich Bilder einer uns noch unbe-
kannten alten Variante des Zodiakus. Und wo wir sonst noch hinblicken
im Bereich des orientalischen Altertums, treten uns in Bildern oder in
Anspielungen, so besonders auch im Alten Testament, astrale Anschau-
ungen entgegen, so daß man deutlich den Eindruck bekommt, daß das
vornehmlich die Welt war, in der jene Alten lebten und heimisch waren.
Wenn wir also ein kunstvolles Anordnungssystem der Buchstaben,
das zum mindesten ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurückgehen
muß, vor uns haben und nach dem richtigen Schlüssel suchen, so kann
der gar nirgends anders gefunden werden als in einer derartigen Vor-
stellungswelt; und das um so mehr, als ja in der ersten Hälfte tatsächlich
ein Sternname (gamlu) und in der zweiten Hälfte gar zwei in derselben
Reihe wie am Himmel (Wassermann und Fische) aufeinanderfolgende
Begriffe, nämlich Wasser und Fisch, und in beiden Hälften je ein geradezu
Himmel bedeutendes Zeichen begegnen. Wir werden nun im folgenden
sehen, daß sich das in ungezwungenster Weise für alle in Rede stehenden
Zeichen aufzeigen läßt, und wollen dem geneigten Leser vorher nur noch
kurz die Namen der zwölf Tierkreisstationen (oder „Häuser“, wie sie im
alten Orient hießen), wie sie am Himmel aufeinander folgen und die Bahn
für den Lauf von Mond, Sonne und den übrigen fünf Planeten!) bilden,
in Erinnerung bringen. Wir beginnen hierbei mit den Stier, in welchem
in der in Betracht kommenden Zeit am 2ı. März (Frühjahrs-Tag- und
Nachtgleiche) die Sonne stand?), statt mit dem Widder, wie es die chal-
däische Astrologie in den letzten Jahrhunderten v. Chr. zu tun gewohnt
war und wie es sich noch bis in unsere Kalender, alter Gewohnheit gemäß,
erhalten hat.
1) Nach ihrer Entfernung von der Erde geordnet: Mond (Umlauf 29!/, Tage),
Mericur, Venus (die zwei als Morgen- und Abendstern erscheinenden und nach kurzer
Zeit in den Strahlen der Sonne verschwindenden Planeten); Sonne (rund 360 Tage);
Mars (2 Jahre); Jupiter (12 Jahre) und Saturn (291/2 Jahre).
2) Heut steht sie infolge der sog. Präzession bereits im Sternbild der Fische.
40 Fritz Hommel
I. Stier (inkl. Plejaden); oberhalb desselben stand der schon oben
erwähnte gamlu - Stern (nach Weidner wahrscheinlich Algol im Bilde
des Perseus = Marduk). Symbol: Lanzenspitze des Marduk.
2. Zwillinge: zwei Löwenköpfe auf einem einzigen Drachenhals.
3. Krebs!), aber bei den Babyloniern die ‚kleinen Zwillinge‘ (zwei
nebeneinander stehende Drachen, der eine mit einem Löwenkopf, der andre
mit einem Geierkopf) genannt.
4. Löwe, bei den Babyloniern auch durch einen Hund vertreten.
5. Jungfrau, mit der Ähre (Spica) in der Hand.
6. Wage, urspr. ein Joch.
7. Skorpion.
8. Schütze, urspr. ein Zentaure, in noch älterer Zeit der sog. Skor-
pionsmensch.
9. Caper oder Steinbock, ein fabelhaftes Wesen mit Fischschwanz.
10. Wassermann (Aquarius), schon altbabylonisch als Mann mit
-— Fischunterleib, wie er Wasser ausgieBt
(der sog. Fischmensch) dargestellt.
II. Fische: zwei durch ein Band
verbundene Fische.
12. Widder: bei den Babyloniern
al IN a td ein Drache (vgl..den Cetus oder sog.
a) nai Walfisch unterhalb des Widders) mit
Abb. 7: Caper und Wassermann, dem Symbol des Gottes Nebo, einer
zn toa ea ee inh auch als Schreibgriffel?) umgedeuteten
7 Pflugschar, auf dem Rücken.
Wenn eines dieser Tierkreisgestirne im Osten aufgeht, so geht sein
Gegengestirn im Westen unter, weshalb man nach alt-astrologischem
Brauch unter einem Tierkreisbild oft auch sein Gegenbild mitverstehen
kann und es deshalb auch manchmal mit ähnlichem Namen nennt oder
ihm ähnliche Symbole gibt; vgl. z. B. arabisch Jungfrau simäk und
Fische samak, oder babyl.-assyrisch Kusallu der 3. Monat (Zwillinge)
und Kisilimu der 9. Monat (Schütze), oder die Zwillinge zwei Löwen-
köpfe (s. oben) und der Schütze ein Zentaure mit ebenfalls zwei Köpfen
(einem menschlichen und einem Löwenkopf) usw. usw. So ist es hin-
reichend motiviert, daß, wie wir nachher sehen werden, in der Alphabet-
reihe auf jeder Hälfte nur je drei Tierkreisbilder, also zusammen nur
sechs (statt alle zwölf) vertreten sind, nämlich nur die gesperrt gedruckten
Stier Zwillinge Krebs Löwe Jungfrau Wage
Skorpion Schütze Caper Aquarius Fische Widder
weil die übrigen, als die Gegenbilder, stillschweigend mitverstanden
werden konnten; sie waren auf diese Weise eben dennoch mitvertreten.
1) Diese Benennung taucht erst später auf.
2) Nach babylonischer Anschauung ist das Feld die Schreibtafel, worauf der
Gott Nebo mit der Pflugschar als Griffel die Furchen = Linien zieht.
Die Anordnung unseres Alphabets 41
Nachdem der Leser nun ge-
nügend orientiert ist, was von
Sternbildern bei einem astro-
logisch aufgebauten System
zu erwarten ist, nämlich ent-
weder alle zwölf Tierkreis-
bilder oder aber nur sechs,
und ferner entweder alle Pla-
neten oder wenigstens eine
Auswahl davon!), können wir
nun, ohne die Gefahr mißver-
standen zu werden, an die Er-
klärung der beiden Alphabet-
hälften gehen,
II.
Wir sahen schon oben, daß
dem eigentlichen Grundstock
bei der ersten Hälfte zwei all-
gemeinere Zeichen als Ein-
leitung vorausgestellt, bei der
zweiten Hälfte zwei damit
korrespondierende Zeichen als
Anhang nachgesetzt wurden.
Es ist also, so verführerisch
das auch sonst wäre, das erste
Zeichen, Aleph (Stierkopf),
dem ein zweites, mehr all-
gemeines Zeichen, Beth (Haus)
folgt, auf keinen Fall dem
Tierkreisbild des Stieres gleich-
zusetzen; der Stier des Zo-
diakus ist vielmehr durch den
direkt über ihm stehenden
gamlu- Stern, das Gimel oder
Gamma, vertreten Ý (s. oben
S. 40).
1) So sind z. B. auf den alt-
babylonischen Siegelzylindern ge-
wohnlich nur Mond, Sonne und
Venusstern abgebildet; der Mond
ist auBerdem oft in doppelter Abb. 8: Babylonischer Grenzstein (ca. 1340 v. Chr.),
Form, als zunehmender und als rechteHäffte. In der 3.Reihe dieWaffe des Marduk, ferner der doppel-
abnehmender Mond, dargestellt.
köpfige Drache (die sog. großen Zwillinge) und die Zwillings-
drachen (die sog. kleinen Zwillinge — Krebs des Tierkreises).
42 Fritz Hommel
Darauf folgen die Zeichen Daleth (Tür) und das eine Himmelszeichen,
das He (unser E), welch letzteres also kaum ein Sternbild vorstellen kann,
sondern etwas anderes bedeuten muß.
Dann kommen die Zeichen Waw (von dem sich noch drei verschiedene
Varianten in unsern Buchstaben F, V und Y erhalten haben) und Zajn
(unser Z, von dem aber eine ältere Variante
existierte, welche zufällig wie unser modernes H
aussieht; das phönikische Vorbild unseres H da-
gegen hatte drei Querstriche statt des einen
und ist überhaupt ein ganz anderes Zeichen).
In diesen beiden sind nun unschwer die beiden
Zwillingssymbole der alten Chaldäer, der Drache
mit zwei Köpfen und die zwei nebeneinander
stehenden Drachen, zu erkennen. Wie auf den
mittelbabylonischen Grenzsteinen mit ihren
Sternsymbolen beide fast stets zusammen er-
scheinen, der zweiköpfige Drache (die Zwil-
linge) und die eng zusammengehörenden, ein
einziges Bild darstellenden ‚‚kleinen Zwillinge“‘
(s.oben S. 40, unser Krebs), so folgen sich auch
im phönikischen Alphabet Waw und Zajn
(griechisch Digamma und Zeta, lateinisch ur-
sprüngl. F und Z statt F und G). Wollte man
diese Bilder durch wenige Striche andeuten, so
konnte man es gar nicht anders tun als durch
Y und II, welch letzteres dann leicht zu H
und weiterhin (wenn man es in einem Zug
schreiben wollte, zu einem liegenden Z) um-
gebildet wurde!).
Wirft man nun einen Blick auf die Sternkarte
Abb. 9: Many omneher ER (s. Abb. 11), so wird mansofort begreifen, warum
ged eee eas demSym- Zwischen den gamlu- Stern einerseits und
bol der Waffe des Marduk (im Stier) und die beiden Zwillingssymbole andrerseits (Zwil-
der Drache mit dem Symbol der Pflug- 3
schar des Nebo (Widder); in der 4.Reihe linge und Krebs) die oben noch unerklärt
links der eine der beiden sog. kleinen E Á
Zwillinge (im Krebs) und die sog. großen gelassenen Zeichen Daleth und He eingescho-
Zwillinge (der doppelköpfige Drache). ;
ben wurden, von denen das erstere in der
rechten Hälfte überhaupt keine Entsprechung hat. (Siehe die neben-
stehende Abb.). Denn zwischen beiden Gruppen geht die Milchstraße
hindurch, so daß also, wenn der Mond oder die andern Planeten ihren
1) Auch die südarabischen Denkmäler (siehe Otto Weber, Göttersymbole auf
südarab. Denkm., Hilprechtfestschrift, S.269— 280) haben (vgl.Weber, $.277)die Sym-
bole beider Zwillingsdrachen (YundH) nebeneinander (s. Abb. 12); vgl. dazu noch
meine Ausführungen bei Mercer, The oath (Paris 1912), S. 86f, (in dem von mir ver-
faBten Anhang ,,Die Schwurgéttin Esch-ghanna und ihr Kreis‘‘, Mercer, S. 43—116).
Die Anordnung unseres Alphabets 43
Weg vom Stier zu den Zwillingen nehmen, sie diese (die MilchstraBe)
passieren mußten, und zwar zunächst durch eine Türe (Daleth). Die
Milchstraße ist es also, welche durch das wie ein Gitter oder ein Baum
aussehende Himmelszeichen He in sinnreicher
Weise markiert wurde; das ist, da sie den
ganzen Himmel wie ein breites Band durch-
zieht, wobei sie den Zodiakus zweimal (zwischen
Stier und Zwillingen und wiederum beim Schüt-
zen) schneidet, eine durchaus begreifliche Über-
tragung.
Lassen wir die dann (nach Ausscheidung der
sekundären Zeichen Cheth und Teth) folgenden
beiden Körperteilzeichen Jod und Kaph (Arm
und Hand) vorderhand weg (sie bezeichnen näm-
lich, wie nachher gezeigt werden wird, die
Planeten Merkur und Venus) und wenden wir
uns nun gleich zu den Tierkreiszeichen der
zweiten Hälfte des Alphabets, wo wir nach dem
S. 36 und 40 Bemerkten drei Bilder der zweiten \J
Tierkreishälfte zu erwarten haben, so können >
— u
dafür nur (wiederum nach Ausscheidung der Abb. 10: Marduk mit seinem
sekundären Zeichen Sade und Koph, die übri- Drachen ;inderRechten häfterden
Bumerang, eine Variante des gamlu.
gens auch vom griechischen Alphabet über
Bord geworfen worden sind) die vor den Körperteilzeichen Ain, Pi
und Resch stehenden Zeichen Lamed, Mim und Nün (unser L, M
und N), denen noch das Himmelszeichen Samek folgt, in Betracht
kommen. Dabei ist Lamed der Symmetrie mit dem ähnlich aussehenden
Mi
mad
L
(L swel) (mr) 9
ol
4 a) Trage | dhe
a legalen ° 0 to
5 “ ga widder o
ego o o
o
Alakara
Abb. 11: Die eine Hälfte des Tierkreises von Aquarius bis Zwillinge.
(Beim oberen Stück der Milchstraße sollte das Zeichen für Samek statt He stehen.)
44 Fritz Hommel
Zeichen Gimel halber vorausgestellt worden!); denn da Wasser (Mim)
und Nin (Fisch) doch offenbar den Tierkreisbildern Wassermann und
Fische entsprechen, müßte man für den auf diese folgenden Widder, dessen
Symbol die Pflugschar ist (oben S. 40, und vgl. S. 37, A. ı Lamed =
Pflugschar), eigentlich ein anders eingereihtes Lamed, nämlich M, N, L
(statt L, M, N) erwarten. Von L, M, N kommt übrigens aller Wahr-
scheinlichkeit nach der lat. Ausdruck elementa (=Alphabet) her.
Da ferner der Symmetrie halber auch in der zweiten Hälfte ein Himmels-
zeichen (Samek statt des He der ersten Hälfte) nicht fehlen durfte, so
stellte man dieses, da hier die Milchstraße nicht dazwischen durchschnitt,
sondern höchstens den Abschluß bildete (siehe wieder die Sternkarte),
MAMAY IYr
OA XIND OB IA
DANl VAYiRolssr sole
Wiener Hof mus. XIV = Gl. 1144 (mt Erganyung )-
Abb. J2: Südarabische Schriftprobe (s. Hommel, Aufs. u. Abh., S. 144, 146 und 333 f.);
links die Symbole der sog. großen und kleinen Zwillinge (vgl. oben S. 42, A. 1).
folgerichtig erst an den SchluB; also eigentlich M, N, L und Samek (grie-
chisches Ksi), aber wegen der bereits begriindeten leichten Umstellung
L, M, N und Samek.
Es bleiben zu näherer Besprechung und Erklärung jetzt nur noch die
zwei einleitenden und die symmetrisch entsprechenden zwei das Ganze
abschließenden Zeichen, also Aleph und Beth, Schin und Thau, sowie noch
die fünf Körperteilzeichen (links zwei und rechts drei) übrig. Wenden
wir uns zunächst zu den ersteren vier, und hier wiederum zuerst zum
ersten Zeichen, dem Aleph (Stier)und dem letzten Zeichen, dem Thau (Kreuz).
Wenn ein Planet an der Spitze des”Alphabets als weitaus erster an
1) Auch auf den babylonischen Grenzsteinen des 13. vorchristl. Jahrhunderts
stehen die Symbole des Stieres und des Widders, nämlich die (hier als Lanzenspitze
aufgefaßte) Waffe des Marduk (eine Variante des gamlu) und die Pflugschar
des Gottes Nebo, stets unmittelbar nebeneinander, mit Ausnahme natürlich der Fälle,
wo nur die Lanzenspitze begegnet, die Pflugschar aber (als offenbar mit verstanden)
weggelassen ist, wie z. B. auf dem Grenzstein des Königs Nazimaruttas. — Ein
weiterer Grund, das L vorauszustellen, lag dann wohl auch darin, um mit dem
ersten Buchstaben der ersten Hälfte wegen der ähnlichen Bedeutung (s. oben
S. 37, A. i.) eine Symmetrie herzustellen. Aleph und Lahem hießen Stier, Rind,
Die Anordnung unseres Alphabets 45
Rang bei den alten Westsemiten (Phönikern, Hebräern, Arabern und
Aramäern) zu erwarten ist, so kann es für die hier in Betracht kommende
Zeit lediglich der Mond sein, der noch dazu oft genug gerade den Stier-
kopf, d. h. eigentlich die an diesem Kopf halbmondförmig angebrachten
Hörner, zu seinem Symbol hat. Also ist das Aleph hier der Mond, und
zwar der zunehmende, der im Gegensatz zum abnehmenden oder un-
günstigen, Regen und Sturm bringenden Mond auch als der gute Mond gilt.
Und wenn am Schluß als Gegensatz hierzu ein andrer Planet zu er-
warten ist, so ist es entweder nochmals der Mond, aber diesmal in seiner
ungünstigen Rolle als abnehmender (der ‚„‚Knecht‘“ oder ‚kleinere Bruder“
der Astrologie), oder aber der eminent ungünstige Planet Saturn, den
die Chaldäer wegen dieser Eigenschaft
und auch wegen der gleichen Zahl
(291/, JahreUmlaufszeit gegenüber den
291/, Tagen Umlauf des Mondes) zu-
sammen mit dem abnehmenden Mond
ein und demselben Gott, dem Todesgott
Nergal, gleichsetzten. Wenn sie von
»,9in und Nergal‘‘sprachen, dann mein-
ten sie entweder den zu- und abnehmen-
den Mond oder aber auch den Mond i Liev:
und den Saturn. Beiden, sowohl dem Abb. 13: Das Symbol des abnehmenden
abnehmenden Mond als auch dem Pla- Manses. Sa Sai ae (älteste
neten Saturn (dem letzten der Planeten, EIER SE
wenn man sie nach der Entfernung ordnet, s. oben $. 39, A. ı), entspricht
nun das Kreuz (Thau) so vollkommen, wie man es nur irgendwie erwarten
kann. Bei den Babyloniern bedeutet ďas schräge Kreuz, x, „Feind“ und
„(feindlicher) Bruder‘‘, wie auch den Planeten Saturn aber auch den Mond-
gott (hier natürlich dann den abnehmenden Mond) und das gerade Kreuz,
+, welches ja ebenfalls eine Variante des Buchstabens Thau ist, den Saturn
als „Zwillingsgott‘‘ (das ist also den einen des Zwillingspaares Sin und
Nergal, nämlich den Nergal = Saturn), aber auch den ‚(Wasser)aus-
gießenden Sturmwind‘“. Und endlich ist zu allem Überfluß kürzlich eine
Darstellung einer alten Vase aus Susa bekannt geworden (abgebildet bei
Jeremias, a. a. O., S. 99, Abb. 70), wo der abnehmende Mond A (im
Gegensatz zum zunehmenden Mond, u) und innen drinn das gerade Kreuz
allapa hieß lehren, lamada lernen, und ebenso hieß alpu westsemitisch 1000 und
li’mu (aus lihimu) babylonisch 1000 (vgl. auch arabisch alhama inspirieren und
luhmüm große Zahl); nimmt man jede Hälfte zu 9 Buchstaben, so trifft, wenn
man sie als Zahlzeichen verwendet, auf Aleph 1, auf Kaph 9, auf Lamed 10,
Mim 20 usw. und auf Aleph wieder 100, auf Lamed 1000, und ähnlich, wenn
man mit der zweiten Hälfte beginnt, auf Lamed I und 100, und auf Aleph ıo
und 1000. Das sind alles Entsprechungen, die über den Zufall hinausgehen und
die Anordnung für eine überaus frühe Zeit voraussetzen.
46 Fritz Hommel
als Symbol dargestellt ist (s. Abb. 13), dasselbe gerade Kreuz, welches uns auch
schon auf andern aus Susa stammenden Denkmälern undauch aufkassitischen
Siegelzylindern an Stelle des sonst üblichen Mondes begegnet war. Also
das Kreuz sowohl der abnehmende Mond als auch der Planet Saturn und
zugleich das Symbol für Regen und Sturm, so daß man nun auch ver-
steht, wieso ihm im Alphabet das mehr allgemeine Zeichen für Regen
(Schin, s. oben S. 35) unmittelbar vorangeht.
In gleicher Weise wie hier beim Abschluß ist nun aber auch beim An-
fang mit dem Mondsymbol (dort dem Stier) ein mehr allgemeines Zeichen
verbunden, das Beth oder Haus. Wer in der alten Astrologie Bescheid
weiß, weiß auch, daß dort die Mondhäuser eine große Rolle spielen. Jedes
Tierkreisbild (und in allen macht ja der Mond bei seiner Wanderung
durch den Himmel Station) gilt als „Haus‘“‘ des Mondes, ja gelegentlich
(personifiziert) sogar als seine Frau (babylonisch aschirtu), weil er
darin zur Zeit des Neumondes mit der Sonne Hochzeit macht. Ist nun für
diese großartige Sternsymphonie, die wie eine Sphärenmusik aus uralter
Vorzeit noch jetzt beim Hersagen des Alphabets an unser Ohr klingt, so-
bald unsere Sinne nur richtig dazu gestimmt sind, sie zu verstehen, eine
passendere Ouvertüre zu finden als (zunehmender) Mond und Mond-
station = Aleph und Beth, und ein treffenderes Finale als Regen und ab-
nehmender Mond (bzw. zugleich Saturn) = Schin und Thau (Kreuz)?
Soweit war ich im Juni 19011). Ich wagte damals noch nicht, über die nun
noch übrigen Körperteilbezeichnungen, links Arm und Hand und rechts Auge,
Mund und Kopf, deren Sinn mir noch nicht klar war, mehr als eine ganz vor-
sichtig in Form eines Vergleiches mit arabischen Benennungen gegebene Ver-
mutung (Teile einzelner Sternbilder, aber scheinbar ohne System und mehr
zur Ausfüllung hier am Schluß jeder Hälfte eingeschoben) zu äußern. Mit
andern Worten, ich mußte sie noch unerklärt lassen und glaubte dennoch
mit gewissem Recht, die Hauptsache, das eigentliche Prinzip der An-
ordnung, entdeckt und richtig dargelegt zu haben. Da fiel mir ein Jahr
später, Ende August 1902, an einem schönen sternhellen Sommerabend,
als ich draußen im Freien gerade meinem ältesten Sohne die bisher ge-
wonnenen Resultate auseinander zu setzen mich anschickte, die Lösung
auch dieses letzten Rätsels als reife Frucht und zugleich als endgültige
Bestätigung des vorher Gefundenen in den Schoß — es sind die noch fehlen-
den übrigen fünf Planeten und zwar genau nach ihrer Entfernung von der
Erde geordnet, also Merkur und Venus, Sonne, Mars und Jupiter. Kurz
darauf teilte ich das fertige Resultat auf dem Hamburger Orientalisten-
Kongreß mit?2), um es sodann 1904 in meinem ‚Grundriß der Geogr.. u.
Gesch. des alten Orients‘‘ (erste Hälfte, S. 99— 104) ausführlicher, aber
1) Vgl. die Darlegung in meinen Aufsätzen und Abhandlungen, S. 472. (er-
schienen Oktober 1901).
2) Siehe die Verhandlungen des XIII. internat. Orientalisten-Kongresses in
Hamburg (Leiden 1904), S. 264-—266.
Die Anordnung unseres Alphabets 47
leider ohne Bilder!), den Fachgenossen und endlich im vorigen September
in Stockholm in zwei von Lichtbildern begleiteten Vorträgen einem größeren
Publikum (meist Lehrern und Lehrerinnen) vorzuführen?).
Die Planetensymbole (über den ersten, den Mond, und den letzten oder
siebenten, den Saturn, s. schon oben) sind nun, um das noch in aller Kürze
darzulegen, folgende:
2. Jod, Arm, Symbol des Merkur oder Götterboten, der die Orakel
gibt; vgl. den babyl. Ausdruck id-ag-ga ‚„Armausstreckung‘‘ = Orakel.
3. Kaph, Hand, Symbol der Venus; die streichelnde, segenspendende
aber auch die Waffe führende Hand als Symbol der Göttin des Abend-
und Morgensterns (der Liebe und der Schlacht) ist bei den Babyloniern,
Puniern (in Karthago) und Südarabern nachgewiesen.
4. ‘Ain, Au ge; über diesen Körperteil als uraltes Symbol der Sonne
ist überhaupt kein Wort zu verlieren; der kreis- (nicht etwa oval-)förmige
Buchstabe würde ja, wenn die Bedeutung Auge nicht durch den Buch-
stabennamen überliefert wäre, viel eher von jedermann als Sonne denn
als Auge gedeutet werden. Babylonier wie Ägypter nannten zudem die
Sonne das Auge des Himmels.
5. Pi, Mund, war bei den Babyloniern ein Symbol des ,,feindlichen‘“
Planeten, also des Mars oder Saturn; da nun der Saturn schon durch das
Thau vertreten ist, so bleibt für das Pi nur der Mars übrig. Auch den
Hebräern war diese merkwürdige Übertragung bekannt, da sie die ‚Schärfe
des Schwerts‘‘ durch pi-chäräb, ‚Mund des Schwerts‘‘ bezeichnen. Der
Planet Mars war auch bei den Babyloniern der Kriegsgott.
6. Resch, Kopf, könnte nun, da alle andern Planeten bereits unter-
gebracht sind, ohnehin nur den allein noch übrigen Jupiter bezeichnen;
aber daß der Kopf wirklich das Symbol dieses Planeten war, läßt sich zu
allem Überfluß auch noch direkt beweisen. Der babylonische Planet
Jupiter war der Hauptgott der Stadt Babel, der Gott Marduk; er war der
Stern der deifizierten verstorbenen Könige, wie der von Pater Scheil ent-
deckte und auch richtig erklärte Personenname ‚‚der göttliche (König)
Bür-Sin ist der Stern Marduk“ beweist, genau wie bei den Agyptern der
König im Jenseits zu Osiris, der auch dort der Planet Jupiter war, ge-
worden ist. Als Planetengott führte Marduk aber den Namen Sag-
me-gar, d. i. „das Haupt, das Orakel erteilt“, vielleicht mit An-
spielung auf das abgeschnittene Haupt des Gottes, aus dessen Blut dann,
mit Erde vermischt, der erste Mensch entstanden ist. Und auch der Haupt-
tempel des Marduk in Babel hieß „Haupt-erhebung‘‘, E-sag-illa.
1) In meinem Grundriß steht auf $. 100, Zeile 25 der störende Druckfehler Saturn
(statt Jupiter), den leider Benzinger in seinem kurzen Referat (Hebr. Archäologie,
2. Aufl., Tübingen 1907, S. 175) mit übernommen hat.
2) Der gleiche Vortrag wurde am 4. März 1914 in einer wissenschaftlichen
Sitzung der Münchener Orientalischen Gesellschaft, die auch S. Maj. Konig Lud-
wig III. mit seinem allerh. Besuch beehrte, gehalten.
48 Fritz Hommel
So ist also die Beweiskette geschlossen und das astrologische Prinzip
der Anordnung unsers Alphabets bis ins einzelne nachgewiesen. Damit
ist freilich noch nicht der Ursprung desselben aufgehellt, wenn wir auch
diesem komplizierten Problem durch den obigen Nachweis um ein gutes
Stück näher gekommen sind; denn alles spricht nun für ein Gebiet, welches
entweder Babylonien selbst war oder doch diesem Heimatgebiet der antiken
Sternkunde direkt benachbart war, wie es mit Ostarabien, dem alten Aus-
gangspunkt der Phöniker und Südaraber (und vielleicht auch der Ägypter)
der Fall ist. Vielleicht gibt sich Gelegenheit, in einem späteren Aufsatz
auf diese Frage und Ähnliches derart, so z. B. auf die verfehlten Versuche
andrer, diesen Ursprung aufzuhellen, zurückzukommen. Für heute sei
es mir noch gestattet, anstatt eines Widmungsblattes, diese Zeilen, die ja
nicht in Buchform erscheinen, sondern nur als kurzer anspruchsloser
Artikel einer Zeitschrift, Alfred Jeremias, dessen neuestes Buch
ich oben rühmend erwähnen durfte, zu seinem fünfzigsten Geburtstag
(21. Februar 1914) als kleines Zeichen alter Freundschaft zu weihen;
er wird es, auch wenn er auf $. 19 seines Werkes sich, wohl etwas zu rasch,
den 1913 erschienenen, den meinigen verwandten, Ausführungen Eduard
Stuckens über ‚den Ursprung des Alphabets und die Mondstationen‘1
angeschlossen, doch gewiß mit Interesse und Freude entgegennehmen.
Wenn gerade er sich jetzt nach dieser erneuten Darlegung von der Richtig-
keit meiner Aufstellungen überzeugen würde, so wäre das die schönste
Belohnung, die meiner Arbeit zuteil werden könnte.?)
Nachtrag.
s ist ganz interessant, daß in diesem ersten Heft auch einer von der
meinen vollständig differierenden Anschauung über die Herkunft unseres
Alphabetes Aufnahme gewährt wurde. Nur wäre zu wünschen gewesen,
daß der für die Europatheorie begeisterte Verfasser, dem wir unter anderem
das hübsche Büchlein über die ägäische Kultur (Wissenschaft und Bildung,
Nr. 83, Leipzig 1911) verdanken, auch noch aus seinem den obigen er-
gänzenden Aufsatz „Buchstabenreihe und Mythos‘ (Memnon, VII, S. 84
bis 101) einige Auszüge und vor allem einige der dortigen Illustrationen
dazugegeben hätte; so wäre es höchst instruktiv gewesen, wenn dem
einen Schriftzeichenstein von Alvao (s. oben S. 18) auch noch der andere
(Memnon, VII, Tafel IV, Abb. 8a) hinzugefügt worden wäre. Zustimmen
ı) Eine kurze Begründung, warum das allzu mechanische Vorgehen Stuckens,
dessen Buch aber in andrer Hinsicht reiche Belehrung darbietet, das Ziel verfehlt
hat (er läßt von den 28 Mondstationen sechs einfach unter den Tisch fallen und
schaltet die bei einer Weltenuhr doch wesentlichen Zeiger, nämlich die Planeten,
ganz aus), hoffe ich später noch zu geben.
2) Der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung sei bei dieser Gelegenheit für die
gütige Überlassung der Abb. 6 und 8 bis 10 sowie noch 13 (sämtlich aus Jere-
mias) der wärmste Dank ausgesprochen.
Die Anordnung unseres Alphabets. — Nachtrag 49
freilich kann ich auch dem dort Ausgeführten so wenig wie der oben ab-
gedruckten mir schon von den „Mitteilungen des Allg. Deutschen Schrift-
vereins‘‘ (XXII, 1912, S. 266 ff.) her bekannten Abhandlung. Ich möchte
nur in aller Kürze begründen, warum mir die ganze Beweisführung un-
möglich erscheint.
In erster Linie geht es nicht an, bloß auf die Ähnlichkeit einzelner
Zeichen hin noch ganz unentzifferte Schriftgattungen mit einem be-
kannten Schrifttypus, wie es der phönikisch-griechische ist, zu vergleichen,
und noch dazu, wenn, wie es sehr wahrscheinlich ist, die verglichenen
Schriften (nämlich von Alvao und die kretische), Silben- und Wortzeichen
statt Buchstaben darstellen. Von den beiden Steinen von Alvao enthält
der eine 17, der andere 13 Zeichen, zusammen also 30; davon sind 22 bis
24 Zeichen verschieden, von den 13 des kleineren Steines sogar alle. Be-
denkt man, daß in den 48 Zeichen der von mir als Probe gegebenen phöni-
kischen Inschrift nur 17 Buchstaben des 22 Buchstaben enthaltenden
Alphabetes vertreten sind, und 5 gar nicht vorkommen, dafür einige der
übrigen 17 mehrere Male begegnen (so M und CH 5mal, B, H, S, Sade,
Kopf und Sch je 4mal), so darf man wohl sicher schließen, daß die Schrift
der Alvaosteine kein Alphabet gewesen sein kann; denn es ist undenkbar,
daß in den 17 + ı3 Zeichen schon das ganze Alphabet (22 verschiedene
Zeichen machen ja ein primitives Alphabet aus) enthalten gewesen sein
konntel). Es muß hier also eine Ideogrammen- oder Silbenschrift vor-
liegen. Daß die Schrift der kretischen Tontafeln eine Silben- und Wort-
zeichenschrift war, gibt Lichtenberg selbst zu. Schade, daß er nicht auch
noch die elamische Nationalschrift, die mit der kretischen so auffallende
Familienähnlichkeit zeigt, mit abgebildet hat ?); auch hier kommt die
für die Kreter so charakteristische Doppelaxt (gewiß ursprünglich ein
religiöses Symbol) in mehreren Varianten vor, wie ja auch das für die
Elamiter charakteristische gerade Kreuz (vgl. oben die Abb. auf S. 45)
umgekehrt auch in Kreta als Tempelsymbol gefunden worden ist?) —
also gewiß ein Grund, wenigstens die Frage aufzuwerfen, ob nicht die
kretische Kultur Einwirkungen von Elam (im Osten Babyloniens) her
erfahren hat. |
1) Oder ein anderes Beispiel: Die in dem älteren 24 buchstabigen Runenalphabet
(das jüngere hatte nur 16) geschriebene Schale von Tondern hat 32 Zeichen (in
fünf Worten); von diesen 32 Zeichen sind nur 16 (also ?/, des ganzen Alphabets)
verschiedene Zeichen. Die in dem ı6buchstabigen Alphabet geschriebene Inschrift
von Linga (Södermanland) enthält auf 71 Zeichen 14 verschiedene; von den ersten
6Wörtern (= 31 Zeichen) sind 12 verschieden, von den letzten 7Wörtern (= 29 Zeichen)
ebenfalls ı2, so daß man also wohl sagen kann, daß im Durchschnitt auf 30 Zeichen
12 verschiedene (d. i. 3/, des ganzen nur 16buchstabigen Alphabets) kommen.
2) Vgl. de Morgan’s Mémoires VI (= Pater Scheil, Textes Elamites-Sémiti-
ques III), p. 8 und pl. 2 und dazu (die Inschrift ist eine Bilinguis) den Entzifferungs-
versuch Carl Franks in den Abh. der Berl. Akademie.
3) Auch das mystische Svastikazeichen (urspriinglich eine Art Sonnenrad)
begegnet schon auf den ältesten elamitischen Vasen.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, 1. 1. 4
50 Fritz Hommel
Ich halte es für durchaus unzulässig, verschiedene örtlich und zeitlich
so weit auseinanderliegende Schriftarten, wie die von Alvao und Kreta
einer- und das phönikische Alphabet anderseits miteinander zu vergleichen,
wenn man nicht durch die Zeichenwerte (die uns ja bei der einen Gruppe
gar nicht bekannt sind)Anhaltspunkte dafür hat. Denn die eine Tatsache
möchte ich hierbei ganz besonders betonen: daß nämlich, wo irgendwo
als Strichelschrift auftretende oder zu einer solchen durch Entwicklung
und Vereinfachung gewordene Zeichensysteme uns begegnen, bei Zeichen
von 2, 3 oder 4 Strichen mit Naturnotwendigkeit ähnliche oder geradezu
identische Formen auftreten müssen, die natürlich gar nichts miteinander
zu tun zu haben brauchen (so z. B. ein Dreieck, ein Gitter, ein Haken,
ein H-ähnliches Zeichen usw. usw.). Erst, wenn derartige ähnlich aus-
sehende Zeichen bei räumlicher wie zeitlicher Entfernung die gleichen
Werte haben, also wenn z. B. ein Gitterzeichen einen Hauchlaut darstellt,
ein Dreieck einen Dental, ein Kreis einen Guttural, eine Zickzacklinie
einen Zischlaut usw. usw., hat man das Recht, von einem Zusammenhang
zu reden.
Nun zum Schluß noch ein Wort über das erst seit nachchristlicher Zeit
bezeugte germanische Runenalphabet, was ja Lichtenberg eben-
falls für seine These ins Feld führt. Hier liegt, wenn man die einzelnen
Zeichen mit dem lateinisch-etruskischen Alphabet vergleicht, die Her-
leitung von dem letzteren auf der Hand !); es haben nur ganz wenige
Umbildungen (bzw. Neubildungen) einzelner Zeichen stattgefunden, so daß
wir nicht einmal berechtigt sind, neben der (weitaus größten) Anzahl der
vom lateinisch-etruskischen Alphabet entlehnten etwa ein früheres ein-
heimisches Alphabet anzunehmen. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim
keltiberischen und beim turdetanischen Alphabet. Daß gerade der Gott
Odin (Wodan) die Runen ersonnen haben soll, hat darin seinen Grund,
daß dieser Gott dem griechischen Hermes (dem lat. Merkur), dem Gott der
Schrifterfindung, entspricht; vgl. den Wochentag dies Mercurii (unsern
Mittwoch), Mercredi, Mercoledi, und den entsprechenden germanischen
Wodanstag, engl. Wednesday. Bei der Strabostelle über die in Südspanien
wohnenden Turdetanier hätte bemerkt werden sollen, daß die weitaus
wahrscheinlichere Lesung &rxwv statt &xwv ist, also Gedichte und metrisch
abgefaßte Gesetze von 6000 Versen Länge (statt von 6000 Jahren). Und
was man endlich ägäische Schrift nennt, sind sogenannte Steinmetzzeichen,
die immer nur vereinzelt vorkommen (höchst selten stehen zwei bis drei
nebeneinander) und deren Bedeutung man ebenfalls nicht kennt.
Der geneigte Leser mag nun selbst entscheiden, ob man der bloß zufälligen
Ähnlichkeit von Zeichen, deren Aussprache man gar nicht kennt oder die
1) Das wird noch dadurch bestätigt, daß auch die Vokalzeichen mit entlehnt
worden waren; und obwohl die Germanen die Zeichen anders ordneten (Futhark usw.
statt A, B, C usw.), so haben sich Reste der phönik.-griech. Ordnung dennoch bei
p, r, s, t und bei m, I noch erhalten.
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. 51
sogar ganz verschiedene Werte haben!), eine solche Beweiskraft zu-
messen darf, daß man deshalb die allen Analogien widersprechende und alle
bisher bekannten Tatsachen auf den Kopf stellende Zickzackentwicklung
(vgl. die oben S.23f. postulierte Umbildung von Alphabetzeichen in
Silbenschrift und dann weiter „die Rückbildung der einstigen Silbenschrift
zur späteren griechischen Buchstabenschrift‘‘), die Lichtenberg aufstellt,
annehmen müßte. Ich glaube, daß bei einer unbefangenen Vergleichung
unserer beiderseitigen Ausführungen die Wahl, welchem System mehr
innere Geschlossenheit und Wahrscheinlichkeit zukommt, nicht schwer
fallen diirfte.?)
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia.
Von Dr. R. Stübe.
ie bevorstehende „Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und
Graphik“ wird uns mit den bisher wenig bekannten Schriftdenkmälern
einer zentralasiatischen Kultur bekannt machen, die ohne lebendige
geschichtliche Nachwirkungen verschwunden ist. Über die Träger dieser
Kultur und ihr geschichtliches Dasein mögen einige Bemerkungen vorauf-
gesandt werden. Aus den chinesischen Annalen erfahren wir von Kämpfen
Chinas mit Völkern im Nordwesten des Reiches, unter denen im 8. Jahrh.
die Hsia als bedeutende Macht hervortreten, von den Chinesen
Hsi-Hsia (westliche Hsia) genannt. Seit dem 8. Jahrh. begann dieses Volk
eine selbständige Rolle zu spielen, so daß im Jahre 1034 das Reich der Hsia
feierlich seine Unabhängigkeit erklärte. Dieser Staat umfaßte die nörd-
lichen Teile der heutigen Provinzen Kansu, Schensi und Teile Ostturkestans.
Die Hauptstadt, deren Ruinen 1908 und 1909 von einer Expedition der
1) So stellt Lichtenberg auf seiner vergleichenden Tabelle zu dem aus A ent-
standerien Runenbuchstaben a nicht bloß verschiedene andere Zeichen für a, h, v
und s, sondern auch noch die kyprischen Silbenzeichen pa, to und lo; die kyprische
Schrift hat bekanntlich für jeden Laut fünf Silbenzeichen, z. B. für m die fünf Zeichen
ma, mi, me, mo und mu.
2) Meinen früheren Ausführungen im ‚„Grundriß‘‘ (1904) hat sich der bekannte
Wiener Gelehrte Dr. Wolfgang Schultz im Memnon, Band III, S. 184 — 188 (in seinem
geist- und inhaltreichen Aufsatz „Das Hakenkreuz als Grundzeichen des west-
semitischen Alphabetes‘‘, ebenda, $. 175— 200 nebst 35 Abb. auf 4 Tafeln) rückhalts-
los angeschlossen. Nur glaubt er, daß auch Daleth, He und Samek als sekundäre
Erweiterung anzusehen sind, daß aber dafür das Zeichen für Teth (ein Kreis mit
eingezeichnetem Kreuz) beizubehalten ist, da es das symbolische Rad des Mondes
vorstelle. Der Mond wäre dann zweimal vertreten; wenn Schultz hier recht hätte,
möchte ich das Teth eher für das Sonnenrad halten, das der Sonne (Ajın) gegenüber
gestellt worden wäre, ähnlich wie dem zunehmenden Mond das Haus und dem Saturn
(bzw. dem abn. Mond) das Regenzeichen beigesellt worden ist.
4%
52 Dr. R. Stübe
Kaiserl. Geogr. Gesellschaft zu St. Petersburg unter Führung des Obersten
Kozlow ausgegraben wurden, war Khara-khoto an dem Flusse
Khara-baischingen-gol, nahe an der Nordgrenze Chinas gelegen (etwa
4112°r nörd. Br., 100° östl. L.). Die Stadt war Sitz eines Herrschers der
Hsia, der nach Angabe chinesischer Annalen tibetischer oder — nach
anderen Quellen — tungusischer Nationalität war. Da die Kultur der Hsia
keine heute noch lebenden Vertreter hat, so ist ihre Nationalität nur auf
Grund ihrer Sprache zu erkennen. Der Staat hat bis ins 13. Jahrh. be-
standen; 1226 hat der große Mongole Tschinghiz-chan dieses Reich zerstört.
Von der Kultur der Hsia zeugt nun eine Fülle von Schriftdenkmälern.
Nahe bei Kharo-khoto fand Oberst Kozlow einen Stupa — ein indisches
Heiligengrab, das wahrscheinlich zu Ehren eines buddhistischen Lama
richtet war. Aus dieser Stätte stammt ein Fund von seltenem Umfang und
großer Bedeutung. ‚Die Expedition hat Tausende von vollständigen
Büchern und eine Menge von Rollen, Heften sowie einzelnen Blättern
gefunden, dazu Hunderte von Darstellungen Buddhas in Malerei und
Skulptur.‘ (Kozlow in den „Izwjestija Imperatorskago Russkago Geograf.
Obschtschestwa, Bd. XLIV, S.429“). Diese Massen, die sich heute in Peters-
burg befinden, beweisen, daß der Buddhismus in der Form des mongo-
lischen Lamaismus im Reiche der Hsia herrschte, daß wir hier also indische
Kultureinflüsse neben den chinesischen annehmen müssen. Die erwähnten
Malereien und Skulpturen bestätigen das. Die aus Tibetern, Chinesen
und Türken gemischte Bevölkerung gehörte dem Buddhismus an, der von
den Herrschern begünstigt wurde.
Das Schriftsystem der Hsia wurde geschaffen, als sich die Dynastie der
Hsia selbständig machte; es bestand etwa 200 Jahrhunderte bis zum
Untergang des Reiches. Als Denkmäler kommen sehr verschiedenartige
Aufzeichnungen in Frage. Es diente im diplomatischen Verkehr sowie
zur Niederschrift von Annalen, vor allem sind buddhistische Texte ins
Hsia übersetzt worden.
Bevor durch Kozlows Ausgrabungen ganze Massen an Hsia-Literatur wieder
ans Tageslicht kamen, kannten wir nur wenige Hsia-Denkmäler. Der
erste Europäer, der über die Schrift der Hsia berichtet hat, war der eng-
lische Sinologe A.Wylie!). Er hat eine insechs Sprachen und Schriftarten
aufgezeichnete buddhistische Inschrift, die freilich nur aus sich wieder-
holenden religiösen Formeln besteht, untersucht. In ihr erscheinen
nebeneinander Chinesisch, Hsia, Uigurisch, mongolische Quadratschrift,
Tibetisch, Devanagari. Sicher ist dieses Dokument ein merkwürdiges
Zeugnis für die Völker- und Kulturmischung im Reiche der Hsia. Die
Schrift der Hsia wird von Wylie mit den Namen eines Stammes als die der
Niü-tschi bezeichnet. Ein Syllabar der Schrift hat Wylie aufgestellt,
doch scheint es noch nicht zu genügen. Auch fehlt bisher eine gute Kopie
1) On an ancient Buddhist Inscription at Keu-yung-kwan in North China. Journ.
of the Royal Asiatic Society, New Series, vol. V, 1871, p. 14—44.
Archiv fiir Schriftkunde. Heft 1.
Hsi-Hsia-Chinesisches Glossar.
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia 53
dieser sechssprachigen Inschrift von Tschiu-yung-kuan, da Wylie eine
moderne Abschrift gibt, die allzuklein ist.
Sodann haben wir eine viersprachige Inschrift ausMo-kao -ku in
Hsia, Devanagari, tibetischer und mongolischer Quadratschrift.
' Eine zweisprachige (chinesisch-tangutische) Inschrift stammt aus
einem buddhistischen Tempel in Liang-tscheu (Kansu)!).
| Das weitaus umfassendste Dokument der Hsia-Literatur ist eine Pracht-
handschrift, von der die Kgl. Bibliothek fünf Bände besitzt, während der
Rest noch in Privatbesitz ist. Es ist eine Handschrift von seltener Schön-
heit; der Grund ist dunkelblau gefärbt, die Zeichen sind in mattem Gold
geschrieben. Goldene Zierleisten und Ornamente bezeugen die . große
Sorgfalt, die auf Herstellung der Handschrift verwandt worden ist. Bisher
ist die Handschrift nicht entziffert; da ihr aber chinesische „Zungen“,
d. h. Titelstreifen beigegeben sind, so ist es möglich, die Bandzahlen und
den Inhalt zu bestimmen. Es liegt hier die Übersetzung eines indischen
und zwar buddhistischen Werkes, des Saddharmapundarikasütra, vor.
Die Schönheit der Ausführung bekundet, daß es im Reiche der Hsia
eine Stätte gab, wo auch die Buchkunst gepflegt wurde, wo es ge-
schulte Kalligraphen gab. Wahrscheinlich war es ein budhhistisches
Kloster, das wir mutmaßlich bei Kharo-khoto suchen dürfen. Eine far-
bige Reproduktion einzelner Teile dieser Handschrift wird der Ver-
fasser in der zentralasiatischen Abteilung der Leipziger Buchgewerbe-
ausstellung durch die gütige Unterstützung der Kgl. Bibliothek zu Berlin
vorlegen können.
Die Frage nach der Herkunft der Schrift und ihre Entzifferung sind
außer in der oben genannten Arbeit Dev£rias behandelt von S. W. Bu-
shell?) und von G. Morisse?). Devéria und Bushell meinen,
daß die Hsia-Schrift ein selbständiges System sei; Morisse gibt eine Liste
der Zeichen, die mit Hilfe der chinesischen Ubersetzung des Hsia-Tex-
tes nach Lautwert und Bedeutung erkannt sind, sowie derjenigen Zei-
= chen, deren Bedeutung erschlossen, aber deren Lautwert noch nicht er-
kannt ist.
Ganz erheblich ist sodann die Kenntnis des Schrifttums der Hsia durch
den groen Fund Kozlows bereichert worden. Die Arbeit an der Ent-
zifferung und der sprachlichen Forschung ist zumal durch den russischen
1) G. Devéria, Stèle Si-Hia de Leang-Tcheou (Journal Asiatique. IX. série,
tome XI, p. 53—74). Devéria, L'écriture du royaume de Si-Hia ou Tangout (Mémoires
présentés par divers savants à l’Acad. des Inscr. et Belles-Lettres, 1901. I. Partie,
Tome XI, p. 147—175.)
2) The Hsi-hsia Dynasty of Tangut. Journ; of the China-Branch of the Royal
As. Soc. 1895—96, vol. 30.
3) Contribution préliminarire a l'étude de l’écriture et de la langue Si-Hia.
(Mémoires présentés par div. savants a l'Acad. des Inscr. et B.-L. Prem. Série, Tome XI,
1978, p. 313— 379.)
54 Dr. R. Stübe
Sinologen Prof. A. Ivanov gefördert worden.!) Die Funde Kozlows um-
fassen Texte in chinesischer, tibetischer und in der Hsia-Sprache. Es
haben sich, soweit der Fund von Prof. Ivanov bisher durchgearbeitet ist,
Texte aus den kanonischen Büchern der Chinesen, aus chinesischen Philo-
sophen (Lao-tse und Tschuang-tse), zahlreiche chinesische Übersetzungen
buddhistischer Texte und Stücke von offiziellen Dokumenten aus den
politischen Beziehungen zwischen China und dem Staat der Hsia ge-
funden. Die tibetischen Texte sind wohl ausnahmslos religiösen Inhalts.
Die Hsia-Texte sind teils religiös-buddhistischen teils historischen Inhalts,
soweit chinesische Beischriften die Bestimmung ihres Charakters ermög-
lichen. ’
Von ganz besonderem Interesse für uns ist aber e i n e Handschrift, an die
sich die Hoffnung, Schrift und Sprache der Hsia näher zu erkennen knüpft.
Im Jahre 1189 hat ein gewisser Ku-lé ein Buch verfaBt, das seinem Volke,
den Hsia, die Erlernung des Chinesischen erleichtern sollte. Er begriindet
dieses Unternehmen mit dem interessanten Satze: ,,da das Sichnicht-
verstehen der Völker die Verbreitung geistiger Kultur hindert“. Das
Buch führt den langen Titel: „Fan-han-h&-schih-tschang-
tschung-tschu“ (d.i. „die auf der Handfläche liegende, zeitgemäße,
den Chinesen und dem Volke Fan angehörige Perle‘).
Der Inhalt dieser ‚Perle‘ ist freilich recht dürftig. Es ist nichts anderes
als ein knappes Wörterverzeichnis und eine Sammlung von Redewendungen,
die im täglichen Verkehr vorkommen. Das Buch entspricht also kaum
den dürftigsten Sprachführern, die bei uns dem Publikum geboten werden.
Das Wörterverzeichnis ist in diesem Glossar geordnet nach sachlichen
Gesichtspunkten: Himmel und Himmelserscheinungen, Jahreszeiten, Erde,
Meer, Himmelsgegenden, Verwandtschaftsgrade, Körperteile, Gebrauchs-
gegenstände, Tiere, Pflanzen, Begriffe, Adjektiva, Verba, Zahlen.
Das Glossar gibt nicht nur die chinesische Übersetzung, sondern (in
chinesischen Zeichen) auch die Umschrift der im Hsia lebenden Laut-
gestalt der Worte. Freilich stehen der Verwertung der chinesischen
Transkription einer fremden Sprache gewisse Schwierigkeiten im Wege.
Nicht immer ist der Lautwert der Hsia-Zeichen mit Hilfe der chinesischen —
zumal für den Auslaut — sicher zu ermitteln. Vor allem kann sich die
chinesische Lautform der chinesischen Worte seit dem 12. Jahrh. geändert
haben. Indes weist Ivanov darauf hin, daß sich mit Hilfe der mongolischen
Quadratschrift, alttürkischer und uigurischer Inschriften feststellen läßt,
daß die heutige Lautform des Pekinger Dialektes sich nicht wesentlich von
der chinesischen Lautform des ıı. und 12. Jahrh. entfernt hat. Wenigstens
1) A. J. Ivanov, Zur Kenntnis der Hsi-hsia-Sprache, mit ı Tafel, St. Peters-
burg 1909 (Bulletin de Acad. Imper. des Sciences de St. Petersbourg 1909, p. 1221
bis 1233.) A. J. Ivanov, Dokumenty iz goroda Khara-khoto, I. St. Petersburg 1913.
(Daselbst 1913, p. 811—816.)
Die Schriftdenkmiler der Hsi-Hsia 55
hat der Pekinger Dialekt die Konsonanten erhalten (nur k wird ts, ch
wird k, und s wird h).
Der Blockdruck, in dem unser Glossar ausgefiihrt ist, scheint so an-
gelegt zu sein, daB links (als erstes Zeichen einer Kolumne) das Hsia-
Zeichen steht. Dann folgt das entsprechende chinesische Wort, also die
Übersetzung (in der Mitte), rechts steht in chinesischer Schrift die
Wiedergabe der Lautgestalt des Hsia-Wortes. Wir finden z. B.
auf der ersten Zeile der linken Kolumne ein Hsia-Zeichen, das durch das
chinesische A (jin) „Mensch“ übersetzt wird, dann folgt die Umschrift
in der chinesischen Umschrift Æ JÈ (tzu-ni). Die annähernde Richtig-
keit der chinesischen Umschrift wird dadurch gesichert, daß
sich aus ihr zahlreiche Worte der Hsia-Sprache ergeben, die im Tibe-
tischen (oder Mongolischen) sehr ähnlich lauten. Damit erfassen wir den
Charakter der Hsia-Sprache, des Tangutischen; es wird seine nächsten
Verwandten in nordtibetischen Dialekten haben.
Woher aber stammt die Schrift? Daß sie in ihrem typischen Eindruck
der chinesischen ähnlich ist, liegt auf der Hand. Zugleich aber decken
sich die Hsia-Zeichen in ihren Elementen jedenfalls nicht mit den begriff-
lich entsprechenden Worten des Chinesischen. Und doch wird die Hsia-
Schrift nicht unabhängig von der chinesischen sein. Es ist nicht ausge-
schlossen, daß hier eine „Erfindung“ vorliegt, beider Elemente der
chinesischen Schrift benutzt, aber ganz frei verwertet sind, so daß diese
Schrift — übrigens wie die chinesische eine Wortschrift — für die
Hsia-Worte völlig neue Gestalten gebildet hat. Dieses Problem aber ist
noch nicht völlig gelöst. Ich darf hoffen, später in diesem Blatte von
einer fortgeschrittenen Entzifferung der Hsia-Schrift berichten zu können.
Mitteilungen.
Stenographiermaschine. Am 24. November 1912 wurde von Frau K. Stobbe,
Charlottenburg und Herrn E. Wilkendorf, Coswig-Anh. das Deutsche Patent für eine
„Schreibmaschine für Kurzschrift‘‘ nachgesucht und vom Kaiserlichen Patentamt
am 9. Dezember 1913 unter Nr. 268836 erteilt. — Bei der Erfindung dieser Steno-
graphiermaschine wurde, wie uns mitgeteilt wird, von dem Gedanken ausgegangen,
daß das Hoch- und Tiefstellen der Zeichen, sowie der Druck maschinell nicht durch-
zuführen seien, wie dies auch schon mehrfache Versuche bewiesen hatten. Es
wurde deshalb dazu übergegangen, die Vokale durch de verschiedene Fär-
bung der Konsonanten anzuzeigen. Selbstverständlich sind aber auch die Vokale
als solche auf der Maschine vertreten, was sich schon wegen vorkommender Vokal-
häufungen der Um- und Doppellaute als notwendig erwies. So ist demnach ein in
der Farbe des e geschriebenes a = ä, ein in der Farbe des u geschriebenes a = au usw.;
ebenso zeigen die Zahlen durch ihre Färbung ihre Einer-, Zehner- usw.-Stellung an.
Ferner ist noch jedem stenographischen Zeichen in jeder Farbe alleinstehend
ein Sigel zugeteilt. Da die Maschine gleich jeder gewöhnlichen Schreibmaschine
56 Mitteilungen
über 2mal 42 = 84 Zeichen verfiigt, so ergibt das auch nach Abzug der Zahlen
und der Interpunktionszeichen eine groBe Anzahl von Sigeln. Wenn nun auch
zugegeben werden muß, daß die Menge der Sigel das Erlernen der Maschinen-
stenographie erschwert, so ist dem einerseits entgegenzuhalten, daß sich ein großer
Teil der Siegl von selbst ergibt, so z. B. ein m in der Farbe des a = am, ein m in
der Farbe des i = im, ein m in der Farbe des u = um usw., und daß andererseits
die Stenographiermaschine auch bei noch nicht vollständiger Beherrschung der
Sigel doch schon in bezug auf die Schnelligkeit ein bedeutendes Übergewicht
über die handschriftliche Stenographie hat. Je vollkommener der Maschinen-
stenograph das Siegelsystem beherrscht, um so glänzendere Leistungen wird er
aufweisen können. Die Maschine ist, wie schon nach Vorstehendem zu vermuten,
mit einem fünffarbigen Farbband versehen, das in der Ruhelage mit dem Mittel-
streifen in Schwarz für e arbeitet; für die anderen vier Farben wird das Farbband
für je zwei gehoben bzw. gesenkt. Zum Heben und Senken des Farbbandes ist eine
patentierte Hebelvorrichtung angebracht, die mittelst der in der Tastatur liegenden
Farbbandtasten bedient wird. Dem Maschinensystem, das natürlich einer besonderen
Ausarbeitung bedurfte, sind in erster Linie die Zeichen Gabelsbergers zugrunde
gelegt, doch ließen sich diese nicht ausschließlich verwenden, da z. B. das t und f
dieses Systems zu Unklarheiten geführt hätten; andere Zeichen wieder mußten
etwas geändert werden, doch sind im ganzen die Abweichungen von den
Zeichen des Gabelsbergerschen Systems gering. Mit dieser Stenographiermaschine
kann man leicht eine Schnelligkeit erlangen, wie sie bisher kaum von sehr
geübten Debattenschreibern erreicht wurde, und das Stenogramm hat den Vorzug,
daß es nicht mit individuellen Mängeln behaftet, sondern vollkommen korrekt ist;
es ist deshalb nicht mehr, wie bisher, ein sofortiges Übertragen des Stenogramms
durch den Schreiber selbst notwendig, sondern das Stenogramm kann direkt als
Manuskript für jeden Setzer dienen, der das System beherrscht, auch ist das Steno-
gramm sofort nach seiner Aufnahme versandfertig und kann, mit kopierfähigem
Farbband aufgenommen, leicht in mehreren Exemplaren weiter gegeben werden.
Die vorliegende Stenographiermaschine eröffnet somit der Anwendung der Steno-
graphie außerordentlich weite Möglichkeiten. — — Wir werden auf die Maschine,
die, wenn sie brauchbar ist, von nicht geringer Bedeutung sein wird, später noch
zurückkommen.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 57
Über den Ursprung und die Entwicklung der
äthiopischen Schrift
Von Dr. Adolf Grohmann.
J. Schrift und Sprache.
D: äthiopische Schrift stellt in ihrer ältesten erreichbaren Form die
graphische Fixierung jener Sprache dar, die, in der ersten Hälfte
des 4. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich festgehalten, im aksu*
mitischen Reiche als Amts- und Umgangssprache in Gebrauch war'),
die Sprache, in die etwa ein Jahrhundert später die Evangelien über-
tragen wurden. Die äthiopische Literatur bezeichnet sie mit dem Na-
men lesana Geʻez ANTS: AGH: „die Ge ezsprache“?), welche. Bezeich-
nung auch von europäischen Gelehrten angewendet wurde’); hier soll
für Schrift und Sprache mit Job Ludolf und A. Dillmann an der, wenn
auch historisch jüngeren, so doch einmal üblichen Bezeichnung ‚‚äthio-
pisch“ festgehalten werden. Mit der Regierung der Zague-Dynastie,
durch Yekuno ‘amlak (1270—1285 n. Chr.) begründet, beginnt der Verfall
der äthiopischen Sprache, die, der Verlegung des politischen Schwer-
punktes nach Süden entsprechend, dem dort als Volkssprache ge-
1) Die Aksumiten haben nach E. Littmann ‘Deutsche Aksumexped, Bd. IV, S. 76)
etwa im ı. oder 2. Jahrhunderte, jedesfalls nicht später als 300 n. Chr. begonnen, ihre
Sprache im sabdischen Alphabete zu schreiben Littmann Nr. 6, 8, davon Nr. 6
mit der altäthiopischen Nr. 7 auf einem Stein). In der ersten Zeit wurde am Königs-
hofe wahrscheinlich auch sabäisch gesprochen, worauf die sabäischen Worte für
„König“ (449g) „Sohn“ (Iı[]) in Littmann Nr. 6 hindeuten. Im ganzen und großen
war das Verständnis der sabäischen Sprache zu dieser Zeit (um 350 n. Chr.) aber
schon sehr gering, man sprach eben schon allgemein äthiopisch und ließ so bald auch
die sabäische Schrift am Hofe fallen, an deren Stelle noch unter demselben Regenten
‘Ezana schon mit Littmann Nr. 9 die altäthiopische trat (um 350 n. Chr.).
2) Vgl. Job Ludolf, Grammatica aethiopica Ed. II, Francofurti ad Menum 1702.
Dissertatio § 7f.
3) So zuerst von E. Rödiger, Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I.
(1837) S. 336.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2,3. 5
58 Dr. Adolf Grohmann
sprochenen Amharischen Platz machte'). Als Sprache der Kirche und
der Literatur aber hat sie sich noch lange erhalten und war, wie bei
uns das Latein, noch zu Ludolfs Zeiten dem Hofe, der Priesterschaft
und den Gebildeten verständlich?. Bis in die Mitte des ı8. Jahr-
hunderts, schon stark mit amharischen Bestandteilen gemischt, hat sich
das Athiopische als Sprache der Chroniken, lesana tarik (A\]F: FZ7\:)
erhalten. Seit dieser Zeit ist die Sprache nur mehr als die Sprache
des Kultus im Gebrauch, die Amtssprache und die Sprache des Hofes
ist heute in Abessinien das Amharische. Von den heute in Abessinien
gesprochenen Volkssprachen kommt dem Äthiopischen am nächsten das
Tigre, in zweiter Linie das Tigrina?), die zum Äthiopischen im Ver-
hältnis von Schwestersprachen stehen; eine Menge äthiopischer Wörter
findet sich auch in dem sonst ziemlich fern abstehenden Amharischen.
Von diesen drei modernen Dialekten hat zuerst das Amharische, in
dem schon um 1600 Königslieder aufgezeichnet wurden‘), durch Modi-
fikation von sieben Buchstaben des äthiopischen Alphabetes ñ, +t, 5,
N, H, P, M zu A, F, > Hh, H, FB, m für die sieben in der äthio-
pischen Sprache fehlenden Laute š ‘UJ: und fl. werden nämlich wie s
gesprochen) €, n, kh, 2, d, c das äthiopische Alphabet für seinen Laut-
bestand zurecht gemacht, das so auch heute noch im Gebrauch ist,
wenigstens im amtlichen Verkehr und unter den Gebildeten. Anfäng-
lich wurde nur selten amharisch geschrieben). Im Tigre und Tigrina
entwickelt sich unter der Leitung der schwedischen Mission eine Lite-
ratur unter Verwendung der amharischen Lettern?).
In den grammatischen Untersuchungen des “Abba Takla Maryam’)
scheint sogar die äthiopische Sprache wenigstens zum Ausdruck wissen-
schaftlicher Themen wieder aufleben zu wollen.
1) So nannte man das Amharische lesana negus (AMT: 49-40) „Sprache des
Königs“. Vgl. F. Prätorius, Die amhar. Sprache, Halle 1879, S. 2.
2) Vgl. Job Ludolf a.a. O. § 14—17.
3) Vgl. F. Prätorius, Grammatik der Tigriñasprache, Halle 1871, S. 4, zum Ver-
breitungsgebiet beider Sprachen die Karte von M. Checchi, G. Giardi, A. Mori,
Lingue parlate nella colonia Eritrea 1912, Rivista Coloniale Anno VII, 25. Nov. 1912
mit einem einschlägigen Artikel von C. Conti Rossini S. 349— 53.
4) Vgl. F. Prätorius, Die amharische Sprache, S. 2.
5) Job Ludolf, Gramm. Aeth. Diss. § 17. Gramm. linguæ Amharicae, Praefatio.
Zu erwähnen ist auch, daß die Jesuiten einige biblische Bücher ins Amharische über-
tragen haben sollen, sowie daß es von Peter Heyling heißt, er habe (in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts) das Evangelium Johannis ins Amhar. übersetzt.
6) So wurde im Tigre, doch mit amharischen Lettern das „Evangelium enligt
Markus, pa Tigre-spraket‘‘ zu Mukullo 1889 gedruckt, eine Christenlehre nach der
Bibel im Tigrifia erschien r910 in Asmara, vgl. C. Conti Rossini, Riv. degli Studi
Orientali VI, 1913, S. 288.
7, Vgl. C. Conti Rossini, Riv. Studi Orient. VI, 1913, S. 287.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 59
2. Das vorliegende Schriftmaterial.
Die äthiopische Schrift ist uns auf abessinischem Boden auf Denk-
mälern aus Stein, auf einer Felswand in der Nähe von Cohaito, auf
Münzen‘), auf Gemälden in Kirchen und endlich in Pergament- und
Papierhandschriften erhalten. Aus den ersten drei Gruppen hat, nach-
dem bereits H. Salt?), E. Rüppell?), Th. Lefebvre*) und Th. Bent)
Kopien altäthiopischer Inschriften aus Abessinien mitgebracht hatten,
um deren Entzifferung sich besonders A.Dillmann®) und D.H.Müller’)
verdient gemacht haben und auch C. Conti Rossini) ein wichtiges
Denkmal aus heidnischer Zeit (etwa 350 n. Chr.) hinzugefügt hatte, die
deutsche Aksumexpedition im Jahre 1906 wohl alles Material gesammelt,
das überhaupt noch erreichbar sein wird. Mit der prächtig ausge-
statteten Publikation dieses Materials durch E. Littmann?) ist erst für
eine paläographische Würdigung der äthiopischen Schrift die Grund-
lage geschaffen worden und wenn ich nach der von E. Littmann
auf S. 76—8r seines Werkes gegebenen Charakteristik der Sprache
und Schrift der ,altabessinischen Inschriften“ das Wort zu diesem
Thema ergreife, so geschieht dies, um jetzt alles über die äthiopische
Schrift Einschlägige hier zusammen zu tragen, ihre Entwicklung durch
den Lauf der Jahrhunderte zu verfolgen, und ihrem Ursprung aus der
sabäo-minäischen Schrift mit besonderer Berücksichtigung der Graffiti
nachzugehen. Zu leichterer Verfolgung dieses Weges habe ich unter
Beniitzung von E. Littmanns Tafel ,,Die altathiopische Schrift und
des in seinem Werke enthaltenen inschriftlichen Materials eine Schrift-
tafel entworfen, die auch das älteste handschriftliche Material mit
berücksichtigt (Tafel III).
ı) Vgl. A. Dillmann, Über die Anfänge des Axumitischen Reiches, Abh. Kgl.
Preuß. Akad. 1878, S. 226—30.
2) H. Salt, Voyage en Abyssinie, Paris 1812.
3) E. Rüppell, Reise in Abyssinien (1838).
4) Theophile Lefebvre, Voyage en Abyssinie exécuté pendant les années 1839—43.
5) J. Th. Bent, The Sacred City of the Ethiopians, Lond. 1893.
6) A. Dillmann, Über die Anfänge des Axum. Reiches, Abh. Königl. Preuß. Akad.
Wissensch. zu Berlin, 1878, S. 210 ff.
7) D. H. Miiller, Epigr. Denkm. aus Abessinien, Denkschr. k. Akad. d. Wissensch.
in Wien. Phil. Hist. Cl., Bd. XLIII, 1894.
8) C. Conti Rossini, L’iscrizione dell’ obelisco presso Matara, Reale Acc. dei
Lincei, Rendiconti Vol. V, 1896, p. 250—253.
9) Deutsche Aksumexpedition, herausgegeben von der Generalverwaltung der Kgl.
Museen zu Berlin Bd. IV. Sabäische, griechische und altabessinische Inschriften von
Enno Littmann, Berlin 1913. Ich zitiere die äthiopischen Inschriften dieses Werkes
im folgenden unter „Littmann“ mit beigesetzter Nummer in der Reihenfolge der
Edition.
5*
60 Dr. Adolf Grohmann
a) Inschriftliches Material.
Dieses scheidet sich in zwei Gruppen: a) Inschriften in unvokali-
sierter und b) in vokalisierter Schrift.
Zu a) gehört: Littmann 7, 8, Inschriften des ‘Ezana (erste Hälfte
des 4. Jahrh. n. Chr.), Littmann 13, 14 (beide 7.—12. Jahrh. n. Chr.),
17'), 18 (altchristl.), 20, 21, 22 (altchristl.); alle bis jetzt genannten Inschriften
stammen aus Aksum; 23 (altchristl.) aus “Abba Likanos, 24 (bei Aksum),
We HV Mw
ee Atte
|> YEN XN: Hy,
| NEV ADNE +s: mi
OV NAH: ARPA |
L LEHIAK Ag N
í au an
Abb. J: Cod. Vindob. Aeth. 2]. fol. J08r (Anfang des XIV. Jh.).
25 Steinmetzzeichen (aus Aksum), 26 Steinmetzzeichen im Grabe des Gabra
Maskal (6. Jahrh., aus Aksum), 33 altchr. Graffito aus Debra Dammo,
34 Stele von Matara (etwa 350 n. Chr.), 39 Graffito aus Toconda. Von
den Graffiti aus Cohaito (Littmann 40—100) gehört hierher: Nr. 41, 44,
1) Ein Fragment davon ist nach E. Littmann vielleicht die bei Salt, Voyage
en Abyssinie, Paris 1816, II, S.179 abgebildete Inschrift. Salt war der erste, der
Kopien altäthiopischer Inschriften (Littmann 15, 19 nach Europa brachte.
Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 61
47, 49, 52 (54), 55, 56, 57—60, 62, 65 (67), 69 (70), 71—74, 77, 79, 80—85,
87, 96, 97, 100.
Zu b): Littmann 9, ıo (erste Hälfte des 4. Jahrh. n. Chr., Inschriften
des oben genannten ‘Ezana, heidnisch), rr (um 350 n. Chr., christl.), r2
(etwa 7.—12. Jahrh. n. Chr.), 15, 16 (altchristl.), 19 (um 1000). Alle bis jetzt
genannten Inschriften stammen aus Aksum; ferner die Ge ezinschrift
Abb. 2: Cod. Vindob. Aeth. 23. fol.‘ $38: (Anfang des XIV. Jh.).
auf einer Alabasterlampe, die ich in der Wiener Zeitschrift zur Kunde
des Morgenlandes rogrr (S. 411—22) publizierte (9.—10. Jahrh.)').
Von den Graffiti aus Cohaito gehören hierher: Littmann Nr. 40, 42,
43, 45, 46, 48, 50, 51, 53, 61, 63, 64, 66, 68, 75, 76, 78, 86, 88—9;5 (98), 99.
Hier sei auch noch an die fünf äthiopischen Grabinschriften aus den
Jahren 1550—1654 n. Chr. im Kloster San Stefano dei Mori in Rom
erinnert?), sowie an die halbvokalisierte (oder schlecht kopierte?) In-
2) C. Conti Rossini, Riv. degli Studi Orientali, 1913, S. 270 hält sie für älter.
2) Publ. von F. Gallina, Archivio della R. Societa Romana di Storia Patria Vol. XI,
S. 281—95 (1888).
62 Dr. Adolf Grohmann
schrift 7P°C zr: iiber der Skulptur des gleichnamigen Heiligen in der
Kirche von Golgotha ‘etwa 12. Jahrh.)').
Die dritte Gruppe ist zusammen mi tden beiden ersten in der Tafel III
berücksichtigt, die folgende vierte kommt, ebenso wie die Grabinschriften
in Rom, weil spät, für diese nicht in Betracht.
b) Handschriftliches Material.
Eine allgemeine Übersicht darüber bietet C. Conti Rossinis Zu-
sammenstellung ,,Manoscritti ed opere abissine in Europa“?). Hier sind
n AF Tonta ;
AANA NN SH: Kira:
EN OINZIEFERD:
L3a iih: ass,
RAE MNADANAMALY:
En: ONAN Poo ANA
WNAPSA7HAWASEY
bate nn: AANA.
oo PFI et ORM
H:O PDDU WAGA:
HN 9S AL eh :FAas.
Ltt AMAA LARP
_ Ks “IR
Abb. 3: Cod. Vindob. Aeth. 5. fol. 40v (Mitte des XIV. Jh.).
besonders die alten Mss. vom paläographischen Standpunkte aus im
Verhältnis zur Lapidare interessant. In der Schrifttafel (Taf. III) habe
1) Achille Raffray, Les Eglises Monolithes de la ville de Lalibéla (Abyssinie)
(Paris 1882) Taf. VII.
2) Rendiconti della Reale Accad. dei Lincei 1899, S. 606—637.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 63
ich die Hs. Ath. 21 (Abb. 1, 2) der Wiener Hofbibliothek') zugrunde ge-
legt, die zu jener Gruppe von Mss. gehört, die durch die Hs. Borg. ath. 3
der Vaticana in Rom, der ältesten Hs. der vier Bücher der Könige’),
vertreten ist. Diese stammt wohl aus dem Ende des 13. oder Anfang
des 14. Jahrh. und ist in Aksum geschrieben. Ungefähr in diese Zeit
gehört auch Äth. 5 (Wien)?), vielleicht etwa in die Mitte des 14. Jahr-
hunderts (Abb. 3).
Hieher gehört auch die Hs. Eth. 22 der Pariser Nationalbibliothek
)Abb. 4)*), aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. stammen Eth. 27 (Zoten-
berg Nr. 45, S. 42—44), geschrieben im Jahre 1378 n. Chr. und Eth. 33
we Pal -E
a
ee eee a a
shite Em ae A
Abb. 4: Cod. Paris. Eth. 22. fol. J62v (Mitteides’ XIV. Jh.).
bis (Zotenberg Nr. 52, S. 53—57) aus dem Jahre 1379 n. Chr. Am
nächsten kommen diesen Mss. dann die Hss. Eth. 94 (Zotenberg
Nr. 5, 13. Jahrh.? S. 69), Eth. 59 (Zotenberg Nr. 131, 13. Jahrh.? S. 196
—198) und Eth. 15 (Zotenberg Nr. 10, 14. Jahrh., S. ı5f.) der Biblio-
theque Nationale in Paris, sowie endlich Bibliotheca Vaticana 50 (aus
dem 14. Jahrh.). Bevor nun auf die Schrift selbst und ihren Ursprung
eingegangen wird, mögen hier kurz
3. Die Meinungen und- Zeugnisse über die äthiopische Schrift
mitgeteilt werden, die in der gelehrten europäischen Literatur nieder-
gelegt sind.
Das erste in Europa gedruckte Buch, das auch ein äthiopisches
Alphabet enthielt, war der Psalter, der zusammen mit dem Alphabetum
ı) Vgl. N. Rhodokanakis, Die äthiopischen Handschriften der k. k. Hofbibliothek
zu Wien, Sitzb. k. Akad. d. Wiss. in Wien Bd. CLI /1906', Nr. XVI, S. 46—49 u. Taf. III.
2) Vgl. N.Roupp, Die älteste äth. Handschrift der vier Bücher der Könige, Zeit-
schrift für Assyriologie XVI 1902, S. 296—343. (Mit 4 Tafeln.) Eug. Tisserant,
Specimina Codicum Orientalium, Bonnae 1914, Taf. 62.
3) Vgl. N. Rhodokanakis, a. a. O., Nr. XV, S. 42—46 und Taf. IV.
4) H. Zotenberg, Catalogue des manuscrits Éthiopiens (Geez et amharique) de la
Bibliothèque nationale, Paris 1877, Nr. 32 (S. 24—29).
64 Dr. Adolf Grohmann
seu potius Syllabarium literarum Chaldearum, Cantica Mosis, Han-
nae etc. von Johannes Potken 1513 zu Rom bei Marcellus Silber er-
schien. Darauf erfolgte im Jahre 1548 der Druck des Neuen Testa-
ments und der Meßliturgie mit einer lateinischen Einleitung über die
Form des äthiopischen Alphabets, das in der in äthiopischen Hss.
Pe
me a ae = an e -
4 a S i = e Te x y
. 4 ee
H
=<
+2
4.
>
De
~
Pi
a-
U $
Abb. 5: Cod. Vindob. Aeth. 20. fol. 44r (XV.—XVI. Jh.).
üblichen Anordnung (Überschrift: Alphabetum seu potius Syllabarium
literarum Chaldearum) mit Transkription und den Zahlzeichen samt
Auflösung abgedruckt wurde, gezeichnet: Impressit omnia, quae in
presenti Libro continentur Valerius Doricus: Romae, impensis Petri
Comos Ethiopis Et Angelus de Oldradis eius Operarius composuit.
Anno a nativitate Domini M. D. XLVIII.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 65
Eine eingehende Untersuchung des äthiopischen Alphabetes unter-
nahm erst Job Ludolf in seiner Historia Aethiopica Lib. IV, Cap. I.
Er sagt: Quod autem nostras Aethiopicas spectat, in nonnullis nomine
quidem: figura vero nullatenus cum Hebraicis hodiernis conveniunt,
ut si has spectes, dicendum sit, Aethiopes cultum neque sacrum neque
profanum ab Israelitarum gente accepisse. At cum Samaritanorum
characteribus, quos multi judiciosissimi viri pro primaevis, et genuinis
veterum Hebraeorum elementis agnoscunt, aliquem convenientiam
habere videntur. Tametsi plerasque, nisi valde distorqueas et invertas,
sibi invicem assimilare non possis.
Er gibt nun das samaritanische Alphabet, stellt die entsprechenden
äthiopischen Buchstaben parallel und fährt nun fort:
Quamquam non certum quoddam Alphabetum Samaritanum secuti
simus; sed ex diversis figuris, quas Clariss. Waltonus in apparatu Bi-
bliorum polyglottorum habet, eas selegerimus, quae nostris Aethiopicis
similiores videbantur. Verisimile tamen crediderim, autorem literarum
Aethiopicarum (quem hucusque incompertum habeo) et literarum illa-
rum antiquarum, et Graecarum veterum cognitionem aliquam
habuisse; at eas non, veluti manu traditas, in certum sacrorum usum
accepisse, sed ex ingenio suo ad usum linguae Aethiopicae, recipiendis
vocalium notis, formasse et ordinavisse.
Schon damals wurden Stimmen laut, die das äthiopische Alphabet
aus dem Griechischen ableiten wollten. Ludolf entgegnet ihnen in
seinem Commentarius ad historiam S. 555 mit den Worten:
„Alii ex Graecis derivare maluerunt, verum ita, ut si volupe fuerit,
Aethiopicas a Runicis vel si malis Indicis detorquere possis.‘
Allein trotz Ludolfs Entgegnung ist dieselbe Idee immer wieder
aufgenommen worden. So von O. G. Tychsen’), Wah1?), H. E. G. Pau-
lus3), Renodot‘), B. Klaproth5), W. Gesenius®), deren Gründe
U.F.Kopp?) eingehend widerlegte.
In eine neue Bahn wurde die Forschung über das äthiopische Alpha-
bet durch William Jones?) gelenkt, der zuerst die äthiopische Schrift
mit der indischen verglich. Maßgebend waren für ihn nur rein all-
1) In F. C. Eichhorns Repertorium III, S. 155 f. (1779).
2) Allgemeine Geschichte der morgenländischen Sprachen und Litteratur, Leipzig
1784, S. 632.
3) Memorabilia VI, S. 109 (1796).
4) Memoires de l’acad. des inscriptions II, S. 485.
5) Asiat. Magazin. I, S. 537 (1802.
6, Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift, Leipzig 1815, S. 138.
7) Bilder und Schriften der Vorzeit, Mannheim 1821, Bd. II, S. 345 ff.
8) Asiat. Rech. III, S. 4, Millin Mag. 1806, III, S. 308, Memoires de l’académie des
inscript. L. 1808, S. 292.
Dr. Adolf Grohmann
hemals gefiihrt hatten.
iopier e
Schreibrichtung von links nach rechts, 2.
Silben, 3. der Name „Indier“, den die Ath
1e
Gründe, 1. di
gemeine
Abb. 6: Cod. Vindob. Aeth. 9. fol. 198v, 199r mit Notizen von Job Ludolfs Hand (Mitte des XVII. Jh.).
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 67
Seine Gründe sind schon von U.F.Kopp') als unzureichend erwiesen,
seine These ist aber gleichwohl später von R. Lepsius?) wieder
aufgenommen worden.
Es wird übrigens auf Jones noch bei der Frage nach der äthiopischen
Vokalbezeichnung zurück zu kommen sein. Die These vom griechischen
Ursprung des äthiopischen Alphabets wurde wieder von Silvestre
de Sacy?) aufgenommen. In seiner Arbeit „Mémoire sur l'origine et
les anciens monumens de la littérature parmi les Arabes“ hatte de
Sacy die These aufgestellt, die äthiopische Schrift sei von christlichen
Missionären gegen das 4. Jahrh. n. Chr. erfunden und mit dem Christen-
tume nach dem Jemen gebracht worden und aus ihr sei die himjarische
Schrift, die ihm aus den Alphabeten arabischer Paläographen in Pa-
riser Hss. bekannt war, entstanden. Die These erledigt sich bald
dadurch, daß man das Alter der sabäischen, oder, wie er sagen würde,
himjaritischen Schrift erkannte, deren älteste Denkmäler gegen 750
v. Chr. hinaufreichen. De Sacy glaubte auch im äthiopischen Alpha-
bete Spuren der koptischen Schrift zu erblicken‘) und seiner Meinung
nach verriet ein großer Teil der Buchstaben überdies seinen Ursprung
aus der griechischen Schrift. Dieser Ansicht, der schon U. F. Kopp5)
mit guten Gründen entgegentrat, ist auch M. J. B. Silvestre nicht mehr
gefolgt, der in seiner Paléographie universelle®) Fol. 205” zu folgender
Anschauung über das äthiopische Alphabet kam: ,,c’est a l’alphabet sama-
ritain qu’on rattache l'origine de l'alphabet éthiopien. Il y a, en effet,
des rapports évidents de forme entre les signes des deux alphabets;
mais il y a aussi des différences très marquées, et la plus saillante
est dans la marche contraire des deux écritures, l’ethiopienne se diri-
geant de gauche à droite comme les écritures indiennes et européennes,
et la samaritaine de droite à gauche comme les autres écritures
arabico-semitiques.‘‘ Daß die sabäische — oder wie sie seinerzeit ge-
nannt wurde — himjaritische Schrift von etwa 750—500 v. Chr. auch
rechtsläufig geschrieben wurde, war Silvestre nicht bekannt; mit
dieser Tatsache fällt aber auch sein Haupteinwand gegen die Hypo-
these der Zusammengehörigkeit mit dem samaritanischen Alphabete,
die von allen Hypothesen der Wahrheit ja immer noch am nächsten
1) A. a. O., S. 348.
2) Zwei Sprachvergleichende Abhandlungen (1836), S. 74 ff.
3} Mémoires de l’académie des inscript. L., S. 247ff., 281ff. (Paris 1808), Seine
hier vertretenen Ansichten hatte er schon im Jahre 1785 ausgesprochen.
4) Einen Vorläufer hatte er hierin in O.G. Tychsen, der Bibl. d. alt. Lit. VI, S. 5ı
das ithiopische g dem koptischen I ähnlich fand (vgl. U. F. Kopp, a. a. O. S. 355).
5) A. a. O., S. 357f.
6) Paléographie universelle par Silvestre, Paris 1839, I. Vol.
68 Dr. Adolf Grohmann
kam. M. J. B. Silvestre mag sich wohl durch U. F. Kopp haben
belehren lassen, der in seinem ebenso geistreichen als scharfsinnigen
Werke ,,Bilder und Schriften der Vorzeit‘‘ (1819) im sechsten Abschnitte
ausführlich über die äthiopische Schrift gehandelt hat (S. 344—61).
Nach Widerlegung der These vom griechischen Ursprunge des äthio-
pischen Alphabetes und der Ansicht Jones betont Kopp den unmittel-
bar semitischen Ursprung dieser Schrift, indem er auf die semitische
Rasse der Äthiopier, die Verwandtschaft der äthiopischen Buchstaben-
namen mit den hebräischen, die mit der samaritanischen überein-
stimmende Interpunktion verweist und endlich S. 351—56 die einzelnen
Buchstaben des Alphabetes samt hebräischer Umschrift mit den ent-
sprechenden phönizischen, aramäischen, samaritanischen, gelegentlich
althebräischen, altpersischen, Estangelo- und Peschitto-Zeichen ver-
gleicht. Am Schlusse seiner Ausführungen S. 360 ($ 338) spricht
Kopp die Vermutung aus, daß die Abessinier ihre Schrift den Syrern
verdanken.
Trotz mancher Mängel — so die Ableitung von äthiopischem 4 und
koptischem b aus gemeinsamer Quelle — stellte Kopps Arbeit doch
wohl das Beste dar, was zu seiner Zeit überhaupt mit den beschränkten
Mitteln zu leisten war, und die Wissenschaft wäre vielleicht lange
bei den durch Kopp geschaffenen Anschauungen stehen geblieben,
hätte nicht durch das Auftauchen einer neuen Schriftart der Forschung
sich eine neue Weit aufgetan.
Bereits im Jahre ı81r waren durch den russischen Kollegienassessor
Herrn von Seetzen südarabische Inschriften aus Doffar (Zafar) und
Menkät (Menkat bei Jerim) nach Kopien auf einer Kupfertafel der
Öffentlichkeit vorgelegt worden'). Einen bedeutenden Zuwachs an in-
schriftlichem Material brachte 23 Jahre später J. R.Wellsteds Artikel
„Account of some Inscriptions in the Abyssinian character, found at
Hassan Ghorab, near Aden, on the Arabian coast‘‘?), der vor allem
die 525 n. Chr. datierte zehnzeilige Inschrift von Hisn el-Gurab enthielt,
die bis A. Arnaud als das umfangreichste sabäische epigraphische
Denkmal der Forschung als hauptsächlichste Unterlage diente. War
schon durch den Titel von Wellsteds Arbeit der Zusammenhang mit
1) In den Fundgruben des Orients Bd. II, Wien 1811, S. 282f. Einige kleine sabä-
ische Fragmente aus Jeha kopierte H. Salt auf seiner Reise in Abessinien (1809 und
ı810. und veröffentlichte sie in seiner „Voyage en Abyssinie en 1809, London 1814,
S., 431f.
2) Im Journal of the Asiat. Soc. of Bengal vol. III (1834), S. 554—56, samt Tafel.
Die Arbeit Michelangelo Lancis ,,Sugli Omireni e loro forme di scrivere trovate
ne’ codici Vaticani“ 1820) konnte hier nicht in Betracht kommen, da die beigegebene
Tafel für paläographische Zwecke ganz unbrauchbares Material bot.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 69
dem abessinischen Alphabete betont, so wurde von nun an das sabä-
ische Alphabet konstant zum äthiopischen in Beziehung gesetzt. So
hat E. Rödiger in seiner ‚Notiz über die himjaritische Schrift nebst
doppeltem Alphabet derselben‘'), S. 335f., die Ähnlichkeit der him-
jarischen und äthiopischen Schrift betont, und in seiner Untersuchung,
der hauptsächlich zwei himjarische Alphabete nach arabischen Mss.
zugrunde liegen,
richtig sabäisch mit äthiopisch
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1) Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I (1837), S. 332—40.
70 Dr. Adolf Grohmann
zusammen gestellt (S. 336f.). Auch auf die Gleichheit des Worttrenners,
des senkrechten Striches in den sabdischen und Riippellschen In-
schriften (Littmann ro, rr) hat er bereits hingewiesen'). Den Aus-
führungen E. Rödigers schloß sich auch W. Gesenius?) an. Er ver-
weist (Sp. 379) auf „die in die Augen fallende Ähnlichkeit der him-
jaritischen Schrift mit der äthiopischen, insbesondere der altäthiopischen
Schrift, wie wir sie schon durch Salt, viel genauer durch die von
Rüppell bekannt gemachten und von E. Rödiger erklärten Inschriften
kennen“, und folgert (Sp. 379 f.): „Sowohl die alte eckige, als die neuere
gerundete äthiopische Schrift enthält nun so viele mit den himjaritischen
zusammentreffende Buchstaben, als N), H, Nh, 5, fl, daß man an der
nahen Verwandtschaft dieser Alphabete nicht zweifeln konnte, wie man
auch schon früher auf dem Wege bloßer Vermutung eine Abkunft des
äthiopischen Alphabetes aus dem himjaritischen angenommen hat“?).
Gestützt auf neue inschriftliche Funde aus Aden, Sana und Nakb el
Hagr in Südarabien beschäftigte sich James Bird in seinem Aufsatze:
„On the Origin of the Hamaiyaric (sic) and Ethiopic alphabets‘“‘4) mit
der Frage, ob das Alphabet der Inschrift von Aden griechischen oder
semitischen Ursprungs sei. — Er kommt bei seiner Untersuchung zu
folgenden Resultaten:
Das himjarische Alphabet hat seinen Ursprung im Phönizischen, das
äthiopische (nach Gesenius) im Himjarischen. Das äthiopische Alpha-
bet adoptierte die sieben griechischen Vokale, die an den Buchstaben
der ersten Kolumne (Geez) angebracht wurden. Diese Kolumne stellte
das fertige System dar, als 325—335 n. Chr. die Abessinier, durch Fru-
metius zum Christentum bekehrt, die Septuaginta erhielten (vgl. hierzu
weiter unten S. 79ff.). Bird gibt auf Tafel XIII des Bandes, Hamaiyaric
and Ethiopic Alphabets, arranged by J. Bird Esq. and compared with
the Hebrew, Phænician, Samaritan, Mendæan, and Arabic Alphabets.
Obwohl die Liste keineswegs fehlerfrei ist5) und seine Ausführungen
1) Vgl. auch seinen „Versuch über die himjaritischen Schriftmonumente“, Halle
1841, und seinen „Exkurs über himjaritische Inschriften“ in J. R. Wellsteds Reisen in
Arabien. Deutsche Bearbeitung, Halle 1842 (S. 352—4ır). Das Werk enthält auch
das äthiopisch-himjarische Alphabet.
2) Himjaritische Sprache und Schrift, und Entzifferung der letzteren, Allg. Literatur-
zeitung, Juli 1841, Nr. 123, Sp. 369—99.
3) Den umgekehrten Weg hat S.de Sacy angenommen, vgl. oben S. 67. Dagegen
hat Büttner, Vergl. Taf. II, 19 inach U. F. Kopp, a.a.O., S. 300', bereits an den
Ursprung der äthiopischen Schrift aus der „homeritischen‘‘ — den Namen kannte er
wohl aus Ludolf Comm., S. 66 — gedacht.
4) The Journal of the Bombay Branch of the Royal Asiatic Society Vol. II 1844,
S. 66—71.
5) 2 D ‘heute als t, r, d gelesen, erscheinen zusammen mit d (wohl Fragment
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 71
auch sonst der Phantasie zu weiten Spielraum lieBen'), war die Er-
kenntnis der Ähnlichkeit der äthiopischen und sabäischen Schrift doch
von bleibendem Werte, ebenso wie die des phönizischen Ursprungs
der letzteren. Am Schlusse seiner Arbeit verwies Bird noch auf
koptisches UW, “4, b, 2, X, 6, T, 3, f, h, h, g, ċ, ti?) und fand sie
„almost identical in character‘ mit den äthiopischen bzw. himjari-
tischen Zeichen. Er griff so wieder auf O. C. Tychsen und S. de Sacy
zurück.
Wenn man sich von nun an zum äthiopischen Alphabete äußerte,
so geschah dies im Zusammenhange mit dem sabäischen Alphabete.
So hat A. Weber sich mit dem Problem des Ursprungs des indischen
Alphabetes?) beschäftigt und dabei auch eingehend die äthiopische
Vokalisation besprochen (s. weiter unten S. 80). Seine Theorie wurde
von seinem Schüler W. Deecke*) weiter ausgebaut. Deecke gibt
4 Tafeln bei, auf denen er folgende Schriften zusammenstellt: He-
bräisch, Arabisch, Assyrische Keilschrift, Südsemitische Urform, Harra-
inschriften, Libysch, Indisch, Himjaritisch, Äthiopisch, und kommt zu
folgenden Resultaten: Das indische und himjarische Alphabet, dem
das äthiopische entsprang, zeigen so nahe Verwandtschaft, daß sie
einem gemeinsamen, aus dem ältesten südsemitischen abgezweigten
Mutteralphabete entstammt sein müssen. Doch kann man weder das
erhaltene indische Alphabet aus dem erhaltenen himjarischen ableiten,
noch umgekehrt. Die Bemühungen Rödigers und Birds um den
Zusammenhang der äthiopischen und sabäischen Schrift wurden erst
von ®) neben dem äthiopischen P. Den Worttrenner | hält Bird für äthiopisches
P. A soll A sein, bei | (g) ist aber 1 ‘li nicht geschieden. Der Buchstabe $ (f)
erscheint in einer ganz verzerrten Form. H 7 A sind mit ge" Pl der altäthiopischen
Inschriften und O (d) verglichen, doch ist R= A= N b: nur H = U. Neben 9 ) (r)
erscheint im Athiopischen der Inschriften ) ‘r) und ? (y', dem das kursive £Z, gleich-
gesetzt ist. 4} (h) ist als U (5: aufgefaßt. Endlich ist x 3 x (Z, š, s: in eine Reihe
gestellt und mit A ($) verglichen.
1) So sollten w, y, ‘a im Sabäischen auch Vokale gewesen sein und die Namen
der himjaritischen Buchstaben, die man doch höchstens aus dem Äthiopischen hypo-
thetisch erschließen könnte, den hebräischen und phönizischen SENEDESSHEN und un-
et ihren semitischen Ursprung klarlegen.
) Statt h, h, g, € transcribierte Bird k, h, z, s!
F Über den semitischen Ursprung des indischen Alphabetes, Zeitschrift d. deutschen
Morgenl. Gesellsch. ro (1856), S. 389—406. Er setzt sich auch mit seinen Vorläufern
W. Jones, R. Lepsius und Kopp auseinander, übersah aber, daß bereits v. Seetzen,
a. a. O., S. 284, die Vermutung ausgesprochen hatte, die Pfeilerinschrift von Dehly,
die von Firūs Schah herstammen sollte, habe Ähnlichkeit mit der himjarischen Schrift.
4) Über das indische Alphabet in seinem Zusammenhange mit den übrigen süd-
semitischen Alphabeten, Zeitschr. d. deutschen Morgenl. Gesellsch. 31 '1877', S. 598—612.
72 Dr. Adolf Grohmann
Abb. 7: Cod. Upsala Aeth. 5. fol, J7* (XV. Jh.).
wieder von D. H. Müller!) aufgenommen. Auf S. 64 und 69f. kommt
Müller zu folgenden Ergebnissen: Die äthiopische Schrift ist das Pro-
dukt einer Reform, die das sabäische Alphabet in seiner ältesten Ge-
stalt (altsabäisch) zugrunde legte, die Vorlage stammte wahrscheinlich
ı) Epigraphische Denkmäler aus Abessinien, Denkschriften der Kais. Akad. d.
Wissensch. in Wien Bd: 43 (1894).
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 73
aus dem Staatsarchive von Aksum. Sie wurde von einem christlichen
Missionär vorgenommen und die bis dahin linksläufige Schrift nach
dem Muster der griechischen rechtsläufig gestellt. Diese Reform, mit
der sich auch die Vokalisierung der Konsonanten verband, wurde mit
einem Male eingeführt und ist ein einheitliches Werk, für den grie-
chischen Einfluß spricht auch die Herübernahme griechischer Zahl-
zeichen‘). - Unmittelbar nach D. H. Müllers Publikation äußerte sich
auch E. Glaser?) zu den aksumitischen Inschriften; er sah in der Vokal-
bezeichnung ‚das indische System auf die sabäischen Buchstaben auf-
gepfropft“. Zum Vergleich in schriftgeschichtlicher Beziehung wurde
das äthiopische Alphabet noch gelegentlich von M. Lidzbarski?),
F. Prätoriust), Th. Nöldeke:) herangezogen.
Auf der Basis, die D. H. Müller geschafien hatte, konnte endlich
E. Littmann, der Herausgeber des reichen inschriftlichen Materials
der deutschen Aksumexpedition, zu einer abschließenden Charakteristik
des äthiopischen Alphabets der Inschriften schreiten. Abgesehen von
den bereits oben (S.57 Note 1) erwähnten Ergebnissen gelangte Litt-
mann®) in der Hauptsache zu folgenden Resultaten:
I. Man schrieb in Abessinien von etwa 50—350 n. Chr. die ein-
heimische Sprache mit sabäischen Buchstaben, verwendete für
diese aber zur selben Zeit ein direkt vom sabäischen abgelei-
tetes Alphabet, das das Produkt einer Schriftreform darstellt.
2. Die äthiopische Schrift war anfangs unvokalisiert und erhielt
erst später Vokalzeichen. Man wählte unter griechischem
Einfluß die rechtsläufige Richtung, ließ 5 sabäische Zeichen
fallen und nahm die 24 Zeichen des Alphabets in wenig ver-
änderter Form herüber. Diejenigen altsabäischen Zeichen, die
den altnordsemitischen näher stehen als den sabäischen, wie
+, H, sind dennoch aus letzterem, nicht aus einem älteren
oder anderen Alphabete abzuleiten. T und nr, in den alten
ı, D.H. Müllers Ausführungen schloß sich auch Th. Nöldeke (Zeitsch. d. deutsch.
Morgenl. Gesellsch. 48 [1894', S. 378) an. Auch E. J. Pilcher legte seinem Artikel
„Ihe Himyaritic Script derived from the Greek‘ (Proceedings of the Society of Biblical
Archaeology 1907, S. ı23ff.) D. H. Müllers Anschauungen zugrunde, erwähnt das
äthiopische Alphabet aber nur kurz (S. 125f.) im Zusäimmenhange mit dem Sabäischen.
2) Die Abessinier in Arabien und Afrika, München 1895, S. 168f.
3) Der Ursprung der nord- und südsem. Schrift, Ephemeris I (1900— 1902), S. 109 — 36.
4) Bemerkungen zum südsemitischen Alphabet, Zeitschr. d. deutschen Morgenl.
Gesellsch. 58 (1904, S. 715—726.
5) Die semitischen Buchstabennamen i. d. „Beiträge zur semit. Sprachwissenschaft“,
S. 124—136 (1904), vgl. zum selben Gegenstande auch M.Lidzbarski, Die Namen
der Alphabetbuchstaben, Ephemeris II (1903— 1907), S. 125—39.
6) A. a. O., S. 78 ff.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 23. 6
74 Dr. Adolf Grohmann
Inschriften nicht belegt, waren bei Einführung der Vokale
wahrscheinlich schon vorhanden.
3. Die Einführung der Vokalschrift fiel ungefähr mit der Ein-
führung des Christentums zusammen (um 300 n. Chr.) und stand
mit der Tätigkeit christlicher Missionäre im Zusammenhange.
Der Vokalschrift lag das bekannte nationale Alphabet (s. Punkt 2)
zugrunde, in Littmann 7 und 26 finden sich aber für /, N,
U, N, Å, T, ältere, dem sabäischen näherstehende Formen,
die auch auf der unvokalisierten Inschrift Nr. 34 vorkommen
(A, U, A), was beweist, daß die vokallose Schrift älter als die
vokalisierte ist.
4. Die Beziehungen der äthiopischen Schrift zum altnord-
arabischen und südarabischen Alphabete.
Ich möchte hier nun auf einige auffallende Erscheinungen in der
unvokalisierten äthiopischen Schrift eingehen, die bis jetzt keine Be-
achtung gefunden haben, für die Frage, aus welcher Form der minäo-
sabäischen Schrift das äthiopische Alphabet entstanden sei, aber von
Wichtigkeit sind. Ich gebe in der hier folgenden Tafel I die alt-
sabäische Form (etwa 750—500 v. Chr.)'), die spdtsabdische’) (aus den
ersten Jahrhunderten n. Chr., etwa bis 500 n. Chr.), die Formen der
südarabischen Graffiti?), die entsprechenden Zeichen des lihjanischen,
thamudenischen und safatenischen Alphabets*) und endlich die äthio-
pischen Formen. |
Aus dieser Tafel ergibt sich für die äthiopischen Zeichen folgendes:
ı. Aus der linksläufigen sabäischen Schrift sind übernommen
ALn aA
2. Im Gegensatz zum Sabäischen änderten th, AR, W, P ihre Lage.
ih: stellt sich verkehrt um), statt daß die eine Haste die Stütze
bildet, wird sie Spitze und das Zeichen gewinnt so gleichsam
1) Nach Hofmus. 14, Gl. 1699— 1702, 1724, 1642.
2) Vgl. CIH. 1, 2, 5—8, 29, 31, 102, 308, 325, 358 usw.
3) Von den 18 ausgewählten Abklatschen trägt keiner eine Nummer, Als Provenienz
der Graffiti (Gl. 1472—1498, 1502—1518) ist im Tagebuche I. eine Sandsteinfelswand
bei Jenur angegeben, ferner Damm el Kafir und Sailetel Kenz, beide bei Jenur,
2 Abklatsche Nr. 3, 4) tragen den Namen u) a>. Ich habe natürlich nur die
vom gewöhnlichen sabäischen Duktus abweichenden Graffiti herangezogen, die von
mir gegebenen Formen ‘vgl. die nach Pausen hergestellte Taf. II) kommen aber auch
auf anderen Graffiti als den mit 1—18 bezeichneten der Sammlung Glaser vor.
4) Nach Mark Lidzbarski, Ephemeris II, S. 361.
5) Vgl. Sabäische Denkmäler von J. H.Mordtmann und D.H. Müller Nr. 37,
Glaser 887 = Mordtmann, Himjar. Inschriften und Altertümer, S. 39.
Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. Zu Seite 74.
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Taf. Is Schrifttafel A. Zum Vergleich der altäthiopischen Schrift mit der altnordarabischen (Sihyamisch, Thamudenisch,
Safatenisch), den sabäischen Graffiti, den spät- und altsabäischen.
(Gezeichnet von Dr. A, Grohmann.)
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Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3.
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Zu Seite 75.
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Taf. II: Die Buchstabenformen der sidarabischen Graffiti der Sammlung E. Glaser.
(Gezeichnet von Dg. A. Grohmann.)
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 75
an Stabilität; das altäthiopische Alphabet führt so eine Ten-
denz völlig durch, die schon das Sabäische in sich trägt: das
Streben nach Stabilität der Zeichen!) œ, W und P wurden
um 90° gedreht und so gleichfalls auf eine stabilere Basis ge-
stellt. Von den entsprechenden Zeichen des altnordarabischen
Alphabetes zeigt das lihjanische das h in derselben Stellung
wie das äthiopische, im thamudenischen und safatenischen
sind beide Lagen möglich. m und d sind auch im thamude-
nischen bereits liegend. Für die Umlegung der Zeichen mag
außer der Stabilität auch noch die Vorliebe für den Vertikal-
schnitt, die das äthiopische Alphabet mit dem sabäischen teilt?),
maßgebend gewesen sein.
3. Ihre Form änderten:
U: Die Stütze des Zeichens ist aufgegeben, der spitze Winkel in
Littm. 4 und den Münzen erinnert an die altsabäische Form,
die sabäischen Graffiti 8, 16, 17 und das Altnordarabische.
(\: Der eine Balken des sabdischen Zeichens ist verlangert und
der Buchstabe auf die Schenkel des so entstandenen Dreiecks
gestellt. Ein Vorläufer zu dieser Entwicklung ist das / des
sabdischen Graffito rr, das auch lihjanische Verwandte hat.
®: Nur Littm. 26, ı8 zeigen die altsabäische Gestalt, die aber auch
auf den sabäischen Graffiti vorkommt, 7, 17, 34, 77 und die
Münzen zeigen starke Verwandtschaft mit den sabäischen Graf-
fiti 7, II, 15.
W: Zeigt auf Littm. 26 und den Münzen die altsabäische Form,
die auch imLihjanischen und Thamudenischen und den sabäischen
Graffiti erscheint, neben der späteren gerundeten, die aber auch
im Sabäischen vorkommt (auf Inschriften, die dem Altsabäischen
nahe stehen). Dieselbe Form erscheint übrigens auch auf der
Inschrift Littm. 8, die spätsabäischen Duktus hat.
Z/.: Erscheint in zweifacher Gestalt: auf Littm. 7 (34, 26, 17, 3 und
den Münzen) in einer Form, die der winkeligen spätsabäischen,
der von Graffito 4, der lihjanischen und safatenischen entspricht
(nur ist der Buchstabe dadurch, daß er auf dem vorderen
Schenkel ruht, etwas verschoben); daneben ein Nachkomme
der altsabäischen runden Form auf Littm. 7, 8, 33c, wozu be-
sonders die Form des sabäischen Graffito 17 und die safa-
tenische zu vergleichen ist.
t) Auf diese Tendenz des sabäischen Alphabetes hat zuerst M. Lidzbarski, Ephe-
meris I, S. 118, 126, aufmerksam gemacht.
2) Vgl. M. Lidzbarski, Ephemeris I, S. 113.
6”
76
an
Dr. Adolf Grohmann
: Weist nur auf Littm. 77 eine dreieckige Form auf, zu der das
spätsabäische, bzw. das Zeichen auf dem sabäischen Graffito
ıo und die gleiche lihjanische Form zu vergleichen wäre. Daß
der Strich übrigens im Altäthiopischen durch den Ring durch-
geht (so auf Littm. 7) ist nach der dem Sabäischen entsprechen-
den Nebenform auf Littm. 7 zu schließen spätere Umgestaltung.
: Zeigt im Altäthiopischen abgerundete Ecken, wie im sabäischen
Graffito 8, 4, im Thamudenischen und Safatenischen.
: Nur einmal (Littm. 26), wie im Altsabäischen und Lihjanischen
regelmäßig, in der Form des Andreaskreuzes, erscheint im
Äthiopischen gewöhnlich gerade gerichtet, wie auf dem sa-
baischen Graffito 11, im Thamudenischen und Safatenischen.
: Hält die altsabäische Form ein, die wohl auch die Graffiti
zeigen mögen; nur steht mir kein Y auf Graffiti zu Gebote.
: Zeigt im Altäthiopischen Neigung zu den Formen der sabäischen
Graffiti und des Thamudenischen, besonders Littm. 7, 34, 26, 17, 77-
: Nur auf Littm. 7, 26 entspricht das Zeichen dem altsabäischen,
das aber auch auf den Graffiti belegt ist; die Formen auf Littm.
18, 33, 34, 77 und die Münzen zeigen eine Entwicklung, die
der Form der sabäischen Graffiti ı, 7, ır, 12 näher steht und
sich auch im Thamudenischen findet.
: Der altsabäischen Form, die sich auch noch später erhalten hat,
entspricht noch Littm. 7, Littm. 26, 17, 33 und die Münzen sind
verwandt mit den sabäischen Graffiti 4, ır und den thamu-
denischen Formen.
: Dem alt- und mittelsabäischen steht am nächsten das altäthi-
opische Zeichen auf Littm. 33, die Schiefstellung des Mittel-
striches in Littm. 7, 17 erinnert an die sabäischen Graffiti 4, 17,
die Dreiecksform auf Littm. 34, 26, 77 und den Münzen an die
gleiche lihjanische und die quadratische Form auf dem sabä-
ischen Graffito ro (vgl. das lihjanische); ein Mittelding zwischen
beiden zeigen die sabäischen Graffiti 6, 8.
: Im Altäthiopischen erscheint es in zwei Formen, von denen
eine (die Kreisform), die sich in der Schrift der sabäischen In-
schriften unverändert erhalten hat, in Littm. 7, ı7 sich ans
Sabäische anschließt, jene auf Littm. 26, 33, 34 aber ihrer
Winkelbildung nach zu der Form auf dem sabäischen Graffito
13 gehört. Eine ähnliche Form, nur anders gelegt, zeigt auch
das Safatenische, eine viereckige auch das Lihjanische.
: Erscheint schon im Altäthiopischen durchwegs mit einem
Mittelstrich, wie auf dem sabäischen Graffito ro und im Lih-
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 77
janischen, im Gegensatz zur sabäischen Form der Inschriften,
die zwei Mittelstriche aufweist.
P: An die dreieckige Form des Kopfes, wie in Littm. 7, 41, 77
und auch auf Münzen erinnert das Lihjanische. Littm. 7, 26
zeigen aber meist die dem Sabäischen verwandten Formen
mit rundem Kopfe.
P: Die durch Littm. 17, 33, 4I, 77 vertretenen Formen scheinen
Neubildungen zu sein, der Kopf ist von der Basis getrennt und
in Littm. 17 gerundet. Die Rundung des Kopfes erinnert an
die thamudenischen und safatenischen Formen, die aber die
Trennung nicht zeigen. Die Trennung des Kopfes von der
Basis ist übrigens auch auf der im spätsabäischen Duktus ge-
schriebenen Inschrift Nr. 8 zu beobachten. Hingegen zeigen
Littm. 7 und die Münzen ein auf der Basis aufsitzendes großes
Dreieck. Die Betonung des Dreiecks im Größenverhältnis
entspricht ganz den Formen der südarabischen Graffiti 8, 9, 16
und ist für diese und fürs Altäthiopische charakteristisch. (Vgl.
auch die Altarinschrift von Yeha.)
Ist im Altäthiopischen unten oflen und oben gerundet, wie im
Thamudenischen und Safatenischen, zum Unterschied von der
im Sabäischen und Lihjanischen gewöhnlichen geschlossenen
eckigen Form. (Eine unten offene Form zeigt CJ H 351, das
auch sonst paläographisch merkwürdig ist.)
A: Mit dem Sabäischen verwandt ist nur die Form mit rundem
Kopfe auf Littm. 7, auch hier zeigt die zweite die im Sabäischen
fehlende Dreiecksbildung. Littm. 26, 33 und 34 zeigen eine
Umgestaltung des Zeichens ins Dreieckmotiv.
2,: Die spätsabäische Grundform ist noch kaum zu erkennen. Die
beiden geraden Enden sind nach rechts gebogen und das so
entstandene altäthiopische Zeichen auf die untere Linie als
Basis gelegt. Eine Parallele hiezu gibt es nicht. Ähnlich
gebildet ist nur etwa das thamudenische Zeichen.
4. Das Altäthiopische zeigt eine Vorliebe für die Gestaltung drei-
eckiger Formen, wie das Lihjanische und teilweise auch die
sabäischen Graffiti.
>
5. Herkunft der äthiopischen Schrift.
Überlegt man nun, daß das äthiopische Alphabet, wie es die ältesten
Inschriften zeigen, zeitlich vom altsabäischen etwa durch ıroo Jahre
getrennt, das Vorhandensein von altsabäischen, die Kontinuität der
Entwicklung in der Schrift auf abessinischem Boden bezeugenden
78 Dr. Adolf Grohmann
Inschriften durch nichts erwiesen und die Vermutung, es habe im
Königlichen Archiv in Aksum eine Schriftvorlage, die dem altsabäischen
Duktus nahe stand, gegeben, aus der die äthiopische Schrift geschaffen
worden sei, eben nicht mehr als eine Vermutung ist, so liegt es noch
am nächsten, die Schrift der südarabischen Graffiti, die dem Altsabä-
ischen wie dem Altäthiopischen gleich nahe steht, als Basis für die
altäthiopische anzusehen. Ich möchte hier auch die Vermutung aus-
sprechen, daß wir in dieser Schrift eine Art kursiver Form‘) des
sabäischen Alphabetes zu sehen haben, die für den privaten Gebrauch
bestimmt war. Dies liegt einmal durch den Gebrauch der Schrift in
so zu sagen inoffizieller Weise bei den Graffiti zur Verewigung des
Namens in Verbindung mit Tierbildern nahe und wird auch durch die
Gestalt der Buchstaben selbst bestätigt. Gewiß spielt bei dieser das
Material, z. B. härterer Stein ?), eine große Rolle; allein man darf dabei
nicht übers Ziel hinausschießen. Dem Sabäer, der Graffito ı, 7, II, 12
schrieb (vgl.Taf.II), konnte es unmöglich mehr Mühe oder Zeit kosten, statt
der offenkundig kursiven Form die gebräuchliche Form m der offiziellen
Inschriften einzukratzen. Ebenso verhält es sich bei œ mit der Schief-
stellung des Striches in den Graffiti 4, 6, 17. Das große Dreieck von
Pl in Graffito 8, 16 hat im Gegenteil sogar vielleicht mehr Arbeit ge-
kostet als das lapidare Zeichen in ıo, und bloße Ungeschicklichkeit
kann auch nicht der Grund für die Formgebung gewesen sein, da sich
ein Dreieck eben, ob groß, ob klein, stets gleich bleibt. Ähnlich steht
es mit X in Graffito r, rr oder mit 9 in 7, 1, 15, wo die Rundung
durchaus kursiv ist. Es müßte auch merkwürdig zugehen, wenn ein
Handelsvolk, wie die Sabäer, das auf schriftlichen Verkehr, der
sich wohl auf Ton-, Holztafeln, Papyrus o. ä. vollzog, angewiesen
war, keine Kursive entwickelt hätte. Kursiven Einschlag zeigen ja
auch die drei altnordarabischen Alphabete, deren Zusammenhang mit
der minäo-sabäischen Schrift M. Lidzbarski betont hat?.. Nun fand
1) Wenn ich hier von „Kursiv“ spreche, so meine ich natürlich nicht eine Schrift,
die etwa solche Abstände von der Lapidare zeigt, wie die byzantinische Schreibschrift
von der Unziale. Derlei ist ja bei einer Schrift, deren Buchstaben sich nicht oder
nur schwer untereinander verbinden lassen, wie die sabäische, undenkbar. Die Ver-
änderung bezieht sich eben nur auf handlichere Gestaltung der Formen, wie in der
punischen Kursive.
32, Man beachte aber, daß dies Moment, das die Umwandlung runder in eckige
Formen begünstigt, bei den sabäischen Graffiti, die hier herangezogen sind, kaum
in Betracht kommt; denn diese sind in Sandsteinfelsen eingegraben.
3) Ephemeris I, S. 113, s. auch E. Littmann, Zur Entzifferung der Safa-Inschriften,
Leipzig 1901, Einleitung S. III. Es ist nicht undenkbar, daß auch hier die Form, in
der das sabäo-minäische Alphabet nach Norden zurückwanderte, die sabäische Kursive
gewesen ist. Das würde die so auffallende Übereinstimmung des Altnordarabischen
Zu Seite 79.
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3.
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Tat. I: Schrifttafel B. Die unvokalisierte und vokalisierte Schrift der altäthiopischen Inschriften und ältesten äthio
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pischen Handschriften.
(Gezeichnet von Dr. A. Grohmann.)
Über den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 79
E. Littmann auch auf abessinischem Boden sabäische Graffiti
(Littmann 36—38 in Toconda) und auf Littmann 36 sehen wir W
bereits umgekehrt sh, wie im äthiopischen, & mit Schiefstellung des
Mittelstriches; in Littmann 37 haben wir das älteste Dokument einer
rechtsläufigen Inschrift, in Littmann 38 die Form des X wie im sabä-
ischen Graffto 6 E. Glasers und dasselbe Y wie im Graffito 2. Die
sabäische „Kursiv‘form, wie sie die südarabischen Graffiti zeigen,
ist sonach auf abessinischem Boden belegt und der Schritt von
dieser Schriftform zur nationalen altäthiopischen — oder, wie ich eben
sagen würde, die Übernahme der sabäischen Kursive zur altäthiopischen
Lapidare und Kursive — nach den oben erwähnten Gleichungen weder
groß noch außer dem Bereich der Möglichkeit. Man braucht so kein
antiquarisches altsabäisches Alphabet heranzuziehen, sondern einfach
die natürliche Entwicklung der Dinge, die Erkenntnis der praktischen
Seite der sabäischen Kursivschrift oder Alltagsschrift, für die Gestal-
tung des äthiopischen Alphabetes geltend zu machen. Daß diese
Schrift auch am Hofe eingeführt wurde und man die alte Sitte, Sabä-
isch in der so zu sagen ornamental degenerierten Lapidare'), die um
300 n. Chr. herum in Südarabien und Aksum in Gebrauch war, aufgab,
zeugt für ihre praktische Bedeutung. Diese war es auch sicher zu-
sammen mit einem Entgegenkommen an den nationalen Stolz der
Abessinier, die es den christlichen Missionären nahelegte, die einmal
nun vorhandene Schrift auch für die Bibelübersetzung zu verwenden.
Daß man dabei von links nach rechts schrieb, muß nicht unbedingt
griechischen Einfluß verraten — die südarabischen Graffiti laufen auch
nach beiden Richtungen, Littmann 37 ist bereits rechtsläufig.
Unzweifelhaft griechischen Ursprungs sind nur die Zahlen; die
sabäischen waren eben weder ausreichend noch praktisch.
6. Die Vokalbezeichnung der äthiopischen Schrift.
Die vokalisierte Schrift, wie sie bereits in Littmann g vorliegt, be-
hält die vor allem aus Littmann 7, 34, 26 bekannte Schriftform bei.
Obwohl bereits auf diesen alten Staatsdokumenten die Vokalisation
mit den südarabischen Graffiti erklären. Vgl. N. Rhodokanakis, WZKM XXII, 1908,
S. 214 f.
ı) Die sabäische Lapidare von Littmann 8 zeigt übrigens sehr starke Anklänge
an die Schrift der Graffiti bzw. späte Formen. Man vergleiche die Buchstaben
3 = UW 3, 4 =Å 1 vor allem K, (P) d mit Trennung des Dreiecks von der
Stütze, wie in Littmann 17, 33, 41, 77. Vielleicht ist es denkbar, daß man wenigstens
bei 1 und Šš die Graffitoform in die Lapidare aufnahm. Daß für Littmann 17, 33,
41, 77, das d von Littmann 8 eine Art Vorlage abgegeben hat, ist nicht recht denk-
bar, die graphisch ältere Form ist jedenfalls in Littmann 7 erhalten; allerdings zeigt
80 Dr. Adolf Grohmann
voll durchgeführt war, hat man doch auch noch später, wie die Mün-
zen und die äthiopischen Graffiti zeigen, in archaischer Weise teils
ohne Vokale, teils in halbvokalisierter Schrift geschrieben. Die Art
und Weise, wie die Vokale bezeichnet werden, hat A. Dillmann’)
mit größter Genauigkeit beschrieben und was noch aus den Inschriften
beizubringen war, haben D. H. Müller?) und E. Littmann?) gegeben.
Ich möchte hier nur kurz darauf verweisen, daß bezüglich des Ur-
sprungs der Vokalisation drei verschiedene Erklärungen einander gegen-
überstehen.
Nachdem schon Job Ludolf die Meinung ausgesprochen hatte, der
Schöpfer der äthiopischen Schrift habe die griechischen Vokale ge-
kannt (vgl. S. 65), meinte Klaproth‘), daß die Äthiopier die sieben grie-
chischen Vokale übernommen hätten, was bereits U. F. Kopp5) be-
richtigte. Für W. Jones war die äthiopische Vokalisation ein Grund
zum Vergleiche mit der indischen Schrift (vgl. S. 66); ihm schloß sich
auch U. F. Kopp an, indem er in der Anhängung der Vokale einen
nachherigen Zusatz sah, „der von einer vielleicht vorhanden gewesenen
Kenntniß und Nachahmung indischer Schriften herkommt‘“‘ć), Jones Mei-
nung teilte auch R. Lepsius’). A. Weber?) beschäftigt sich eingehend
mit der äthiopischen Vokalisation. Ihr Prinzip ist seiner Ansicht nach
dasselbe wie das der indischen und arianischen Alphabete, er sagt
aber selbst: „direkte Gleichheit der Bezeichnung findet allerdings eben-
so wenig statt, wie bei diesen beiden‘. Eine Übertragung der indischen
Vokalbezeichnung aufs Äthiopische nahm auch E. Glaser an (vgl. S. 73)
A. Dillmann?) sah in der Erfindung der Vokale „eine Tat des abyssi-
nischen Volks“. Über D. H. Müllers und E. Littmanns Ansicht
s. oben S. 73f.
Von den beiden gegen die unabhängige Erfindung der Vokale ge-
richteten Ansichten hat noch diejenige den meisten Schein von Wahr-
scheinlichkeit für sich, die im indischen Vokalsystem die Quelle des
äthiopischen sieht. Daß dies aber eben nur Schein ist, soll hier dar-
sich auch da gelegentlich schon die Trennung des Dreiecks durch eine Linie von
der Basis.
1) Grammatik der athiopischen Sprache, S. 20 ff.
2) Epigraphische Denkm. aus Abessinien, S. 6gf.
3) Deutsche Aksumexped. Bd. IV, S. 79f.
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) A. a. O., S. 537, ebenso S. de Sacy, Hupfeld, W. Gesenius und J. Bird.
\ A.a. O., S. 346.
} A. a. O., S. 360.
7) A. a. O., S. 74 ff.
8 A.a. O., S. 404.
9) Grammatik der äthiopischen Sprache, S. 20.
a U
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 81
getan werden. — Da die Einführung der Vokalschrift nach E. Litt-
mann (a. a. O. S. 79) unzweifelhaft um 350 n. Chr. stattfand, kommen
für die allfällige Entlehnung nur folgende indische Alphabete in Be-
tracht’):
ı. Das Brahmaalphabet etwa 350 v. Chr. bis 350 n. Chr.
2. das Kharosthialphabet etwa 350 v. Chr. bis 200 n. Chr.,
von denen das Brahmaalphabet, wie es von Christi Geburt bis etwa
350 n. Chr. im Gebrauch war, noch am ehesten zum Vergleich heran-
Grundform
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Abb. 8: Spezimina der Vokalbezeichnung für (a) & und e in der Brahmaschrift.
gezogen werden kann. Auffällig ist vor allem die Inhärenz des a
(wohl als des häufigsten) Vokals, die sich auch im Kharosthi findet —
allerdings auch bereits in der persischen Keilschrift?).. Die Vokale
1) Ich entnehme die folgenden Daten aus G. Bühler, Indische Paläographie (StraB-
burg 1896) im Grundriß der Indo-Arischen Philologie und Altertumskunde 1.Bd., 11. Heft,
S. ıoff. und wähle daraus nur das in Bezug auf das Äthiopische Wichtige aus. Für
alle paläographischen Angaben sei auf Taf. III seines Werkes verwiesen.
2) Vgl. A.Weber, Zeitschr. d. deutsch. Morgenl. Gesellsch. 10 (1856), S. gor, Note 2.
82
Dr. Adolf Grohmann
aber sind mit zwei Ausnahmen durchwegs vom Athiopischen grund-
verschieden bezeichnet. Zur leichteren Orientierung seien diese beiden
Falle (u, e) auch hier als Spezimen der indischen Vokalisation auf-
gefiihrt?).
Im indischen Brahmaalphabet sind nun die Vokale auf folgende
Weise ausgedriickt.
u
Sc
S|
durch Verlängerung des rechten Balkens nach unten und An-
satz zweier Horizontalstriche rechts oder eines links oder
rechts, oder Ansatz zweier Striche ohne Verlängerung des
Balkens (vgl. das äthiopische u).
durch einen geraden nach unten gerichteten Strich an der
rechten unteren Seite der Grundform, der sich gelegentlich
wie deren Verlängerung oder Stütze ausnimmt, durch Ansetzung
eines geraden oder etwas gebogenen Striches an der rechten
Seite in der Mitte oder am Fuße der Grundform (gelegentlich
z. B. gu 9 VI durch beide Arten zugleich).
durch Ansetzung eines ringförmigen offenen Hakens oben am
Kopfe, rechts an der Spitze des oberen Querbalkens, oder am
Kopfe des rechten oder linken Vertikalbalkens.
durch einen nach links gebogenen Strich, rechts oder links
oben an der Grundform.
durch einen geraden oft schief nach aufwärts gerichteten Strich,
rechts oben, selten rechts in der Mitte der Grundform.
durch einen geraden, selten schief aufwärts gerichteten Strich
links oben am Kopfe oder mehr gegen die Mitte der Grund-
form, der gelegentlich auch durch diese hindurch geht, oder
oben links innen nach unten angebracht ist (vgl. äthiopisches 2).
durch einen horizontalen Strich oben über der Grundform,
der gelegentlich durch diese geht, auf einem vorhandenen
Horizontalbalken rechts normal aufliegt; durch Ansetzung eines
Horizontalstriches rechts in der Mitte und links oben an der
Grundform, eines Striches rechts und links in der Mitte oder
oben an den linken oder rechten Balken der Grundform.
Vergleicht man nun damit die altäthiopische Vokalisationsart, so er-
geben sich sofort durchgreifende Unterschiede.
a) Im Indischen ist zwischen uU und i und i und I geschieden, im
Athiopischen nur ii und 1 vorhanden, Ñ, ï (Öö, > ë geworden.
1) Nach G. Bühler, a.a. O. Taf. III, Die Brahma-Schrift von Chr. Geb. bis ca.
350 n. Chr.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 83
b) Dagegen fehlt im Indischen die spezielle Bezeichnung des é und 0.
Was die Art der Bezeichnung der Vokale im Altäthiopischen anlangt,
so wird:
aw durch einen Horizontalstrich rechts in der Mitte mit gelegent-
licher Stützung der Grundform (U), Z, T), selten unten (Q,, 2»),
einmal (A) auch rechts innen durch einen schiefen Strich be-
zeichnet (vgl. das indische U).
ı fast regelmäßig durch einen geraden Strich rechts unten am
Fuße der Grundform, die öfters gestützt wird (Ausnahme /),).
a durch Verkürzung des linken Balkens, bzw. rechte Stützung
der Grundform oder Ansatz eines Striches links (bei („, G
rechts) an der Grundform.
e regelmäßig durch Ansetzung eines Ringes rechts unten an die
Grundform (bei /\, A innen, RB in der Mitte) oder an die Stütze
derselben.
ist auf verschiedene Weise bezeichnet: r. durch Knickung des
linken bzw. mittleren Balkens (4), $\, 4:), 2. durch Anbringung
eines schiefen bzw. Schiefstellung eines vorhandenen Striches
oben in der Mitte des Zeichens A, ñ, +, U, 9), 3. durch
Anbringung eines geraden Striches in der Mitte links (rf\}), oben
links (h, 4, N. H), unten links innen (Ñ), oben rechts (C, Ar,
P, R, C), 4. Stützung des Zeichens links (J, 4), 5. Ansatz
eines Ringes links innen (q) oder 6. zweier Striche am Fuße
(8&,). (Vgl. das indische £.)
durch Stützung der Grundform links (lJJ in der Mitte), bzw.
Verkürzung ihres rechten Balkens oder Ansatz eines Ringes
(Dreiecks) oben.
Eine prinzipielle Ähnlichkeit zwischen dem Brahmı und dem Äthio-
pischen bezüglich der Vokalisation ist also nur in drei Punkten vor-
handen:
I. in der Inhärenz des d in der Grundform.
2. in der Bezeichnung der Vokale durch Striche.
3. speziell in der Art der Vokalbezeichnung für ZU und ë. Gemein-
sam ist hier bei U die Anbringung eines Striches rechts und seine
Ansetzung an eine Verlängerung bzw. Stützung des Balkens (/, SL).
Man beachte aber, daß eigentlich nur % im Indischen ausschließlich
rechts bezeichnet wird, wie Kim Äthiopischen und für & auch andere im
Äthiopischen nicht vorhandene Möglichkeiten der Bezeichnung gegeben
sind. — Ebenso auch bei č. Die Anbringung eines Striches links ist
beiden Alphabeten gemeinsam, hingegen fehlen dem Brahmi alle an-
deren Bezeichnungsmöglichkeiten des Altäthiopischen.
Wc
el
84 Dr. Adolf Grohmann
Von diesen drei Punkten ist ersterer auch in der persischen Keilschrift
geltend zu machen, der zweite und dritte fällt wegen der überwiegend
verschiedenen Anwendungsart nicht sehr ins Gewicht.
Die Entlehnung
der Vokalbezeichnung aus indischer Quelle ist sonach nur in den Be-
reich einer sehr hypothetischen Möglichkeit zu verweisen. Es ist viej
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Abb. 9: Cod. Tubing. M. a. IX. 33. fol. 83r (Anfang des XVI Jh.).
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wahrscheinlicher, daß die Erfindung der Vokale ein Verdienst der
christlichen Missionäre ist und unabhängig erfolgte.
Ist bei ihnen
aber gewisse Kenntnis der indischen oder einer ähnlichen Vokalisation
vorhanden gewesen, so würde deren grundverschiedene Anwendung
im Äthiopischen eben wieder ihre eigene Erfindung darstellen, die
darum nicht weniger geistreich wäre.
Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 85
7. Weiterentwicklung der äthiopischen Schrift.
Betrachtet man die Buchstabenform der ältesten Hss. im Vergleich
zu denen der Inschriften, so ergibt sich, daß eigentlich die Schrift
völlig gleich bleibt. Für das griechische TI, das in den Eigennamen
der Bibel vorkam, finden wir zwei neue Zeichen verwendet nr und T''),
die in den altäthiopischen Inschriften nicht vorkommen und wohl auf
die Bibelübersetzung zurück zu führen sind. A ist formell an ange-
glichen, graphisch aber vielleicht, wie H.Grimme vermutet, aus \ + U
Abb. 10: Cod. Tubing. M. a. IX. 13. fol. 80° (Anfang des XVII. Jh.).
entstanden. Sonst aber hat sich nichts geändert. Dieser Konservati-
vismus zeigt sich in der Schrift der Hss. des 13. bis 19. Jahrhunderts,
ja eigentlich bis heute. Es war stets nur die Größe der Buchstaben,
die gewechselt hat, oder die schlankere oder kräftigere Betonung der
Balken, gelegentliche Schweifung, die Form der Häkchen u.ä. Die
ältesten Handschriften (13. bis 14. Jahrh.) sind in markigen eckigen
Zügen geschrieben, bei denen statt der späteren Rundungen die Drei-
1) Vgl. Job Ludolf, Gramm. aeth. Ed. II, S. 7.
86 Dr. Adolf Grohmann
ecksformen bevorzugt sind. Man vergleiche besonders P, P, V, A; A
(siehe Tafel III und Abb. ı, 2) in Aeth. 21r der Wiener Hofbibliothek
(13. bis 14. Jahrh.), ferner auf der Stiftungsurkunde Amda Sıyons (1314
bis 1344 n. Chr.) in der Hs. Borg. äth. 3 der Vaticana') und in der Notiz
auf Fol. 162” des Cod. Paris. Eth. 22, der aus derselben Zeit stammt
Abb. JJ: Lefafa Sedek. Wien, Privatbesitz. (Ende des XVIII. Jh.)
(Abb. 4). Ein gutes Beispiel für den Duktus dieser Zeit bietet auch Cod.
Vindob. Aeth. 5 (Mitte des 14. Jahrh., Abb. 3). In diesen Hss. ist auch diet
für die alten Mss. des 13. bis 15. Jahrh. charakteristische Form des
(P angewendet, die schönsten Hss. dieser Zeit stammen aus der
Schreiberschule zu Aksum. Die Vorliebe für eckige Züge herrscht
1) Vgl. N. Roupp, Zeitsch. f. Assyr. XVI 1902), Taf. IV.
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Zu Seite 9.
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3.
Taf. IV: Cod. Mus. Brit. Or. 706. fol. 134r
(zw. 1478 u. 1494 n. Chr.).
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. Zu Seite 87.
Taf, V: Cod. Mus. Brit. Or. 706, fol, 3:
(zw. 1478 u. 1494 n. Chr.).
Archi
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 87
auch noch im 15. Jahrhundert vor, so in der Hs. Or. 706 des British
Museum (zwischen 1478 u. 1494 n. Chr., Taf.IV u.V) und Cod. Aeth. 5 der
Kgl. Universitätsbibliothek zu Upsala (Abb. 7, Anfang des r5. Jahrh.).
Das 16. Jahrhundert liebt mehr lange, gestreckte Formen; auch hier
zeigt sich noch Vorliebe fiir eckige Ziige (Abb. 5, Cod. Vindob. Aeth. 20),
die sich erst in der zierlichen Schrift verliert, die um die Wende des
16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in Gebrauch kommt und die ,,feine“
(Rakik) genannt wurde (z. B. Cod. Aeth. Tubing. M. a. IX. 13, Abb. 9, ro).
Den ästhetischen Höhepunkt erreicht die äthiopische Schrift in der
Unziale:) (Guelh), die um die Mitte des 17. Jahrhunderts aufkommt und
besonders unter “Yyasu I. (1682 bis 1706) gepflegt wurde. Die Buch-
staben erreichen hier gelegentlich die Höhe von ı cm. Als Beispiel sei
Cod. Vind. Aeth. 9 (Abb. 6, Mitte des 17. Jahrh.) gegeben. Nach 'Yyasul.
verfällt die Schreibkunst rasch. Das ausgehende 18. Jahrhundert zeigt
gelegentlich noch feinere Züge (ein Beispiel in Abb. rr, ein Stück aus
einem Lefafa Sedek im Besitz von H. Prof. K. Wessely in Wien), im
allgemeinen ist die Schrift aber dickzügig und unschön.
Ebenso bleibt es im rg. Jahrh. und auch der moderne Duktus kann
sich mit dem vergangener Zeiten nicht entfernt messen. Nur in Gon-
dar hielt man lange die Traditionen der guten alten Zeit aufrecht und
noch zu E. Rüppells Zeiten (erste Hälfte des ıg. Jahrh.) wurden dort
Hss. in feinerem Duktus geschrieben’).
1) Unziale soll hier natürlich nur im Sinne von „Großschrift, Prunkschrift‘ ge-
braucht sein. Die Bedeutung von guelh ist „grandior, crassior“. Vgl. C. Conti
Rossini, Journal Asiatique XIX (1912', S. 563.
2) Wenn die Reproduktionen Taf. I und III nicht ganz so ausgefallen sind, wie es
wohl mir und manchem Leser lieb wäre, so liegt dies daran, daß sie nach den ersten
Klischees angefertigt werden mußten, die die Originale in etwas zu starker Verkleine-
nerung (ca. 1/12) wiedergaben. Meine zur nochmaligen Reproduktion knapp nach
Ausbruch des Krieges nach Leipzig entsandten Originale sind nämlich leider ver-
loren gegangen. In Taf. III gebe ich die erste Reproduktion zusammen mit der nach
ihr verfertigten zweiten,
Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares:
Timothe Brights Characterie
entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Von Dr. Paul Friedrich.
Einleitung.
m Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft von 1897!) brachte
Dewischeit zum ersten Male den bestimmt gefaBten Gedanken, zur Er-
klärung der Abweichungen vieler Shakespearequartos von den Folio-
versionen die Brightsche Stenographie heranzuziehen. Die Idee selbst,
als eine Ursache der oft schlechten Überlieferung mancher Dramen eine
mangelhafte Aufnahme durch einen Geschwindschreiber anzunehmen, ist
schon älter. Bereits Dyce?), Collier?), Knight?) äußerten solche Ver-
mutungen. Der Engländer Levy hat sich schon mehrfach mit Unter-
suchungen beschäftigt, doch sind seine Ausführungen oft sehr unbestimmt.
Erst Dewischeits Darlegungen sind klar, im einzelnen bestimmt und wissen-
schaftlich wertvoll. |
Wir kennen Brights Stenographie aus dem Lehrbuche, der ‚„Characterie‘‘,
von 1588. Die erste ausführlichere Darstellung des Systems brachte
Pocknell, der Präsident der ,,Shorthand Society“. Im Jahre 1884 gab er
der „Phonetic Shorthand writers Association‘“‘ einen Bericht über Brights
Stenographie®), die er nach dem damals einzigen bekannten Original der
Bodleiana®) studiert hatte. Seine Darlegungen erstrecken sich aber nicht
auf die ganze ,,Characterie‘‘. Alle bisherigen Ausführungen — auch die
Pocknells — über Brights Kunst waren immer nur Beschreibungen des
Systems an sich, gingen aber nicht auf die Entstehung dieser ersten moder-
nen Kurzschrift ein. Die folgende Arbeit versucht nun, das Brightsche
Stenographiesystem zu besserer Erkenntnis seines Wesens und Zweckes
nach seiner Entwicklung darzulegen, es kritisch zu betrachten und weiter-
hin seine Bedeutung für die Shakespearestudien im besonderen zu kenn-
zeichnen.
1) Sh. J. (= Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft) Bd. XXXIV,
S. 170, u. A. f. St. (= Archiv fir Stenographie) 1897.
2) Dyce’s Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. ror.
3) Colliers Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 469, vol. V.
4) Knights Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 4.
5) The Phonetic Journal 1884, p. 86. — Shorthand, a scientific & literary magazine,
p. 126, 1884.
6) Signatur „Douce W. 3“.
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 89
ERSTER TEIL.
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie.
J. Kapitel.
England als Vaterland der modernen Kurzschrift.
ie Erfindung der Kurzschrift läßt sich in gewisser Hinsicht als ein
Doo o Akt ansehen gegenüber dem Entwicklungsgange der Laut-
schrift, der als ein analytischer Prozeß hingestellt werden kann. — Der erste
Versuch des Menschen, seinen Gedanken Dauer- und Wiedererzeugungs-
sicherheit zu verleihen, ist das Schreiben in Bildern gewesen. Amerika-
nische Steinzeichnungen enthalten stets für einen ganzen Gedanken nur
ein Zeichen, ein Bild. Das war bereits ein Auflösen des Vorstellungskom-
plexes. Eine Weiterbildung auf analytischem Wege ist es, wenn die Ägypter
ein Zeichen nur für einen Begriff, ein Wort verwenden. Den nächsten
großen Schritt, die Zergliederung in Silben brachten die Babylonier. Euro-
päisch-arische Völker gebaren wahrscheinlich den Genius, der mit feinem
Ohr und scharfem Sinn das Wort noch als ein zusammengesetztes Gebilde
erlauschte und aus dieser Erkenntnis heraus die Buchstabenschrift erfand!).
Hohe Kulturbedürfnisse und Reichtum der Sprache ließen im Laufe der
Zeiten begabte Völker auf den Wunsch kommen, die Aufzeichnung der
Rede und der Gedanken schneller zu ermöglichen, als die Lautschrift es
gestattete. An Deutlichkeit und Richtigkeit durfte aber nichts eingebüßt
werden. Abkürzungen sind wohl der erste Schritt zur bewußten Bildung
einer Kurzschrift gewesen. Die vielen gebräuchlichen Abkürzungen im
Lateinischen sind Anzeichen dafür. Hierin zeigt sich schon eine gewisse
Neigung zum Zusammensetzen. Der Erfinder einer Stenographie mußte
sich immer bemühen, alles, was die Lautschrift ausführlich darstellte, zu
verdichten, räumlich und zeitlich. In diesem Streben nach Verschmelzung
bekundet sich ein synthetischer Vorgang. Schon im vierten Jahrhundert
vor Christus scheint eine griechische Kurzschrift bestanden zu haben. Den
Höhepunkt antiker Tachygraphie bedeutet aber Tiro, der Freigelassene
Ciceros. Daß das Latein gerade eine solche lebensfähige Geschwindschreibe-
kunst hervorgebracht hat, nimmt bei dem Hochstande dieser Sprache in
jeder Hinsicht nicht wunder. — Mit der alten Kultur ging für das Abend-
land auch Tiros Kunst verloren. Ganz vergessen war sie freilich nicht.
Das brachte ja schon das Studium des Lateinischen mit sich. Dem Kloster-
1) Archiv fiir Schriftkunde. 1914. Jahrgang I. Nr. ı weist Reinhold Frhr.
v. Lichtenberg in einem Aufsatz ‚Ursprung u. Alter der Buchstabenschrift‘‘ die An-
sicht zurück, unsere Buchstabenschrift leite sich von den semitischen Phönikiern ab.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 23. 7
90 Paul Friedrich
fleiB der Karolingerzeit verdanken wir tiberhaupt in erster Linie unsere
Kenntnis der tironischen Noten. Aber praktische Bedeutung besaBen sie
damals schon nicht mehr. Bald stirbt auch die gelegentliche Anwendung
der römischen Tachygraphie vollständig aus. Aus dem Jahre 941 stammt
die letzte deutsche, aus 1067 die letzte französische Urkunde, in der sich
tironische Noten finden. In den einzelnen Sprachen entwickelte sich dann
— gleichsam als eine Vorstufe zur Neubildung einer Stenographie — ein
üppiges Abkürzungswesen. Schon im frühen Mittelalter besteht in Eng-
land eine Kurzschrift, die mit dem Namen John of Tilbury verknüpft ist!).
In drei Handschriften ist uns seine ‚‚ars notaria‘‘ überliefert. Doch diese
Stenographie bezog sich wieder auf das Lateinische. Schon aus diesem
Grunde, weil sie nicht für die Landessprache des Erfinders berechnet war,
kann man sie nicht als modern bezeichnen. Vor dem Humanismus war
überhaupt das Geistesleben der neuen jungen Völker Europas noch nicht
reich und rege genug, um das Fehlen einer Kurzschrift in der National-
sprache als einen Mangel zu empfinden. Die Renaissancezeit selbst aber
mit ihrer übermächtigen Schätzung alles Klassischen war im allgemeinen
der Pflege heimischer Sprache nicht günstig.
Am ehesten rang sich in England die Muttersprache durch, vor allem
hat das Inselreich auf diesem Gebiete früher Einheitlichkeit erreicht als
z. B. Deutschland. Das Vorhandensein einer allgemein verstandenen
Schriftsprache ist aber erste Vorbedingung für die Blüte nationalen Lebens.
Die Engländer besaßen 1623 bereits Shakespeares, ihres größten Meisters
Werke im Druck; in Deutschland sagte Opitz um dieselbe Zeit in einer latei-
nischen Abhandlung, daß deutsch zu schreiben auch für Gelehrte keine
Schande sei.
80 Jahre vorher (1545) schon schrieb der elisabethanische Pädagog
Roger Ascham seinen ‚‚Toxophilus‘ in englischer Sprache und sagte in der
Vorrede vaterlandsstolz, wie hoch er seine „English tongue‘‘ schätzte?).
12 Jahre später erschien ein großes Geschichtswerk in Englisch, Holin-
sheds Chronik. Die Liebe zur heimischen Sprache und ihre Anerkennung
brachte auch früh die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr mit sich.
1559 veröffentlichte Th. Wilson eine ‚‚Arte of Rethoricke‘‘. 9 Jahre darauf
finden wir bei Smith in einer Schrift über das Griechische eine Abhandlung
„de recta et emendata Anglicae scriptione‘‘. 1586 druckte William Bul-
lokar, der sich viel mit grammatischen, orthographischen und phonetischen
1) Arthur Mentz, „Zwei Stenographiesysteme des späteren Mittelalters‘. Sonder-
abdruck aus dem Korrespondenzblatt, der amtlichen Zeitschrift des Königl. Stenogr.
Landesamts zu Dresden. 57. Jahrgang, 1912, Nr. 6—9.
2) Roger Ascham, English works ed. by W. A. Wright. Cambridge 1904, p. X.
„I — haue written this Englishe matter in the Englishe tongue, for English men.“
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 91
Studien beschäftigte, die erste englische Grammatik ‚‚the bref Grammar“.
Der Hochstand der heimischen Sprache in England ist nun zweifellos die
Ursache gewesen, daß dieses Inselreich auch das Vaterland der neuen
Stenographie wurde. 1588 erschien in London ein Büchlein ,,Characterie,
an Arte of shorte, swift and secrete writing by Character. Invented by
Timothe Bright, Doctor of Phisike“. In diesem Schriftchen haben wir
das erste moderne Stenographielehrbuch vor uns, es enthält die erste neue
Kurzschrift in der Nationalsprache des Autors, „being altogether of Eng-
lish yeeld‘‘.
Ein so wichtiges Ereignis wie die Neuerfindung der Stenographie muB in
Verbindung mit den geistigen Kulturerscheinungen seiner Zeit betrachtet
werden. Die Kurzschrift läßt sich nun gewiß nicht von der Schrift und
damit von der Sprache trennen. Die ‚Characterie‘‘ zeigt deutlich, mit
welcher Liebe der Verfasser zu seiner Sprache erfüllt war, und das Volks-
idiom war im geistigen und wirtschaftlichen Leben der Nation bereits in
solchem Umfange bedeutungsvoll, daß die Kurzschrift auch als ein Be-
dürfnis empfunden wurde. Andernfalls wäre Brights Stenographie nicht
so verbreitet gewesen und hätte nicht so viele Nachahmer gefunden. Eine
wissenschaftliche Durchdringung des Sprachlichen nach grammatischer
Hinsicht kann man in der ‚‚Characterie‘‘ noch nicht entdecken. Darin war
eben Bright noch ein Kind seiner Zeit. Trotzdem er die alten Sprachen
kannte, war ihm doch eine solche grammatische Betrachtung, wie er sie
dort gewohnt war, bei seiner Muttersprache noch nicht geläufig. Die erste
englische Grammatik war erst 1586 erschienen und kann eher als ein
orthographisches Reformbuch als eine Grammatik in unserem Sinne be-
zeichnet werden. Die zu geringe Beachtung des Logisch-Formalen im
Brightschen System ist von ungünstigem Einfluß gewesen. Im allgemeinen
sei hier noch bemerkt, daß die Characterie von dem Gedanken ausgeht, als
Konstruktionselement das Wort hinzustellen, und zwar das Wort in seiner
Bedeutung, erst in zweiter Linie das Wort in seiner Form. Brights Kurz-
schrift ist eine Wortstenographie. Die späteren Systeme, schon das von
Willis 16021) gingen — eine analytische Weiterbildung — zur Buchstaben-
kurzschrift über. So bestätigt sich auch hier die Richtigkeit des oben er-
wähnten Gedankens, daß uns in der Geschichte der Schrift ganz aus-
geprägt analytische Tendenzen begegnen: von der Bilderschrift bis zur
Buchstabenschrift. Die Erfindung der Stenographie dagegen ist unzweifel-
haft ein synthetischer Vorgang, in ihrer Weiterbildung erst wandelt sie
1) The Art of Stenography, teaching by plaine and certaine rules, to the capacitie
of the meanest, and for the use of all professions. The way of compendious writing.
Whereunto is annexed a very easie direction for Steganographie, or Secret Writing.
At London. Printed to Cuttbert Burbie 1602.
7*
92 Paul Friedrich
wieder analytische Wege. Uns tritt also in der Entwicklung der Schrift
ein ähnlicher Wechsel entgegen wie in der Sprache. Auch hier ist das älteste
Stadium die analytische Bildung gewesen. Dann strebte alles zur synthe-
tischen Bildung, wie sie z. B. das Lateinische oder Griechische erkennen
läßt. Unsere heutigen Sprachen befinden sich bereits wieder weit auf
analytischem Wege, besonders das Neuenglische.
2. Kapitel.
Bright und sein Vorläufer Tilbury.
Timothe Bright!) wurde im Jahre 1550 oder 1551 in Cambridge geboren.
Seine Eltern waren arm. Deshalb wurde er nur als subsizar am 21. Mai
1561 am Trinity College seiner Vaterstadt immatrikuliert. Für einen
Knaben von ıı Jahren erscheint uns heute der Universitätsbesuch reich-
lich früh, doch in der elisabethanischen Zeit schickten die Eltern ihre
Söhne viel zeitiger ‚‚to college‘‘ als heute. Timothys Tutor war Vincent
Skinner, ein Mann von hohen geistigen Fähigkeiten. Diese beiden haben
ihr Leben lang Freundschaft gehalten; tutor und pupil standen sich damals
oft viel näher, als es jetzt der Fall sein soll. Skinner spielte später eine
wichtige Rolle in seines Schülers Lebensgang. Schon das erste Jahr, das
Bright als Student verlebte, wurde ereignisreich für ihn; die jungfräuliche
Königin kam zum Besuche der Universität. Fünf Tage lang dauerten die
Festlichkeiten. Wie mögen jene glänzenden Feiern des Knaben Herz und
Sinn bewegt haben! Als er 25 Jahre später der Königin seine neue Kunst
widmete, werden ihm die Cambridger Jugendtage wieder aufgestiegen sein.
1568 erlangte er den akademischen Grad des B. A. Da er Medizin studieren
wollte, ging er zur besseren Ausbildung auf den Kontinent. Die englischen
Universitäten konnten sich damals noch nicht messen mit den altberühmten
von Paris, Montpellier, Pisa oder Padua. Vielleicht hat Bright einen
reichen Gönner begleitet, Sir Francis Walsingham; 1572 finden wir ihn in
Paris. Mit knapper Not entging er hier durch seines Gönners Schutz jener
schrecklichen Nacht vom 23. zum 24. August, der berüchtigten Pariser
Bluthochzeit. Mit Sir Philip Sidney zusammen war er ins Haus des eng-
lischen Gesandten, eben jenes Walsingham geflohen. Zurückgekehrt ins
Vaterland, erwarb er sich den M. A. in Cambridge und wurde 1579 M. D.,
medicinae doctor. In diesem Jahre verheiratete er sich auch. Dann
scheint er sich in seiner Vaterstadt als Arzt niedergelassen zu haben.
Seiner Ehe entsprossen 8 Kinder.
1) Zu Brights Leben vgl.: Dictionaryof National Biographie, William J. Carlton,
Timothe Bright Doctor of Phisik. A Memoir of ,,the father of modern shorthand".
London IgII.
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 93
Auf medizinischem Gebiete ist gerade das Zeitalter Shakespeares eine
Übergangsperiode. Bright war eigentlich mehr in den klassischen Sprachen
vorgebildet als in den Naturwissenschaften. Die Ärzte fußten damals
meistens noch auf Galen, Hippokrates und Aristoteles. Zu eigener selbst-
ständiger Naturbeobachtung hatten sich nur wenige durchgerungen. 1580
veröffentlichte Bright eine kleine Schrift ,,A Treatise, Wherein is declared
the sufficiencie of English Medicines, for cure of all diseases, cured with
Medicine‘, eine Verteidigung der englischen Arzneimittel gegenüber den
ausländischen. Patriotisch ist Bright also gewesen, vielleicht hat ihn sein
Auslandsaufenthalt besonders vaterlandsstolz gemacht. Sein Erstlings-
werk scheint Erfolg gehabt zu haben, denn bald darauf schrieb er ein Buch
in lateinischer Sprache ,,Hygieina id est de sanitate tuenda medicinae pars
prima, authore Timotheo Brighto Cantabrigiensi, Medicinae Doctore“.
Ein Jahr später erschien ,,Medicinae therapevticae pars, de dyscrasia
corporis humani.“ Auch dieses Buch hat Aufsehen erregt, 1589 schon
wurden Hygieina und Therapeutica zusammen bereits auf dem Festlande,
in Frankfurt am Main gedruckt. Eine seiner nächsten Schriften ist Sir
Philip Sidney, mit dem er einst in Paris die Bartholomäusnacht durchlebt
hatte, gewidmet. Der junge Arzt bewegte sich also in einflußreichen
Kreisen. 1585 erlangte er den Posten eines ,,physician to the Royal Hospital
of St. Bartholomew“‘; seine medizinischen Werke hatten ihm diese wichtige
Stellung erworben. 25 Jahre später bekleidete der berühmte Harvey, der
Entdecker des Blutkreislaufes, dasselbe Amt. Bright gab jetzt als Hospital-
arzt verschiedene medizinische Schriften heraus, unter anderem auch
„A Treatise of Melancholie containing the causes thereof and reasons of
the strange effects it worketh in our minds & bodies. London 1586.‘
Dieses Buch hat wohl auch Shakespeare gelesen: ,,Brights Seelenlehre war
die Atmosphäre, unter deren Einfluß Shakespeares Werke entstanden.‘‘!)
Hamlets Charakter und Verhalten stimmen auffallend mit Brights Ge-
danken überein. Diese Schrift war in englischer Sprache abgefaßt. Bright
sagt ausdrücklich ‚‚I write it in our mothertongue, that the benefit might
be more common.“ |
1588 erschien das Werk, um dessentwillen er heute am meisten genannt
wird, die Characterie. Bright hatte schon vorher seine Schriften immer
einflußreichen Personen zugeeignet; die Characterie war der Königin selbst
gewidmet. ‚To the most high & mighty prinze Elizabeth, by the grace of
God, of England, Fraunce, and Ireland Queene: Defender of the Faith etc.“
Nicht genau wissen wir, ob er selbst das Büchlein der Herrscherin über-
1) Sh. J. XXXI. S. r. „Über die physiologischen Grundlagen der Shakespeare-
schen Psychologie“. Richard Loening. p. 5.
94 Paul Friedrich
geben hat. Im gleichen Jahre, wahrscheinlich noch vor dem Drucke der
Characterie, stellte ihm Elisabeth ein Patent aus, in dem ihm Schutz vor
Nachdruck und unerlaubter Veröffentlichung seiner Werke zugesichert
wurde!). Die Ausstellung dieses Erlasses zeigt Elisabeths lebhaften An-
teil an Brights Erfindung, denn der Tag, an dem er unterzeichnet wurde,
der 26. Juli 1588, fällt in die bewegteste Zeit des Armadakrieges. Am Tag
zuvor hatte ein groBer Kampf bei der Insel Wight zwischen den Englandern
und Spaniern stattgefunden, und noch war er nicht ganz beendet.
Vielleicht hat der arztliche Beruf Bright nicht befriedigt, schon die Be-
schäftigung mit der doch immerhin abseits liegenden Geschwindschrift
deutet das an. Jedenfalls konnte oder wollte er seinen Pflichten als Hospi-
talarzt nicht mehr genügen. Nach mehrfacher Verwarnung entließB man
ihn aus seiner Stellung. Er wurde Geistlicher. Meine späteren Ausfüh-
rungen werden erweisen, wie sich diese Änderung des Lebensberufes, die
wohl einer Neigung entsprochen haben mag, auch in der besonderen Aus-
gestaltung seiner Kurzschrift ausprägt. 1591 wurde er Rektor von Methley
in Yorkshire, in der Nahe von Wakefield?). Bald gerät er aber in trübe
Lebenslagen. Ende 1594 nahm Bright neben dem bisherigen Amte noch
die Stellung eines Rektors in Barwick-in-Elmet bei Leeds an und wohnte
auch dort. Hier machte er sich um die Hebung der nahen Mineralquellen
von Harrogate verdient. Seinen Lebensabend hat er in keiner seiner
beiden Gemeinden verbracht. 1615 ist er zu Shrewsbury, wo sein Bruder
Pfarrer war, gestorben. Hier liegt er auch in der Kirche St. Mary be-
graben. Aus seinem Testament erkennen wir, daB eine seiner Lieblings-
beschäftigungen die Musik gewesen ist.
Timothy Bright ist nicht der erste Engländer gewesen, der eine Kurz-
schrift erfunden hat. Um das Jahr ı200 sind 2 Entwürfe neuer Steno-
graphiesysteme entstanden, die aber nicht mehr vorhanden sind. Nur ein
Brief über diese neue Kunst ist uns in 3 lateinischen Handschriften (in
London, Oxford und Florenz) erhalten. Die beiden in England liegenden
Handschriften stimmen unter sich in den angegebenen Zeichen überein, die
Florentiner gibt andere. Trotzdem ist erkenntlich, daß der Urheber des
letzteren Systems auf dem Werke des ersteren basiert?); dessen Erfinder
nennt sich uns nicht, aber V. Rose®) vermutet, daß es ein Mönch Johannes
1) Das Dokument befindet sich heute ın Patent Office Roll, 30th Elizabeth, part 12.
Abgedruckt ist es bei Levy „William Shakespeare and Tim. Bright. London 1910.“
p. 18, und bei Carlton, p. 72.
2) Vgl. auch Phonetic Journal 1900, p. 438 u. p. 469.
3) Arthur Mentz, ,,Zwei Stenographiesysteme des spateren Mittelalters‘‘, Dresden
1912.
4) V. Rose, Ars notaria, im Hermes, Bd. 8, p. 308 f.
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 95
von Tilbury um 1200 aufgestellt hat!). Er hat die tironischen Noten gut
gekannt, wenigstens besser als irgend ein anderer seiner Zeit. Aber trotz-
dem er manches daraus gelernt und benutzt hat, bekämpft er sie doch sehr
und betont die Notwendigkeit, daB man eine einfachere Schrift anwenden
müsse. Ars notaria nennt er seine Kunst?). Wenn auch John of Tilbury
Bright zeitlich vorangeht, kommt ihm doch entwicklungsgeschichtlich
kaum die Bedeutung eines Vorläufers zu. Tilburys Kunst bezieht sich
noch auf das Lateinische, erst der elisabethanische Arzt unternimmt den
wichtigen Schritt, sein System für die Muttersprache, das Englische, auf-
zustellen.
Ob Bright die römische Tachygraphie, Tiros Notenschrift, gekannt hat,
ist zweifelhaft, obgleich die Einleitung zur ‚‚Characterie‘‘ gleich mit Cicero
beginnt: ‚Cicero did account it worthy his labour & no less profitable to
the Roman Commonweale, to invent a speedy kind by character.‘‘ Diese
Kunde vom Vorhandensein der tironischen Noten hat Bright sicher nur
Andeutungen in den klassischen Schriftstellern zu verdanken, denn die
Fortsetzung der eben zitierten Stelle ,,As Plutarch reporteth in the life of
Cato the younger“ klingt nicht so, als ob er selbst Tiros Zeichen je ge-
sehen hat.
Inwieweit Bright nun Tilburys System gekannt hat, ist schwer nach-
zuweisen. In beiden Systemen ist allerdings der senkrechte Strich zum
Grundelement des Alphabets genommen, auch entdeckt man einige Buch-
staben, die der Form nach bei beiden gleich sind, nämlich | I fF ır ) [-
Doch halte ich letzteres für bloßen Zufall; die Zeichen sind so einfach und
naheliegend, daß graphische Gleichheit nichts beweist. Selbst wenn sich
eine genauere Kenntnis des Tilburyschen Systems bei Bright nachweisen
ließe, so glaube ich doch nicht an eine umfangreichere Benutzung?).
Die späterfolgende entwicklungsgeschichtliche Darlegung zeigt, daß zu-
nächst das Alphabet Brights, wie wir es in der Characterie vor uns haben,
erst die Frucht jahrelangen Werdens ist; also ist es keinesfalls über-
nommen). Ferner ist Brights Werk auf ganz anderer Grundlage auf-
1) Moser ,,Allgemeine Geschichte der Stenographie vom klassischen Altertum bis
zur Gegenwart‘, p. 71. Mentz ist anderer Ansicht.
2) Levy, „W. Sh. u. T. Br.“ nennt diese notarial art ein ‚‚tree alphabet‘‘, p. IL:
»it is the alphabet of Dioscorides the philosopher, commonly called the tree alphabet.‘
Ich vermag dieser Auffassung nicht zuzustimmen.
3) Im Gegensatz zu Moser, der annimmt, daB Bright auf Tilbury sich griindet,
ohne aber einen Beweis zu erbringen. ‚Gesch. der Stenogr.‘‘ p. 118.
4) Sh. J. XXXIV, p. 176. Dewischeit: ‚Tilbury mag vielleicht, wie Professor
Michaelis annimmt, auf seine alphabetischen Zeichen durch die Ogham-Schrift der
Irländer oder durch die Runen, die sich ja alle an einen Stab anlehnen, gekommen
sein. Mit ihnen hat auch Brights Characterie vieles gemeinsam. Ja man ist versucht,
96 Paul Friedrich
gebaut als die ars notaria. Diese war ganz nach grammatischen Gesichts-
punkten konstruiert!). Z. B. Stamm und Endung sind in ihr unterschieden,
die einzelnen Verbalsuffixe haben besondere Kennzeichen. Das Formale
ist also bei Tilbury sehr in den Vordergrund gerückt. Bei Bright aber bildet
die Bedeutung der Wörter die Hauptsache. Seine Stenographie berück-
sichtigt wenig die Ausdrucksmöglichkeiten für grammatisch bedingte Ver-
änderungen der Wörter. Ihm war eine grammatische Betrachtung des
Englischen nicht geläufig; er hatte seine Muttersprache nicht durch Regeln
erlernt und beachtete nicht, daß auch sie Gesetzen unterworfen war. Gewiß
bedurfte das — vom grammatischen Gesichtspunkt aus betrachtet —
analytische Englisch gegenüber dem synthetischen Latein nicht so vieler
Darstellungsformen für Endungen usw.; doch hätte eine genaue Kenntnis
des Tilburyschen Systems Bright sicher veranlaßt, seine Kunst nach gram-
matischer Seite hin etwas mehr auszugestalten.
3. Kapitel.
Kurze deskriptive Darstellung des Brightschen Systems nach dem
Lehrbuche von 1588.
Im folgenden sind der Aufbau und die besonderen Eigenheiten des
Brightschen Kurzschriftsystems kurz dargestellt. Eine solche Beschreibung
muß erfolgen, um den entwicklungsgeschichtlichen Darlegungen in einem
späteren Kapitel einen ungehemmten Fluß zu ermöglichen.
Im Jahre 1588 gab Bright das Lehrbuch seines Systems heraus. Von
diesem Originalabdruck sind heute nur noch 3 Exemplare bekannt; von
einem, dem in der Bodleiana, wußte man schon länger; ein zweites befindet
sich in Cambridge, im Magdalene College unter den Schätzen, die von
Samuel Pepys vermacht sind. Ein drittes, gut erhaltenes Exemplar wurde
erst I9ıI aufgefunden in der Bibliothek des Earl of Crawford & Balcarres,
in Haigh Hall, Lancashire; dieses letzte ist darum bemerkenswert, weil es
ein Blatt enthält, das den beiden anderen fehlt, nämlich eine allgemeine
Übersicht des Systems, eine ,,synoptical table‘‘?2). Am Schluß dieses Ka-
pitels ist diese Übersicht wiedergegeben.
den Ursprung beider Systeme auf die alte Devanägarischrift des Sanskrit zurück-
zuführen, deren Buchstaben sich ja immer an einen Querbalken ‚‚mäträ‘‘ genannt
anlehnen.‘‘ Ich halte aber Brights Erfindung für ureigen.
1) Mentz, ,,2 Stenographiesysteme‘‘, p. 9. „Das System ist ganz grammatisch
orientiert.‘
2) Vgl. Pitman’s Journal 1911r, Vol. LXX, p.4. Ein Faksimile dieses Blattes
findet sich ferner bei Carlton ‚Tim. Bright‘‘, p. 88. — Früher sind noch mehr Exem-
plare der Characterie bekannt gewesen, denn im A. f. St. 1911, H. 2—3, p. 108 bringt
Johnen bei einer Besprechung des Carltonschen Buches die Anmerkung: ‚4 Exem-
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 97
1888 veranstaltete Herbert Ford einen Neudruck des Werkes. Dadurch
wurde dieses Büchlein dem Studium etwas leichter zugänglich. Leider
wurde der Neudruck — wie so oft bei englischen Ausgaben — auf 100 Stück
beschränkt, so daß auch er verhältnismäßig selten ist 1).
Der Titel des Büchleins lautet genau: ‚„Characterie, An Arte of shorte,
swifte, and secrete writing by Character. Inuented by Timothe Bright,
Doctor of Phisike. Imprinted at London by J. Windet, the Assigne of
Tim. Bright. 1588. Cum priuilegio Regiae Maiestatis. Forbidding all
other to print the same.‘‘ Der Name ‚‚Characterie‘‘ bedeutet Zeichenkunst.
Die Bezeichnung ‚„Shorthand‘‘ kam erst später auf. Das Werkchen
beginnt mit einer Widmung an die Königin (S. 3—ı1). Darauf folgt eine
Vorrede an den Leser (S. 13—16) beginnend: „Thou hast here gentle
reader an art of short and so of speedie wryting plainly delivered vnto thee.
So as by thine own industry, thou maiest attain unto it, if thou wilt but
one month take paines therein, and by continuance of an other month,
maiest thou attain to great readiness‘ usw. Daran schließen sich die
eigentlichen Ausführungen über die Stenographie an. In 4 Teile kann
man das Büchlein gliedern: 1) eine theoretische und praktische Erläuterung:
The Arte of Characterie (S. 17—36)?); 2) eine Sigeltabelle: The Characterie
Table (S. 37—47). Das ist der eigentliche stenographische Teil. 3) folgt
ein Wörterbuch: A Table of English Words von 179 Seiten (S. 49—228).
Daran schließen sich 4) die: Appellative Words (S. 229—256). Diese
Raumverteilung ist ziemlich sonderbar für ein Lehrbuch der Stenographie;
denn stenographische Zeichen finden sich, außer wenigen im ı. Teil, nur
im 2. Teil, der selbst nur ıı Seiten umfaßt. Zusammenhängende Stücke in
„Characterie‘‘ sind überhaupt nicht darin. Allein aus den knappen An-
plare sind in den Jahren 1856, 1859, 1866, 1878 in Privatbesitz gewesen, jetzt aber
nicht mehr nachweisbar (vgl. The Willis Byron Club Bulletin, I. Nr. 7. Okt. /Dez.
1903, p. 2). — Brit. Mus. Add. Ms. 35333 Art. 7 ist eine Abschrift aus dem 16. od.
17. Jahrhundert.‘
1) Trotz der Versicherung Fords in dem Begleitwort ‚In every detail I have
followed the original, preserving the exact spacing and pagination, as well as the
quaint old-style spelling‘‘ hat der Neudruck doch manche Mängel. Auch dieser Neu-
druck ist recht selten geworden, da nur 100 Exemplare zur Ausgabe gelangt sind.
Nicht stimmt jedoch die Angabe im Arch. f. Sten. 1901, p. 225, Anm.: ,,In Deutsch-
land besitzen nur die Bibliotheken des Dresdner Institutes, sowie des Stenographen-
vereins zu Berlin u. Dr. Johnen in Düsseldorf je ein Exemplar dieses Neudrucks.“‘
Ich habe außer dem Dresdner Exemplar noch das aus der Freiburger Universitäts-
bibliothek benutzt.
2) Paginiert ist die Characterie nicht. Meine Zählung rechnet das Titelblatt als
die beiden ersten Seiten, beginnt also mit der Widmung als dritter Seite. Nach der
Vorrede S. 16 folgt, nach Angabe von Pitman’s Journal 1911, p. 4 die ,,synoptical
table‘ von Earl of Crawfords Original.
98 Paul Friedrich
gaben dieses Lehrbuches, ohne ein Manuskript!) in Brights Kurzschrift,
kann man sich deshalb nur schwer eine rechte Vorstellung des Systems
machen. Brights Erklärungen in der Arte of Characterie, dem ı. Teil,
S. 17—36 sind oft sehr breit und umständlich gehalten, manchmal aber
auch sehr knapp zu nennen.
Zur Bildung eines Alphabets verwendet Bright als Grundelement den
senkrechten Strich und fügt zur Kennzeichnung des Einzelbuchstabens
oben ein Merkmal an. Es sieht folgendermaßen aus:
ı\FrırıraıstiIırıert ?
==",
a bk de fg hilmno opr st u,v,w
k und q werden dureh e vertreten, y, j durch i; v, w durch u; somit hat das
Alphabet 18 Zeichen.
Diese Buchstaben werden nun nicht — wie man erwarten könnte — so
verwendet, daß die Wörter durch Zusammensetzung dieser Zeichen gebildet
würden, sondern Brights Kurzschrift war eine Wortstenographie, das
bedeutet: Gleichlange Zeichen für jedes Wort. Demgemäß konnte ein
solches Zeichen graphisch nicht alle Laute wiedergeben, die einem Worte
phonetisch gebührten, sondern nur der Anfang eines Zeichens zeigte den
richtigen Buchstaben, das Ende war symbolisch. Bright mußte nun darauf
bedacht sein, auf möglichst klare Weise möglichst viele Variationen jedes
Buchstabenzeichens zu erlangen, um eine große Wortzahl dadurch zu ge-
winnen. Er fügte zu diesem Zweck jedem Buchstabenzeichen am Fuße
ein Charakteristikum an, und zwar stets, um es an a zu zeigen, die folgen-
men JeIL IL IC LAN
Wie man sieht, sind 10 dieser Charakteristika denen gleich, die am Kopfe
des senkrechten Striches — zur Bildung der Buchstaben — verwendet
wurden. Anders ist nur das letzte: „|. Dieses ist offenbar dem f nach-
gebildet. Da Bright am Fuße der Zeichen nur ı2 Charakteristika braucht,
am Kopfe aber 18, so konnte er 6 unberücksichtigt lassen. Er schied aus:
LJ |} $4. Die Reihenfolge der Anfügung der letztgenannten Zeichen
unten war genau dieselbe bei jedem Buchstaben. So hatte Bright für jedes
seiner 18 Zeichen bereits 12 Variationen und damit, da jeder Buchstabe,
der am Fuß ein Charakteristikum trug, ein Wort darstellte, 12 Wörter.
Außer der senkrechten Lage wendete er nun noch 3 andere Lagen seiner
1) Glücklicherweise besitzen wir ein solches in „The Divine Prophesies of the
Ten Sibills‘‘ von Jane Seager. 1589. Siehe weiter unten S. 31. Hier sei gleich bei-
gefügt, daß die Schreibung in Brights Stenographie in vertikaler Richtung erfolgte.
en p. 18 „The situation of character ought to be one directly under the
other.“
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 99
Zeichen an: die wagrechte, die schrage von rechts oben nach links unten
und von links obennachrechts unten: | _ 7 N. Damit waren fiir jeden
Buchstaben 12.4 = 48 verschiedene Wortzeichen gewonnen. Für b
hätten alle 48 Variationen demnach folgendermaßen ausgesehen:
eee ee ae ee
NHK a Pm meme m ol
JIILILD AL AAS
VAYNV VV VANE
Insgesamt hätte Bright also 18.12.4 = 864 Wörter schreiben können.
Aber er hat nicht bei jedem Buchstaben alle 48 Zeichen ausgenützt. Inter-
essant ist die Verteilung auf die einzelnen Buchstaben. Aus den folgenden
Zahlenangaben kann man zugleich ersehen, wieviel Zeichen in den ver-
schiedenen Lagen vorhanden sind, man braucht nur nach Zwölfern ab-
zuteilen. Die Reihenfolge der Lagen ist stets streng folgende: senkrecht,
wagrecht, schräg von rechts oben, schräg von links oben. Wenn d z.B.
32 Zeichen aufweist, so ist daraus ersichtlich, daß nur 8 Zeichen dar-
unter sind von schräg rechts oben nach links unten, aber keins von links
oben nach rechts unten; denn eine neue Lage wird nur benutzt, nachdem
die vorhergehende erschöpft ist. Die folgenden Zahlen geben an, wieviel
Wörter wir unter dem zugehörigen Anfangsbuchstaben in der ,,Characterie
Table“ vorfinden:
A = 24; B = 40; C = 48; D = 32;
E = 17; F = 39; G = 24; H = 31;
I = 14; L = 20; M = 30; N = 13;
O = 23; P = 38; R = 30; S = 48;
T = 30; W, U, V = 37. Summa: 538.
Alle 48 Zeichen sind also nur bei 2 Buchstaben beniitzt worden, bei C
und S. Dazu kommen noch 32 besonders gebildete Zeichen, die Bright
Partikel nennt. Die Gesamtzahl der von Bright verwendeten Zeichen
beträgt also 538, mit den Partikeln 5701). Eine wichtige und merkwürdige
Abweichung ist die Verteilung bei dem Buchstaben h. 31 Zeichen finden
wir hier, die sich den Lagen nach abzuteilen hätten: 12 + 12 + 7. Die
Verteilung ist aber 12 + 11 + 8. Die 2. Lage, die wagrechte ist hier
1) Nicht 556, wie Dewischeit Sh. J. XXXIV, p. 193 angibt; auch Pape hat die
Zahl 556; Pocknell 1884 zählte richtiger 537, so auch Carlton und Mentz. Die Wieder-
holung der Zahl 556 stammt vielleicht aus der nicht nachgeprüften Angabe der 2. Auf-
lage des ‚Schoolmaster‘: von John Willis 1628, der von „Dr. Bright’s Charactery
with 556 charactericall words‘‘ spricht. A.f. St. 1908, p. II.
100 Paul Friedrich
seltsamerweise nicht voll ausgenutzt, ganz entgegen dem sonst so streng
eingehaltenen Prinzip. Das ist ein Versehen. Das weggelassene Zeichen
ist leicht zu konstruieren als ~f. Sollte auch seine Bedeutung konstruiert
werden, so müßte es nach seiner alphabetischen Stellung ein Wort sein,
das — da es zwischen hit und hollow steht — mit hol beginnt, darauf
müßte ein Buchstabe folgen, der zwischen 1 und o im Alphabet steht. In
Jane Seagers Stenogramm findet man nun das tatsächlich vorkommende
Zeichen e? mit der Bedeutung holy belegt, die also genau mit der er-
schlossenen übereinstimmt.
Die gegebenen Darlegungen über die Bildung der Zeichen sind aber bei
Bright bei weitem nicht in dieser Ausführlichkeit zu finden; dagegen gibt
er in der Einleitung zur ‚‚Arte of Characterie‘‘ manche umständliche und
unnötige theoretische Erklärung: ,,Charactery is an art of writing brieflie.
— The character is a brief mark of a word — The kinds of characters are
two: simple or compound. The simple one is a character, made of no other
and is varied by every kind of position, hanging or lying. It is either a
straight line or crooked. — The compound character hath two parts: the
one is the body of the character and the other is an addition to it. — The
addition is to either side of the body, to the head or to the foot.‘
Die folgenden Erorterungen halten den Gang der Characterie ein.
Nachdem Bright auf Seite 21 seines Lehrbuches in ziemlich unklarer
Weise das Alphabet!) dargeboten hat, kommt er auf die Bedeutung der
Zeichen zu sprechen:
The signification of the character is of two sorts, solitary or accom-
panied. The solitary signification is that, which a solitary character ex-
presseth. That is certain words whereto all other may bee referred, called
charactericall.‘‘ Das sind jene 538 Wörter, deren Zeichen und Bedeutung
in der Characterie Table gegeben sind.
Die nächsten Abschnitte berichten uns über die „properties belonging to
words.‘‘ Darunter versteht Bright anscheinend alle syntaktisch bedingten
Veränderungen eines Wortes. Uber ihre Darstellung heißt es: „The pro-
perties belonging to words are shewed by plain expressing them or are
gathered by nature of the speech.“ Aus letzterem zieht Bright stillschweigend
die Folgerung, daß sie in der Stenographie überhaupt nicht bezeichnet
zu werden brauchen. ,,They are expressed by pricks.‘ |
Charact. p. 24 spricht Bright von ‚‚primitiues, or deriuatiues‘‘, diese
1) An sich ist, wie meine Ausführungen gezeigt haben, die Bildung der Alphabet-
zeichen streng logisch. Ich stimme nicht mit Mentz überein, der A.f. St. 1902,
S. 210 auBert: ,,Zwar finden wir schon bei Bright eine Art Alphabet, aber welch ein
Unterschied! Bei ihm ist alles willkürlich aufgestellt (!), bei Joh. Willis 1602 finden
wir jedoch überall regelmäßige Bildung.“
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 101
Ausdrücke bedeuten Stammwörter und Ableitungen. Der betreffende Ab-
schnitt lautet: ,,Primitiues and deriuatiues are known by the language:
as, he is a virtuous man, not a virtue man: fear God, honor the king: not
fearful, so not honourable.“
Danach braucht also ein Stenograph z.B. nur zu schreiben: he is a
virtue man, den Leser wird sein Sprachgefühl schon das Richtige finden
lassen.
In bezug auf die Bezeichnung grammatischer Beziehungen seien noch
folgende Angaben Brights erwähnt: ı) deriuatiue words that end in er,
require two prickes at the right side of the character: as, labourer is deriued
of labour } 1), 2) Der Plural wird durch einen Punkt rechts ausgedrückt:
b = thé age, b = the ages. 3) The comparative degree is known from
the other, by than, following: as Gold is better than silver, not good, nor
best.‘ Das heißt, der Komparativ braucht demnach überhaupt nicht
ausgedrückt zu werden, das nachfolgende than sagt dem Leser, daß das
vorangehende Adjektiv im Komparativ steht! 4) Das Präteritum wird
durch einen Punkt links vom Infinitiv bezeichnet. Das scheint sich auch
auf die starken Verba zu beziehen, trotzdem das Lehrbuch nur von den
Verben auf ed im Präteritum spricht. 5) Das Futur ,,the time to come
requireth a prick on the right side.‘ Would wird mit will bezeichnet,
should durch einen Punkt rechts von will. 6) Das Partizipium Präsentis,
„a word of doing, that endeth in ing‘‘, wie es Bright nennt, ‚‚requireth
two pricks direct under the body of the character as =.
Nun folgt wieder eine Äußerung, die uns deutlich zeigt, wie sehr sich
Bright auf das Sprachgefühl seiner Schüler verließ: ‚other times or tences
depend upon those and are plainly discerned by the nature of the language“,
bediirfen also keiner besonderen Bezeichnung.
In bezug auf die stenographische Wiedergabe der Eigennamen ist die
Darstellung in der Characterie nicht ganz klar?). Aus der Anwendung
des Brightschen Systems bei Jane Seager ergibt sich aber, daß Eigen-
namen buchstabiert wurden oder werden konnten, also durch Zusammen-
setzung der Buchstabenzeichen gebildet wurden?).
1) Andere hier nicht erwähnte Regeln werden später berührt bei der entwick-
lungsgeschichtlichen Betrachtung, so die Bezeichnung von Ableitungen mit ship.
2) Bemerken möchte ich, daß die Unklarheit nicht an etwaigen Fehlern des Neu-
drucks liegt, sondern wirklich an der Fassung Brights selbst; denn Pocknell, der 1884
nach dem Originale in der Bodleiana referierte, gibt die betreffende Stelle genau so
wieder wie der Neudruck und fügt noch hinzu ‚iin some respects obscure as regards
the meaning of the author.“
3) Wenn M. Levy in seiner Broschüre ‚William Shakespeare and Timothy Bright.
London ı910“ S. 17 sagt: ‚The letters were incapable of being readily joined‘‘, so
102 Paul Friedrich
Der wichtigste Abschnitt im Lehrbuche ist der über die ,,accompanied
signification“. Das ist die von Bright erfundene Methode, mit Hilfe der
aufgestellten 538 charactericall words möglichst viele weitere Worte be-
zeichnen zu können. Die accompanied s umfaßt 2 Unterarten: die con-
senting und die dissenting signification, die Art der Bezeichnung heißt da-
nach: consenting und dissenting method, Übereinstimmungs- und Gegen-
satzbezeichnung. Die Grundidee ist folgende: Ein Begriff, der nicht als
scheint mir das nicht richtig. An dieser Stelle sei gleich bemerkt, daß Levys Schrift-
chen in bezug auf die Brightsche Stenographie nichts Neues bringt. Im Hinblick
auf die ganze Materie, die der Titel andeutet, ist es wohl bezeichnend, daß Levy De-
wischeits grundlegende Arbeiten auf diesem Gebiete überhaupt nicht kennt. Den
ganzen Abschnitt über das System Brights scheint Levy nur aus dem Artikel Pock-
nells 1884 geschöpft zu haben, wenigstens benutzt er für seine Beispiele nur Pocknells
Angaben. Levy leugnet ferner, daß ein Alphabet bei Bright bestanden hat: ,,Recent
writers assert there was an alphabet, but at the same time they admit ‘that the system
was not worked alphabetically as we understand it’.‘‘ Die ,,recent writers‘‘ (1910),
die Levy hier meint, sind einzig und allein Pocknell 1884, der erste, der sich iberhaupt
mit Bright näher beschäftigte. Von ihm stammt auch der zitierte Satz. Der darauf
folgende Satz ist sogar wörtlich von Pocknell herübergenommen und nur zur Hälfte
als Zitat bezeichnet. — Levy bringt ferner mehrere sehr überflüssige und zum Teil
direkt irreführende Bemerkungen, die nicht einmal mnemotechnisch unterstützen
können, z. B.: ‚The word ‘age’ has a mark resembling the figure 6.‘ [Das Zeichen
fiir age ist | ]. Ferner: ,,Sometimes the character represents several words, as
‚in perils of the sea (water).’‘‘ In dieser Fassung ist das direkt falsch. ,,Looked at
closely it will be observed the character is really the letter in a kind of running
hand and in Bright’s system ¢/is the character for‘see = sea’.‘‘ Das ist nicht richtig.
Zunächst sieht dasin Frage kommende Zeichen nicht wie ein S: aus, sondern folgender-
maßen: f ; ferner bedeutet 3 nicht sea zunächst, sondern water; see (sehen) ist
nicht T , sondern t ; sea ware in Brights Stenographie richtig zu schreiben als 3 .
Ich glaube zu vermuten, woher Levys verwirrende Darstellung kommt. Er hat nur
Pocknells Artikel eingesehen, und dieser sagt, daß er sich die betreffende Stelle der
Characterie nicht erklären könnte: 0 œ
S. 33 „In perils of waters, in perils of robbers, k a.
in perils of the sea, write thus g ee. 9
[etwas übersichtlicher geschrieben
als in der Characterie. ]
Die Deutung ist nicht schwer: nicht ? , sondern der kleine Kreis ist das Zeichen der
Wiederholung für ,„in perils“. Pocknell bringt auch schon den Gedanken „the
character for see [!] being the letter S shortened‘‘; daher Levys diesbezügliche Be-
merkung. Man wird durch diese zu der Vermutung verleitet, daß Bright das Zeichen
für sea [water] genommen hat, weil d «ähnlich sei. Das ist ganz und gar nicht
der Fall. Levys Broschüre ist nicht geeignet, von Brights System eine rechte Vor-
stellung zu geben; auch sind die Zeichen sehr schlecht wiedergegeben. Nur dadurch
erhält das kleine Schriftchen Wert, daß es gute Reproduktionen des Titusbriefes und
einer Seite von Jane Seagers Stenogramm darbietet. — Den Vortrag Pocknells findet
man in den Zeitschriften Shorthand Vol. II, 1884, p. 126, u. Phonetic Journal 1888,
p. 86.
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 103
Sigel (= charactericall word) vorkommt, kann und muB durch ein Wort
umschrieben werden, das eines von diesen 538 Zeichen besitzt, also Sigel
ist!). Die consenting method besteht nun darin, daß man einen Begriff
durch ein synonymes charactericall word ausdrückt, und zwar so, daß an
die linke Seite des vikariierenden Zeichens der stenographische Anfangs-
buchstabe des zu schreibenden Wortes gesetzt wird; bei der dissenting
method nimmt man ein der Bedeutung entgegengesetztes Wort aus dem
Sigelverzeichnis und setzt den Anfangsbuchstaben des zu stenographierenden
Begriffes rechts an. Ein besonderes Glossar, das ,,dictionary‘‘ in der
Characterie gibt für viele Vokabeln die Sigelworte an, womit man um-
schreiben kann. Consenting method der Bezeichnung ist in folgenden
Beispielen angewendet: sure ist kein characterical word, wohl aber das
Synonym certaine, also kann sure geschrieben werden: tf = ‘certaine.
Auch nourish hat kein Sigelzeichen, es kann mit dem bedeutungsverwandten
feed umschrieben werden: ‘) = "feed. Für clear wird bright gesetzt:
X = ‘bright.
Dissenting method ist vorhanden, wenn z. B. come durch go mit c rechts
ausgedrückt wird: Í’; ähnlich wird Feind durch Freund ersetzt: foe = a
= friend‘. silent wird stenographiert mit: J’ = speake’.
In dem schnellen Finden von sinnverwandten und sinnentgegengesetzten
Sigelzeichen für fernerliegende Begriffe liegt die größte Schwierigkeit der
Brightschen Stenographie. Bright verließ sich also mit diesem Prinzip
sehr auf die Assoziationsfähigkeit seiner Jünger, consenting und dissenting
words gleich zu finden.
Wenn es schon nicht leicht war, fernerliegende Worte zu schreiben,
noch schwerer war es fast, das Stenographierte wieder zu entziffern; leicht
ist noch: ee” = common!’ = rare; schwieriger schon: %= ‘young = tender.
Zur Hilfe für den Anfänger gibt Bright seinem Lehrbuche ein Wörterbuch
bei, das für jeden Begriff das zur Umschreibung mögliche Sigelwort angibt.
Einige wichtige Sätze, die eine größere Bedeutung haben, als es zunächst
scheint, enthält der SchluBteil der arte of Characterie: „The sense is only
to be taken with the character when besides that we desire to be swift,
the very express worde is not necessary.‘‘ Also wörtliche Nachschrift
wurde nicht unbedingt erstrebt.
Zum SchluB sei die allgemeine Ubersicht iiber das System gebracht,
die das 1911 gefundene Originalexemplar enthält (s. nächste Seite).
1) Die im folgenden angeführten Beispiele stehen nicht in der Characterie, die
überhaupt nur wenig Stenographisches bringt. Sie sind, um selbstgebildete Bei-
spiele zu vermeiden, aus dem Stenogramm der Jane Seager genommen.
Paul Friedrich
104
The first part
is of the Cha-
racter.
The Character
is of two kinds
to which
Charactery
hath two
parts
The second part
of Charactery
is of the signi-
fication of the
Character.
The significa-
tion is of two
kinds
A generall view of the Art of Charactery!)
Short and
Figure
Belong Easie
Situation &
Joyning
Distinction
Streightlined
‘ 2 halfe circle
The kinds Simple; of two kinds or Crooked; or
are two whole
The parts of (The body One | Streight
Compound a Compound line or
are And the addition Crooked
to it which is ) OF of two Of the same kind
either of lines and
that Or of divers
The kinds are Simple Compound 7 S head
eher Or double at the foote.
The Grammer proper- Generall to all words as to be
é ties belonging to |Expressing them J a primitive, or derivative
Solitary. The part words either by and those Number
which teacheth of the To noun .
Pecular Comparison
Solitary, showeth To verbe, tence
Or by necessary gathe-
ring from the lan-
guage
And the Charactery
words
After a coniunction betwixt
two wordes of like or con-
| trary Signification
or in repetitibus
of Consenting ale nine ation|| Synonimaes
with the solitary & that in; or
of dissenting in Contraries | Sortes
Descriptions
Hetherto belongeth a
shortning
Precise wordes
or Accompanied either | The kindes
in
Periphrases
Sence only in n
Phrase.
Divisions
1) Pitmans Journal rọrr, p. 4; u. Carlton „Timothe Bright“ 1911.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 105
ZWEITER TEIL.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift.
J. Kapitel.
Das stenographische Quellenmaterial.
icht allzuviel an Aufzeichnungen in der Stenographie Brights ist uns
N. geblieben. Sicher wurde einst diese Kurzschrift viel benutzt.
Aus der Tatsache, daß wir heute nicht viel stenographische Manuskripte
besitzen, darf man nicht den Schluß ziehen, daß Brights neue Kunst wenig
gepflegt wurde. Denn Stenogramme sind immer nur Mittel zum Zweck.
Auf ihre Erhaltung wurde deshalb wenig Wert gelegt.
Vom 30. März 1586, aus der Zeit, in der Bright noch Arzt am Bartholo-
mäushospital war, besitzen wir einen Brief von Vincent Skinner an Michael
Hicks. Skinner!) war einst in Brights Jugendzeit dessen tutor am Trinity
College zu Cambridge gewesen. Innige Freundschaft hat sie lange zu-
sammengehalten. Michael Hicks, ein Freund Skinners, war Sekretär des
Ministers Lord Burleigh und Vertrauter dessen Sohnes, also ein ziemlich
einflußreicher Mann am Hofe. In dem erwähnten Briefe empfiehlt Skinner
seinen einstigen Schüler Hicks und schreibt, Bright habe eine neue Kunst
erfunden ‚‚a matter of rare noveltie‘‘, die von großem Nutzen für Nach-
schriften sein könne ‚‚a matter of great vse and commoditie, to couch
much matter in so short compasse and to take a speech from any mans
mouth as he delivereth it, w" both yo’ Lawiers in yo’ Courthowses, and
students in the vniu'sitie maye make good vse of.‘‘ Bright sei nun ,,desi-
rous to have some effectual frute of his travayle, having charg of a familie
and his professions yelding him small mayntenaunce“, deshalb wolle er
Mr. Robert, den Sohn Burleighs, diese neue Kunst lehren, Hicks solle
das befürworten. Dem Briefe liegt gleichsam als Empfehlungsschrift bei
„a paper w“® conteyneth the whole ep’ to Titus“, in Brightscher Steno-
graphie. Der Brief mit der stenographierten Titusepistel befindet sich im
Britischen Museum als Landsdowne Ms Nr. 51 fol. 272). Das ist das erste
wichtige Manuskript für diese Kurzschrift.
1) Eine Biographie Skinners findet man Phonetic Journal 1884, vol. XXXXIII,
p. 315.
2) Reproduktionen des Stenogrammes bei Carlton und Levy ,,W. Sh. and Tim.
Bright‘. Carlton berichtet auch über die Auffindung des Briefes, p. 67. Dr. Gibson
will ihn 1883 zuerst gefunden haben; das war aber nur eine Wiederentdeckung.
60 Jahre früher hat schon ein gewisser Hanbury den Brief erwähnt. Abdruck des
Briefes bei Carlton p. 60, und Phonetic Journal 1884, p. 316.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 8
106 Paul Friedrich
Das zeitlich nächste Dokument, das uns Brightsche shorthand darbietet,
ist das schon genannte Lehrbuch der Characterie vom Jahre 15881).
Ferner besitzen wir von 1589 ein höchst wichtiges Zeugnis für die neue
Geschwindschreibekunst, eine Handschrift von ı2 Blättern mit dem Titel
» the divine prophesies of the ten Sibills‘‘. Eine Dame, Jane Seager, wid-
mete dieses sehr schön geschriebene Werkchen der Königin, vielleicht als
Neujahrsgeschenk. Das 1. Blatt enthält die Zueignung: ,,To the Queenes
most Excellent Ma'’. Sacred Mat. Maye yt please those most gracious
eyen (acquaynted with all perfections, and aboue others most Excellent)
to vouchsafe to make worthy of thefr princely view, the handy-worke of
a Mayden yo’ Ma“ most faithfull Subiect. It conteyneth (Renomed
Souereigne) the divine prophesies of the ten Sibills (Virgyns) vpon the
birthe of our Sauiour Christ, by a most blessed Virgyn; of w most holy
faith, your Ma‘’ being cheife Defendress, and a virgyn also, yt is a thinge
(as it weare) preordeyned of god, that this Treatis, wrytten by a Mayden,
yo’ Subiect, should be only deuoted vnto yo" most sacred selfe. The
which, albeit I haue graced both w'" my pen and pencell, and late practize
in that rare Arte of Charactery, invented by D. Bright, yet accompting yt
to lack all grace withoute yo’ Ma“** most gracious acceptance, I humbly
presente the same, with harty prayers for yo" Ma’’. Jane Seager.“
Das erste Blatt ist nur in longhand geschrieben, die andern 11 Blatter
enthalten links den Text, je 10 Zeilen, in longhand und rechts in charactery,
je 5 senkrechte Zeilen, 10 Blatter davon bieten je eine Prophezeiung einer
Sibylle, das ı2. Blatt gibt ein Schlußwort an die Königin:
„Lo thus in breife (most sacred Maiestye)
I haue sett downe whence all theis Sibells weare:
What they foretold, or saw, wee see, and heare,
And profett reape by all their prophesy.
Would God I weare a Sibell to divine
In worthy vearse your lasting happynes:
Then only I should be Characteres
Of that, which worlds with wounder might defyne
But what need I to wish, when you are such,
Of whose perfections none can write to much.‘
Als Uberschriften der Prophezeiungen dienen die Namen der Sibyllen,
in der stenographischen Umschrift sind diese immer nur mit den 3 An-
fangsbuchstaben dargestellt. Es sind folgende: Agrlippa, Samlia, Libiyea,
Cim|meria, Eurlopaea, Perlsia, Erylthraea, Dellphica, Tybjurtona, Cumjana.
Die Schreiberin hat mit großem Fleiße gearbeitet, die Zeichen sind sehr
1) Über die Geschichte der erhaltenen Originalexemplare Carlton p. 86 f.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 107
klar und genau dargestellt. Das Dokument befindet sich Brit. Mus. Add.
Ms. 10037!).
Weitere größere Manuskripte in Brightscher Stenographie besitzen wir
nicht mehr.
Auf dem Titelblatte des ersten medizinischen Werkes Brights von 1580,
dem ,, Treatise, wherein is declared the sufficiencie of English Medicines‘,
glaube ich 3 stenographische Zeichen mit Sicherheit zu erkennen?). Uber
ihre Deutung werde ich später Näheres ausführen. Diese Characters, die
also 6 Jahre vor dem Titusbrief geschrieben wurden, bezeichnen wohl den
Anfang der neuen Kunst.
Ferner existiert noch ein Siegelabdruck des Petschaftes von Bright.
„Bright schloß seine Briefe mit einem Siegel, das eine geflügelte Hand
darstellte. Die Hand führte einen Federkiel, der die Worte ‘fear we much’
in Brightscher Kurzschrift niederschrieb. Um dieses Siegelbild standen
die Worte: Bright. ingenio — arte — manu‘‘?). Carlton deutet anders:
„So far as can be judged from the fragment which has been preserved,
these symbols represent the words: ‘Man must heal’. Around the whole
runs the legend ‘Bright. Ingenio. Arte. Manu’.‘‘ Carlton bringt auf p. 166
eine Abbildung dieses Siegelfragments. Klar erkennbar darauf sind:
Bright. Ingen. — Von den 3 stenographischen Zeichen ist das erste deut-
lich als much zu entziffern. Da man in der Schreibung von oben nach
unten gehen muß, wäre dies das erste; daher stimme ich mit den ange-
gebenen Deutungen nicht überein. Schon die Tatsache, daß Bright ein
Siegel mit stenographischen Zeichen führte, dürfte wohl dafür sprechen,
daß seine Kunst ziemlich verbreitet war.
Das bekunden auch Nachrichten über stenographische Aufnahmen von
Predigten nach Brights System bereits aus dem Jahre 1589. Wir besitzen
eine solche Predigt noch, aber nur in Druck*). Andrew Maunsell hat in
seinem ‚Catalogue of English printed Bookes‘‘ (1595) p. 99 die Notiz:
„Steph. Egerton his lecture, (taken by Characterie) on Gen. I2. vers 17.
18. 19. 20. Printed for John Daldren. 1589. in 8 [vol].‘“ Im Stationers
1) Durch die freundliche Vermittlung des Herrn Professor Dr. Förster war es
mir möglich, diese 12 Blätter nach eigens für das englische Seminar der Univ. Leipzig
hergestellten Photographien zu studieren. Eine kurze äußere Beschreibung des
Manuskriptes findet sich in ‚‚Stolzesche Stenographenzeitung‘‘, 1902, p. 59, „Das
älteste Stenogramm von Frauenhand‘‘ von Marie Mellen. Abbildungen einer Prophe-
zeiung bei Levy ,,W. Sh. and Tim. Bright“, p. 27; Carlton, p. 97; Pitmans Journal,
IQII, p. 265; Fachbeilage zum Deutschen Stenographen, 1903, Nr. I.
2) Faksimile des Titelblattes bei Carlton, p. 20.
3) Arch. f. Stenogr. 1906, p. 206. Dewischeit nach Hall, Rektor zu Methley, wo
einst auch Bright wirkte.
4) Die folgenden Angaben in der Hauptsache nach Carlton, p. 99 ff.
8*
108 Paul Friedrich
Register fiir 1589 findet sich nun der Eintrag: ,,xxj° die Julij‘‘ John Win-
dett!) Entred for his Copie an ordinarie lecture preached at the Blacke
friers by master Egerton, &c. and vnder th[{e h]andes of master Docter
Staller and bothe the wardens.... vj‘. G{abriel] C[awood]‘‘. Diese
Predigt war vermutlich von Daldren für Windett gedruckt worden. Von
dieser Originalausgabe ist kein Exemplar bekannt. Doch 1603 wurde
dieselbe Predigt noch einmal konzessioniert. ‚25 Junij.‘“ Walter Burre
Entred for his copie vnder the handes of the wardens A Lecture preched
by master Egerton vpon the xij chapter of Genesis. verses 17. 18. I9.
20.... vj*.“* Von dieser Ausgabe hat sich ein Exemplar erhalten?). Die
Titelseite lautet: ,,A lectvre preached by Maister Egerton, at the Black-
friers, 1589 taken by Characterie, by a yong Practitioner in that Facultie:
and now againe perused, corrected and amended by the Author.. Printed
at London by V. S. for Walter Burre, and are to be sold at the signe of the
Crane in Paules Churchyard.‘ Der Autor erklärt, daß es das erste Mal
sei, daB er eine seiner Predigten herausgebe, aber er tue es, weil diese
Predigt nur unvollkommen gedruckt worden sei ,,by one who, as it seemeth
to me, respected the commendation of his skill in Charracterie more than
the credit of my ministery.“
AuBer dieser besitzen wir noch eine andere Predigt desselben Geist-
lichen aus dem gleichen Jahre, die nach einem Stenogramm in Kurrent-
schrift übertragen wurde. ‚An ordinary Lecture of M[r]. Edgertons at
the BI. Fryers on friday the 19. of September 1589. Taken in Charactery by
John Lewys, at it was vttered by the Autour.“ Das Manuskript besteht
aus Io Quartblättern, die an die 3500 Worte enthalten.
Mehrere Veröffentlichungen des puritanischen Priesters Henry Smith, des
„silver-tongued‘‘, lassen ebenfalls erkennen, daß in den Jahren 1590 und
1591 die neue Kunst ein willkommenes Mittel war, Reden aufzunehmen?).
Besonders diese frühen Nachrichten aus den Jahren kurz nach der Ver-
öffentlichung der Characterie bekunden, welches Ereignis die Erfindung
der Stenographie für die Zeit bedeutete. Später, im neuen Jahrhundert,
hat wohl Brights Kurzschriftsystem den neuen, besseren weichen müssen,
vielleicht aber kannte noch der große Pädagog Comenius, der erst 1637
nach London kam, das System von Timothy Bright®).
. 2) John Windett war auch der Drucker der ,,Characterie‘‘.
2) Mr. Alex. Tremaine Wright, Secretary of the Institute of Shorthand Writers,
der das Exemplar in der Bodleiana entdeckte, sprach darüber 1908 vor der Incorpor-
ated Society of Shorthand Teachers. Vgl. auch: Pitmans Journal 1907, p. 923
„Shorthand in London before the great fire‘.
3) Carlton, p. 123.
4) Arch. f. St. 1901, p. 158.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 109
Die 3 wichtigsten Materialien fiir das Studium der Brightschen Steno-
graphie sind, um dies nochmals zusammenzufassen, demnach:
1) Der Titusbrief vom Jahre 1586.
2) Das Lehrbuch vom Jahre 1588.
3) Die Sibyllinischen Prophezeiungen der Jane Seager aus dem Jahre
1589.
Sehr bedeutsam ist nun die bisher nicht beachtete Tatsache, daB der
Titusbrief ein anderes stenographisches System aufweist als die beiden
andern Schriften. Die Characterie und Jane Seagers Stenogramm stimmen
untereinander in bezug auf das benutzte System ganz genau überein. Den
Titusbrief kann man jedoch nicht entziffern, auch wenn man das edierte
System von 1588 ganz genau kennt. Er stellt eben in der Entstehung der
Stenographie eine Vorstufe dar. Diese Entwicklung des Brightschen Kurz-
schriftsystems soll im folgenden dargestellt werden.
2. Kapitel.
Das System von 1586 aus dem Titusbriefe rekonstruiert.
Der von Bright selbst stenographierte Titusbrief besteht aus einem
Blatt!). Er enthält 18 senkrechte Zeilen, die Schreibung erfolgte in verti-
kaler Richtung. Die Schriftzüge sind bei weitem nicht so schön und
deutlich wie im Stenogramm der Jane Seager, dafür erkennt man aber an
der Flüchtigkeit der Zeichen, daß der Schreiber seine Kunst gut beherrschte
und sicher bereits eine ziemliche Geläufigkeit besaß.
Das Stenogramm läßt zunächst weder eine Verseinteilung noch eine
Kapitelbezeichnung erkennen. Eine genauere Beobachtung zeigt aber,
daß die Kapitelanfänge doch angegeben sind, und zwar mit den arabischen
Ziffern?®). Am Versschluß steht meistens ein Punkt.
Ich halte den uns erhaltenen Brief für eine direkte stenographische
Nachschrift, vielleicht mit späterer Nachbesserung, aber nicht für eine
Abschrift. Er ist nicht?) eine genaue Wiedergabe der Geneva version. Er
stimmt überhaupt nicht vollkommen überein mit einer der damals gebräuch-
1) Photographien bei Levy und Carlton. Vgl. zu allen folgenden Hinweisen die
am Schlusse beigefügte photographische Wiedergabe des Titusbriefes.
2) Deutlich erkennt man auf Zeile 7, unten, die Ziffer 2; das ist der Beginn des
2. Kapitels; in der 16. Zeile (K. III. V. 10) kommt diese Zahlnoch einmal vor. Zeile 13
findet man ferner vor dem Beginn des 3. Kapitels die Ziffer 3. Die Ziffern scheinen
demnach so geschrieben worden zu sein wie in longhand. Carlton gibt in seiner
kurzen Analyse des Titusbriefes an, daß ein besonderes ,,arbitrary sign‘‘ fur two
vorhanden gewesen sei: l. Das ist aber nichts anderes als die flüchtig geschriebene
Ziffer 2.
3) Wie Carlton angibt.
110 Paul Friedrich
licheren Bibelversionen. Ich habe ihn verglichen mit folgenden Uber-
setzungen: Wicliff 1380, Tyndale 1534, Cranmer 1539, Geneva 1557,
Rheims 1582, Authorised Version 1611 und Barkers Bibel 15991). Mit
keiner der genannten Übersetzungen stimmt er wörtlich überein. Am
meisten lehnt er sich noch an die Genfer Version an, abweichend sind aber
z. B. Kapitel I, V. 9, 10, 11, 15. Kap. II, V. 13. Kap. III, 1, 8. Der 1. Vers
hat merkwürdiger Weise ziemlich die Fassung der Authorised version”).
Der Brief beginnt mit den Worten: The epistle of Saint Paul to Titus;
genauer: The word(?) [mit einem nicht näher identifizierbaren Ableitungs-
zeichen links, das also ein Synonymon angibt] of holy [mit s links, also:
saint] Paul to Titus. The begin [mit f links, also = first] part [mit c
links, also chapter]?).
Die genaue Analyse des Briefes ist insofern schwierig, als kein bestimm-
ter Übersetzungstext für die Entzifferung vorliegt. Doch eine synoptische
Betrachtung der verschiedenen Versionen macht die Identifizierung der
stenographischen Zeichen mit ihren Bedeutungen leichter. Die meisten
Zeichen lassen sich so sicher deuten®).
Dem in diesem Briefe verwendeten Systeme liegt ein deutlich erkenn-
bares Alphabet zu grunde, so wenig das zunächst glaubhaft erscheint; es
ist aber anders als das von 15885). Die hier gebrauchte Kurzschrift ist
1) The English Hexapla, exhibiting the six important english Translations of the
new Testament 1841. — The Bible imprinted at London by the Deputies of Cristopher
Barker, 1599. Letztere wurde mir freundlichst von Herrn Professor Dr. Förster
aus seiner Privatbibliothek zur Verfügung gestellt.
2) Eine ungefähre Verseinteilung kann man, da Punkte meist die Versabschlüsse
bezeichnen, auch nach der authorised version vornehmen. Die 3 Titusbriefkapitel
enthalten zusammen 46 Verse, es kommen also ungefähr auf je 2 Zeilen des Steno-
grammes 5 Verse.
3) Das Zeichen J bedeutet begin, es ist noch einmal belegt durch Textworte
0
(Z. 2, I. 2 Schluß). Das Zeichen J läßt nur erkennen, daß es mit p beginnt; ich
f tibersetze es mit part; Zeile 13 oben, vor dem Anfang des 3. Kapitels, wiederholt
/) es sich J , Wohl zu übersetzen mit: part three.
4) Bei der Mehrzahl der oben folgenden Zeichen ist ein Zweifel an der ihnen von
mir zugewiesenen Bedeutung ausgeschlossen, da sie mehrere Male belegt sind; hinter
manche, die nur einmal vorkommen, oder über deren Deutung ich aus anderen
Gründen nicht sicher bin, habe ich ein Fragezeichen gesetzt. Das gegebene Ver-
zeichnis ist ziemlich erschöpfend. Eine ausführliche Analyse des Stenogramms, wie
sie oben folgt, ist noch nicht unternommen worden. Carlton gibt zwar ,,a few arbi-
trary signs‘‘, aber seine Darstellung ist sehr kurz, an manchen Stellen unrichtig und
gibt vor allem ein falsches Bild von der Stenographie.
5) Dewischeit irrt, wenn er Sh. J. XXXIV, p. 185 schreibt: ‚Ohne große Mühe
kann ein Kenner der Brightschen Stenographie gleich die Anfangsworte Paul, a
servant of God and an apostle of Jesus Christ etc. herunterlesen.‘‘ Auch wer das
System von 1588 genau beherrscht, kann noch nicht den Titusbrief lesen. Im neuen
System sehen viele Zeichen anders aus, besonders ist die Bedeutung fast immer eine
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 111
auch schon eine Wortstenographie, das heißt, nur der Beginn der Zeichen
gibt den Buchstaben an, mit dem ein Wort in longhand anfängt. So läßt
sich das Alphabet aus den Anfängen der Zeichen rekonstruieren, voraus-
gesetzt, daß genügend viel Beispiele mit sicherer Deutung vorliegen.
Im folgenden habe ich vorkommende Wörter mit gleichem alphabe-
tischen Beginn zusammengestellt, um an den nach Vergleichung der ver-
schiedenen Bibelversionen gedeuteten, einfachen Zeichen zu erweisen,
daß tatsächlich ein Alphabet bestand, und um dieses zu rekonstruieren.
Vorangestellt seien die Worte, die durch ihre Zahl den gemeinsamen
Anfangsbuchstaben in den zugehörigen Zeichen am klarsten erkennen
lassen.
Beispiele für w: Ê world; [ work; l word; 6 wine; J withstand;
? will; f winter; 4 wise; G vaine; 2 which; { witness; + wherefore;
? with.
Beispiele für a: J according; ) all; . any; 7 as;
A
a; } at;
J accuse; b appoint; J admonish; J adorne; } angry; l abundant;
} affirm; \ also; age; P = after = before*; '— authority.
Beispiele für b: f begin; © bishop; f but; / by); ( bless; — beleeve;
— bring; / behaviour; | before. 4! = beast = man?.
Beispiele für p: \ peace; b principality; ) prophet, preach; u pure;
| promise; J patience; \ people; J present; 4 put; J part (?); w pro-
fesse; \ power (?); | pattern; J pecular (?); ) parent (ziemlich sicher,
denn / = father).
Beispiele für m: æ make; . man; ( many, much; 6 mercy; ( may;
4 mind; ( master; { mouth.
Beispiele für I: t life; A lie; 4 learn; + let; % lust; # Lord; & love;
Ê law (?).
Beispiele für g: « God; m good; eo give; a grace; e” go; et glory.
Beispiele für e: 7 eternal; f even; ? exhort; 9 every; J expect;
J earnest; J (h)eretic (?).
Beispiele fiir s: l saviour, salvation; o) servant, subject; ~ salue;
è stay; A son; » say; ? steward; N striker.
Beispiele für h: X honest; % hope; f have; P husband; € holy;
ganz andere. Johnen, A. f. St. 1911, p. 107 urteilt nach Carlton auch nicht ganz
richtig: „Die Zeichen (1586) weichen von denen des später veröffentlichten Systems
vollständig ab.“
1) Nicht, wie Carlton p. 66 angibt, dasselbe Zeichen für by und but. but 13, Ilıo.
by IIIs.
112 Paul Friedrich
4 hold; & he, his; ù home, house; f haste (?); / history (?);
X (w)holesome.
Beispiele für t: d true, truth; F this; C that; < thing; / turn.
Beispiele für f: — faith; 7 from; ~ə filthy; ~y forsake; 7 fast;
=~ fruit; 7 false (?). Die mit f beginnenden Wörter unterscheiden sich
von denen mit t nur dadurch, daß erstere ihr Charakteristikum rechts an
den wagrechten Anfangsstrich ansetzen, letztere links.
Beispiele für d: & deceiver; X defiled; «= despise; 1 do (denn 79 =
had done); 7 diligent; “h drinker (?, ‘a = sober); | demonstrate (?,
immer für show gebraucht).
Beispiele für c: t cause; P) city; 4 conscience; 4 chapter (?, “part?).
Beispiele fiir r: d rebuke; J remembrance; f ready.
Beispiele für o: © or; % one; “r own.
Beispiele für i: if; X instruct.
Beispiele für n: e no; @ necessary.
Beispiele für dž: f Jesus; A justify; f journey.
Beispiele für z: 22 = zealous (?) (= mind’)!) II. 14. Zeile 14.
Diese Beispiele bekunden wohl mit Sicherheit, daß Bright sich ein
Alphabet aufgestellt hatte, und zwar würde dieses, aus den obigen Beispielen
abstrahiert, folgendermaßen aussehen:
a=); b=[; ce=1; d=1I; e=1; f=- om; g=.;h=f;
i=-7;1=Y;m=/;n=«.;,0=-;p=|;r=1;5=-\;t=nm,;
vwu= [;dz=f;z=z(?). Ein Vergleich dieses Alphabets von
1586 mit dem von 1588:
1586) f 1419.56 f te ee -
a b c d e ff ghi1lmno t
1588; } f 4 prrirtire f
ergibt das Resultat, daß, rein graphisch betrachtet, mehrere Zeichen vor-
kommen, die auch das neue System hat, aber die Bedeutung dieser Zeichen
ist 1588 eine ganz andere:
FEET TFET
l h
t
Qa d
f
?
-A y L
r
r
f
-9 y e~
1586: p c r d e dž
1588:a d e npr s
Allein, für sich in ihrer Bedeutung gebraucht, kommen diese Buchstaben
nur selten vor, nur gelegentlich bei Anwendung der consenting und dissen-
ting method; so z. B. {' = after = before‘; 9 = children = ‘sons;
l
l
1) Das ist der einzige Beleg für z. Dieses Zeichen hat also Bright, wenn er es
überhaupt ins Alphabet aufgenommen hat, aus der longhand herübergenommen.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 113
ci = beast = man”; .4 = saint = ‘holy; J = father = fparent; vielleicht
auch I.g 9 = against = with*.
Beachtenswert ist wohl die Tatsache, da8 Bright in diesem Alphabet
ein besonderes Zeichen fiir dZ hat. Der Vater der modernen Stenographie
scheint also der phonetischen Schreibung schon Zugeständnisse gemacht
zu haben; aber nicht überall rang er sich zu dem Prinzipe durch: Für jeden
Laut ein Zeichen; denn für c und k, als Spirans und Verschlußlaut hatte
er doch denselben character, so in city und conscience. Im edierten
System von 1588 besteht ein Sonderzeichen für dž nicht mehr.
Merkwürdigerweise stimmen zu dem eben beschriebenen Alphabete
nicht ausnahmslos alle Wörter des Briefes. Zunächst kommen 8 Namen
vor, die davon abweichen. Diese 8 Zeichen haben ein ganz anderes Aus-
sehen als die übrigen characters. Ein grundlegender Unterschied besteht
schon darin, daß diese Namen mit allen Buchstaben geschrieben sind,
während die sonstigen Begriffe, wie oben ausgeführt, nur im Anfang des
Zeichens einen Buchstaben erkennen ließen. Die Namen sind: Paul, Titus,
Creta, Apollos, Tychicus, Artemas, Nicopolis, Zenas. Die 5 letztgenannten
befinden sich auf der vorletzten Zeile. Die zugehörigen Zeichen sind:
3 = Paul; $ = Titus; 3 = Creta!); 2 = Apollos; 3 = Tychicus;
? = Artemas; $ Nicopolis; e Zenas. Wie man sieht, ist die Art
der Bildung dieser Zeichen eine ganz abweichende von der der anderen.
Die Tatsache, daß alle Namen ausbuchstabiert sind, ermöglicht uns,
die Einzelbuchstaben zu identifizieren und herauszulösen. Mit Erstaunen
nimmt man wahr, daß diese einem eigenen Alphabet sich einfügen, das
viel gerundetere Formen zeigt als das andere. Ein ziemlich vollständiges
‚„Namenalphabet‘‘ läßt sich so sehr leicht aufstellen. Eine Analyse der
8 Namen ergibt:
„=a SC=cek; M=e; /=h; - =i; J=1; | =m; Pf =n;
-2 = 0; ~ = P; ww =f; 6d = s2?) vb = t; Nv = u. Die nicht er-
wähnten Buchstaben des Alphabets kommen nicht vor.
1) Außerdem noch einmal: Cretians.
2) Bereits Carlton hat das Namenalphabet rekonstruiert, p. 66. Darin führt
er ẹ als r mit an. Das ist wohl ein Irrtum; der letzte Buchstabe von Artemas zeigt
deutlich, daß } =s ist. Arch. f. Sten. 1911, H. 2—3, p. 107 stellt Johnen bei Be-
sprechung des Carltonschen Buches die wirkliche Sachlage in bezug auf die ver-
wendeten Alphabete nicht klar dar. Nach ihm muB der Leser glauben, da8 nur das
Namenalphabet in dem Titusbriefe eingehalten wiirde, aber das ist gerade das un-
114 Paul Friedrich
Wie kommt Bright dazu, in ein- und demselben Manuskripte 2 Alphabete
zu verwenden?!) Ich bin der festen Uberzeugung, daB das ,,Namen-
alphabet" ein älteres Alphabet darstellt, als das für den übrigen Teil des
Briefes benutzte; Bright behielt es noch für die Namen bei?); aber im Laufe
der Entwicklung mußte es aufgegeben werden; die Praxis wird Bright
gelehrt haben, daß zu wenig Unterscheidungselemente in den Zeichen
lagen; und an der Vervollkommnung seiner Kunst hat er außerordentlich
gearbeitet. Zur Unterstützung meiner Ansicht, daß ein älteres Alphabet
existierte, möchte ich anführen, daß schon 1580 auf dem Titelblatte des
Traktats über englische Arzneimittel?) 3 Zeichen stehen, die wohl zweifel-
los stenographische sind: ~œ 4y¥.v~. Ich übersetze sie mit Tim. Bright.
D[octor]. Die beiden Ausbuchtungen nach oben in den ersten 2 Zeichen
halte ich für „t“; nämlich Tim. Bright. ~ als t anzusehen, ist auch sehr
naheliegend, denn das Namenalphabet im Titusbrief gibt t als v , dasselbe
Zeichen, nur nach unten; ein Analogon erblicke ich in dem Zeichen für
s, das als é und }, und e, das als ^ und f vorkommt. Nebenbei be-
merkt sei, daß Bright seinen Namen auf dieses, sein Erstlingswerk
nicht hat drucken lassen; deshalb ist seine Autorschaft oft angezweifelt
worden. S. Carlton, p. 20 ff. Durch die drei stenographischen Zeichen
hat sich Bright meiner Uberzeugung nach wenigstens in seiner Geheim-
schrift als Autor bekennen wollen, um nicht ganz Anonymus zu bleiben.
Mit der Deutung dieser 3 Zeichen glaube ich, eine direkte Bestätigung der
Verfasserschaft Brights in bezug auf dieses Büchlein gefunden zu haben.
Als Relikta eines älteren Alphabets betrachte ich ferner einige characters
im Titusbrief, die sich nicht in eines der Alphabete einfügen lassen. Dahin
rechne ich Zeichen wie: / = of; I = be; eo = the, thee; o = for;
C=it; h = when; % = must; f =I, me; | = and. Viele von diesen
Zeichen sind auch im System von 1588 erhalten geblieben. Hier stehen
sie außerhalb der alphabetisch neu geordneten Tabelle und führen die
besondere Überschrift: „Particles‘.
wichtigere. Carlton ist daran schuld, er hat eben nur das Namenalphabet, nicht aber
das andere, wichtigere rekonstruiert.
1) Carlton geht auf diese Frage nicht ein.
2) Daß gerade Namen es sind, die das Sonderalphabet behalten, ist bezeichnend.
Die Namen sind oft in den Sprachen eigene Wege gewandelt, so auch hier. In der
Urzeit brachte man den Namen oft Ehrfurcht entgegen. Ihre Kenntnis schlechthin
z.B. galt als wertvoll. Ein Niederschlag dieser Denkweise ist in unserem Märchen
Rumpelstilzchen noch zu erkennen. Die Namen haben mehrfach die Lautgesetze
nicht mitgemacht. Alles dies kann uns verständlich machen, daß Bright die Namen,
hier auch noch biblische, so eigen behandelt.
3) „A Treatise; wherein is declared the sufficiencie of English Medicines. Lon-
don 1580.‘ Faksimile des Titelblattes bei Carlton, p. 20.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 115
FaBt man diese Partikelzeichen als Reste aus den Anfangsstadien der
Entwicklung auf, so erklart sich sehr leicht ihre Sonderstellung im neuen
System; und man ist nicht genötigt, sie als ,,frei erfunden‘‘, als ,,besonders
markante Sigel‘ zu betrachten!); die letztere Charakterisierung trifft nicht
einmal zu?).
Im folgenden sei zusammengestellt, was über die Art und Weise des
Systems aus dem Titusbriefe rekonstruiert werden kann.
An Interpunktionszeichen kennt der Brief nur den Punkt?). Er steht
am Versschluß; selten fehlt er, manchmal ist er nur undeutlich.
Überblickt man das Alphabet, so erkennt man, daß seiner Aufstellung
ein strenger Konstruktionsgedanke fehlt; anders im Alphabet von 1588,
wo man deutlich den logischen Fortschritt von Zeichen zu Zeichen wahr-
nehmen kann. Ferner ist im edierten System der senkrechte Strich und
seine Lage als normal angenommen, 1586 ist das noch nicht in dieser
scharfen Ausprägung der Fall.
Die Stenographie ist eine Wortschrift: jedes Zeichen bedeutet ein Wort,
und zwar gibt nur der Beginn des Zeichens den Wortanfangsbuchstaben
wieder, der übrige Teil des Zeichens ist frei gebildet, nach meiner Ansicht
ohne Regel und System in seiner Anwendung bei den verschiedenen
Wörtern®). Bright benutzt nicht einmal dieselben ‚„additions‘‘ bei ver-
schiedenen Buchstaben. Deshalb gibt es deren eine solche Menge. Bei
den unter w angeführten Wörtern sieht man fast keine geraden Striche
als Endungen: l 6 f J 5; während bei denen unter p sehr viele gerad-
linig sind: u I) N.
Der Titusbrief läßt auch erkennen, daß Bright sich bereits die verschiede-
nen Lagen der Zeichen nutzbar machte, um dadurch möglichst viele Varia-
tionen und damit Bedeutungen zu erzielen. Z.B. f but; / by; J begin;
1) Sh. J. XXXIV, p. 194. Dewischeit.
2) Entschieden lehne ich die unzureichende Art der Darstellung Carltons ab.
Pag. 66 bringt er einige Wörter aus dem Titusbrief, z.B.: a ” ; again N; and l;
as ; evil X (11); even f I P sin ` ; of |. one %. Diese Art der Zusammen-
stellung muB jedem Leser den Gedanken aufdrangen, daB Bright durchaus kein
Alphabet eingehalten habe. Ich glaube, den Gegenbeweis erbracht zu haben. Die
Zeichen an sich hat Carlton ziemlich richtig wiedergegeben, nur ist ^’ = evil keine
primäre Bedeutung; ferner haben I und we dasselbe Zeichen = P , auch he und
they = X as ist genau 7,
3) Nicht besonders zu rechnen ist wohl der Schlußschnörkel.
*) Nicht ganz richtig ist die Bemerkung von Johnen, Arch. f. Sten. 1911, H. 2—3,
p. 107. „Das System [von 1586] hat zwar eine alphabetische Grundlage, bezeichnet
aber nur die Eigennamen alphabetisch, die anderen Wörter nur durch den ı. Buch-
staben des Wortes“ (!).
116 l Paul Friedrich
“> bring; J all; J accuse; f have; hope; £ he usw. Aber eine um-
fassende Durchführung dieses Gedankens der Lagenveränderung vermag ich
nicht zu erkennen. Sicher war 1586 diese Idee noch nicht zum Prinzip
erhoben wie 1588. Bei manchen Buchstaben kommt nur eine Lage vor,
so bei p nur die senkrechte, bei der Menge der vorhandenen Belege wird
das nicht nur Zufall sein. Eine durchgeführte Anwendung der Lagen-
änderung wäre schon am Alphabet gescheitert, insofern als mehrere Buch-
staben dadurch verwechslungsähnlich geworden wären. So wäre o in
Konflikt gekommen mit a: —® l; p mit f: l? =; s mit m: ‘‘ 4; g
mit e: -: 1 usw.
Die Schreibung erfolgte in senkrechten Reihen. Das scheint mir ein
gliicklicher Griff gewesen zu sein!). Die ganze Art der Zeichen drängte
dazu hin. Deshalb hat Bright diese Anordnung auch beibehalten. Aus-
gegangen ist er aber doch wohl von der Schreibung in wagerechter Rich-
tung, die 3 Worte auf dem Treatise von 1580 veranlassen mich, das an-
zunehmen. Vielleicht wurde er durch die Lange vieler Zeichen dazu be-
stimmt, vertikal zu schreiben; man denke an die Namen, die sich ja wegen
ihrer verschiedenen Hohe gar keiner Zeilenbreite eingefiigt hatten.
Von dem Gedanken aus, daß längere Worte einst mit einer längeren
Endung versehen waren, kann man auch einen Satz in der Characterie
von 1588 verstehen, der dorthin gar nicht zu passen scheint, wohl aber als
ein Anfangssatz.der ganzen Kunst verständlich ist ‚‚Let a short character
serve an usual and short word and a long one a long word.“ Im System
von 1588 sind alle Zeichen gleich lang.
Auch in Rücksicht auf die Bedeutung der Wörter lassen sich mehrere
Systemgedanken erkennen. Bright wendet mehrere sinnreiche Mittel an,
den Wortschatz zu erhöhen. So benutzte er, vielleicht indem er von der
longhand ausging, das Durchstreichen für die reine Verneinung eines
Begriffes mit not: m = give, m = not given I.7, II.32); 1 = can, + =
cannot I.2, II.8; ~, = must, % = must not I.11; f= by, # = not by
III.5; J = be, ? = be not. Es kommt auch vor ™ = neither, von ~ =
or I.6, 7.
Das Präteritum wurde bereits durch einen Punkt links vom Infinitiv
ausgedrückt: “e = made I.3; ‘| = promised I.2; 4 = do, 4 = have done
IIl.5; «m = gave IIll.6; ._, = have beleeved III.8.
1) Mancher Erfinder hat ihm das später nachgemacht. Arch. f. Sten. 1905,
p. 304. ,,Capellen hat sein System unabhängig von der Zeile gestaltet. Er schreibt
nicht in wagerechter, sondern in senkrechter Richtung, wie die Chinesen und Ja-
paner .... da man dadurch lange Verbindungsstriche, Raumüberschreitungen und
Wortunterbrechungen vermeidet.‘
2) Die Ziffern geben Kapitel und Vers im Titusbrief an.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 117
Besonders sinnreich, wenn auch schwierig in der Durchführung, ist die
— um den Ausdruck der Characterie zu gebrauchen — schon hier auf-
tretende Anwendung der consenting und dissenting signification zu nennen.
Allerdings ist dieses Mittel nicht immer streng angewendet. Sehr oft
finden sich Wörter, die zur Seite nur ein allgemeines Ableitungszeichen,
nicht aber einen deutlich identifizierbaren Buchstaben haben. Daraus
erkennt man nur, daß ein synonymes oder ein sinnentgegengesetztes Wort
gelesen werden soll; man bekommt aber keine Hilfen für die Lösung.
Meist wird als ein solcher unbestimmter Exponent ein Häkchen gebraucht,
oft auch ein Strich. Genau nach den Regeln der consenting und dissenting
method sind z. B. bezeichnet: ‚m = “given = committed I.3; y = ‘parent
= father I.4; .¢ = *holy = saint; N = become II.1; 14 = authority II.15;
‘4 = appeare III.4; 16 = apostle I.1.— 4 = with* = against; (1 = before’
= after; „ = man? = beast I.13 usw. Weit häufiger sind aber jene
Bezeichnungen, die nur durch einen allgemeinen Exponenten andeuten,
daß das Zeichen nicht in seiner primären Bedeutung zu fassen ist. Viel-
leicht ist dies die Vorstufe jener genaueren Schreibung gewesen. So be-
deutet ‘ù epistle; -¢ lucre I.7. Besonders zahlreich sind die allgemeinen
Exponenten für Wörter mit entgegengesetzter Bedeutung gebraucht; hier
hat Bright sehr psychologisch gedacht, das Gegenteil eines Begriffes asso-
ziiert sich mit diesem oft leichter, als ein sinnverwandter Inhalt. Beispiele
sind: 4 men II.2, cv = women II.4; 7 aged II.2, -* young II.4; — beleeve,
—,’ unbeleeving; « good, « evil; „/ not true, „/£ not false II,3; 1. sober;
— unfruitful; f rebuke, f‘ blameless I.6, 7; YY husband 1.6, ”’ wife I.6;
~o obedient, „ø“ disobedient I.6, 10, III.3; 2 affirme, 3° deny 1.16, II.12;
e~ go, e’ come IIl.ı2; f have, f’ want IIl.ı3. Die angeführten Beispiele
zeigen wohl, wie schwierig es war, in dieser Stenographie zu schreiben.
Gelegentlich kommt deshalb eine Inkonsequenz vor, die uns wohl verständ-
lich erscheint, die aber doch dem Schreiber, der ja der Autor war, nicht
hätte widerfahren sollen. 1.8, letztes Wort = $4. Was heißt das? / be-
deutet sicher enjoyment (riot), I.6 schon einmal belegt. Der Exponent
rechts zeigt an, daß ein sinnentgegengesetztes Wort zu lesen ist. Der
Exponent § kommt aber gar nicht im Alphabete vor! Fünf Bibelversionen
(Tyndale, Cranmer, Geneva, Authorised, Barkers B.) geben uns nun die
Bedeutung temperate an die Hand. Danach muß ¿ = t sein. Es ist
auch t, aber das t aus dem Namenalphabet! Bright vergriff sich, weil
eben 2 Alphabete für ı Manuskript zu verwirrend sind.
Bright wendet sich mit seiner Kunst nur an Gebildete, denn er forderte
von seinen Schülern sehr viel Sprachgefühl und Gestaltungsfähigkeit;
z.B. Flexionsformen bezeichnet er im Titusbriefe gar nicht. Das Prä-
118 Paul Friedrich
teritum ist, wo es aus syntaktischen Griinden klar erkennbar ist, nicht be-
zeichnet. Z.B. I.3 Schluß: before the world begin. Sogar den von einem
anderen Stamm gebildeten Obliquus beim Pronomen personale der r. Per-
son läßt er durch den Rektus vertreten, f = I und me. 1.3: ‚which is
committed to I“ lautet das Stenogramm. Das Personale vikariert sogar
fiir das Possessivum: I.4: To Titus mine own son ist wiedergegeben durch:
To Titus I own son. I.3 steht stenographiert: According to the comman-
dement of God I saviour.
Gewiß wurde durch solche Vertretungsmöglichkeiten eine große Er-
sparung von Zeichen erreicht, aber zugleich eine große Schwierigkeit für
das Wiederlesen verursacht.
Thou wurde durch Lagenveränderung und Punkt von I unterschieden.
P = I, @ = thou; aber thee = © = the. He, his, him, they, their,
them wurden wiedergegeben durch 4. Fast ebenso vieldeutig ist das
bereits besprochene Zeichen f = I, me, my, mine, we (III.3), our (II.13),
us (II.14). you = €.
Eine Durchstreichung dieser Pronomina bedeutet aber keine Verneinung,
— hierin liegt eine gewisse Inkonsequenz — sondern eine Verstärkung:
% = himself Il.14; % = thyself 11.7; f = ourselves III.3; £ = them-
selves I.12. — Should war gleich may = ¢.
Eine Wiederholung mehrerer Wörter scheint bereits — wie 1588 —
durch einen kleinen Kreis möglich gewesen zu sein. Das glaube ich
schließen zu können aus II.4. Man erblickt da die Zeichen:
C das heißt: that they love their husbands, children. Das letzte Wort
© hat neben sich einen Kreis, das kann unmöglich ein Buchstabe sein.
g Die Bibelversionen schreiben nun an dieser Stelle: that they love their
5 husbands, that they love their children. Danach ist es klar, daß der
0) Kreis als Wiederholungszeichen steht fiir: that they love their.
Wörter, die deutlich aus 2 Begriffen zusammengesetzt sind, können
auch mit 2 Zeichen wiedergegeben werden: soberminded Il.4 = > =
sober mind; nothing = © = no thing III.13.
Im allgemeinen scheint Bright schon die Auffassung gehabt zu haben,
daß eine wörtliche Treue des Gehörten gar nicht erstrebt zu werden braucht,
sagt doch 1588 noch die Characterie: ‚The sense is only to be taken with
the character.“
Die gegebenen Ausführungen haben wohl erkennen lassen, daß Brights
Kunst, um brauchbar zu werden, noch sehr entwicklungsbedürftig war.
Das erkannte auch Bright selbst, deshalb hat er in den beiden folgenden
Jahren, bis zur Herausgabe des Systems außerordentlich an dessen Ver-
vollkommnung gearbeitet, wie der nächste Abschnitt bekundet.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 119
3. Kapitel.
Das System von 1588 als letzte Entwicklungsstufe’).
Nach der Darstellung im ı. Teil könnte man glauben, daß Brights System
von 1588 von dem vorangegangenen völlig verschieden sei, da man damit
den Titusbrief nicht lesen kann. Genaues Studium der zugrunde liegen-
den Gedanken läßt aber erkennen, daß die neue Kurzschrift ganz und gar
aus der älteren hervorgegangen ist. Manches davon ist schon angedeutet
worden.
Herübergenommen vom System von 1586 sind vor allem die eigenartigen
Bildungsgedanken, die der Brightschen Stenographie ein so spezifisches
Gepräge verleihen. Neu sind der Ausbau im einzelnen, die größere Logik
im Alphabet und mehrere Sonderlehrsätze. Viele Mühe und Arbeit hat
Bright auch — wie noch näher ausgeführt wird — neben der Verbesserung
des Graphischen im System besonders der Auswahl des Sigelwortschatzes
zugewendet. Die Umbildung der Zeichen ist aber dem flüchtigen Be-
schauer viel offensichtlicher als das letztere.
Vorangestellt seien die wichtigsten Punkte, aus denen man erkennt,
wie sehr das neue System von 1588 ein Kind des früheren von 1586 ist.
Aus dem älteren System stammen:
I. an Grundlegendem:
1. die Schreibung in vertikaler Richtung,
2. das Vorhandensein eines Alphabets, dessen Grundelement der
gerade Strich ist (Vergleich beider Alphabete S. 25),
3. die Idee der Wortschrift: nur der Anfangsbuchstabe eines Wortes
wurde durch sein entsprechendes alphabetisches Zeichen wieder-
gegeben, der übrige Teil wurde nur angedeutet, nicht buch-
stabiert,
4. die Idee der Lagenänderung der Zeichen,
5. die Beibehaltung besonderer, nicht dem Alphabete sich ein-
fügender ‚‚Partikel‘‘2),
6. die Idee der consenting und dissenting method of signification,
7. die Nichtbezeichnung vieler Formantien,
8. der Gedanke, daß wörtliche Treue nicht unbedingt nötig sei;
1) Die beiden Grundlagen für unsere Kenntnis des neuen Systems bilden die
Characterie und Jane Seagers Stenogramm. Letzteres bietet außerordentlich wert-
volle Hilfen, indem es oft Klarheit in Einzelfragen schafft und reichlich Beispiele
liefert, wo die Characterie zu knapp gehalten ist. Deshalb wird oft darauf verwiesen.
2) Unverändert beibehalten sind die „Partikel“: o =the, f =I, ‘` = in,
c = it, ; = of, / = with, | = and, - = to, ~ = for.
120 Paul Friedrich
II. an Einzelheiten:
9. die Möglichkeit, Eigennamen zu buchstabieren,
10. die Verneinung eines Begriffes mittels Durchstreichens,
II. die Bezeichnung des Präteritums durch einen Punkt links vom
Infinitiv,
ı2. die Verstärkung des Pronomens mittels Durchstreichens,
13. die Möglichkeit, mehrere Wörter durch I Zeichen, einen Kreis,
zu wiederholen.
14. die Bezeichnung eines Absatzes oder einer Pause durch einen
Punkt!).
15. die Schreibung von Zahlen durch Ziffern?).
Etlichen dieser Punkte seien einige ausführende Bemerkungen bei-
gefügt. In der Bildung des neuen Alphabets zeigt sich eine durchgreifen-
dere Systematik. 1586 waren wohl auch einige Prinzipien in der Ge-
staltung des Alphabets vorhanden, das neue aber ist viel einfacher und
logischer aufgebaut: a als erster Buchstabe besteht nur aus dem Bildungs-
elemente, dem einfachen Strich selbst; teilt man von b ab die Buchstaben
in Paare ein, so ist jedes zweite Zeichen im Paar das Spiegelbild des voran-
gehenden: I IE + ır ar fi ır 93P fr P. Nur u (w) steht wieder
allein, seine Bildung ist aber charakteristischerweise so, daß sein Spiegel-
bild mit ihm identisch ist. Diese klare geometrische Konstruktion, nicht
etwa die bloße Aufstellung neuer Zeichen, stellt den Fortschritt dar).
Die Lagenveränderung wird im neuen System bei jedem Buchstaben
angewendet — früher nur bei einigen —, und zwar ist die gleiche Lagen-
folge wieder bei jedem Zeichen streng eingehalten. Das bedeutet eine
1) Characterie p. 18. ,,The distinction ought to be made with a prick sette under
the character at every breathing, or pause of the sentence.‘
2) Die Characterie sagt dartiber etwas zu knapp: ,,Nombers are written by the
heads of the compound characters, with a streight bodie hanging, and take increase by
place as cyphers in arithmetike‘' p. 29. Das Wörterbuch gibt für 3 an: count, ebenso
für 6: count. Also werden wohl die Zahlen durch Ziffern bezeichnet worden sein,
3) Eine interessante Einzelheit, die allerdings von ganz untergeordneter Bedeutung
ist, finde ich bei Jane Seager. c, k, q sind von ihr im allgemeinen stets gemäß der
Characterie durch dasselbe Zeichen = f wiedergegeben. Als Exponenten der mit
k beginnenden Wörter schreibt sie aber dieses k nicht mit c = ( ‚ sondern mit ©
also einer kleinen Variation von Í. Aus 3 Belegen ergibt sich dies: ‘f = knotty
III. (Blatt), 2. (stenogr. Zeile); 9 = king III.3; “7 = kept IX.ı; eine entsprechende
Variation von ist konsequenterweise auch fiir q zu beobachten.q = 7. 7@ =
arest = quiet (guyet) VI.4; J’ = princea = queene IV.5; sonst istc = f . come =
T (=go. Durch diese kleine, sehr einfache Variation wurde eine bedeutend
groBere Genauigkeit erzielt.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 121
Anderung, die also in der Idee nichts Neues darstellt, die aber der Kurz-
schrift ein ganz anderes Aussehen verleiht.
Von den Partikeln hat Bright mehrere in ihrer alten Form und Be-
deutung beibehalten; ob alle, das läßt uns die geringe Wortzahl des Titus-
briefes nicht erkennen. Durch die Neuordnung des Alphabets kommen
aber damit einige Inkonsequenzen herein, die man nur bei vergleichender
Betrachtung verstehen kann: Es tritt einige Male der Fall ein, daß Partikel-
zeichen einem Buchstaben gleichen, der durchaus nicht der erste Buch-
stabe des Bedeutungswortes ist. 9% heißt als Buchstabe: p, als „Partikel“:
wel); liegend: e = they; f als Buchstabe = r, als „Partikel“ = I;
| als Buchstabe = n, als „Partikel“ = so. Aber eine Verwechslungsmög-
lichkeit, die man bei solcher Identität erwarten könnte, trat doch nicht
ein; denn da Bright die Buchstaben nie allein, sondern nur neben einem
Worte verwendet, nämlich bei der consenting und dissenting method, so
bedeuteten jene oben genannten Zeichen, wenn sie allein stehen, immer
die Partikel. Hier kommt dem System die vertikale Schreibfolge außer-
ordentlich günstig zustatten: Bei wagerechter Schreibrichtung wäre leicht
Verwirrung entstanden, da man nie hätte wissen können, ob eines jener
Zeichen als Buchstabe oder Partikel gemeint sei.
In bezug auf die Bezeichnung von consenting und dissenting words ist
Bright im neuen System viel genauer. Die allgemeinen Exponenten
Hakchen, Strich, Punkt verschwinden. Der Anfangsbuchstabe des zu
stenographierenden Wortes muß stets geschrieben werden. Das war für
eine brauchbare Kurzschrift auch sehr notwendig. Der Punkt z.B. hat
noch so viele Funktionen zu versorgen, daß seine Verwendung noch reich-
lich vielseitig ist. Schon die viel genauere Bezeichnung einer sekundären
Bedeutung mit ihrem Anfangsbuchstaben birgt noch manche Schwierig-
keit für das Wiederlesen in sich. Einige Beispiele, nicht einmal sehr
fernliegende, seien zum Beweise dessen angeführt; ich greife sie aus Jane
Seagers Schriftchen heraus: a = ‘sing = verse; Me “open = unlock;
I = offend = synn; ə = whore? = chast; 4’ = marrie’ = virgin;
P = irejoice = joy[ful]; l’ = fall" = raise.
Bright hat sich in den 2 Jahren, die zwischen der Niederschrift des
Titusbriefes und der Herausgabe der Characterie liegen, sehr viel mit seiner
Kunst beschäftigt, das ist bereits durch mehrere Tatsachen erwiesen wor-
den. 1586 war die erste englische Grammatik erschienen, von Bullokar
1) Der Ausdruck ,,Partikel‘‘ ist von Bright nicht in streng grammatischem Sinne
gemeint, Bright wird überhaupt nichts Einheitliches darunter verstanden haben;
denn wir finden z. B. Pronomina unter diesen ,,Partikeln‘‘, andererseits sind Prono-
mina auch unter den charactericall words.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 9
122 Paul Friedrich
veröffentlicht. Vielleicht hat sie Bright studiert; denn wir können be-
obachten, daß er im neuen System wenigstens bemüht ist, dem Formalen
und seiner Bezeichnung viel mehr Rechnung zu tragen als früher; z.B.
deutet er jetzt manches Flexivische des Wortes an, was er früher nicht
getan hatte. Allerdings benutzt er dazu als fast einziges Ausdrucksmittel
den Punkt; diese Vielseitigkeit macht darum dessen Deutung oft schwierig.
Eingehende Betrachtung ergibt, daß der Punkt folgende Funktionen aus-
üben kann!): .
I. Er bezeichnet das Präteritum, wenn er links neben den Infinitiv
gesetzt wird b = he despised; z = he did;
2. das Futur, wenn er rechts vom Infinitiv steht: = he shall bring;
3. 2 Punkte unter den Infinitiv gesetzt, bezeichnen das participium
praesentis, oder wie es Bright — grammatisch nicht sehr scharf — aus-
drückt: a word of doing that endeth in ing as eating, drinking requireth
two prickes direct under the body of the character 4 = passing.
h.
. Der Punkt kann ‚‚shall“ vertreten: 1 = shall he be. J. S. II.42).
. Der Plural wird durch den Punkt ausgedrückt: k = the ages.
. Der Punkt ist das einzige Interpunktionszeichen.
N An A
. „Derivative words that end in er require two pricks at the right side
of the character, as labourer is derived of labour f es t = sa-
viour. J. S.IX.z. |
8. Ein Punkt links von he verwandelt es in his: .k = his.
9. Ein Punkt rechts von he macht es zu she: b. = she),
10. 2 Punkte rechts von he geben ihm die Bedeutung her. b. = her.
11, this mit Punkt links heiBt thus: 9, = thus.
12. may mit Punkt links bedeutet might: "( = might.
13. will wird durch einen Punkt rechts zu should =®9, J. S. XII.4.
1) Die oben folgende Zusammenstellung ergibt sich aus einer vergleichenden
Betrachtung der Characterie und Jane Seagers Büchlein. In der Characterie sind
natürlich diese Einzelverwendungen nicht so übersichtlich aneinandergereiht. Diese
Zusammenstellung geschieht aus dem Grunde, weil sie für ein späteres Kapitel dieser
Arbeit bedeutsame, erklärende Unterlagen bietet.
2) Dieses Beispiel ist uns noch verständlich, da Punkt 2 solche Verwendung nahe-
legt. Brights ungrammatische Denkweise verrät sich aber, wenn wir sehen, daß
der Punkt auch shall vertreten kann, ohne Hilfszeitwort zu sein: 2‘ = shall from.
Jo IL-5,
3) Aus Punkt 4 ergibt sich, daß hiermit eine Verwechslungsmöglichkeit geschaffen
wurde: h. = she oder shall he.!
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 123
Im besonderen hat Bright noch manches zur Klarheit und Eindeutigkeit
seiner Zeichen ersonnen. So hat er fiir we einen anderen character ge-
prägt als für I; früher war beides = f: jetztI =P, we = 7. 1586
waren noch he, him, his, they, them, their alle durch 1 Zeichen ausgedrückt,
jetzt hat er mehrere dafür.
Betont sei nochmals, daß Bright kein Grammatiker war: Bildet man
einige Zusammenstellungen, z. B. der Zeichen für das pronomen personale
und possessivum, so ergibt sich folgendes Bild:
I=? we = Ì1 mine = mw our = q
thou = f you = f thine = f your = f
he = b they = e~ his = +} their = f.
Man sollte vermuten, daß ein Systemerfinder bei der Bildung solcher
Gruppen ähnliche oder doch wenigstens verwandte Zeichen aufstellte.
Bright hat das nicht getan, wie die kleine Tabelle zeigt. You und your
zwar entsprechen sich in ihren Zeichen, auch he und his; aber nicht they
und their, obgleich sie mit dem gleichen Buchstaben beginnen; während
Bright ferner den Akkusativ von I mit I wiedergibt, trotzdem er mit m
beginnt, erfindet er doch ein ganz anderes Zeichen für mine.
Eine kleine Verbesserung gegenüber dem 1586er System bedeutet ferner
die Einführung einer Ableitungssilbe, die andere vertreten kann. Charac-
terie, p. 24 „Such [derivatives] as end in ship as friendship or hood as
neighbourhood require in the word written the character of ship to be
placed underneath and whether it or hood be to be read, the language will
plainly deliver.‘ Die letzte Hälfte dieses Satzes zeigt deutlich, welche
Ansprüche Bright an die Sprachbeherrschung seiner Schüler stellte:
neighbourhood würde z. B. stenographiert so aussehen: } = neighourship.
Das Lehrbuch sagt weiter nichts über Ableitungssilben. Einige Beispiele
von Jane Seager bestätigen mir aber, was zwar die Characterie nicht aus-
drücklich schreibt, was aber doch wohl zwischen den Zeilen gelesen wer-
den muß, nämlich, daß ship auch andere Ableitungssilben als hood, viel-
leicht alle vertreten kann. Die 3. Prophezeiung enthält den Satz (IV. 5.):
1"
The heauens of this happynes divines. happiness ist so geschrieben: T
= happy-ship, hier wäre also -ness durch ship vertreten; Blatt VII.3
enthält das Wort: afflictions = T = *grief-shoote! Das untere Zeichen
halte ich für zweifellos verschrieben, $ bedeutet shoote; die untere Schleife
nach der anderen Seite gelegt, würde es sofort zu ship machen, das wäre
9*
124 Paul Friedrich
viel verständlicher; demnach würde ship auch für tion vikarieren können,
und so wahrscheinlich auch für andere Silben!).
Bei der Verbesserung seines Systems hat Bright besonders viel Sorgfalt
auf die Durcharbeitung des Wortschatzes verwendet. Endziel mußte
“immer sein, mit Hilfe einer begrenzten Zeichenanzahl einen großen Reich-
tum an ausdrückbaren Begriffen zu schaffen. In dieser Hinsicht hat nun
Bright das eine große Prinzip, das er zur Erweiterung des Wortschatzes
ersonnen hatte, konsequenterweise ausgeniitzt. Die consenting und
dissenting signification gab ihm bekanntlich die Möglichkeit an die Hand,
auf leichte Weise sinnverwandte oder sinnentgegengesetzte Begriffe zu
schreiben. Demnach konnte er aus dem Wortschatze, der durch Sigel
ausgedrückt wurde, alle die Wörter mit Recht ausschließen, die bereits
ein Synonymon oder ein bedeutungsentgegengesetztes Wort als Sigel
hatten. Dadurch wurden Zeichen „erspart“. Mit anderen Worten: die
Characterie table durfte im Interesse eines großen Wortreichtums mög-
lichst keine consenting oder dissenting words enthalten, da diese leicht
auf andere Weise zu schreiben waren.
Daß die eben skizzierte Gedankenreihe auch von Bright durchlaufen
wurde, darf man wohl aus einem Satze der Characterie schließen, der eben
nur das Endresultat der Überlegung bildete: ,, The charactericall words are
a number that have neither agreement nor contrarity‘‘. Daß diese Vor-
schrift von Bright bei der Aufstellung der Sigelworte auch befolgt worden
ist, erkennt man, wenn man sich z.B. zur Prüfung einige Paare von
dissenting words bildet: day— night; good —evil; high —deep; man — woman
over— under; fall—raise; great— small; bright—dark; up—down; mind—
body; hill—vale; common—rare; friend—foe; go—come; rich—poor;
sound—sick; Christian—heathen. Diese Beispiele sind mit Absicht so
reichlich und naheliegend gewählt. Bei Nachprüfung erkennt man, daß
Bright von allen diesen Paaren nur ı Wort (das erste) als Sigel hat, das
zweite aber stets durch dissenting method of signification ausdrückt, wie
Jane Seager oder das Wörterbuch erweist. Daß die Vervollkommnung
des Sigelverzeichnisses in dieser Hinsicht, die Ersetzung vieler Wörter
durch fernerliegende, erst im Laufe der Entwicklung geschah, ist an sich
schon der natürliche Gang der Dinge. An einigen Wortpaaren vermag ich
jedoch die in diesem Sinne bessernde Hand noch direkt nachzuweisen.
1586 gab es nach Ausweis des Titusbriefes für die beiden konträren Begriffe
filthy und pure je r Sigel, filthy = ~, pure = us (I.11, I.15 Titusbr.).
1) Für Adverbia gab es die besondere Silbe ly, t , sie steht auch in der Characterie,
$
2 = heavenly II.2; 7 = shortly III.1; = heartily V.3; aber auch only b = XIl.4.
l,
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 125
1588 ist pure nicht mehr unter den charactericall words zu finden; es
wurde mit filthy umschrieben! (Jane Seager IX.3.) Also war pure als
Sigel gestrichen worden und so sein character fiir eine andere Bedeutung
freigeworden. Erklärlicherweise sind bei der geringen Wortzahl des
Titusbriefes sichere Belege dieser Art spärlich. Ein Beispiel ist vielleicht
noch zu erblicken in dem Gegensatz: true und false. 1586 ist true = J ;
false oder doch wenigstens ein Synonym davon = x (Titusbrief 1.16,
Zeile 7, Mitte). Die Characterie aber kennt nur noch true als charactericall
word; false wird nach Aussage des Wörterbuches mit true umschrieben.
Auch für 2 synonyme Begriffe läßt sich ähnliches nachweisen: Der Titus-
brief hat für Lord und god je ein Sondersigel; Lord = ? , god = o@ ; die
Characterie kennt nur god als Sigel und umschreibt damit auch Lord.
Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, ist es auch nicht nur als Zufall
aufzufassen, wenn wir so manchen Gattungsbegriff in der Characterie table
finden: die Unterarten waren eben leicht durch consenting signification
damit zu umschreiben. Beispiele: metall, parent, tree, weapon, plaie,
garment, feast, birde, herbe, house, colour, time usw. |
Bright hat wohl die Notwendigkeit empfunden, seinen Schülern, wenig-
stens den Anfängern, Hilfen zu bieten gegenüber den Schwierigkeiten
mancher Wortbezeichnung, indem er in einem Sonderabschnitte z.B.
Unterarten aufzählt, die man alle durch einen Gattungsbegriff umschreiben
konnte. So entstand der Teil „appellative words“. Dieser Abschnitt ist
nicht sehr umfangreich, der Autor hat offenbar nicht allzuviel Wert darauf-
gelegt; ja er hat ihn wohl gar, wie sich noch erweisen wird, längere Zeit
unbeachtet gelassen.
Die Characterie besteht, wie bereits ausgeführt, wenn wir von der Wid-
mung und der Vorrede absehen, aus 4 Teilen:
ı. einem erklärenden Teil: The Arte of Characterie,
2. dem Sigelverzeichnis: The Characterie Table,
3. einem Wörterbuch: A Table of English words,
4. den Appellative words.
Diese 4 Abschnitte sind augenscheinlich nicht mit gleicher Liebe und
Sorgfalt gearbeitet worden. Ihnen haften noch manche Spuren der Ent-
wicklung an. So weisen sie z. B., unter sich verglichen, gewisse kleine
Unstimmigkeiten auf, die, im Zusammenhange mit des Autors Lebens-
gang und dem Zwecke seiner Kunst betrachtet, manchen Aufschluß geben
können. Im folgenden seien einige aus eingehender Betrachtung resul-
tierende Verhältnisse dargelegt, die uns bedeutsame Rückschlüsse auf den
Werdegang der Brightschen Stenographie ziehen lassen.
126 Paul Friedrich
Der umfangreichste Abschnitt ist das Worterbuch. Ihm ist kein be-
sonderes Wort der Erklärung seines Gebrauches beigefügt; doch seine
Einrichtung läßt uns sofort seinen Zweck erkennen: In einer linken Rubrik
stehen die Wörter in ihrer alphabetischen Reihenfolge, und in der rechten
Spalte stehen, auch nur in longhand, die charactericall words (= Sigel),
durch die man den betreffenden Begriff umschreiben kann, mit consenting
oder dissenting signification. Das ganze Wörterbuch verdankt demnach
seine Existenz diesem Prinzip der accompanied signification.
Aus der gegebenen Beschreibung erkennt man, daß die rechte Rubrik
dieser table of English words nur Sigel[wörter] enthält. Damit ist uns
ein wichtiges Mittel an die Hand gegeben, das Sigelverzeichnis (= The
Characterie Table) auf seine Richtigkeit oder wenigstens Übereinstimmung
mit dem Wörterbuch hin zu prüfen. Da ergibt sich nun merkwürdiger-
weise, daß eine solche zu fordernde Übereinstimmung manchmal nicht
vorhanden ist.
Schlägt man z. B. das Wort salve nach, so wird man angewiesen, es mit
medicine wiederzugeben; medicine findet sich aber nicht unter den charac-
tericall words! Ebenso ist medicine als zu benutzendes Sigel angeführt
bei plaister, treacle und baulme. Ich schließe wohl richtig, wenn ich an-
nehme, daß medicine allerdings einst als Sigel bestand, daß Bright es aber
später gestrichen hat.
Ähnliches findet man bei mehreren anderen Wörtern. Für brine und
mustarde ist sauce, für clammie ist tough, für decoction ist seeth angegeben
als zu benutzendes charactericall word. Keines dieser Worte steht aber
in der Sigeltabelle.
Sucht man nun diese 4 Begriffe medicine, [sauce], tough, seeth in der
linken Rubrik des Wörterbuches auf, so findet man sie wieder durch Sigel-
worte umschrieben,denen diesmal in der Sigeltabelle tatsächlich ordnungs-
gemäß Zeichen zugewiesen sind. Das ist der beste Beweis dafür, daß
Bright diesen Begriffen, nachdem er sie aus den charactericall words ge-
strichen hatte, wohl im Wörterbuch das neue entsprechende Sigelwort
beifügte, aber vergaß, die alten, fehlerhaften Sigelworte dort, wo sie für
irgend einen Begriff in der zweiten Rubrik als Umschreibung angegeben
waren, zu entfernen.
Die eben ausgeführten Vermutungen werden durch einen beweiskräftigen
Grund unterstützt: Im letzten Teil, den appellative words, der Zusammen-
stellungen enthält, steht als Überschrift einer solchen Gruppe das Wort
medicine, darunter sind ıo Einzelarten angegeben. Wenn Bright diesem
Begriff eine solche herausgehobene Stellung zuwies, dürfen wir in Ver-
bindung mit den anderen Gründen mit Sicherheit annehmen, daß ihm einst
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 127
auch ein eigener character gehörte. Nach der Veränderung vergaß aber
Bright die Nachbesserung auch für diesen letzten Teil, der überhaupt wenig
gleichmäßig gearbeitet ist, sicher aber mit an den Anfang der ganzen Er-
findung gestellt werden muß.
Nach welchen Gesichtspunkten hat nun Bright die obengenannten Wörter
und zweifellos noch viele andere aus den charactericall words gestrichen,
und vor allem, nach welchen Prinzipien erfolgte die positive Vervollkomm-
nung der Sigeltabelle? Diese ist ja der wichtigste Abschnitt der ganzen
Characterie.
Der eine naheliegende Grund, sinnverwandte oder entgegengesetzte Be-
griffe zu vermeiden, kommt hier ganz gewiß nicht allein in Frage. Fur
medecine Z. B. stellt sich nicht leicht ein synonymer oder konträrer Gattungs-
begriff ein, es ist auch keiner vorhanden.!)
Der wahre Grund ist nach meiner Ansicht vielleicht in der Änderung des
Lebensberufes des Autors zu suchen. Bright war ursprünglich Mediziner,
seine Interessensphäre lag also auf dem Gebiete der Naturwissenschaft.
Gerade in jenen Jahren aber neigte er sich der Theologie zu. Er ‚took
holy orders“. Damit wurde seine ganze Lebensauffassung anders, das
übertrug sich naturgemäß auch auf seine Erfindung. Er begann, sie
seinem neuen Berufe dienstbar zu machen und vervollkommnete sie nach
dieser Richtung.
Zur Begründung meiner Hypothese sei noch folgendes ausgeführt. Der
letzte Teil des Lehrbuchs ‚‚appellative words‘‘, der relativ zeitig entstanden
ist, zeigt bei vergleichender Untersuchung eine erstaunlich hohe Zahl von
medizinischen Begriffen. Folgende Überschriften sind so zweifellos in
diese Vorstellungswelt zu rechnen: sickness, hearbe, medecine, belly, diet,
head, mouth, back, breast, birde, graine usw. Um nur einige Zahlen als
Zeichen dafür zu nennen, wieviel Unterarten Bright aufzählt, sei hervor-
gehoben: unter sickness führt er 25 Namen an, unter medsine Io, unter
belly 17, unter hearbe 292), unter flie 26, unter beast 27, unter fish 28,
unter fruit 32. Auf dem medizinisch-naturwissenschaftlichen Gebiete
1) Auch wird man nicht sagen können, es sei gestrichen worden, weil es ein
seltenes Wort sei, wie z. B. mainprize, das das Wörterbuch noch als Sigel aufweist,
nicht aber die Characterie table.
2) Mit dieser hohen Zahl spricht wohl deutlich Brights ‚‚maidenessay‘‘ zu uns, sein
» Treatise wherein is declared the sufficiencie of English medicines‘‘ von 1580. Der
junge Arzt zählt unter ‚„‚hearbe‘‘ hier manche Kräuter auf, die sicher nicht alle Zeit-
genossen im alltäglichen Wortschatze gehabt haben. Es sind folgende: basill, borrays,
buglosse, burnet, cabbage, hissop, lettice, marioram, persely, peniroyall, rue, sage,
savery, spinach, spurge, worte; [on the right side, das heißt, bei den folgenden Wörtern
soll der Anfangsbuchstabe rechts von hearbe gesetzt werden, also Anwendung der
dissenting signification] fagge, flaxe, hemlocke, hempe, henbane, hoppes, mallowes,
nettle, pimpernell, rush, sedge, wreth, waod.
128 Paul Friedrich
standen ihm eben als Fachmann auBerordentlich viel Begriffe zur Ver-
fiigung. Demgegeniiber findet man in den ,,appellative words‘‘ nur einen
einzigen sprachwissenschaftlichen Begriff [,,word‘‘] und darunter nur 8 Na-
men aufgeführt; diese 8 Wörter sind zudem noch Begriffe, die zu der Uber-
schrift ‚‚word‘‘ nur in entfernter Beziehung stehen: accent, character, con-
sonant, element, letter, sillable, titell, vowell.
An theologischen Begriffen findet man im Vergleich zu dem Reichtum
an naturwissenschaftlichen erstaunlich wenig unter diesen appellative words,
nur bishop und church; vielleicht noch heaven und worship. Die beiden
letzteren sind aber, nach den darunter aufgezählten Namen zu urteilen, ganz
bestimmt nicht in kirchlichem Sinne zu fassen.
Alles dies erweist wohl zur Genüge, daß Bright bei der Ausarbeitung
dieses Teils seinen Interessen nach noch vollkommen Mediziner war.
Untersucht man nun die Characterie table, das Sigelverzeichnis in bezug
auf die Verteilung ihres Wortschatzes nach den verschiedenen Gebieten,
so ergibt sich offensichtlich, daß ziemlich wenige medizinische Ausdrücke
darin aufgenommen oder entwicklungsgeschichtlich ausgedrückt ge-
blieben sind.
Viele sind getilgt worden; außer den obengenannten: medicine, seeth,
tough, auch z. B. noch: back und sickness, die im 4. Teile noch als Über-
schriften stehen, also ganz bestimmt einst Sigel gewesen sind.
Bedeutend vermehrt worden ist aber der theologische Wortschatz, und
zwar auf Kosten des naturwissenschaftlichen. Man ist über die Menge
der kirchlichen Begriffe in der Characterie table ebenso sehr erstaunt, als
man verwundert war über ihre geringe Anzahl unter den appellative words.
Von den rein kirchlichen Ausdrücken des Sigelverzeichnisses nenne ich
nur: anoint, bishop, bless, Christian, church, god, faith, glory, gospel, grace,
faith, holy, heven, hope, inheritance, mercie, pray, preach, praise, pre-
judice, prophesy, pulpit, religion, salute, save, vertue, worship, Amen. Viele
von diesen Worten wären, wenn sie nicht dem geistlichen Vorstellungskreis
angehörten, der eben jetzt Brights Gedankenwelt beherrschte, gewiß nicht
zum Sigel erhoben worden. Sonst z.B. ist Bright so sparsam mit seinen
Sigeln, hier aber gibt er so nah verwandten Begriffen wie faith—gospel,
grace—mercy, preach—prophesy, bless—save, eigene characters. In einem
Falle vermag ich noch dieses bewußte Aufstellen von neuen Sigelworten
theologischen Inhalts nachzuweisen, entsprechend dem Streichen medi
zinischer Ausdrücke aus der Tabelle.
1586 besaB Bright noch, wie der Titusbrief glücklicherweise erkennen
läßt, für preach und prophesy ein gemeinsames Zeichen, 1588 aber führt
er für jedes dieser beiden Worte ein Sonderzeichen ein.
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 129
Zu den obengenannten geistlichen Begriffen der Characterie table könnte
man noch andere anführen: benefit, eloquence, judge, peace, repent, reward,
innocent usw. Aber viele braucht man nicht zwingend als aus kirchlichem
Denken entsprungen zu betrachten.
Der Grund der Vervollkommnung der Stenographie auf eine besondere
Brauchbarkeit in kirchlichen Dingen ist wohl darin zu suchen, daß Bright
seine Neuerfindung vielleicht zunächst für das Nachschreiben von Predigten
bestimmte. Die uns erhaltenen Nachrichten über die Verbreitung der
Kurzschrift würden diese Vermutung bestätigen.
Schließlich sei noch einiges aus dem ersten Teil der Characterie erwähnt,
das deutlich auf eine Entwicklung hinweist.
Mehrere kleinere Abschnitte der ‚Arte of Characterie‘‘ beschäftigen sich
mit simple und compound characters, ferner mit simple compounded und
double compounded characters, der letztere Gegensatz deckt sich praktisch
mit den Begriffen: Buchstabe und Sigel; jene theoretische Auseinander-
setzung über die Art der Bildung ist jedoch für ein Verständnis des Systems
ganz überflüssig; wir müssen aber wohl darin noch Überbleibsel der anfäng-
lichen Gedankengänge Brights erblicken, die sich auf geometrischem Boden
natürlicherweise bewegten. Von den 19 Seiten der Einführung entfallen
5 allein auf die Darstellung der Zeichenbildung! Wegen der Herübernahme
vieler Partikelzeichen aus den Anfangsstadien sind aber z. B. solche ziem-
lich überflüssige Sätze beibehalten worden: ‚The simple one is a character
made of no other — — itiseither streight line or crooked‘“‘, p. ı8f. Dieser
Satz erstreckt sich nur auf folgende Partikelzeichen: ! + -v a » «0,
Unter Berücksichtigung aller angegebenen Tatsachen scheint es mit
wohl möglich, für die Entstehung der einzelnen Teile der Characterie eine
relative zeitliche Fixierung zu erschließen: Am frühesten entstand natür-
lich die Einführung, die durch die Fassung mancher Abschnitte noch auf
anfängliche Entwicklungsstufen hinweist. In Verbindung damit wurde
das Sigelverzeichnis aufgestellt, der Kern der ganzen Kurzschrift. Relativ
zeitig erfolgte auch die Zusammenstellung von „appellative words“.
Schließlich wurde das Wörterbuch angelegt. Die Hauptarbeit hat Bright
immer an die ständige Verbesserung des Sigelverzeichnisses gewendet.
Die Auswahl dieser Wörter blieb doch immer das Wesentliche; deshalb hat
er wohl häufig ihm entbehrlich scheinende Worte herausgenommen oder
neue eingesetzt. Solche Streichungen und Einfügungen in diese Tabelle
sind zweifellos auch der Grund für eine Erscheinung, die anders gar keine
Erklärung findet: Im Sigelverzeichnis kommt es manchmal vor, daß,
obwohl die Zeichen streng logisch angeordnet sind, die Bedeutungswörter
doch nicht genau nach der alphabetischen Reihenfolge auftreten. Z.B.
130 Paul Friedrich
continue steht zwischen compell und conceive, due vor duble, even zwischen
edge und element. Solche Inkonsequenzen finden eine einfache Erklärung
darin, daß Bright an Stelle eines gestrichenen Wortes ein neues setzte,
das alphabetisch gar nicht dort zu stehen hatte. Er konnte unmöglich bei
jeder nachträglichen Änderung dem Alphabete zuliebe ganze Gruppen-
verschiebungen vornehmen; viele Zeichen hätten in diesem Falle immer
ihre Bedeutungen gewechselt, das hätte für den Erfinder ein ständiges Um-
lernen bedeutet.
Das Wörterbuch hat Bright gemäß diesen Änderungen immer möglichst
in Übereinstimmung mit der Characterie table gehalten, mehrfach vergaß
er jedoch, es nachzubessern. Die ‚„appellative words‘‘ scheint er überhaupt
in der letzten Zeit nicht besonders beachtet zu haben.
Obige Ausführungen haben bewiesen, daß die ‚„Characterie‘‘ von 1588
als letzte Stufe einer ziemlich langen Entwicklungsreihe aufzufassen ist.
DRITTER TEIL.
Kritische Betrachtungen.
$. Kapitel.
Allgemeine Würdigung des Systems.
in Urteil über den Wert der Brightschen Kurzschrift zu fällen, ist
Ei. nicht leicht, als man sich kaum von Gegenwartsanschauungen
und- ansprüchen frei halten kann. Eine Wertung nach modernen Maßstäben
ist aber nicht gerecht für eine Kulturerscheinung, die 330 Jahre hinter
uns liegt. Für die Shakespearezeit war die Brightsche Kurzschrift schlecht-
hin, mochte sie sein wie sie wollte, bedeutsam, schon aus dem Grunde, weil
sie die erste und einzige war.
Im folgenden sei versucht, das System im allgemeinen kritisch zu be-
trachten und im einzelnen darzulegen, was wir als mehr oder minder ge-
lungen vom Standpunkte einer möglichst praktischen Kurzschrift aus an-
sehen.
Bright hat sich seine ganze Kunst allein ersonnen. Nur die Idee der
Stenographie fand er vor. Das Bewußtsein, daß schon vor ihm, bei den
Römern, die Geschwindschreibekunst zu hoher Blüte gelangt war, war
das einzige, was ihm Hoffnung auf Gelingen seines Werkes geben konnte.
Der Anfang seines Büchleins erzählt uns, was sein Vorbild und sein Streben
war. ,,Cicero did account it worthy his labour and no less profitable to the
Roman commonweale — to invent a speedie kinde of wryting by character.
Kritische Betrachtungen 131
— — — I have invented the like. — — — It (= my charactery) is like a
tender plant, young and strange —I doubt not, but it will growe up, be
embraced and yeeld profitable fruite unto many.‘‘ Die Liebe zu seiner
jungen Erfindung verlieh Bright auch die erstaunliche Energie, von der
uns schon die lange Entwicklungszeit des Systems Kunde gibt.
Ein groBer Unterschied besteht zwischen der ,,first modern shorthand‘
und allen neueren Systemen: Bright besaß eine Wortschrift. Die Zugrunde-
legung des Wortes statt des Buchstabens brachte naturgemäß eine Be-
schränkung mit sich in bezug auf die Zahl der schreibmöglichen Ausdrücke;
denn für jedes Wort der Sprache ein besonderes Zeichen zu prägen, war
natürlich ausgeschlossen. So wirft z. B. Bright den Chinesen vor, daß sie
zu viel characters in ihrer Schrift haben ,,they fall into an infinite number,
which is a thing that greatlie chargeth memory and may discourage the
learner.“ (p. 5.) Dem Erfinder erwächst also die Schwierigkeit einer
Auswahl. Hierin wird immer zuerst eine Kritik einer Wortstenographie
einsetzen können. Bei einer Lautstenographie ist eine derartige Betrach-
tungsweise gar nicht vorzunehmen, denn sie führt die Analyse bis auf die
Bildungselemente der Sprache, die Buchstaben, durch, also kann sie auch
jede Synthese der Sprache nachahmen. Warum Bright den Schritt zur
Buchstabenstenographie nicht getan hat, scheint mir begreiffich. Für
ihn, den Erfinder auf diesem Gebiete, war eine Buchstabenschrift keine
„shorthand‘‘. Der Wille, „short and swift“ zu schreiben, inspirierte ihm
als nächsten Gedanken, daß ein Zeichen seiner Kunst ein größeres Gebilde
der Sprache darstellen mußte als den Buchstaben, also das Wort.. Dem
Vater der ,,modern shorthand‘ erschlossen sich noch nicht die Künste,
die spätere Erfinder mit der Zeit ersannen, um doch bei der Buchstaben-
stenographie bleiben zu können. Versucht hatte es Bright auch, z.B. bei
den Namen, die Praxis hatte ihn aber gelehrt, daß eine solche Schrift keine
„shorthand‘‘ war. Nachdem er sich nun zur Wortstenographie entschlossen
hatte, strebten natürlicherweise viele Maßnahmen dahin, die damit ver-
bundenen engen Grenzen zu erweitern. Der bei weitem wichtigste Schritt
in dieser Richtung war, daß er seine Zeichen nicht eigentlich für bestimmte
Worte allein prägte, sondern für Bedeutungen. Zur Umsetzung dieses
Gedankens in die Praxis erfand Bright in höchst sinnreicher Weise die
consenting und dissenting signification. Aus der Bevorzugung alles Sema-
siologischen ergibt sich uns leicht das Verständnis dafür, daß alles Formale,
Grammatische erst in zweiter Linie Berücksichtigung finden konnte.
Die sehr wichtige Wahl der Sigelworte ist von Bright zweifellos mit
großem Geschick getroffen worden. Vielleicht ist es nicht nur Zufall, daß
wir unter den noch nicht 600 charactericall words allein über 40 Zeichen
132 Paul Friedrich
für Beziehungsbegriffe, Partikel!) zählen. Diese Fülle der Beziehungs-
wörter gereicht dem System zu großem Nutzen. Ganz sicher wird durch
eine klare Bezeichnung vieler Partikel dem Leser die syntaktische Analyse
wesentlich erleichtert. Ich glaube, daß Bright bereits so viel von einer
Psychologie der Syntax ahnte, um dumpf zu fühlen, ‚‚daß die psychologische
Analyse der Formenbildung eng zusammenhängt mit der syntaktischen
Fügung der Worte‘‘?). Der relative Reichtum an Partikeln im Brightschen
System mag aber wohl mehr den Forderungen der Praxis als syntaxpsycho-
logischen Überlegungen des Erfinders zuzuschreiben sein. Aber immer-
hin Wendungen wie ‚‚the nature of the speech‘‘, oder „as the language will
plainly deliver‘‘, ,, the rest is declared by the language‘‘, womit er die mangel-
hafte Formbezeichnung gleichsam entschuldigt, bekunden, wie sehr Bright
der Syntax vertraute. Als Arzt war er eben auch Psychologe.
Im AnschluB daran sei iiber die Verteilung der 570 Sigel auf Nomina und
Verba einiges bemerkt. Die Nomina überwiegen unbestritten. Häufig
läßt uns die Wortform nicht erkennen, ob Bright einen Begriff nominal
oder verbal empfand: dreame, cause usw.®). Selbst wenn wir solche Wörter
immer als Verben rechnen, so wird man doch deren im ganzen noch nicht
200 zählen. Bright hat diese Verteilung sicher nicht bewußt vorgenommen.
Ich bin durch das Uberwiegen der nominalen Begriffe veranlaßt, eine
Parallele zu ziehen: Brights System mit seiner tatsächlichen Begrenztheit
im Ausdruck läßt sich mit einer unentwickelteren Sprache vergleichen.
Für eine solche nimmt die Völkerpsychologie auch eine Vorherrschaft des
Nomens an: ‚Innerhalb der unentwickelteren Sprachen ist die Zahl der
Wortformen eine beschränktere, und diese Beschränkung kann sich in
den Anfängen des sprechenden Denkens sachlich sogar auf die Haupt-
formen erstrecken, indem der Gegenstandsbegriff und sein sprachlicher
Träger, das Nomen, zuerst weit über das Verbum vorherrscht, ja in einem
frühesten Stadium wahrscheinlich allein vorhanden ist‘‘4).
Damit wäre in ungezwungener Weise für die Schrift, auch noch für den
besonderen Zweig der Kurzschrift, ein im Entwicklungsgange der Sprache
ebenfalls durchlaufenes Stadium dargelegt.
Wie sehr Bright durch die Anwendung der consenting und dissenting
signification den ausdrückbaren Wortschatz erweiterte, läßt sich nicht
zahlenmäßig fassen. Der Erfinder glaubte wohl, mit der Einführung
ı) Partikel ist hier in wissenschaftlich-grammatischem, nicht in dem Bright-
schen undefinierbaren Sinne genommen.
2) Wundt, Volkerpsychologie. I. Band. Die Sprache. 2. Teil, p. 4. 1900.
3) Sehr häufig werden Verbbedeutungen sogar durch nominale umschrieben; so
suffice = r = Senough. Jane Seager, VII.3 sucke = » = Sbrest!
4) Wundt, „Völkerpsychologie‘‘. 1900. I. Band. Die Sprache, 2. Teil, p. 8.
Kritische Betrachtungen 133
dieses sinnreichen Mittels alle Schwierigkeiten in dieser Hinsicht aufge-
hoben zu haben. Wenn auch nicht eine vollkommene, so war doch einem
begabten Menschen gewiB eine groBe Bewegungsfreiheit dadurch gegeben,
aber sie wurde gewonnen auf Kosten der Deutlichkeit. Das Wiederlesen
eines solchen Stenogramms ist jedenfalls nicht leicht gewesen. Zur Ent-
schuldigung Brights ließe sich anführen, daß er seine Stenographie in
erster Linie nicht als ein Verkehrsmittel betrachtete, sondern als ein Mittel
zum Nachschreiben von Predigten und Reden: ‚‚The uses are divers, short,
that a swift hande may therewith write orations or publike actions of
speach, uttered as becommeth the gravitie of such actions, verbatim.‘
Es war wohl selbstverständlich, daß der Aufnehmende auch sein Steno-
gramm selbst entzifferte, der Schreiber besitzt aber für eine Entzifferung
viel mehr psychologische Hilfen als ein anderer.
Durch mehrere kleinere Maßnahmen sucht Bright eine weitere Er-
höhung der Zahl der in Characterie darstellbaren Worte zu erreichen.
Z.B. Characterie, p. 23: „A word of the same sound, though of diverse
sense, is written with the same, as, fast for abstinence from meat, for
swiftness and sureness, so if it much differ not, as whore and hore, whole
and hole.“ Zunächst scheint diese Maßregel wenig Wörter zu betreffen,
aber bei der Weitherzigkeit der Auffassung, die Brights eigene Beispiele
verraten, ist die Vermehrung des stenographiermöglichen Wortschatzes
doch ziemlich bedeutend. Man denke an Homonyme wie: sum—some,
their—there, asse—as, light = [lux und levis], here—heare, may —May
usw.
Besonders brauchbar ist Brights System, wie bereits dargelegt, fiir das
Nachschreiben von Predigten gewesen. Er selbst war Geistlicher geworden.
Oft mag ihm da als gut geschultem Beobachter beim Hören oder Predigen
bewußt geworden sein, wie sehr gerade im geistlichen Stande die Wieder-
holung von Worten oder Sätzen eine große Rolle spielt, z. B. bei der feier-
lichen Hervorhebung. Diese Erkenntnis verwertete er sofort für seine
Kunst, indem er für Wiederholungen ein besonderes Zeichen einführte!).
Damit war er stenographischen Bedürfnissen außerordentlich entgegen-
gekommen.
Die Frage nach der Schreibleichtigkeit der Zeichen ist dahin zu beant-
worten, daß an sich die characters gewiß nicht schwierig darzustellen sind.
Ein Nachteil aber läßt sich auf diesem Gebiete nicht leugnen: Viele cha-
racters sehen sich außerordentlich ähnlich, deshalb ist zu ihrer Unter-
scheidung sehr viel Gedächtniskraft nötig, besonders weil Bright für die
1) Characterie p. 32. „If it (= the repetition) be of a sentence or whole parte
thereof place a circle on the right side of the first repeated wordes character.‘
134 f Paul Friedrich
additions am Fuße mehrere den Buchstabenköpfen ähnliche Formen ver-
wendete. Nicht nur innerhalb derselben Buchstaben kommen Ähnlich-
keiten vor, wie: m: e- possible : posser; eœ: —: co: e = hete,
hetherto heven, high; sondern auch Gruppen aus verschiedenen Buchstaben
konnte man leicht verwechseln in ihren Anfängen und Schlüssen; z. B.
possible power pray praise preach prejudice present prepare
m ~ oo oe? en o— of oz
Q Q t—o as a, Gs _L oH,
restore rewarde revenge revile rich right robbe ripe
Ferner bringt die Verwendung der 4 Lagen, ein an sich gliicklicher Ge-
danke, manche schwer auseinanderzuhaltenden Formen mit sich. So
bieten besonders die Schräglagen dem Schreibenden manche Klippen.
Die genaue Einhaltung der Winkel bei Ansetzung der additions war oft
nicht leicht. Man vergleiche bei s und t: fF/ TI TIIIESFT
A N AIALA A A
TARA. Sogar Jane Seager hat sich in ihrem
peinlich gearbeiteten Stenogramm einige Male verschrieben: VII.2 cure
= 'b ‚es muß aber sein = 7 > X.3 habyt = ") , richtig: j ; V.5 mirrhe
= ¥ ‚richtig: 7 ; höchstwahrscheinlich ist auch verschrieben: VIII.3 ’$ =
hebrew = "region; richtiger wohl = ‘f = "religion.
Als ein Vorzug ist die Untereinanderschreibung zu betrachten. Die
Bildung der Zeichen geschah meistens von oben nach unten, von den 538
Zeichen liegen nur ungefähr 160 wagerecht. Die vertikale Schreibrichtung
bedingte infolgedessen nicht so großen Zeitverlust durch Raumübersprin-
gungen, wie es die horizontale getan hätte.
Ein anderer Vorteil war mit der Nichtausnützung aller Zeichen ver-
knüpft. 864 characters hätte Bright aufstellen können, 538 benutzt er
nur!), Es blieben also noch viel Zeichen ohne festgelegte Bedeutungen
1) Einer kurzen Betrachtung sei die Verteilung der Sigel der Zahl nach auf die
einzelnen Buchstaben unterworfen. Bemerkenswert wäre es, zu sehen, ob Bright
einigermaßen das Verhältnis gewahrt hat, nach dem die Sprache selbst die Wörter
auf die einzelnen Buchstaben verteilt. Zum Vergleich habe ich ein kleines Schul-
wörterbuch ausgezählt (Pitman’s Engl. Dictionary for Schools), mit Absicht kein
größeres, um durch den Anteil der Fremdwörter und selteneren Begriffe die Verhält-
niszahlen nicht allzusehr verschieben zu lassen, die die Alltagssprache liefert. Als
Vergleichszahl ist S genommen. S bei Pitman = 1240 (höchste Zahl), bei Bright
= 48 (höchste Zahl). Als Vergleichszahlen ergaben sich folgende:
abckde fg h i Imn opr s t u
Pitm. 31 22 48 25 20 IQ 14 I4 22 I3 I9 7 8 37 2I 48 26 23
Br. 24 40 48 32 17 39 24 31 I4 20 30 I3 23 38 30 48 30 37
Aus der Tatsache, daß diese Zahlen auch nicht annähernd übereinstimmen, schließe
ich wohl mit Recht, daß Bright seine Sigelverteilung nicht nach statistischen Er-
Kritische Betrachtungen 135
übrig, so daß ein Stenograph, der sich für neue oder technische Worte
Sondersigel bilden wollte, eine reiche Auswahl hatte.
Für das Einprägen der zu den Zeichen gehörigen Bedeutungen konnte sich
ein Jünger Brights zur Erleichterung manche mnemotechnische Stützen
bilden, z. B. besteht die Tatsache, daß kein Wort, das als zweiten Laut u hat,
in der senkrechten Lage sich befindet, bei C und S liegt nicht einmal mehr
ci und si senkrecht. Man könnte noch mehr Gedächtnishilfen herausfinden,
dies hätte jedoch nur für einen Schüler des Systems Wert. Ob viele dieser
Erleichterungen von Bright bewußt oder unbewußt geschaffen worden sind),
kommt für die Kritik des Systems nicht in Frage, offenbar bestehen sie.
Brights Kurzschrift kann gewiß nicht mehr mit heutigen Systemen in
Wettstreit treten, aber ein Urteil wie das folgende von Lewis halte ich für
gänzlich unhistorisch und ungerecht. ‚The system being built on a bad
foundation and wrapt up in obscurity, confusion and perplexity, presented
to the student impediments so numerous and discouraging, that nothing
but a determined resolution, together with intense application was suffi-
cient to overcome.‘‘ Man darf auch das zeitgenössische Urteil von Willis
1602 nicht allzuhoch bewerten: ‚‚It requireth such understanding, that few
of the ordinary sort of people could attain the knowledge thereof.‘ Willis
war Brights Konkurrent, er wollte sein eigenes System als das bessere
jenem gegeniiberstellen. Man darf dem Brightschen Kurzschriftsystem
gerechterweise eine hohe Anerkennung auf keinen Fall versagen. Man
muß zugestehen, daß es genügend durchgebildet war, um einem darin
geübten Schreiber der Shakespearezeit eine treue Aufnahme von Predigten
und Reden zu ermöglichen. Die uns erhaltenen Zeugnisse seiner Ver-
wendung bekunden, daß ihm Brauchbarkeit und damit eine große Be-
deutung nicht abzusprechen ist?).
wagungen, sondern nur nach seinem eigenen Wortgebrauch vornahm. Aus nahe-
liegenden Griinden habe ich nicht das Worterbuch der Characterie zu dem Vergleich
benutzt.
1) Einmal spricht Bright allerdings von der ,,order of the alphabet disposed for
memory“.
2) Mit Dewischeit bin ich der Meinung, daß Brights Stenographie in der Elisa-
bethanischen Zeit außerordentlich verbreitet war. Einem der Gründe möchte ich
aber nicht die Beweiskraft in dieser Hinsicht beilegen, die Dewischeit ihm gibt. Für
Dewischeit ist das Stenogramm der Jane Seager ein ,,ganz besonderer‘‘ Beweis der
Verbreitung der Brightschen Schnellschrift. ‚Also schon im Jahre 1589 konnte
eine Dame in England stenographieren.‘‘ — Unabhängig von Carlton (p. 97) kam
mir die Vermutung, daß Jane Seager vielleicht eine Verwandte von Francis Seager,
einem berühmten Schulmanne jener Zeit, oder von William Seager, einem Rektor,
gewesen ist; in dem Testamente des letzteren wird eine Tochter Jane erwähnt. Wegen
dieser wahrscheinlichen nahen Beziehung Jane Seagers zur Berufspädagogik scheint
mir der Gedanke nicht yon der Hand zu weisen, daß das Büchlein mit den ‚‚Prophesies‘‘
gewissermaßen eine Reklameschrift sein sollte, um der Königin und der Welt zu
136 Paul Friedrich
2. Kapitel.
Die Verwendungsmöglichkeit des Systems bei Theaternachschriften
seiner Zeit.
Die Verwendbarkeit der Brightschen Stenographie zu Theaternach-
schriften ihrer Zeit soll im folgenden im allgemeinen erörtert werden.
Diese besondere Wendung der Betrachtung geschieht, um ein späteres
Kapitel über die Heranziehung des Systems zur Erklärung von unvoll-
kommenen Quartausgaben von Dramen vorzubereiten.
Daß der Gebrauch von Stenographie zum Nachschreiben von Bühnen-
stücken damals bereits verbreitet war, ersehen wir aus mancherlei Zeug-
nissen, z.B. Klagen elisabethanischer Dichter; denn oft wurden die auf
solche Weise gewonnenen Texte zu unrechtmäßiger Ausgabe verwendet.
Wir bezeichnen solche Ausgaben als Raubdrucke. Thomas Heywood
äußert z.B. einmal!): ,...did throng the seats, the boxes and the stage,
so much, that some by stenography drew the plot, put it in print scarce
one word true.“ Bei einem andern Zeitgenossen Shakespeares, John
Webster, finden wir: ,,Do you hear, officers? You must take great care
that you let in no Brachigraphy men to take notes‘‘?). Bis 1602 kann nun
beweisen, daB eine Dame diese schwierige Stenographie schreiben konnte. Ob Jane
Seager im wahren Sinne des Wortes ,,stenographieren‘‘ konnte, kann man bezweifeln.
Ihre Verse sind gezeichnet, aber nicht geschrieben. ,,The verses were penned in
cold blood, she had unlimited time, so far as we know, for thinking out the most
suitable characterical word.‘‘ (Carlton, p. 98.) Im SchluBwort an die Königin hatte
Jane Seager z. B. das Wort ‚‚character‘‘ in Characterie wiederzugeben. Das konnte
geschehen durch Umschreibung mit word, wie es das Wörterbuch angibt: P. Sie
wollte aber offenbar der Deutlichkeit halber buchstabieren: car und stenographiert
(XII. 4): f . Das ist nicht ganz richtig. Der zweite Buchstabe ist kein a, sondern
ein i. Wahrscheinlich wollte sie nur den Ansatz des a = | an das c deutlich mar-
kieren, bedachte aber nicht, daß dadurch ein anderer Buchstabe entstand, richtig
wäre es gewesen: | . Arch. f. St. 1897, p. 58 geht Dewischeit sogar so weit zu be-
haupten: „Shakespeares London stand auch auf stenographischem Gebiete jenen
beiden Brennpunkten des klassischen Altertums nicht nach, jener Welitstadt Athen,
in der zu Xenophons Zeit dem Besucher der Akropolis ein dort aufgestellter Marmor-
block die Erlernung der Kurzschrift anempfahl und jenem mächtigen Rom, in dem
die Kurzschrift von Sklaven in ärmlicher Kleidung, wie von Cäsaren in Purpurtracht
gehandhabt wurde.“
1) Prolog zu „Queen Elizabeth‘‘ (= If you know not me you know nobody)
in „Pleasant Dialogues and Dramas‘.
2) „The Devil’s Law Case‘‘. 1623. Act 4. Sz. 3. Sanitonella. Viele andere Belege
bei Levy „Shakespeare and Shorthand‘‘, London 1884 und Dewischeit, Sh J. XXXIV;
Arch. f. St. 1897.
Kritische Betrachtungen 137
nur Brights Stenographie allein in Betracht kommen; in diesem Jahre
erschien John Willis System!).
Inwieweit war nun Brights System den Anforderungen einer Bühnen-
stenographie gewachsen? Im allgemeinen ging die Anlage des Sigelver-
zeichnisses, des Wesentlichsten der Characterie, nicht dahin, zur Nachschrift
von Dramen geeignet zu sein. Unter den characterical words selbst finden
sich an spezifischen Ausdrücken für Theaterwesen nicht allzuviel: murmur,
enter, othe, gest, frowne, historie, flourish u. a. Das Wörterbuch und die
appellative words geben natürlich mehrere hierhergehörige Begriffe an;
so unter song: dittie, daunce, fancie, galliard, note, paven, rime, tune,
verse; unter sitte: bank, bench, chaire, cushon, pannell, stoole, shrine,
scaffold, stake, treshold; unter plaie: comedie, enterlude, pageant, tra-
gedie, primero, game; unter house: cage, chamber, cloyster, hall,
kitchen, pallace, parler, pavilion, stable, stie; auch garment liefert mehrere
spezifische Theaterausdrücke. Alle die letztgenannten Wörter mußten
aber erst mit consenting oder dissenting signification dargestellt werden.
Die wirklichen Verhältnisse lagen aber nicht etwa so, daß die oben auf-
gezählten und noch andere Begriffe des Wörterbuches den schreibmög-
lichen Wortschatz auf diesem Gebiete erschöpften. Der Stenograph konnte
durch eigenes Nachdenken jedes Wort, auch wenn es nicht im Dictionary
verzeichnet stand, darstellen. Jedoch brachte die Notwendigkeit, viele
wesentliche Begriffe mit Hilfe der doch immerhin umständlichen accom-
panied signification schreiben zu müssen, manche Fehlerquelle mit sich.
Diese Art Fehlerquellen — das sei vorausnehmend bemerkt — sind nach
einer zuerst von Dewischeit aufgestellten Hypothese zum Teil die erklärende
Ursache für manche mangelhafte Aufnahme von Bühnenstücken in
Brights Kurzschrift. Zwischen vielen Shakespeare-Quarto- und -Folio-
versionen bestehen nun tatsächlich oft Differenzen. Hier würde nun die
begründete Vermutung, die Quarto biete uns in ihrer Mangelhaftigkeit
einen Text dar, der nach einem Stenogramm gedruckt ist, viele Ab-
weichungen dieses Textes von der als wahre Bühnenversion betrachteten
Folio erklärlich machen.
Einige wesentliche Unterschiede zwischen Rede- und Bühnennachschrift
seien an dieser Stelle ausgeführt.
1) Peter Bales hat 1591 auch ein Buch über swift writing geschrieben, er scheint
sich aber in sehr vielen Stücken an Bright angelehnt zu haben. Näheres ist nicht
bekannt. Gute Gründe sind vorhanden, anzunehmen, daß Bales keine eigentliche
Kurzschrift, sondern nur eine Abkürzungsmethode erfunden hat. Sein Buch hieß:
„The writing schoolmaster: Containing three Bookes in one; the first teaching
Swift writing; the second, True writing; the third, Faire writing, etc. London by
Thomas Orwin.‘‘ Näheres bei Moser, ‚Geschichte der Stenographie‘‘, p. 121 ff.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 10
138 Paul Friedrich
Die Umstände, unter denen ein Bühnenstenograph zu arbeiten hat,
sind in vieler Hinsicht abweichend von denen, die für den Redesteno-
graphen gültig sind.
Ein Schauspiel nachzuschreiben, bietet schon dadurch eine größere
Schwierigkeit, daß die sprechende Person vermerkt werden muß, bei schnell
wechselndem Dialog, der Stichomythie, können sich leicht Verwechslungen
von Personen einschleichen. Es müssen ferner stage directions aufge-
schrieben werden. Das war freilich beim elisabethanischen Theater noch
nicht in dem ausgedehnten Maße nötig wie heute, wenigstens soweit die
Szenerie in Betracht kommt. In Hinsicht auf die Personen mußte jedoch
manches bezeichnet werden, was für das Verständnis erforderlich war:
Auftreten, Abgehen der Schauspieler, Gesten, Mienenspiel, belauschende
Personen, Geisterscheinungen, Überbringen von Briefen usw. Für alles
mußte der Bühnenstenograph Zeit zum Vermerken finden. Demgegenüber
kommen ihm aber auch Vorteile zu statten, die der Predigt- und Rede-
stenograph nicht genießt. Ein Redner wird im allgemeinen immer einen
ziemlich gleichmäßigen Fluß des Vortrages wahren; bei einem durch-
schnittlich schnellen Sprecher muß sich deshalb ein Nachschreiber von
vornherein auf eine unvollkommene Aufnahme gefaßt machen, weil ihn
neben einem vielleicht tatsächlich bestehenden Unvermögen, auch noch
das ständige Bewußtsein seiner mangelhaften Fertigkeit in seinem Können
beeinträchtigt!). Anders liegen die Verhältnisse bei Theaternachschriften.
Ort und Handlung verlangen von den verschiedenen Schauspielern Wechsel
im Tempo; Überlegungen, Schmerzäußerungen, feierliche Reden, ernste
Stimmungen erfordern ein langsames Zeitmaß; so kann Hamlet [Ill.ı]
seinen Monolog unmöglich schnell sprechen. Andrerseits erheischt gewiß
oft Leidenschaft eine raschere Vortragsweise. All dies gestattet einem
Stenographen an vielen Stellen eine größere wörtliche Treue zu erreichen
als z. B. bei einer schnellen Rede. Oft freilich wird er sich auch mit Stich-
worten begnügen müssen. Im allgemeinen braucht man sich deshalb über
eine ungleichmäßige kurzschriftliche Aufnahme eines Theaterstückes nicht
zu verwundern. Erklärlich und entschuldbar würde es auch sein, wenn
ein Stenograph gegen Ende eines längeren Stückes lässiger würde, Er-
müdung, Abnahme des Interesses und Eifers könnten die Ursache sein.
Hauptbedingung für einen Nachschreibenden ist immer das gute Ver-
stehen, rein akustisch gefaßt. In dieser Hinsicht hatten die shorthand-
writers der Shakespearezeit nicht über besondere Ungunst der Verhältnisse
1) Eduard Engel schreibt in der Stolzeschen Stenographenzeitung, 1902, p. 13,
daß manche Reichtagsabgeordnete der „Schrecken aller Stenographen‘' seien, da sie
zu Zeiten eine Redegeschwindigkeit von 350 Silben in der Minute haben.
Kritische Betrachtungen 139
zu klagen. Der bei den meisten Gebduden nicht tiberdachte Zuschauer-
raum!) des elisabethanischen Theaters zwang schon zunächst die Schau-
spieler zum lauten Sprechen, ferner gab es ja Plätze auf der Bühne selbst
für reichere Zuhörer?).
Den Jüngern Brights — und seitdem noch vielen Stenographen — ist
wohl das unangenehmste der reiche Wortschatz der Dichter gewesen.
Jedes neue noch nie geschriebene Wort bereitete Verzögerung, da erst
überlegt werden mußte, auf welche Weise es darzustellen war. Ein geübter
. Kurzschriftler war sich gewiß bei sehr vielen Begriffen des entsprechenden
stenographischen Zeichens sofort bewußt, Wiederholung prägt eben alles
ein; aber die Fülle des Ausdrucks, die z.B. Shakespeare entfaltet, ohne Vorbe-
reitung in Characterie schnell und eindeutig zu bezeichnen, mag oft schwer
gewesen sein; in dieser Hinsicht müßte auch mancher moderne shorthand-
writer seine Unfähigkeit zugestehen. Solchen Verzögerungen, die die
Schreibung neuer Worte verursacht, suchen noch heute die Stenographen
zu begegnen, indem sie sich z.B. vor der Aufnahme einer Rede darin zu
erwartende berufstechnische Termini zurechtlegen. Brights System bot
dazu, überhaupt zur Aufstellung von Sondersigeln, reiche Gelegenheit, da
es 326 (864—538) Zeichen an die Hand gab, deren Bedeutungen noch nicht
festgelegt waren.
In einer Beziehung versagt allerdings die Characterie fast ganz, gleich
ihr aber auch manches neuere System: Dialektische Aussprache wie die
Evans oder Fluellens, oder gar Fremdsprachliches konnte nicht getreu
wiedergegeben werden. Schon manierierte Redeweise, wie die Pistols,
nachzuschreiben, entsprach nicht den Prinzipien, nach denen die Cha-
racterie aufgebaut war, wird doch immer die ,,plain language“ als Grund
benutzt, Grammatisches unbezeichnet lassen zu können.
Manchmal gaben aber kürzere oder längere Aktpausen?) Gelegenheit,
sofortige Nachbesserung und Vervollkommnung des eben Gehörten im
Manuskript vorzunehmen.
Für ein verständnisvolles Nachschreiben eines Schauspieles konnte sich
ferner ein Stenograph mancherlei Umstände zunutze machen. In vielen
Dramen ruht das Interesse nur auf wenigen Personen; ‚Coriolanus‘“ ist solch
ein „one man play“. Der shorthand-writer wußte also, daß er bei dem
1) Lawrence „The Elizabethan Playhouse and other Studies“, p. 25, zählt 17
Londoner Theater auf (1576— 1663), nur 6 davon sind als ‚‚roofed‘‘ bezeichnet.
2) Lawrence a. a. O. p. 20.
3) Zwar „eigentliche Zwischenpausen‘“‘ fanden damals nicht statt. Koch, „Sh.“
Stuttgart 1885, p. 262. Aber Tucker Brook ,,The Tudor Drama‘, p. 433 spricht
doch von „intervals between weightier scenes‘‘. Lawrence a. a. O. p. 15 schreibt dar-
über, „Act divisions were indicated rather than realised and generally lasted no longer
than it took a dumbshow to pass across the stage or Chorus to deliver a brief speech.“
10*
140 Prof. Fr. Kuhlmann
Auftreten der Hauptpersonen seine Aufmerksamkeit besonders anzu-
spannen hatte, die Reden der Nebenakteure wörtlich aufzunehmen, war
nicht von so großer Bedeutung. Bekanntschaft mit dem Stoff half auch
für ein sinnvolles Nachschreiben.
Für stereotype Redewendungen, wie sie Dichter ja oft zur Charakteri-
sierung mancher Personen diesen in den Mund legen, kam dem Bright-
stenographen eine besondere Einrichtung der Characterie sehr zu statten:
die Einführung eines Wiederholungszeichens.
Häufig geschieht eine kurzschriftliche Aufnahme von größerer zeit- .
licher Dauer zudem von mehreren Stenographen, so daß deren Aufzeich-
nungen sich ergänzen Können.
Wenn man ferner bedenkt, daß in früheren Jahrhunderten die allgemeine
Redegeschwindigkeit sehr wahrscheinlich nicht so groß gewesen ist wie
heute!), so wird man nach Erwägung aller Punkte nicht leugnen können,
daß in der elisabethanischen Zeit begabte und geübte Jünger Brights ganz
sicher im stande gewesen sind, ein Bühnendrama in Characterie mit zu-
reichender Treue nachzuschreiben.
(Schluß in Heft 4)
Deutsche Würde fordert die Befreiung
der deutschen Handschrift vom Banne
britischen Einflusses.
Ein Wort an alle, die es angeht
von Prof. Fr. Kuhlmann.
Ungeachtet der auf dem deutschen Volke lastenden schweren Zeit, auch
in dem gigantischen Kampfe, den es gegen eine Welt von Feinden führt,
ist es erfüllt von froher Erwartung auf eine neue Zeit, eine Zeit, in der deut-
sches Wesen, deutsche Kraft sich ganz werden entfalten können. Wo immer
1) Wundt, Volkerpsychologie, I. Band. Die Sprache, p. 419. Ferner: Stolzesche
Stenographenzeitung, 1902, p. 59 f. Arch. f. St. 1906, p. 256. ‚Die Zunahme der
Redegeschwindigkeit und ihre Feststellung durch die Kurzschrift.‘““ Von Ch. Johnen.
— Mit einem Nachwort vom Herausgeber (Dewischeit). Unsere Vorstellung von der
Redegeschwindigkeit wird übrigens beeinflußt dadurch, daß wir bei dem Begriff
„stenographische Aufnahme‘‘ meistens sofort an Parlamente denken, da hier aller-
dings ein großes Betätigungsfeld der heutigen Kurzschrift liegt. Nun sind aber
gerade in bezug auf Reden unsere modernen Parlamente nicht mehr als Norm für
das Zeitmaß im Sprechen anzusehen. Besondere Umstände haben hier das Tempo
fast aller Redner in den letzten Jahrzehnten sehr beschleunigt. ‚Im heutigen Reichs-
tag gibt es langsame Redner überhaupt nicht mehr‘ (Engel 1902).
Zu Seite 140.
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2;3.
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Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3. Zu Seite 140 ff.
Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift.
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Í. Schrift des J4, Jahrhunderts.
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25
„Geschobene* Schrift von Wolfgang Fugger, Nürnberg, 1553.
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3. „Gelegte‘* Schrift von®Ant. Neudörffer dem Jüngeren, Nürnberg, 16015.
„Stehende‘ Schrift von Joh. Chr. Albrecht, Nürnberg, 1764.
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- - u. —-
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3.
Zu Seite 140 ff.
Pro. Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift.
5. Chr. Gottl, Roßberg, Dresden und Leipzig, 1793. Erster Einfluß der engli-
schen Schrift und der spitzen Feder, Weichlichere, rundere Formen als früher,
erie SieCerfchen und 1790307, fennen. G;
uni) Sc men be/ lanes whooe 22 Ling P
a fp Stich bo ela eA OO, ome i
P
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Y Inin eh nirre Pen loner fo Cl armak raian A y she
6.
Thomas Tomkins, London, 1777. Englische Spitzfederschrift
mít leeren, phrasenhaften großen Schwüngen aus dem Handgelenk,
(> | 7. Englische Spitzfederschrift aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
i Korrekte, runde Formen ohne Leben und Ausdruck. Die zum Teil unnattirliche
D Lage des Druckes läßt den Einfluß des Graveurs erkennen, Spitzfederschrift.
lighifel y p Chought- |
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Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3. Zu Seite 140 ff.
Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift.
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cy
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Joh. Heintings, Krefeld, 1813. Deutsche Schrift mit den Zeichen des durch die englische Schrift
herbeigeführten Verfalls. Große, leere, weichliche Schwünge, dünne, nach Art der gravierten
Linie anschwellende Züge. Spitzfederschrift. Als Ideal gilt: die Erzeugung der „schönen Linie‘,
/ fe
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9. Von demselben Schriftkünstler. Ein Beispiel, welches die völlige Unnatur der Schriftent-
wicklung kennzeichnet. Ein Vorbild, das mit einer einzigen Feder gar nicht darstellbar ist.
Die Schrift erscheint hier nicht mehr als persönlicher Ausdruck, sondern als Armgymnastik
und äußerer Drill. Der Charakter der alten deutschen Schrift ist völlig verschwunden.
10. Deutsche Schulschrift aus dem Ende des 19. und dem Anfange des 20. Jahrhunderts. Spitz-
federschrift. Völliges Erstarren der Schrift unter dem Zwange der mathematischen Grundformen:
Absolute Korrektheit, größte Ausdruckslosigkeit und Langeweile.
der Ellipse und Spirale.
A DTT?
SDI HAAZ E
— nn. [m a mn. mos -mamaa | (Lern rn m. angie & =
Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 141
führende Geister des Volkes in Schrift oder Rede zu den großen Ereignissen
und Fragen der Zeit das Wort nehmen, spricht sich die zuversichtliche
Hoffnung auf das Kommen einer neuen Zeit, eines erneuten Aufschwunges
deutschen Geistes und deutscher Kultur aus, zugleich aber auch die Mahnung
an die Nation, in allen ihren Schichten und auf allen Gebieten des geistigen
Lebens mitzuarbeiten an einer Wiedergeburt, besonders an einer Befreiung
und Reinigung der deutschen Kultur von fremden, sie zersetzenden und ihrer
unwürdigen Einflüssen.
Deutschland hat sich erhoben zu großen Taten. Während die waffenfähigen
Männer des Volkes in blutiger Schlacht die Millionenheere der tückischen
Feinde wehren, sind die Daheimgebliebenen mit nicht minderem Ernst in den
Kampf eingetreten. Für sie gilt es, den inneren Feind zu bekriegen, den Feind,
der in uns selbst lebt, der sich vor allem in der Sucht äußert, das Fremde bis
zur Verehrung hochzuschätzen, unter Hintenansetzung jeder Würde und
Selbstachtung nachzuahmen, das Eigene dagegen zu mißachten.
Wahre deutsche Art zu stärken, unser echtes deutsch-völkisches Wesen
zu kraftvollem Ausdruck zu bringen, vor allem auf den Gebieten, auf denen
wir uns bis dahin von anderen Nationen unwürdig abhängig machten, das
ist des Deutschen heilige Pflicht, denn es hängen nicht nur Wohl und Wehe,
nicht nur Ehre, Ansehen und Wohlstand, sondern letzten Endes Sein und
Nichtsein der Nation davon ab.
Wohl haben mancherlei Bestrebungen zur Reinigung und Befreiung der
deutschen Kultur von fremden Einflüssen bereits — und auch schon vor dem
großen Kriege — eingesetzt, aber nimmermehr kann man sagen, daß das Volk
als solches seine Schwäche und unwürdige Abhängigkeit, überall da wo sie
bestehen, erkannt, noch weniger, daß es sie abgelegt habe. Ganz im Gegenteil:
auf weiten und bedeutungsvollen Gebieten herrscht nicht nur Unkenntnis
über den Grad, nein, auch über die Tatsache der Abhängigkeit überhaupt.
Das gilt insonderheit von der Schrift, vor allem der Hand- und Ver-
kehrsschrift. Hier wähnt der Deutsche sogar völlig unabhängig zu sein,
sich einer besonderen völkischen Eigenart rühmen zu können und befindet
sich dabei in dem unwürdigsten Banne, den man sich denken kann, im
Banne seiner Todfeinde, im Banne des Volkes, das er wie kein anderes
hassen und verachten gelernt hat.
Die Schrift gehört zu den höchsten Kulturgütern der Menschheit. Schrift
ist in ihrem Wesen Ausdruck, wie die Sprache. Beide sind Wertmesser für
die Kultur eines Volkes. Wie in der Schrift des einzelnen Menschen, so
spricht sich auch in der Schrift eines Volkes sein Charakter, seine Kraft
und deryGrad seiner politischen und kulturellen Selbständigkeit aus. Es
bestehen hier die allertiefsten Wechselbeziehungen. So ist die Schrift eines
Volkes, vor allem seine Hand- und Verkehrsschrift, da sie einmal neben
der Sprache der unmittelbarste Ausdruck, zum anderen das Mittel der Ver-
bindung unter den Völkern und somit der offen liegende Wertmesser ist, von
außerordentlicher Bedeutung.
142 Prof. Fr. Kuhlmann
Bis zur Stunde vermissen wir in den Bestrebungen zur Reinigung und
Wiedergeburt der deutschen Kultur die Würdigung dieser Momente. Wir
beobachten eine bedauerliche Vernachlässigung dieses hochwichtigen Ge-
bietes, die nur erklärlich ist aus der durch jenen fremden Einfluß verur-
sachten Vernichtung des einst so regen und fruchtbaren deutschen Schrift-
sinnes. Wir stehen vor der betrübenden und beschämenden Tatsache, daß
selbst jene Kreise, die an der Spitze der Bestrebungen einer neuen Kultur,
einer Kultur des Ausdruckes stehen, die Kreise, die eindringlich an einer
Reinigung der deutschen Sprache, an einer Erneuerung der deutschen
Tracht arbeiten, für eine Reinigung und Erneuerung der deutschen Hand-
schrift weder Interesse noch Verständnis zeigen. Das ist bezeichnend und
beweist überzeugend, wie tief das deutsche Volk auf diesem Gebiete zur-
zeit steht, daß es den Wert des einst ererbten Schriftgutes so wenig wie die un-
würdige Abhängigkeit zu empfinden vermag.
Daß auch auf dem Gebiete der Handschrift eine Wiedergeburt erfolgen
muß, kann gar nicht zweifelhaft sein. Oder wollte jemand behaupten, es sei
des deutschen Volkes würdig, die Abhängigkeit vom britischen Geiste, den
wir bis auf den Tod hassen und mit Feuer und Schwert im heißesten Ringen
bekämpfen, auf dem Gebiete der Handschrift, also in unserem persönlichsten
und täglichen Ausdruck bestehen zu lassen? Darf der Deutsche auch ferner
noch in seiner Handschrift sich der Formen bedienen, die den lügnerischen
Krämergeist unserer Todfeinde ausdrücken? Vermag ein Deutscher ohne Ge-
wissenbedrängnis ferner täglich eine Schrift auzuwenden, die das Wahrzeichen
und der beschämende Beleg des einstigen politischen und kulturellen Tiefstandes
seines Volkes und ein Beweis seiner unwürdigen Nachahmungssucht ist?
Wohl nur vereinzelte wissen es: Als das deutsche Volk sich einst in
politischer Ohnmacht und geistiger Unselbständigkeit, besonders auf ge-
' schmacklichen Gebieten, zum Vasallen und Nachbeter anderer Nationen
machte, da versündigte es sich auch an seiner Schrift. Es entäußerte sich
seiner ihm von den Vätern überlieferten kraft- und charaktervollen Hand-
schriftzüge zugunsten der Schriftzüge eines fremden Volkes, der Briten.
Man brach damals den deutschen Buchstaben im wahren Sinne des Wortes
das Rückgrat, richtete es in britischem Sinne auf, hing dann unorganische, dem
deutschen Wesen fremde, charakterlose, langweilige, schematische britische
Schwünge daran und ließ diesen, jeden völkischen Charakters baren Bastard
auf die deutsche Schule los. Er treibt hier bis heute sein Unwesen und hat
die gute, gesunde und ausdrucksvolle alte deutsche Schrift längst völlig
verdrängt.
Es wird im weiteren auf das Werden dieser Schrift und auf ihren Gegen-
satz zum deutschen Charakter und der wirklich deutschen Schrift, wie sie
deutscher Geist unserer Väter geformt und uns vererbt hat, noch einzu-
gehen sein.
Die Zeit deutscher Ohnmacht und unwürdiger Erniedrigung ist nun für
immer dahin. Das deutsche Volk weiß und fühlt heute, was es wert ist
A TM
2 fh
ls,
vuh, ii
Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 143
und welche Kräfte in ihm ruhen, weiß auch, daß, wie auf allen geistigen
Gebieten es auch auf dem des Geschmacks anderen Völkern gleichzutun
vermag. Als ein freies und starkes Volk steht es da, auf Leben und Tod en
mit dem verlogenen, neidischen britischen Vetter. |
Unwürdig wäre es, wollten das deutsche Volk und die deutsche Schule an
jenen Schriftzügen festhalten, die das verlogene Wesen der Briten und
. zugleich die eigene einstige unwürdige Schwäche und politische Ohnmacht
verkörpern. Die Selbstachtung muß uns dazu zwingen, uns des Erbes, das
uns die Väter in einer wahrhaft deutschen Schrift hinterließen, zu erinnern
und den britischen Bastard mit Entrüstung von uns und aus unseren
Schulen zu weisen.
Mit ehernem Schwert, mit Feuer und Blut schreibt heute das deutsche
Volk seinen Willen und seinen Ruhm in die Blätter der Weltgeschichte.
Groß und alle Völker der Erde überrägend steht es da. Fürwahr, das
jetzige Geschlecht wäre einer solchen Zeit und eines solchen Volkes nicht
würdig, wollte es nicht mit all seiner Kraft dahin wirken, daß im Einklang
mit der ehernen Schrift der deutschen Armeen auch das Volk in seinem
Leben eine Schrift echt deutscher Art, völkisch echt bis ins Mark schreibt.
Die Volksschrift, die wir ersehnen, besaß das deutsche Volk bereits. Sie
ist dahin. In den verstaubten Fächern der Museen und der Familienarchive
harrt sie der Auferstehung entgegen. Sie wird auferstehen, wenn die neue
große Zeit, die wir erhoffen, hereinbricht. Es ist notwendig, über diese alte
deutsche Schrift einiges zu sagen, wie zugleich darüber, wie es geschah, daß
das deutsche Volk sich ihrer entäußerte.
Die Genealogie der alten deutschen Schreibschrift ist vollkommen rein.
Ihr Ursprung liegt weit zurück in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit-
rechnung und fällt bezeichnenderweise mit dem Werden und Wachsen
des deutschen Volkes unmittelbar zusammen, wie sie sich denn auch in
Harmonie mit der deutschen Sprache, immer sich ihr anpassend, entwickelt
hat. Schon zur Zeit der Reformation hat sie volle Ausgestaltung erreicht.
Die Schriften eines Luther, Hans Sachs, Dürer und anderer deutscher
Männer, in denen wir den vollkommenen Ausdruck deutscher Art verehren,
können wohl als Typus echt deutscher Schrift angesprochen werden.
Bereits im Jahre 1519 schuf der Schreibmeister Neudörfer im kunstfertigen
Nürnberg den ersten Normalduktus deutscher Schreibschrift. Die beige-
fügten Abbildungen zeigen einige von deutschen Schreibmeistern geschaf-
fene Schreibvorlagen aus mehreren aufeinanderfolgenden Jahrhunderten.
Diese Schriften lassen die Kluft erkennen, die sich zwischen der heute
geübten britischen Bastardschrift und der echt deutschen auftut.
Schrift ist fixierte Handbewegung. Die deutsche Hand ist in ihren Be-
wegungen, und somit auch in ihrer Schrift, eckig, markig, kraftvoll und
energisch. Die kernhaft deutsche Art tritt in den alten Schriften deut-
lich zutage. Ein Blick auf diese alten Schriften ist wie ein Blick in den
deutschen Eichwald. Man empfindet nicht nur, wie sie mit innerer Anteil-
144 Prof. Fr. Kuhimann
nahme geschrieben, man fühlt auch, wie neben deutscher Innigkeit
deutsche Phantasie die Feder geführt und eine Mannigfaltigkeit der Formen
geschaffen hat, die uns angesichts des heute waltenden Schemas der Ein-
tönigkeit außerordentlich wohltut.
Je reiner und vollkommener germanisches Wesen in einem Manne zum
Ausdruck kommt, desto eckiger, schärfer und markiger ist der graphische
Ausdruck seiner Hand. Wir wissen, daß dies schon in vorgeschichtlicher
Zeit zutage trat, daß die ersten und ältesten Zierformen auf vorgeschicht-
lichen germanischen Gefäßen den deutschen Schriftformen ähnliche eckige
Linienzüge tragen. Wir wissen weiter, daß selbst in heutiger Zeit, wo
der Schriftausdruck wesentlich abgeschwächt ist, Männer von ausgeprägt
deutscher Art das Eckige und Spröde in der Schrift besonders kräftig zum
Ausdruck bringen. Bismarck darf hier als klassisches Beispiel genannt
werden, und nicht Zufall ist es, daß auch unser jetziger Reichskanzler eine
Schrift schreibt, die den Charakter der alten deutschen markig-eckigen
Schrift trägt. Soll eine Schrift als deutsch gelten, so muß sich die deutsche
Art in ihr deutlich aussprechen. Daß die alte deutsche Schrift dies tat, ist
eine nicht abzuleugnende Tatsache. Der Ausdruck des deutschen Charak-
ters in der Schrift wurde wesentlich unterstützt durch das alte Schreibgerät,
die breite Gänsefeder. Sie war des Deutschen wahres, seinem Charakter an-
gepaßtes Schreibwerkzeug.
Dies alles ist uns verloren gegangen durch britischen Einfluß, durch
Nachahmung der englischen Schrift. Die sogenannte ,,ecriture anglaise“
war eine lateinische Schrift und das Endergebnis einer Schriftentwicklung,
die einesteils der englische Charakter, andernteils der Grabstichel des
Kupferstechers hervorgebracht hatte, somit eine Schrift, die an inneren
Werten an die deutsche Schrift gar nicht heranzureichen vermochte. Und
dennoch wurden die deutschen Schreibmeister, wie ganz besonders auch
die deutschen Kaufleute, durch sie so völlig betört, daß man die an
sich nicht nur schöne, sondern auch schreibtechnisch durch und durch ge-
sunde deutsche Schrift ihr, der fremden, opferte. Das Bestechende war
gerade das Undeutsche an ihr, das äußerlich Glatte, Elegante, das Unpersön-
liche und Schematische. Das Lob dieser Schrift nimmt die höchsten, un-
würdigsten Töne an. Es heißt in den Urteilen jener Zeit, die Schrift sei so
schön, ‚daß man sie sich gar nicht schöner denken könne“ (Drescher 1843).
In diesem Wahn befangen, nahmen deutsche Schreibmeister und Kauf-
leute an der deutschen Schrift eine geradezu ungeheuerliche Operation vor.
Sie übertrugen die Formen der lateinischen, also schon in ihren Grund-
elementen anders gearteten, nämlich runden Schrift, auf die durchaus im
Gegensatz dazu stehende deutsche eckige. Was eingangs gesagt wurde,
ist keine Übertreibung: es wurde den deutschen Buchstaben das markige
Rückgrat gebrochen, das deutsche Element wurde ihnen genommen
und dem deutschen Charakter Widersprechendes, der deutschen Hand
Fremdes und Widerstrebendes wurde ihnen in Gestalt von phrasenhaften,
leeren, schematischen unpersönlichen Schwüngen angehangen. Was deut-
Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 145
sche Schreibmeister und Lehrer damals schrieben, um diesem britischen
Bastard Eingang in die Schule und Anerkennung im Volke zu verschaffen,
gehort zu? dem} Traurigsten und Beschämendsten der pädagogischen Lite-
ratur. Es mu8 uns heute anwidern und die Schamrote ins Gesicht treiben,
wenn man sich der Nachbeterei und Fremdländerei noch zu rühmen ver-
mochte, wenn wir z. B. in einem für die Beseitigung der alten deutschen
Schrift besonders wichtigen Buche die Worte lesen müssen: „Wir sind
auch hier, wie in so vielen anderen Kürfsten und Wissenschaften, glückliche
und geschmackvolle Nachahmer geworden.‘‘ C.F. Leischner, 1829.
Das Ergebnis solchen Bemühens wurde nun noch dadurch vervielfacht,
daß mit der englisierten Form der Buchstaben auch die englische Unter-
richts- und Schreibmethode Eingang in die Schulen und kaufmän-
nischen Schreibstuben fand. Dadurch wurde dem gesamten Schreibwesen
Deutschlands der britische Charakter aufgedrückt. Diese Methode bestand
darin, daß der gesamte Schreibakt, der in deutschem Sinne ein Ausdruck
der inneren Kräfte war, den Gelenken und Muskeln übertragen wurde.
Aus ihnen heraus, und nur durch sie, also rein äußerlich und mechanisch,
wurde die Form erzeugt. Die treibende Kraft war die Eile und nur dieEile,
das Geschäft und der Krämersinn, die vollste Ausnützung der Zeit. Schnellig-
keit und geschäftliche Gewandtheit allein wurden zum Stempel der Schreib-
schrift. Die deutsche Kaufmannschaft unterstellte sich fast mehr noch als
die deutsche Schule diesem Geiste und untersteht ihm heute noch in gleich
starkem Maße. Es ist für den deutschen Kaufmann sicher ein fast an
Wahnsinn grenzendes Beginnen, wenn hier dem Ausdruck deutschen
Charakters und der Persönlichkeit, auch in der Schrift des Geschäftslebens,
das Wort geredet und die britisch-heuchlerische Glätte und Phrase der
Schrift, die ihn heute so unentbehrlich und schön dünkt, als im höchsten
Grade unschön und unwürdig erklärt wird. In ein besonders beschämendes
Licht wird die Sache durch den Umstand gerückt, daß, während der deutsche
Kaufmann und die deutsche Schule den britischen Bastard mit größter, einer
besseren Sache würdigen Ausdauer und Anhänglichkeit pflegen, man in
England selbst die Prinzipien, denen er entstammt, längst verlassen hat.
Das macht uns in noch höherem Grade lächerlich und verächtlich, vor
jenem Volke, wie vor allen Völkern. Das muß jeder Deutsche empfinden.
Wenn nun trotz aller Mühe und Qual, die den deutschen Kindern in der
Schule damit bereitet wird, diese im englischen Geiste verunstaltete deutsche
Schrift zu erlernen, dennoch kein Deutscher von Persönlichkeit und Cha-
rakter diese Schrift länger schreibt, als eben dieser Schulzwang währt,
wenn sich jeder deutsche Charakter, trotz dieses jahrelangen Drills, beim
Verlassen der Schule doch eine andere Schrift zu formen sucht, dann ist
damit deutlich bewiesen, wie wenig der Deutsche innerlich mit dieser so-
genannten ‚‚deutschen‘‘ Schrift gemeinsam hat, daß sie ihm fremd und un-
sympathisch ist. Es läßt sich leicht die Wahrheit der Behauptung fest-
stellen, daß nur kleinliche und untergeordnete Naturen, Leute, die geschäfts-
146 Prof. Fr. Kuhlmann
mäßig diese Schrift zu schreiben gezwungen sind, an ihr festhalten. Auch
der deutsche Kaufmann, der sie von seinen Angestellten streng verlangt,
schreibt sie selbst nicht. Es ist für ihn die Schrift der Kommis.
Das sind schlimme und bedeutungsvolle Widersprüche. Wie kann und darf
man solche Schrift zur Schrift der Schule und damit des deutschen Volkes
machen? Die kaufmännische Schrift englischen Stils gilt dem deutschen
Kaufmann im allgemeinen bis zur Stunde, aufrichtig sei es beklagt, als ein
allem Persönlichen entrücktes, unantastbares Heiligtum. Wie kann der
deutsche Kaufmann glauben, mit dieser Schrift könne er im Auslande
würdig sein Deutschtum vertreten? Hier mag nur kurz angedeutet werden:
Es ist nicht schon verdienstvoll, wenn man die sogenannte deutsche Schrift
der lateinischen gegenüber hochstellt und sie im Verkehr anwendet. Es
klingt wohl widersinnig und doch ist es wahr: man kann eine lateinische Schrift
so schreiben, daß sie dern Geist und Ausdruck nach deutscher ist, als diese
englisch-deutsche Bastardschrift. Eine lateinische Schrift von einem aus-
geprägtem deutschen Charakter geschrieben, ist unter Umständen deutscher in
ihrem Ausdruck, als die deutsche Schrift in britischem Sinne verunstaltet.
So möge denn das deutsche Volk beherzigen: Die Schrift, die ihm heute
als deutsch gilt, ist nicht deutsch. Sie ist fremden, des verhaßten britischen
Geistes Kind. Das deutsche Volk hat seine Schrift vergessen und verloren.
Wer sie finden und sich ihrer freuen will, der gehe in unsere Museen, durch-
stöbere seine und seiner Bekannten Familienarchive. Da wird es über ihn
wie eine Offenbarung kommen und nicht lange wird es währen, so wird
sein Schriftsinn gesunden an diesen alten schönen, markigen Zügen von
deutscher Hand und er wird den englischen Bastard richtig einschätzen, ihn
nicht mehr ansehen, noch weniger ihn anwenden mögen
Darin liegt zugleich die Antwort auf die Frage: Was ist zu tun und was
soll in dieser Sache geschehen? Wir haben zu tun, was auf anderen Ge-
bieten bereits mit Erfolg geschehen ist, haben zu versuchen, den abge-
rissenen Faden mit der deutschen Vergangenheit wieder anzuknüpfen,
haben zu trachten, daß wir selbst am Wesen der alten deutschen Schrift
wieder genesen. Es trifft zusammen, daß die deutsche Schule aus anderen als
hier in den Vordergrund gestellten Gründen im Begriff steht, an eine Reform
des Schreibunterrichts heranzutreten. Möchten ihr die großen, völkischen
Gesichtspunkte Leitstern sein und Richtung geben.
Lu 2 ur om. a ca
Kritische Betrachtungen 147
Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares:
Timothe Brights Characterie
entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Von Dr. Paul Friedrich.
(SchiuB.)
3. Kapitel.
Kritische Betrachtung der mit Hilfe des Brightschen Systems bisher
angestellten Erklärungen unvollkommen erscheinender Dramentexte.
Die Idee, daß Shakespearedramen stenographisch aufgenommen-worden
sein mögen, ist schon älter. Bereits Dyce!), Collier?), Knight?), Elze?)
u. a. vermuteten, daß der Text mancher Quarto mit seinen offensichtlichen
Unvollkommenheiten zum Teil auf eine mangelhafte stenographische
Nachschrift des Stückes zurückzuführen sei. Von Dewischeit wurde zum
ersten Male scharfsinnig im einzelnen nachgewiesen, wie sehr viele Diffe-
renzen von Quarto- und Folioversionen durch Annahme der Verwendung
des Brightschen Systems bei der Herstellung leicht ihre Erklärung finden 5).
Er kommt deshalb zu dem Schluß, daß die Raubausgaben der Shakespeare-
dramen mittels des Stenographiesystems Brights gewonnen worden sind,
daß also die Quarto den nach einem Stenogramm editierten Text darstelle.
Seine Beweisführungen bestehen, allgemein gesprochen, darin, daß er viele
der Quartoschreibungen — gegenüber dem als echte Bühnenversion
betrachteten Foliotext — als fehlerhafte Varianten nachweist, die ent-
standen sind durch die eigene Beschaffenheit und die damit zusammen-
hängende Schwierigkeit der Brightschen Stenographie.
Zu den wichtigeren von Dewischeit ausgeführten Gedanken sei im
folgenden einiges beigetragen.
Viele Abweichungen der Quarto- von den Folioausgaben bestehen z.B.
darin, daß die eine Version an Stelle des genau entsprechenden Wortes der
anderen ein Synonymon desselben aufweist. Bezugnehmend darauf äußert
Dewischeit [Sh. J. XXXIV, p. 197]: Die Characterie , kann — und das ist
der größte Fehler des Brightschen Systems — synonyme Wörter nur schwer,
1) Dyces Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. ror.
2) Colliers Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 469, vol. V.
3) Knight Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 4.
4) Elze, „William Shakespeare“, Halle 1876, p. 326.
5) Arch. f. St. 1897. ,,Shakespeare und die Anfänge der englischen Stenographie“‘.
Sh. J. XXXIV, 1898. „Shakespeare und die Stenographie‘, p. 170 ff.
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 4. 11
148 Paul Friedrich
mitunter gar nicht mit exakter Genauigkeit wiedergeben.‘‘ Der Gedanken-
gang für eine Erklärung ist nun folgender: Beim schnellen Nachschreiben
hat der aufnehmende Stenograph den kennzeichnenden Anfangsbuchstaben
des gehörten Wortes, der doch gemäß der consenting signification zu dem
als Sigel existierenden Synonym hinzukommen mußte, weggelassen, ver-
gessen oder undeutlich geschrieben. Beim Entziffern des Stenogramms,
das der Schreiber selbst oder vielleicht auch der Drucker vornahm, wurde
deshalb nicht das wirklich gesprochene Wort, sondern nur das zu seiner
Umschreibung verwendete Sigelwort eingesetzt. Bei dieser Erklärung De-
wischeits ist nicht zu vergessen, daß sie eigentlich auf der Voraussetzung
einer schlechten, nicht ganz systemgerechten Nachschrift beruht. Aber
man wird zugestehen müssen, daß die Weglassung des Exponenten — wie
ich kurz den zum Grundsigel hinzukommenden Anfangsbuchstaben eines
zu stenographierenden Wortes nennen will — sehr leicht möglich war.
Schon seine Schreibung erforderte häufiges Abweichen von der vertikalen
Richtung und damit Zeitverlust. Dewischeits Annahme vermag ich sogar
durch einige beweiskräftige Beispiele zu unterstützen. In Jane Seagers
0
Schriftchen finde ich auf Blatt IX.2 die Zeichen ; , das wird jeder lesen
als „the passing rejoice“, die Übersetzung gibt uns aber die beabsichtigten
Worte an die Hand: the exceeding joye; richtig geschrieben wäre dies: rą
Jane Seager hat also auch den Exponenten vergessen, sogar zweimal ,,
hintereinander. In diesem peinlich gearbeiteten Werkchen sind solche
Vorkommnisse gewiB schwer entschuldbar, viel eher dagegen in einer
wirklichen Nachschrift. Blatt IV.2 findet sich noch ein Beispiel: through
ist wiedergegeben mit m~ = by, es sollte aber sein —7 = ‘by, wie es Blatt
VI.2 Jane Seager auch richtig geschrieben hat.
Dewischeit hat nach meiner Ansicht aber nicht genügend hervorgehoben,
daß man zur Erklärung der Synonyma die Weglassung des Exponenten
bei der Nachschrift voraussetzen muß. Z.B. Sh. J. XXXIV, p. 203 heißt
es ohne weiteres: „Es decken sich die Varianten —“ oder eine Seite später:
„Alle Beispiele decken sich, wenn man sie in Brights Stenographie über-
trägt.“ Genau genommen haben die angeführten Varianten nur ein ge-
meinsames Grundsigel!).
Auf andere Arten der Differenzen zwischen den verschiedenen Versionen
nimmt Dewischeit Bezug, wenn er äußert Sh. J. p. 197: „Einen weiteren
1) In einem der Sh. J. XXXIV, p. 203 angeführten Beispiele findet sich ein Ver-
sehen: ,,Es deckt sich happy (Q) mit blessed, von denen jenes durch dieses, -—* ge-
schrieben, bezeichnet wird.‘‘ Der richtige Charakter für bless ist =. Genau ge-
schrieben wäre dann happy =".
Kritische Betrachtungen 149
schwerwiegenden Mangel [des Systems] bringt dann die Theorie der Punkta-
tion mit sich, die Numeri, Modi und Tempora nur mit äußerst gering-
fügigen Mitteln markiert und die somit den grammatischen Unterschied
der Wörter in Frage stellt.“ Diesem Urteil muß man zustimmen. Meine
vorangegangenen Ausführungen haben diese ungenügende Bezeichnung
des Formalen aus den gegebenen Bedingungen heraus zu deuten ver-
sucht.
Da der Punkt eine außerordentlich vielseitige Funktion ausübte, so
konnten durch seinen Wegfall oder auch nur durch seine Undeutlichkeit
viele Fehler entstehen.
Die Hauptarten seiner Verwendung und damit die möglichen Verwechs-
lungen seien der Übersichtlichkeit wegen noch einmal zusammengestellt.
Infinitiv, Präsens, Präteritum, Partic., Futur wurden nur durch Punkte
voneinander unterschiedlich gemacht, ebenso Singular und Plural. he,
his, her, she, hatten dasselbe Grundzeichen, erst der Punkt gab die Sonder-
bedeutung!). may wurde durch einen Punkt zu might?). Nicht richtig ist
es, wenn Dewischeit (Sh. J. XXXIV, p. 210) auch die Verwechslung von
shall und should auf die Setzung oder Weglassung eines Punktes zurück-
führen will. Diese beiden Wörtchen unterschied das Brightsche System
nicht durch Punkte. shall wurde ausgedrückt durch einen Punkt rechts
vom Verbum (Infinitiv): ,,The time to come requireth a prick on the
right side‘‘; should aber durch einen Punkt rechts von will ‚for should
make a prick on the right side of will.“ Belege dafür bietet auch Jane
Seager: B1. VII.2 shall be = )' , aber BI. XII.4 should be ="),
Etwas zu weitgehend und nicht ganz aus den Vorschriften der Characterie
beweisbar erscheint mir die Behauptung Dewischeits Sh. J. XXXIV,
p. 210: „Die Negation wurde bei Bright durch die Durchkreuzung des
Zeichens ausgedrückt.“ Im Anschluß daran führt er die mögliche Ver-
1) he = }; she =; his = b; her =}.
2) Dewischeit sagt in bezug auf diese beiden Worter Sh. J. XXXIV, p. 204:
„Besonders auffallend ist hierbei, daß der Altmeister englischer Kurzschrift kein
Bedenken trug, may oder might durch can oder could zu ersetzen.“ Das ist nicht
richtig. Die systemgerechte Schreibung der genannten Wörter ist: can = =e , could
u ( (dasselbe), may = ue , might =.
3) Eine Zusammenstellung der gebräuchlichsten Hilfsverba in Brights Steno-
graphie ergibt folgendes Bild — wonach man sich leicht zurechtlegen kann, welche
Fehler auf diesem Gebiete durch Weglassen des Punktes entstehen konnten: shall =
Punkt rechts vom Infinitiv oder einem Nomen, should =#-., will = 9, would =8
(dasselbe), can = [ ‚could = [ (dasselbe), may = t ‚might = M ‚ought =ı®,
must = a, have =} , had = b ‚do ="3%,did =: %, be = ] am =Y, was = ~,
were = f.
11*
150 Paul Friedrich
wechslung von unwholesome und wholesome — ersteres schlug Ingleby
verbessernd fiir letzteres vor in einer Stelle in Cymbeline (Akt I, Sz. 2) —
auf eine Weglassung der Durchstreichung zuriick. Die Characterie sagt
Pp. 34: , When it is a mere denying it hath only a dash through the character,
whose word it denieth as is, is not, good, not good =~ e: 6 &. Hiernach
scheint mir dies Durchstreichen nur fiir die kontradiktorische Verneinung
gedacht zu sein. Zur Unterstützung meiner Ansicht führe ich an, daß
Jane Seager nicht einmal none mittels Durchstreichung von one schreibt,
sondern none = 4 = some”, Bl. XII,5. Ferner durchkreuzt sie für nor
nicht etwa das Zeichen für or, sondern schreibt k' — or", BI. IV.4. Gerade
dieses letzte Beispiel veranlaßt mich, für das obengenannte Wort unwhole-
some auch eine Bezeichnung durch dissenting method anzunehmen, der
Exponent wurde sicher vom Schreiber vergessen, infolgedessen las der
Drucker wholesome.
In bezug auf die dissenting signification 4uBert Dewischeit: sie ,,findet
sich bei Bright äußerst selten.“ Sh. J. XXXIV, p.211. Dem kann ich nicht
zustimmen. Als Gegenbeweis aus der Praxis führe ich zunächst an, daß
sich bei Jane Seager auf den wenigen Blättern sehr viele dissenting signified
Wörter finden, gegen 60. Ferner ist aus dem psychologischen Grunde,
daß Gegenteiliges sich ebenfalls leicht assoziiert, anzunehmen, daß einem
Jünger Brights dissenting signification der Wörter mindestens ebenso nahe
lag wie consenting. Die Characterie sagt nichts darüber, daß eine von
beiden Arten die bevorzugtere sein soll. Es heißt nur Ch. p. 22: ,,The
charactericall words are a number that have neither agreement nor con-
trarity together, but stand indifferently affected.“ Aus dieser Tatsache,
daB es Brights Streben war, auch die Wörter mit gegenteiliger Bedeutung
vom Sigelverzeichnis auszuschlieBen, muB man aber schlieBen, daB die
dissenting signification ebenso häufig angewendet werden sollte und konnte
wie die consenting.
Sehr sinnreich ist Dewischeits Gedanke, noch eine besondere Gruppe von
Fehlern der Quartos zu erklären, ‚‚die einzig und allein nur durch das
Kurzschriftsystem Brights entstanden sein kann. Die übrigen Auflagen
weichen von den ersten Quartausgaben nicht nur allein dadurch ab, daß
sie an Stelle einiger Ausdrücke sinnverwandte bringen; nein, sie weisen
mitunter auch ganz andere Wörter auf. Überträgt man diese Varianten
in Brights Stenographie und vergleicht sie miteinander, so wird man mit
Erstaunen wahrnehmen, daß die Schriftbilder, zumal wenn sie eilig nieder-
geschrieben werden, sich außerordentlich ähneln, und daß sie beim Wieder-
lesen den Stenographen sehr leicht irre führen konnten.“ [Sh. J. XXXIV,
p. 211.] Ich bin von dieser Art der Verwechslungsmöglichkeit fest über-
Kritische Betrachtungen 151
zeugt, bietet doch gerade in bezug auf das Auseinanderhalten der charac-
ters das System große Schwierigkeit (S. 46 u. 47); nur halte ich dafür, daß
Dewischeit in der praktischen Ausdeutung im einzelnen etwas zu weit ge-
gangen ist. Gewiß sind viele Schriftbilder ähnlich!), aber doch ist kaum
für so häufige Fälle eine Verwechslung anzunehmen, wie Dewischeits Bei-
spiele glauben lassen.
Auf fernere Einzelheiten der grundlegenden Arbeit Dewischeits soll
nicht weiter eingegangen werden, da solche z. T. in den auf ihn
basierenden Untersuchungen wiederkehren, die im folgenden besprochen
werden.
So hat O. Pape?) die Differenzen zwischen Quarto und Folioversion von
Shakespeares Richard III. unter Heranziehung des Brightschen Systems
untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, ‚‚die erste Quartoausgabe |
von Shakespeares Richard III. vom Jahre 1597 ist die Übertragung eines
während einer Aufführung von mehreren Stenographen mittels des —
Stenographiesystems von Timothy Bright aufgenommenen Stenogramms.“
1) Gleich gegen das erste von Dewischeit angeführte Beispiel dieser Art habe ich
Bedenken. Sh. J. XXXIV, p. 211 unten heißt es: ‚‚In der ersten Quartoausgabe des
Hamlet heißt es 112: farre better, die übrigen Ausgaben lesen aber much better. Die
stenographischen Schriftbilder für diese Wörter sind nun folgende: J und J, nur
der Anstrich ist bei dem letzten Zeichen etwas gebogen.‘ Also scheinen die beiden
Zeichen für much und far sehr verwechslungsähnlich. Nach Ausweis der Characterie
table, und Jane Seager XII.5 hat aber much zunächst einen schrägen Character:
J , der obere Haken ist auch nicht rechtwinklig zur Buchstabenrichtung, sondern
liegt in derselben. Damit wäre das Verhältnis der beiden Zeichen schon etwas anders,
nämlich J oo . Aber auch, was far angeht, glaube ich nicht, daB es J geschrieben
wurde, sondern: Ù. Als Beweis führe ich folgendes an: Die Characterie table gibt
J als fare an; das ihm folgende Sigel heißt faire = 1 . Dieses kann nun nicht fair
(pulchrum) bedeuten, denn dies ist vorher angegeben als ] und mit dieser Bedeutung
auch von J. Seager mehrfach bestatigt. Da nun faire mit seinem i an falscher alpha-
betischer Stelle steht, nämlich zwischen fare und fast, auBerdem keinen Sinn ergibt,
so halte ich es für verdruckt und sehe das i als r an: farre. Dadurch wird die alpha-
betische Reihenfolge wiederhergestellt, und ein sinnvolles, sehr gebräuchliches Wort
als Sigel belegt. Für die Richtigkeit meiner Konjektur spricht, daß im Wörterbuch
zwischen den Wörtern fare und fast wirklich farre als Sigel steht, womit die Be-
deutung des in Frage stehenden Charakters ganz klar erwiesen ist. Zum Überfluß
sei bemerkt, daß immer in der Characterie farre mit Doppel-r geschrieben ist. Dar-
nach gestaltet sich das Verhältnis von far : much = ul ; diese beiden Charakters
sind nicht mehr als verwechslungsähnlich zu bezeichnen. — Ich persönlich glaube
aber trotzdem an eine Vertauschung der beiden Wörter, nur schreibe ich sie dem
bewußten Willen des Stenographen zu. Dem Brightjünger kam es ja auf genau
wörtliche Treue zunächst gar nicht an. ‚The sense is only to betaken — “.
2) O. Pape, Diss. Erlangen 1906: ‚Über die Entstehung der ı. Quarto von Sh.
Richard III.“ Dieselbe Arbeit gekürzt im Arch. f. St. 1906 unter dem Titel: ‚Die
I. Quarto von Shakespeares Rich. III., ein stenographischer Raubdruck.“
152 Paul Friedrich
Uber die stenographische Seite dieser Untersuchung seien einige Be-
merkungen hier ausgeführt, und zwar schließe ich mich dem Gange der
Papeschen Arbeit an. Im allgemeinen sind zunächst die möglichen Ur-
sachen der Abweichungen der Q von der Folio besprochen. Man kann
sie erblicken in ‚‚ı. der Bühnenleitung (Streichungen, Zusätze usw.),
2. den Schauspielern (Vergeßlichkeit, Willkür, Nachlässigkeit), 3. den
Setzern von Q, und F (Druckfehler, Flüchtigkeiten), 4. dem von den
Stenographen benutzten System Bright mit seinen Mängeln. — Als solche
Mängel kann man betrachten: ı. die Theorie der sogenannten accompanied
signification, 2. das Prinzip, Numeri, Modi, Tempora nur durch einen oder
zwei Punkte zu unterscheiden, 3. die häufige Ähnlichkeit der Sigel und
4. den Umstand, daß man feinere Unterschiede in der Schreibung einzelner
Wörter nicht auszudrücken vermag.“
Unter dem 2. Punkt führt Pape nur 3 Arten an: die Verwechslung des
Singulars und Plurals, des Präsens mit dem Präteritum und die Unter-
. lassung von Wiederholungen. Gemäß der Tatsache, daß der Punkt noch
vielerlei Funktionen auszuüben hat, könnte man — wie bereits ausgeführt
— noch mehr aufzählen. Die Vertauschung des Präsens mit dem Futurum
ist an späterer Stelle noch berücksichtigt. In bezug auf die Bezeichnung
des Präteritums äußert Pape die Ansicht, daß wahrscheinlich auch starke
Präterita durch Punkte kenntlich gemacht wurden, obwohl der einschlägige
Abschnitt der Characterie nur von schwachen spricht. ‚‚If the word by
reason of tence end in ed as I lived!) then make a prick in the character
of the word in the left side. (Ch. p. 27, 28) /,“. Ich schließe mich Papes
Meinung an, die durch Jane Seager als richtig bestatigt wird: BI. XII.2
saw = ‘t 2).
Unter dem 3. Punkte sind Varianten angeführt, ,,deren stenographische
Wortbilder sich bei Bright decken.‘‘ Diese Ausdrucksweise nach Dewischeit
halte ich — wie schon bemerkt — für zu ungenau. Die Weglassung des
Exponenten ist dabei immer stillschweigende Voraussetzung?).
1) Hier liegt ein Druckfehler vor, den Pape nicht vermerkt hat, es ist, dem Zeichen
gemäß, zu lesen: I loved. I lived wäre nach Bright zu schreiben: a
*) Nur fiir die Prateritalform were hatte Bright ein Sonderzeichen: P, (z. B.
Jane Seager, XII.3). Deswegen kann ich folgendem Beispiel nicht zustimmen, daß
nämlich are sent = were sent sein kann. Systemgerecht wäre die Schreibung dieser
r= ~
Wörter: they are sent = ) ; they were sent = f.
tr 1
3) In bezug auf die hier angeführten Beispiele stimme ich mit einigen nicht
überein. Die Zeichen für one und a man, und he und a man sollen gleich sein. Diss.
Pp. 35, S. 4; in Wahrheit ist one = d, man zj , he = f
Kritische Betrachtungen 153
Bei den Wortern, deren characters sich in der Brightschen Stenographie
zum Verwechseln ähnlich sein sollen, führt Pape meines Erachtens einander
zu fernstehende Formen an. Man wird vielleicht noch zugeben, daß die
Zeichen für I und thou = f:f im Aussehen sich nahe kommen; aber
durchaus nicht kann ich wie Pape die characters für them und it ver-
wechslungsähnlich finden: e~: <«. Zeichen, die mehr voneinander abweichen
als diese beiden, gibt es wenige in der Characterie.
Einen kühnen Schluß zieht Pape aus dem — vermeintlichen — Fehlen
gewisser Worte in der Characterie. ‚Es finden sich nun aber auch zahl-
reiche Wortvarianten, die durch das System Bright in seiner Gestalt vom
Jahre 1588 nicht auszudrücken sind. Solche Worte sind: while, — who —
by.“ Sie sind ‚also streng genommen gar nicht zu stenographieren.‘“
Die betreffenden Wörter, die Pape hiermit meint, sind zusammengestellt,
folgende: though, within, his, by, ere, when, she, her, who, while, why,
yes, upon. Die hier aufgezählten Begriffe vermißt Pape in der Characterie
und schließt nun: „Wir dürfen daher wohl annehmen, daß wir es hier nicht
mit dem Brightsystem vom Jahre 1588, sondern mit einer vervollkommneten
Gestalt desselben zu tun haben, von der man freilich sonst nichts weiß“ 1).
Ich lehne die Annahme einer verbesserten Ausgabe des Systems nach 1588
entschieden ab. Für die meisten der obengenannten Wörter werde ich die
Existenz als Sigel oder eine andere Schreibmöglichkeit aus der uns vor-
liegenden Characterie von 1588 nachweisen, die Bestätigung der Richtigkeit
lasse ich durch Jane Seager erbringen?).
Was zunächst das Wort ‚„‚though‘‘ angeht, so erblicke ich für seine Schrei-
bung keine Schwierigkeit; das Wörterbuch zählt es freilich nicht mit auf;
es gibt ja ein Sigel ‚„although‘‘. Bright erwartete es als selbstverständlich,
daß man though durch das fast lautlich gleiche Synonym although um-
schrieb; deshalb hat auch Jane Seager, wie nicht anders zu erwarten ist,
Bl. VII.2 though = *h = ‘although.
1) Schon Dewischeit lehnt in einer Anmerkung zu Papes Arbeit, A. f. St. 1906,
p. 244 diese Annahme ab, aber ohne genaue Begriindung. Im A. f. St. 1908, p. 236
tritt aber Seeberger ganz entschieden auf Seite Papes in seiner Abhandlung ,,Zur
Entstehung der Quartoausgabe des first part of Jeronimo.“ Er sagt dort: „Erst
wenn nachgewiesen wird, daß sich in Handschriften, die noch aus dem Jahre 1588
stammen, diese Schreibweisen vorfinden‘‘ dann hätte Dewischeit recht. Im folgen-
den trete ich den Beweis für die meisten der obengenannten Wörter an.
2) Da das Stenogramm der Jane Seager 1589, also nur I Jahr nach der Ausgabe
der Characterie geschrieben ist, so wäre das Vorhandensein von Schreibweisen der
Wörter in dem Werkchen dieser Dame an sich schon ein Beweis für die Existenz
derselben Bildungsformen bereits 1588; denn in dieser kurzen Zwischenzeit hat Bright
auf keinen Fall ein verbessertes System herausgegeben, das wäre — selbst bei heutigen
Verhältnissen — gerade für eine Stenographielehre mehr als unklug gewesen. In
den folgenden Ausführungen wird Jane Seager zum Beweise nur herangezogen.
154 i Paul Friedrich
„Within“ findet Pape ferner nicht schreibbar; with gibt es jedoch als
Sigel 7; und auch in = x; also within = 2. Diese einfache Zurecht-
legung, an deren Richtigkeit mir bei ihrer Aufstellung gar kein Zweifel
aufstieg, wurde als die nächstliegende auch von Jane Seager angewendet:
Bl. X.2. Ein etwaiger Vorwurf, daß eine solche Zusammensetzung
den Konstruktionsgedanken des Systems nicht gemäß sei, läßt sich ent-
kräften durch Hinweis auf die Bildung von friendship, neighbourhood,
wo ja auch ‚„Silbenstenographie‘‘ angewendet ist. Hierher gehören noch
mehr Wörter, die von Pape aber nicht aufgezählt werden. into = x,
belegt durch Jane Seager VI.3; only = s , J. S. B1. XII.4; indeed = 4 =
in doe, J. S. Bl. VI.5.
„His“ wurde durch he mit Punkt links bezeichnet. Pape sagt dies-
bezüglich: ,Dewischeit irrt, wenn er meint, he würde durch einen Punkt
zu his.“ Dewischeit hat aber recht. Den Beweis liefert Jane Seager, die
sehr häufig dieses Wort gebraucht und stets b schreibt. Diese Schreibung
ist auch in der Characterie angedeutet!).
Über ‚by‘ schreibt Pape: ‚Unter den English words findet sich wohl
bie, das auch für by gültig wäre. Auch hier ist die rechte Spalte frei. Es
müßte also auch ein Charakter sein. In der ‘Table Char.’ und unter den
‘Partikels’ steht es aber nicht.‘‘ Also ,,by ware ebenfalls nicht schreibbar“.
Bei näherem Vergleich entdeckt man jedoch folgendes: In der Sigeltabelle
steht ein Zeichen m~ = be. Dieses steht nach beware und vor bicause.
Unter den Partikeln findet sich ebenfalls ein Zeichen mit der Bedeutung
be = ). Einmal muß also die Bedeutungsangabe falsch sein. Das erst-
genannte Zeichen m~ steht geometrisch an seiner richtigenStelle, nicht aber
seine Bedeutung be. Man sollte gemäß der alphabetischen Ordnung —
zwischen beware und bicause — bi erwarten, damit wäre by als Sigel nach-
gewiesen. Die Konjektur wird bestätigt durch Jane Seager, sie gebraucht
für das bei ihr häufig vorkommende Wörtchen immer dieses Zeichen ~m
z. B. Bl. II.2; IIl.5; V.2; VI.2; VII.3 usw.
„Ere‘“ konnte sehr leicht durch das Homonym air = L bezeichnet
werden, nach dem Grundsatze Char. p. 23 „A word of the same sound,
though of diverse sense, is written with the same.“ Oder man umschrieb
1) Char. p. 25: „Such be written with the character of h and a prick on the left
side as: h.“ Hier liegt ein offensichtlicher Druckfehler vor. Statt ‚such‘ muß
„his“ stehen, oder doch nach such eingeschaltet werden. Auch sagt schon Pocknell
1884, als er noch nicht Jane Seagers Stenogramm studiert hatte, nur aus der Kennt-
nis der Characterie heraus: „his may be written by the sign for he with a tick on
the left side, thus = he, h = his.‘ Phon. Journal 1884, p. 87. Pape scheint
das entgangen zu sein.
Kritische Betrachtungen 155
es mit den Synonymen within oder before. Mit before ist zweifellos auch
after dargestellt worden, wie schon 1586. Letzteres Wort erwähnt jedoch
Pape nicht.
„When“ ist bezüglich seiner Schreibung nicht in der Characterie ver-
merkt. Es liegt aber nahe, es mit then = % mittels dissenting signifi-
cation darzustellen. when = %*. Leider kommt dieses Wörtchen bei
Jane Seager nicht vor, wohl aber ein beweiskräftiges Analogon. Auf dem
letzten Blatt der Prophezeiungen Zeile ı findet sich whence umschrieben
mit thence. whence = 7%.
„She“ schreibt Jane Seager mit he und einem Punkte rechts = bk,
BI. II.3; ‚„‚her‘‘ mit he und 2 Punkten rechts = b: , V.2. Diese Schreibungen
sind nun allerdings nicht im Lehrbuche zu finden. Aber ich glaube auf
keinen Fall, daB sie Neubildungen der Jane Seager sind; denn sie machen
sehr den Eindruck einer alten echten Ableitung Brights selbst, so ganz noch
im Sinne des Systems von 1586, wo der Punkt noch die Bedeutung ver-
ändern konnte, im neuen System kann er mit wenig Ausnahmen nur die
Form verändern.
„Upon“ hätte sich ein Jünger Brights zusammensetzen können aus up
und on, das beides als Sigel existierte. up = ”,o0n = § ; also upon = z .
Es wäre auch darzustellen mit on und consenting signification = T. Bei
Jane. Seager findet sich fiir upon die Schreibung £ = up durchstrichen,
Bl. VIII.4. Diese Bildungsweise halte ich für eine nicht sehr glücklich ge-
wählte Selbsterfindung der Dame. Bright hätte wohl eine sinnreichere
Bildung ausgedacht als gerade das Durchstreichen, denn dieses diente doch
im allgemeinen zur Darstellung der kontradiktorischen Verneinung. —
Auf jeden Fall war aber upon schreibbar in Brights System.
„Who“ ist auch nicht in der Characterie angegeben. Für dieses so
häufige Wort sollte man allerdings ein Sigel erwarten und nicht bloß eine
Umschreibung annehmen. Bei Jane Seager finden wir für who das Zeichen
X, also einen eigenen Charakter. Bi. VIII.3; II.5 (whose); IX.3 usw.
Sehr auffallenderweise schließt sich nun gerade dieses Zeichen seiner Kon-
struktion nach genau an das letzte Sigel unter w an; 9 = use; die nächste
Bildung muB sein & , eben unser who. Vielleicht ist es von Bright ver-
gessen worden in der Characterie wie auch holy (s. S. 13), oder es ist eine
jener Neuprägungen, die jedem offenstanden; lieferte doch das System
326 characters mit noch nicht festgelegten Bedeutungen an die Hand.
Das Wörtchen ‚‚yes‘‘ steht nicht der Table of English words, wohl aber
yea, das durch I wiedergegeben werden soll. Eine Bejahungspartikel wäre
damit schon für die Characterie nachgewiesen. Ich halte dafür, daß wir
das unter den ‚‚Particles‘‘ angegebene ‚‚eyee‘‘ als ‚yes‘ zu lesen haben.
156 Paul Friedrich
Im Bodleiana-Original war 1884 noch ‚eyes‘ zu erkennen (Pocknell,
Shorthand 1884 und Phonetic Journal 1884). Das Zeichen selbst = f
liefert aber als den Anfangsbuchstaben seines Bedeutungswortes y (j) an
die Hand! Also ergibt sich sehr zwanglos [ = yes. eyee ist überdies
ganz unverständlich.
In bezug auf ‚while‘‘ glaube ich annehmen zu müssen, daß Bright
einst dafür einen eigenen character besaß, den er aber später mit einer
andern Bedeutung belegte; denn das Wörterbuch gibt while noch als Sigel
an, hier vergaß Bright offenbar nachzubessern. Darnach dürfen wir also
auf keinen Fall annehmen, daß er nach 1588 in einem verbesserten System
dieses Wort wieder mit einem Sigel begabt hätte. Es sollte eben um-
schrieben werden.
Auf ‚why‘ komme ich an späterer Stelle noch zu sprechen; hier sei nur
bemerkt, daß ein Jünger Brights sich wohl eine Schriftform hätte bilden
können; ich würde es, etwas kühn, aber kurz und klar mit ? geschrieben
haben, das ist = w + y, also buchstabiert. Diese Bildung ist gewiß
nicht ganz systemgerecht, da eine Buchstabierung nur bei Namen ver-
wendet wurde; aber Partikel bilden häufig eine Ausnahme, und so führe
ich denn zur Entschuldigung für diese Inkonsequenz ein Analogon des
Systemerfinders selbst an: ,,Amen‘ schreibt Bright mit ,, J “, das ist
a--m!).
Meine Nachweise der Schreibungen der von Pape ‚vermißten‘‘ Wörter
im System von 1588 lassen wohl seine Äußerung gegenstandslos werden:
„Es ist unerfindlich, wie Bright diese fundamentalen, ganz unentbehr-
lichen Wörter in seinem System übersehen und auslassen konnte.“
Pape führt dann einige Beispiele und Gegenüberstellungen an, nach
denen merkwürdigerweise die Fo das nach seiner Ansicht nach Brights
System ausdrückbare Wort besitzt; die Q hat aber das ‚für Bright un-
mögliche Wort‘‘. Diese Tatsache ist für ihn ein weiterer Grund, ein ver-
vollkommnetes System anzunehmen. Diesen Schluß halte ich für un-
statthaft; denn wenn erst nachgewiesen werden soll, daß die Q ein steno-
graphischer Raubdruck ist, so darf hinterher nicht aus den Eigenschaften
der Q geschlossen werden, daß ihnen zu liebe das System so und so be-
schaffen sein muß. Diese Beweisführung bewegt sich in einem Zirkel.
Diese letztere Begründung der Forderung des verbesserten Systems wird
allerdings von Pape nicht sehr betont. Hauptgrund dafür sind ihm , nament-
lich‘“‘ die ‚„vermißten‘‘ Partikel.
1) DaB Bright die einfache Aneinanderreihung seiner Alphabetzeichen wohl
kennt und in nötig erscheinenden Fällen skrupellos anwendet, ersieht man daraus,
daß er bei Eigennamen sich ihrer bedient und sie ferner für Exponenten empfiehlt.
S. p. 65 Anmerk.
Kritische Betrachtungen 157
In einem IV. Teile seiner Arbeit gibt uns Pape zusammengestellt ,,ein
Verzeichnis der durch das Brightsche System verursachten und erklarbaren
Varianten‘‘ der Q und Fo von Richard III.!). Hier führt er besondere Ab-
kürzungen für die Fehlerquellen ein, die dem System zur Last gelegt wer-
den müssen. Ich zähle die Punkte — trotzdem sie zum Teil Wieder-
holungen sind — der Übersichtlichkeit wegen noch einmal auf. ‚‚ı) Wörter,
die bei Bright durch dasselbe Zeichen ausgedrückt werden?), 2) Wörter,
die durch ähnliche Zeichen wiedergegeben werden, 3) Wörter, die nach
Bright ausgelassen werden können, 4) Willkürliche, fälschliche Ersetzung
eines echten characters durch einen andern, 5) nur durch einen Punkt
oder kleinen Kreis unterschiedene Zeichen, 6) die durch einen Punkt
bewirkte Veränderung des Singulars in den Plural, 7) des Präsens in das
Präteritum, 8) des Präsens in das Futurum?), 9) bei Bright nicht vorhandene
Wörter.“
Mit den unter dem letzten Punkte bezeichneten Wörtern meint Pape
wohl solche, die weder in der Sigeltabelle noch im Wörterbuche angegeben
sind; diese sind nach seiner Meinung nicht schreibbar. Diese Ansicht
muß ich als vollkommen unbegründet und als ganz sicher falsch zurück-
weisen. In der Vorrede zur Characterie sagt Bright p. 14: ,,Bicause every
man by his own reach can not consider how to refer all words, thou hast
in this book an English dictionary with words of reference already thereto
adjoyned to help such as of themselves can not so dispose them.“ Daraus
ersieht man, daß das Wörterbuch nur als eine Hilfe für den Anfänger ge-
dacht war. Es wollte keinesfalls erschöpfend sein. Fortgeschrittenere
mußten sich — darin lag erst die Kunst — eigene Beziehungssigel zurecht-
legen, das steht außer allem Zweifel. Schon Jane Seager beweist, daß
auch Wörter, die in der Characterie nicht vorhanden sind, deshalb doch
schreibbar waren; so finden wir von ihr folgende Wörter, für deren Dar-
stellung weder das Wörterbuch noch die Sigeltabelle Andeutungen bietet,
stenographiert: BI. III.2 jewish = [' = gentle’; Bl. V.1 virgin = }% =
marry’; Bl. VIII.4 upon = f = up durchstrichen.
Bei Vergleichung im einzelnen muß man sehr viele Beispiele Papes ohne
weiteres als richtig anerkennen; mit einigen kann ich mich nicht einver-
1) Im allgemeinen sei hier der Gedanke ausgesprochen, daß, wenn eine Variante
durch ein System erklärbar ist, sie noch nicht schlechthin ohne weitere Gründe
auch durch dasselbe verursacht zu sein braucht. Wenn Dewischeit Sh. J. XXXIV
p. 212 die stenographischen Schriftbilder von graves und graces mit Recht für ver-
wechslungsähnlich hält und deshalb für ihre Vertauschung ein Stenogramm voraus-
setzt, so ist das nicht zwingend, denn die Verwechslung ist schon bei einem longhand-
Manuskript sehr leicht möglich.
2) Diese Fassung ist — wie schon mehrfach bemerkt — nicht einwandfrei.
3) Punkt 6, 7, 8 sind streng genommen nur Unterarten von 5.
158 Paul Friedrich
standen erklären. So z. B. holes (Q) und wounds (F) sind nach Pape bei
Bright durch dasselbe Zeichen ausgedriickt worden. (Diss. p. 34, Akt I,
Sz. 2.) Die Deutung scheint mir sehr gekünstelt und nicht einmal klar:
„hole = corner, wound = sickness‘‘(?) Nun sei fälschliche, willkürliche
Vertauschung von hole und sickness eingetreten (!) Schon das Wörter-
buch spricht gegen eine solche Konstruktion, wounded ist darin als mit
hurt zu umschreiben angegeben.
Unter den Varianten, die von Pape mit der Verwechslungsfähigkeit ihrer
stenographischen Entsprechungen erklärt werden, finde ich mehrere An-
gaben, denen ich nicht zustimmen kann. Die characters für majesty und
king sollen z. B. sich sehr ähneln. (Diss. p. 35, Akt I, Sz. 4. 98): majesty:
king = worship : prince = oJ ; dabei ist die Weglassung des Exponenten
m beim ersten Zeichen schon vorausgesetzt. Außerdem ist die Umschrei-
bung von majesty durch worship auch nicht als die einzig mögliche hin-
zustellen. Jane Seager stenographiert Bl. XI.1 majesty mit 1S ™ grace;
das ist zugleich ein Beispiel dafür, daß die Angaben des English dictionary
nicht als bindend zu betrachten sind, dort ist für majestie allerdings wor-
ship als zu gebrauchendes Sigel vorgeschlagen.
Ein Versehen liegt wohl vor in der Gegenüberstellung: keepe : blesse =
2:7, (Diss. p. 36 unten Sz. 3). Die richtigen characters für die beiden
Wörter sind: a:~. Mit dieser Korrektur ist zugleich ausgesprochen,
daß eine Verwechslung der beiden Zeichen wegen sehr großer Ähnlichkeit
nicht gerade wahrscheinlich ist, aber doch nicht unmöglich erscheint.
Die stenographischen Entsprechungen von would und will verhalten
sich nicht wie ®- : 8-2 (Diss. p. 37, letztes Beispiel), sondern beide Begriffe
wurden mit demselben character & bezeichnet.
Spech : words (Diss. p. 38, Sz. 3, 160) ist in Characterie nicht gleich
§: $, sondern gleich /:, also umgestellt und schräg.
Bei mehreren Beispielen drangt sich mir der Gedanke auf, daB die Deu-
tung der betreffenden Quartovariante viel einfacher vorzunehmen sei,
wenn man, anstatt alles den Systemmängeln und einer etwaigen ‚Ver-
wechslung‘‘ zuzuschreiben, wie Pape es tut, eine bewußte Vertauschung
seitens des Stenographen annimmt. Z.B. erklärt Pape die Varianten
appeare (Q) und are seen (F) so: (Diss. p. 36, Sz. 3) appeare = seem $,
see = t ; t ist mit t verwechselt worden. Hierbei ist aber außerdem
noch die wenig wahrscheinliche Auslassung des Hilfsverbs anzunehmen.
Einfacher scheint mir die Vermutung, der aufnehmende Kurzschriftler hat
beim Hören des Satzes: they are seen, der für einen Kenner der Characterie
doch gar keine Schwierigkeit in der Schreibung bietet, schnell das kürzere
Kritische Betrachtungen 159
„they appeare‘‘ bewußt substituiert; das System erlaubte ihm das: ,,the
sense is only to be taken!‘
Kurz seien noch, um Papes nicht ganz treffende Fassung zu gebrauchen,
die „Wörter, die bei Bright durch dasselbe Zeichen ausgedrückt werden‘,
näher betrachtet. Genau genommen gehören in diese Rubrik nur Syno-
nyme, die mit demselben Buchstaben beginnen und von denen keins Sigel
ist, wie tell und talke, und Unterarten eines Gattungsbegriffes, die mit
demselben Buchstaben beginnen, wie bee und butterfly, beides = e? = "fly.
Andere Beispiele letzterer Art sind: apple, acorn = ^ = “fruit; plumme,
prune, peach = VU = fruit’; cape, cloake, coate = 'f = “garment; girdle,
glove, gown, garter = ‘[ = “garment; shoe, shirt, sleeves, slippers = ‘J =
*garment!). So bedeutsam, wie dieser Mangel zunächst erscheinen mag
ist er in Wirklichkeit nicht?). Selten wird man in einen Zusammenhang
eine andere Spezies, die mit dem gleichen Buchstaben beginnt, einsetzen
können, ohne den Sinn zu zerstören. Ist es aber möglich, so hatte das
ursprünglich hingehörende Wort nicht eine so große Bedeutung, als daß
nicht auch das vikarierende denselben Zweck verrichten könnte. Erst
mit Dewischeits berechtigter Annahme, daß die Exponenten wegfallen,
die die accompanied signification erfordert, war einer Menge von Fehlern
Tür und Tor geöffnet.
Im Anschluß an Pape hat A. Seeberger im Archiv für Stenographie
einen Aufsatz veröffentlicht ‚Zur Entstehung der Quartausgabe des ‚‚First
Part of Jeronimo‘'®). Er kommt darin zu demErgebnis: ‚Die in der Bod-
leiana befindliche Quartausgabe des First Part of Jeronimo ist entstanden
durch eine während der Aufführung vorgenommene Nachschrift mittels
des im Zeitraum 1588—1605 vervollkommneten Systems von Bright.‘
Soweit die Stenographie in Betracht kommt, sollen zu dieser Arbeit einige
kritische Ausführungen gegeben werden: Über die Art der Untersuchung,
1) Faßt man die Vorschriften der Characterie ganz streng, so gilt nicht einmal
für diese Wörter, daß sie mit demselben Zeichen geschrieben werden: Ch. p. 30 ‚If
the accompanied signification have two words of like beginning as ledde and latine,
take two of the first letters made into one character as before any names for difference.
If two be like (which is very rare), leave the vowel or the consonant of the one for
difference as in strech and strain and take that which may make the difference.‘ Für
eine Schnellschrift ist jedoch die Anwendung einer solchen umstandlichen Bezeich-
nung ganz ausgeschlossen. Jane Seagers ,,Prophecies of the ten Sibylis‘‘ enthält
nicht ein einziges Beispiel dieser Art. Eine Vorstellung von Brights Absicht in dem
Satze ,,two of the first letters made into one‘‘ können wir uns aber bilden an dem
von ihm selbst so geprägten Sigel für Amen = l =a +m.
2) Einige wenige Falle, wo dasselbe Zeichen in verschiedener Bedeutung gebraucht
wird, finden sich sogar in neueren Stenographiesystemen z. B. bei Gabelsberger:
~ = I) einen, 2) kénnen. z = 1) ihn, 2) in.
3) Arch. f. St. 1908, p. 236 ff.
160 Paul Friedrich
die nicht so sein konnte wie die Papes über Richard III., da wir für dieses
Drama 2 Ausgaben haben, sei Seeberger selbst zitiert: ,,Es ist uns hier nicht
möglich, denselben Weg einzuschlagen, wie ihn Dewischeit bei seiner
Shakespeareuntersuchung beschritten hat; denn daß z.B. in den Quartos
in überaus zahlreichen Fällen statt der richtigen Wörter in falscher Weise
deren Synonyma stehen, das wissen wir eben nur aus den Folio- oder aus
den betreffenden späteren Quartoausgaben. In unserem Falle haben wir
jedoch keine weitere Ausgabe. — Hätten wir eine weitere authentischere
Ausgabe, so könnten wir durch Vergleiche die Richtigkeit beziehungsweise
Unrichtigkeit des Wortes paths [das ist das vorangegangene Beispiel] fest-
stellen; würde es in einer authentischeren Ausgabe waies statt paths heißen,
dann wüßten wir sofort, daß wir es jedenfalls mit dem System Bright zu
tun hätten (!). Wir können also nichts weiter tun als nachsehen, ob wir
möglichst viele Fehler richtig so erklären können, daß die Benutzung des
Systems klar hervorgeht.“ In vielen Fällen ist das zweifellos Seeberger
gelungen. Gegen manches jedoch, was er anführt, habe ich Bedenken.
So sagt er, I sent sei in der Brightschen Stenographie gleich I am sent
gemäß der Anweisung ‚The sense is only to be taken‘. Nach meiner
Meinung wird aber durch Weglassung des am der Sinn doch verändert.
Ferner heißt!) es: „Obtaine my love statt (was der Sinn verlangt) obtain thy
(your) love. Bright: your = thy = f. my = f(I). Es ware sehr leicht
möglich, daß hier her love gelesen werden soll: wir finden jedoch her nicht,
weil her nach Bright nicht geschrieben werden kann (!!). — — — Es wäre
nach Brights System auch möglich, daß der Nachschreiber her ersetzt hat
durch she = woman (!!) = J (!!), und wir es hier infolge undeutlicher
Schreibung mit einer Verwechslung von P und $ zu tun hätten.“
Diese „Erklärung‘ enthält neben viel Gekünsteltem viel Falsches.
Zunächst ist your nicht gleich thy in Characterie; sondern your ist ß, thy,
= $ (thyne); f bedeutet thou und nicht thy oder your. her konnte ge-
schrieben werden = }:. Ferner ist das Zeichen für she nicht gleich dem
für woman. she = ), woman = also nicht nur 5 , das bedeutet nur
man. Schließlich ist f und $ kaum verwechslungsähnlich zu nennen.
Seeberger rechnet überhaupt in sehr starkem Maße mit solcher Ver-
wechslungsmöglichkeit ähnlicher Zeichen. So ist nach ihm auf falsche
Schreibung oder ‚Verzerrung‘ der Zeichen zurückzuführen die Ver-
tauschung von mine mit mind = ~»: —©)?; ferner von fate und pate =
:d!); in diesem Beispiele sind Seebergers Bedeutungsangaben bzw.
Zeichen nicht richtig; ə heißt zunächst fortune und „ feede.
1) Archiv f. Stenogr. 1908, p. 246.
2) A. f. St. 1908, p. 244.
Kritische Betrachtungen 161
Einmal muB statt ,,say‘‘, das die Quarto aufweist, ‚‚write‘‘ postuliert
werden. Auch hier sollen die stenographischen Wortbilder verwechslungs-
ahnlich aussehen: J: £; ein andermal soll hard = } mit heard = — ver-
tauscht worden sein; wenn schon eine Vertauschung vorliegt, so ist sie in
diesem Fall eher auf longhand zurückzuführen, es könnte auch eine be-
wußte Substitution vorliegen, denn eine Graphik heard konnte zu Shake-
speares Zeit mit a gesprochen werden.
Falsch ist es, wenn Seeberger sagt, daß Bright kein Zeichen für without
hatte. without = }!)
Ferner heißt es?2): „my minds a giant, though my bulk bee full. Inhalt
wie der Reim mit dem vorhergehenden all weist auf small statt full hin.
Nun kann aber Bright small tatsächlich nicht schreiben (!), wohl aber
das Gegenteil (!): = full. Wir hätten hier also ein schlagendes Beispiel
der Anwendung der dissenting signification.‘
Diesem Schluß kann ich nicht beistimmen. Gewiß, full kann Bright
schreiben, aber auch small. Dann ist das Gegenteil von small auch nicht
full, sondern great. In der Table of English words steht auch klar ange-
geben, daß small durch great = — zu umschreiben sei.
Eine von Seeberger nicht erkannte Unterstützung seiner Hypothese, daß
die Quarto des First Part of Jeronimo mit Brights System aufgenommen
wurde, finde ich in folgendem, p. 259: „Eine Frage bleibt ungelöst. In
der Stelle: till when receive this token‘‘ muß unbedingt then stehen. Wie
kommt der Stenograph dazu, statt then, das er schreiben kann, when zu
setzen, das wir in Brights Lehrbuch vergeblich suchen?‘ When konnte
nach Bright allerdings geschrieben werden, und zwar gerade mit then; das
ersehen wir aus Jane Seagers Stenogramm, wo das Analogon thence zur
Umschreibung von whence benutzt ist, XII.ı. Vielleicht hörte der Steno-
graph falsch und schrieb so statt then when. Bei der Auflösung setzte er
dann dieses Wort ein?).
1) Die Characterie hat für } eine falsche Bedeutungsangabe, nämlich that.
Dies ist aber schon einmal da, unter t, wo es auch hingehört. Die richtige Bedeutung
des nun freien Zeichens } liefert uns Jane Seager als without, BI. II.1.
2) A. f. Stenogr. 1908, p. 246.
3) An eine Stelle des Seebergerschen Aufsatzes sei noch eine Vermutung ge-
kniipft, p. 258: ,,Nun gibt es eine Anzahl von Fehlern, die durch das System Bright
nicht erklärt werden können, ja die direkt das Gegenteil zu beweisen scheinen. So
haben wir beinahe stets für well das Wort why stehen — —. Wie kommt hier das
falsche Wort why herein? Es kann ja von Bright gar nicht geschrieben werden.“
Dieser Satz bringt mich auf die Vermutung, daß Bright vielleicht doch ein Sonder-
zeichen für why gehabt hat. Da nun die zitierte Stelle besagt, daß immer well für
why einzusetzen ist, so liegt der Gedanke nicht fern, daß der Stenograph ein Zeichen
benutzte, das ihm zunächst well bedeutete, das er — oder vielleicht auch ein anderer
— bei der Entzifferung jedoch stets für why las. Merkwürdigerweise findet sich in
162 Paul Friedrich
Am Schlusse seiner Abhandlung kommt Seeberger wieder auf die An-
nahme einer vervollkommneten Ausgabe der Characterie zu sprechen.
Sein einziges Argument sind mit Pape die ‚„vermißten‘‘ Wörter. Ich glaube
diesen Grund im vorangegangenen entkräftet zu haben. Außerdem ist
im allgemeinen zu bedenken, daß das, was wir aus Brights Leben in jenen
Jahren wissen, gar nicht dazu angetan ist, eine Umarbeitung des Systems
auch nur wahrscheinlich zu machen. Im Jahre 1588 noch wurde ihm ein
Töchterchen geboren, wenige Monate darauf trug er es zu Grabe. 1591
wurde er Rektor zu Methley, wo er sich also in völlig neue Verhältnisse
einzuarbeiten hatte, 1592 starb ihm der Vater. Aus den folgenden Jahren
hören wir von Streitigkeiten, die ihm wohl kaum Lust und Zeit für eine
nicht einmal nötige Umarbeitung seiner Stenographie ließen. 1594 bekam
er noch die Pfarre von Berwick in Elmet hinzu. Endlich nach 1602 wird
ihm wohl das bessere System seines Konkurrenten John Willis doch lang-
sam die Freude an seiner Kunst vergällt haben.
Die in den Hauptzügen zweifellos mit Erfolg angestellten Untersuchungen
Papes und Seebergers nach den grundlegenden Ausführungen Dewischeits
beweisen aufs neue, daß an des letzteren Hypothese, die Unvollkommen-
heiten vieler Quartotexte aus der Shakespearezeit erklären sich aus der
stenographischen Aufnahme der Stücke mit Brights Characterie, nicht
mehr gezweifelt werden darf!).
der Characterie unter den ‚Particles‘‘ ein Zeichen eè- = well; diese Bedeutung ist
auffällig, da doch das Adjektiv good zur Bezeichnung von well genügte; ein Sonder-
zeichen dafür wäre also Luxus. Das Wörterbuch bestätigt auch ausdrücklich, daß
well durch good wiederzugeben sei. Darnach bliebe für g- eine Bedeutung, oder
doch wenigstens eine zweite Bedeutung frei. Ich vermute, durch Seebergers Aus-
führungen veranlaßt: why. Durchaus nicht für ausgeschlossen halte ich es, daß &-
why und well zugleich bedeuten kann. Beide kommen sich dem Sinne nach als
farblose Beteuerungspartikel so nahe, daß Bright, der doch sogar viel bedeutungs-
volleren Synonymen gleiche Grundsigel gab, ihnen promiscue das gleiche Zeichen
zuwies. Somit wäre vielleicht noch das letzte der von Pape ‚‚vermißten‘‘ Partikeln
als Sigel in der Characterie selbst entdeckt. (Vgl. p. 62.)
1) Da nur auf der ganz eigenen Beschaffenheit des Brightschen Systems Dewi-
scheits Beweisführungen ruhen und ruhen können, so weise ich entschieden Dewi-
scheits mir unverständliche Bemerkung zurück: A. f. St. 1897, p. 58: „Erbringe ich
durch das Brightsche System den Nachweis, daß die Quartos sich aus stenographischen
Nachschriften zusammensetzen, so habe ich dies erst recht mit den System von Willis
erwiesen (1602), denn letzteres bedeutet ohne allen Zweifel vor der Schöpfung Brights
einen Fortschritt.‘‘ Dewischeit selbst hat dies als falsch erkannt, denn in dem um-
gearbeiteten Aufsatz im Sh. J. 1898 ist dieser unhaltbare Satz weggelassen; letztere
Abhandlung stellt überhaupt gegenüber der ersteren manche Verbesserung dar.
r
ê .
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 163 .
ANHANG.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen
von Shakespeare-Quartos; dargelegt an der ersten Quarto
der „Merry Wives of Windsor“ 1602.
Vorbemerkung.
D: vorangegangenen Darlegungen wollen textkritischen Untersuchungen
von Shakespearequartos mit Heranziehung des Brightschen Systems eine
sichere Grundlage bieten. Das Eindringen in die Entwicklung und den
Aufbau dieser Kurzschrift ließen mir im Laufe der Zeit mehrere Erkennt-
nisse reifen, die — im Sinne Dewischeits, aber von ihm noch nicht dar-
gelegt — dahin gehen, aus gewissen besonderen Beschaffenheiten von
Texten notwendigerweise zu ihrer Erklärung die Verwendung von Brights
Stenographie bei ihrer Herstellung zu postulieren.
Um im folgenden Einheitlichkeit zu wahren und den angeführten Bei-
spielen durch ihr Zusammenwirken mehr Beweiskraft zu verleihen, seien
alle Belegstellen aus einem Drama genommen, und zwar ist die Quarto
der „Merry Wives of Windsor‘‘ von 1602 im Vergleich zur Folio von
1623 als zugrunde liegende Version gewählt.
Zur besseren Übersicht und vor allem auch, um darzulegen, inwiefern
ich berechtigt bin, gerade diese Quarto der Lustigen Weiber von Windsor
heranzuziehen, sei zunächst kurz das Verhältnis der Quarto zur Folio
dieses Lustspiels behandelt.
J. Kapitel.
Verhältnis des Quarto- zur Folioversion der „Merry Wives
of Windsor‘.
Das genaue Kompositionsdatum der ‚Merry Wives of Windsor‘ ist
noch nicht festgestellt. Den frühesten Eintrag im Stationer’s Register, der
auf dieses Stück bezug nimmt, finden wir unter dem 18. Januar 1601 —2!).
1) ,,John Busby Entred for his copie vnder the hand of master Seton | A booke
called an excellent and pleasant conceited commedie of Sir John ffaulstof and the
merry wyves of Windesor. .
Arthure Johnson Entred for his Copye by assignement from John Busbye, A
booke Called an excellent and pleasant conceyted Comedie of Sir John ffaulstafe and
the merye wyves of Windsor.“
Prof. Dr, Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 12
164 Paul Friedrich
Die Entstehung unserer Komödie wird aus guten Gründen, die hier nicht
näher ausgeführt werden können, für das Jahr 1598 angesetzt!). Die
Shakespeareforschung kennt bis jetzt 3 wichtige selbständige Nachrichten
über die Abfassung dieses Dramas, die für die Beurteilung des Lustspiels
sehr bedeutsam sind. 1702, also immerhin schon 100 Jahre nach Elisabeth,
teilt uns John Dennis in einer Umarbeitung der ‚„Lustigen Weiber‘‘: The
comical Gallant in der Vorrede mit, daß Shakespeares Komödie auf Befehl
der Königin Elisabeth geschrieben worden sei: ,, This comedy was written
at her command, and by her direction, and she was so eager to see it
acted, that she commanded it to be finished in fourteen days; and was
afterwards, as tradition tells us, very well pleased at the representation.“
1709 erzählt Rowe in seinem ,,Life of Shakespeare“ von der Königin
Elisabeth: ,,She was so well pleased with that admirable character of Fal-
staff in The Two Parts of Henry the Fourth, that she commanded him to
continue it for one play more and to show him in love. This is said to
be the occasion of his writing The Merry Wives of Windsor.“ Ein Jahr
später, 1710, bestätigt uns Gildon in seinen ,,Remarks on the Plays of
Shakespeare‘‘ diese Mitteilungen.
Die Quellenfrage ist sehr kompliziert. Man weiß, daß der Handlung
italienische Stoffe zugrunde liegen, man kennt aber nicht die Form, in
der sie dem Dichter zu Hand waren?).
An frühen Drucken der „Merry Wives“ besitzen wir 3 Quartausgaben,
nämlich von 1602, 1619 und 1630; dazu die vier Folioausgaben, als
deren wichtigste natürlich immer die erste von 1623 in Betracht kommt.
Die Quarto von 1619 ist ein ziemlich genauer Abdruck der von 1602,
die von 1630 ist der Folio von 1623 nachgedruckt. Unsere Ausgaben
stellen demnach nur 2 Versionen dar, auf die im folgenden auch immer
1) Vgl. u. a.: Porter and Clarke ,,Merry Wives of Windsor‘. First Folio Edition.
p. 120 ff. und Hart, Arden Sh. „M. W. of W.“ p. XXXVII ff.
2) Baeske ,,Old-Castle-Falstaff in der englischen Literat. bis auf Sh.“ Palaestra.
H. I. Berlin 1904, p. 93 stellt die Quellen zusammen. ‚‚Seit Malone pflegt man ge-
wöhnlich folgende anzusetzen: I) „The two Lovers of Pisa‘ in Tarltons ‚News out
of the Purgatorie‘‘. 1590 nach einer Novelle in Straparolas ‚Notti piacevoli“ 1551.
(Hazlitt. Sh.-Libr. I. 3, p. 60—72). 2) ,,The Fortunate, the Deceived and the Un-
fortunate Lovers‘‘ 1632 (Nach Malone aber schon zu Shakespeares Zeit bekannt)
aus Giovanni Fiorentinos „Peccorone‘ 1558. (Hazlitt Sh.-Libr. I. 3, p. 17—32.)
3) „The Fishwife’s Tale of Brentford‘ in ,, Westward for Smelts.‘‘ 1620. Gleichfalls
schon vorher bekannt. (Hazlitt Sh.-Libr. I. 3, p. 73—88.) Dazu kommen nun als
stark wirkende Vorbilder hinsichtlich der Charakterzeichnung und einzelner Motive.
4) Plantus’ ‚Miles gloriosus.‘‘ 5) Udall’s ‚Ralp Roister Doister.‘‘ 1552. 6) Lyly’s
„Endymion‘ 1585.‘ — Im Anhang der Ausgabe der „M. W.“ in Cassels National
Library ist ‚the Story of Lucius and Camillus‘ zu finden, eine englische Version der
Geschichte unter 2).
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 165
nur Bezug genommen wird: der Quartotext von 1602 und die Folio-
ausgabe von 1623. Diese beiden Versionen weichen nun ziemlich stark
voneinander ab!).
Der Foliotext stellt entschieden die vollständigere und bessere Fassung
dar, ob die authentische, die Shakespeare seinem Stücke gab, ist damit
noch nicht ausgesprochen. Die augenfälligsten Unterschiede der beiden
Ausgaben bestehen darin, daß die Folioversion Einteilung in Akte und
Szenen zeigt (5 Akte mit zusammen 23 Szenen) und eine Länge von
2624 Zeilen hat, während die Quartoversion keinerlei Einteilung in Akte
oder Szenen aufweist und nur 1624 Zeilen umfaßt?). Vielfach sind die
entsprechenden Szenen einander sehr ähnlich, oft stimmen sie in vielen
Zeilen wörtlich überein. Gegen den Schluß des Stückes gehen die beiden
Versionen immer mehr auseinander. |
Der besseren Übersicht wegen ist in folgender Tabelle die Zeilen-
anzahl der Einzelszenen gegenübergestellt.e. Man kann im allgemeinen
schon daraus erkennen, wo ungefähr eine Übereinstimmung vorhanden
ist).
1) Die Meinungen über die Ursachen dieser Abweichungen sind noch geteilt.
Zunächst sei hier nur bemerkt, daß Halliwells Ansicht, wie sie sich in dem Titel seiner
Ausgabe der Quarto 1842 ausdrückt: ‚‚The first sketch of Sh’s. Merry Wives of Wind-
sor‘‘, heute wohl nicht mehr geteilt wird. Diese Ansicht war von Pope aufgebracht
worden. Johnson äußerte sich ähnlich (in seiner Ausgabe der Werke Sh.s, Bd. I, p. 308):
„Ihe old edition 1602 is a rough draught.“ Sidney Lee in seinem ,,A Life of Shake-
speare‘‘ 1899 spricht von der Quarto als ,,an imperfect draft‘‘, p. 135.
2) Der Titel der Q von 1602 lautete (S. Pollard, Sh. Folios and Quartos, p. 45):
»A Most pleasaunt and excellent conceited Comedie, of Syr John Falstaffe, and the
merrie Wiues of Windsor. Entermixed with sundrie variable and pleasing humours,
of Syr Hugh the Welch Knight, Justice Shallow, and his wise Cousin M. Slender.
With the swaggering vaine of Auncient Pistoll, and Corporall Nym. By William
Shakespeare. As it hath bene diuers times Acted by the right Honorable my Lord
Chamberlaines seruants. Both before her Maiestie, and elsewhere. London. Printed
by T. C. (= Thomas Creede) for Arthur Johnson, and are to be sold at his shop in
Powles Church-yard, at the signe of the Flower de Leuse and the Crowne. 1602.“
Neudrucke der Quarto von 1602 finden sich von Halliwell 1842; Griggs (Faksimile)
1888; Hazlitt Sh.-Libr. II.2. 1875; Furnivall (Old-Spelling Shakespeare, unter dem
Foliotexte) 1908; Greg 1910 (beste und zuverlässigste Ausgabe). Faksimile der
I. Folio: von Sidney Lee und von Methuen. Andere Neudrucke des Foliotextes: Porter
and Clarke. First Folio Edition; Oldspelling Shakespeare edit. by Furnivall. Alle
neueren Editionen richten sich natirlich nach der Folio. Beste Ausgabe: Arden-Sh.
»M. W. of W.“ von Hart; die einzige mit deutschem Kommentar noch die von
Delius.
3) Die mit einem Stern versehenen Szenen sind, unter dem Gesichtspunkte der
bereinstimmung mit der Folio betrachtet, die besten Szenen der Quarto. Deshalb
werden sie auch besonders zu den späteren Beispielen herangezogen. Die Zählung
der Fo nach dem Faksimiledruck von Sidney Lee 1902 (Chatsworth Copy). Von den
rooo Exemplaren stand mir Nr. 942 (Leipziger Universitätsbibliothek) zur Verfügung.
Zählung der Quarto nach Gregs Ausgabe 1910.
12"
166 Paul Friedrich
Fo Q | Fo Q
Akt I. Sz. ı. 184 *120 Akt IV. Sz. 1. 77 =
— 2. ı2 *13 — 2. 210 92
-— 3. 98 *104 —- 3. 13 *ıı
= 4. 154 73 = 4. 97 *58
Akt II. Sz. 1. 218 154 —- 5. 126 *97
— 2. 296 *179 — 6. 57 *38
— 3: gt *62 Akt V. Sz. 1. 30 —
Akt Ill. Sz. ı. III *8ı — 2. 16 —
>= 2. 82 4I —- 3. 26 —
— 3. 216 124 = 4. 3 ==
-—- 4. 112 72 — 5. 252 189
= 5. 143 116 2624 1624
Die Quarto ist trotz ihrer Kiirze, in sich betrachtet, vollkommen ver-
ständlich nach ihrem Aufbau; vielfach erklärt sich der geringe Umfang
gegenüber der Folio daraus, daß lange, aber für die Entwicklung der Hand-
lung unbedeutende Partien, die die Folio aufweist, fehlen; so I.ı die Ein-
führungsszene mit den vielen Wortspielen, 1.4 die Fentonszene, IV.1 die
Schülerszene. Hervorgehoben sei, daß die Q — trotzdem sie ganz offenbar
nicht den authentischen Text darstellt — mehrere Zeilen aufweist, in denen
sie unzweifelhaft eine größere Vollständigkeit darbietet, als die Folio!).
Viele moderne Ausgaben nehmen deshalb mehrere dieser Quartolesungen
als wahrscheinlich authentische mit auf. Hier liegt auch der Grund,
warum viele Forscher keine unserer beiden Versionen als rein und echt,
d.h. so wie sie aus Shakespeares Hand hervorging, ansehen wollen; so
nehmen die Cambridge Editors an, daß die Folio gedruckt sei ‚from a
carelessly written copy of the authors manuscript.‘ Immerhin ist zu
sagen, daß der Foliotext der authentischen Version am nächsten gestanden
hat, deshalb ist auch er im folgenden, da er relativ das Beste darstellt, als
die Fassung hingestellt, an der wir die Vollkommenheit oder die Mängel
der Quarto bemessen.
Daß unsere beiden Texte Fo und Q auf ein gemeinsames Original zurück-
gehen, nimmt Daniel an: ,,My conviction is in favour of one common
original for both versions‘‘?).
Bezüglich der Entstehung des Quartotextes ist kaum daran zu zweifeln,
daß er auf eine Bühnenversion zurückgeht. Schon der Titel deutet darauf
1) Q. Z. 44, 129, 162, 401, 773, 758, 1376, 958. 1306—10. Greg. p. XVIII.
2) Shakespeare’s Merry Wives of Windsor: The first Quarto 1602. A Facsimile
in Photo-Litography by William Griggs. With introduction by P. A. Daniel, p. VII.
London 1888.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 167
hin: ,,As it hath bene diuers times Acted by the right Honorable my Lord
Chamberlaines servants. Both before her Majestie, and elsewhere.‘
Unsere beiden Versionen stehen sich, wenn man einmal vom Wortlaute
absieht und auf die Handlung blickt, auBerordentlich nahe. Besonders
gute zeigt dies das ziemlich genau entsprechende Auftreten der Personen,
wie es folgende Tabelle veranschaulicht!):
AktII| Akt III Akt IV
3\4 5/6
| Akt I
Folio = —
Quarto =
Iz|213/4|r|2 3[2|2 3/4|s[: 2 ı\2/3l4|5
Justice Shallow.. . . .
SEE ee.
|
l
Weer ees eek tle
Bat ac
PA
Mrs. Quickly .....
a ee
Se Ss a es
ea latices 6 8
ee ae
John \
Roberts | ‘>
Ws ee ew o
ae Se
servants ~~
Die Ursachen fiir die schlechte Textgestalt der Quarto sind wohl in der
Art und Weise ihrer Herstellung zu suchen. Der rechtliche Weg für einen
Drucker der elisabethanischen Zeit, einen Dramentext zu erlangen, war der,
daß er einer Schauspielertruppe das Manuskript abkaufte. ‚‚Andere Wege
waren, daß man entweder ein Manuskript stahl, oder daß man sich die
verschiedenen Rollen der Schauspieler geben oder von ihnen aus dem
Gedächtnisse vorsagen ließ und nachschrieb und daraus dann ein Gesamt-
manuskript zusammenstellte. Weiterhin konnten Leute mit gutem Ge-
dachtnis nach mehrmaligem Theaterbesuch den Text aus dem Gedächtnis
1) Nach Griggs-Daniel, p. XX.
168 Paul Friedrich
aufschreiben. Oder schließlich konnte man während der Aufführung den
Wortlaut nachstenographieren‘‘1).
Für unsere Quarto der „Merry Wives‘‘ haben wir bezüglich ihrer Ent-
stehung sicher einen jener letztgenannten Wege anzunehmen. Daß Steno-
graphie eine Rolle dabei gespielt habe, wurde schon ziemlich früh ange-
nommen. Bereits Halliwell, der die Quarto 1842 noch als ,,first sketch of
the play“ betrachtet, nennt sie späterhin ,a very defective copy made
up by some -poetaster, with the aid of shorthand notes.“ Daniel schreibt
1888 (p. 1X): ,,To the performance the literary hack, employed by the sta-
tioner to obtain a copy, resorted with his notebook. Perhaps he managed
to take down some portions ot the dialogue pretty accurately in shorthand‘‘2)
Greg?) ist auch der Ansicht, daß Raub von der Bühne weg dem Quarto-
text zugrunde liege: ‚The playhouse thief reveals himself in every scene.‘
Aber im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen will er gerade für den
vorliegenden Fall dem Dieb durchaus nicht irgendwelche schriftlichen Auf-
zeichnungen zuschreiben (p. X XVII) ,,Daniel credits him (= the playhouse
thief) with a knowledge of shorthand and the use of a notebook. That
some playhouse pirates relied on these devices seems to be established. —
In the present case there seems nothing to suggest that the reporter relied
as a rule on anything but his unaided memory.‘‘ Gregs Ansicht in bezug
auf die Herstellung des Quartotextes ist, was schon Daniel als eine Mög-
lichkeit hinstellt, daß ein Schauspieler beträchtliche Partien des Stückes
dem Verleger besorgte; und zwar, äußert Greg, sei es ‚simply, that the
pirate who procured the copy for Busby was none other than the actor
of the Host’s part.‘ p. XL. Die Gründe, die er dafür bringt, sind im allge-
meinen folgende: Der Wirt erscheint in 8 Szenen des Foliotextes, alle diese
sind erhalten in der Quarto; in den Partien, in denen der Wirt auf der
Bühne ist, sind die Übereinstimmungen von Q und Fo auffällig häufig, oft
wörtlich. Manchmal erscheint mir Gregs Argumentierung- nicht recht
überzeugend zu sein, z.B. in folgendem: ,MNot only do we find the
Host’s part alone usually in more or less verbal agreement in the two
versions, not only do we asa rule find the versions springing into substan-
tial agreement when he enters and relapsing into paraphrase when he
quits the stage, but when he disappears for good and all at the end of the
1) Bericht über die XII. Hauptversammlung des Sächsischen Neuphilologenver-
bandes 1914. Prof. Dr. Förster ‚Die Überlieferung der Shakespeareschen Dramen‘ p.8.
2) Ähnlich spricht sich auch Jusserand ‚„‚Hist. litt. du peuple anglais“ aus, wenn
auch nicht direkt über die „Merry Wives‘‘ (S. 606): „Les pirates publiaient sous ses
(Sh.s) yeux des textes de ses drames, parfois exacts, parfois compilés a la diable avec
des fragments de röles empruntes ou voles aux acteurs, completes au moyen d’inven-
tions grossiéres ou de notes prises ä la representation par la stenographie.“
3) Greg: Shakespeare’s Merry Wives of Windsor 1602. Oxford 1910.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 169
fourth act (and the actor very likely went home or to the tavern) we find
what remains of the play in a more miserably garbled condition than any
previous portion’ (p. XLI). Ä
Man wird auch nicht von einem Satze überzeugt, wie: „I see no justifi-
cation for conjecturing two agents where one will suffice.‘ Zunächst hat
Gregs Ansicht, daß der Wirt der Räuber war, der John Busby den Quarto-
text lieferte, zweifellos etwas Bestechendes; bei genauer Vergleichung der
beiden Versionen ergibt sich aber doch manches, was Gregs Hypothese
entgegentritt. Folgende Punkte, gedrängt zusammengestellt, sprechen
gegen Gregs Gründe und Hypothese: ı) Die Wirtsrolle, als die einer Haupt-
person, mußte von jedem ‚play house thief‘“, auch von einem shorthand-
pirate, möglichst gut wiedergegeben werden, daher die relativ treue Über-
einstimmung der Quarto mit der Folio; 2) wörtliche Kongruenz der beiden
Versionen in der Wirtsrolle ist nicht durchaus vorhanden, was doch wohl
bei Richtigkeit der Gregschen Hypothese zu erwarten wäre; 3) die Über-
einstimmungen in den Rollen der anderen Personen sind in den Szenen,
in denen der Wirt mit auf der Bühne ist, nicht immer so stark, wie man
es erwarten sollte von dem Bericht eines Schauspielers, der sicher häufig
diese Reden mithörte; 4) manchmal weisen die beiden Versionen auch
nach dem Abgange des Wirts wörtliche Entsprechungen auf; dies ist in-
sofern auffällig, als bekanntlich die meisten Schauspieler gerade den
ihrem Abtreten folgenden Partien wenig Aufmerksamkeit schenken; 5) auf-
fällig ist ferner, daß manchmal sogar die Stichworte, auf die hin der
Wirt den Dialog aufzunehmen hat, nicht übereinstimmen; gerade die
„watch words’ kennt aber der Schauspieler genau. — Greg gibt auch
keinen Grund an, warum der Stenographie bei der Entstehung der Quarto
kein Platz einzuräumen sei, wo doch so manches — wie das nächste Kapitel
zeigen wird — gebieterisch darauf hindeutet; offenbar ist Greg in diesem
Sinne gar nicht an die Untersuchung herangetreten!).
Im folgenden seien einige Gründe angeführt, die zunächst ganz im all-
gemeinen darauf hinweisen, daß der Quartotext seine Entstehung einer
Nachschrift — ob stenographisch sei noch dahingestellt — einer wirklich
geschauten Aufführung verdankt. Bereits Daniel schreibt (p. 9): ‚In
support of the theory that the copy for the Q Merry Wives was obtained by
witnessing the performance of the play, the elaborate descriptive stage
directions are especially noteworthy.“ Die Folio enthält viel weniger
Bühnenanweisungen als die Quarto.
1) In einer Anmerkung, p. XXVII, konzediert Greg aber doch etwas: ,,Of course,
if there was any extensive revision of the text between quarto and folio, the former
though still demonstrably corrupt may represent its original much more closely
than we are aware, and in that event the case in favour of a stenographic copy would
be strengthened.‘‘!
170 Paul Friedrich
Ein anderer wichtiger Grund, der für eine Nachschrift während der
Vorführung spricht, sind gewisse Auslassungen der Quarto in Szenen, die
sonst gut wiedergegeben sind. Besonders 2 wichtige Stellen, die schon
Daniel (p. ı0o) anführt, weisen deutlich daraufhin, daß wir tatsächlich
Auslassungen im Quartotext anzunehmen haben, die Folio gibt uns das
Fehlende an die Hand.
Zunächst Fo Akt IV Sz. 5 (p. 57, Spalte 11)): Simple erwartet, die ver-
meintliche ‚mother Pratt‘ aus Falstaffs Zimmer herunterkommen zu
sehen. Simple kommt von seinem Herrn Slender und hat zwei Aufträge;
erstens soll er sich bei der „Wise-woman of Brainford‘‘ nach der Kette
erkundigen, die Slender gestohlen worden ist, ferner soll er nach den Aus-
sichten fragen, die Slender in bezug auf das Heiratsprojekt gegenüber Anne
hat. Simple ruft hinauf zu Falstaff und läßt durch ihn die bei ihm ver-
mutete ‚„witch of Brainford‘ fragen.
Die beiden Versionen fahren nun folgendermaßen fort:
Fo 1623, S. 56 Sp. 2 (Faksimile
von S. Lee)
Falst.: Marry shee sayes, that the
very same man that beguil’d Master
Slender of his Chaine, cozon’d him
of it.
Simp.: I would I could haue spo-
ken with the Woman her selfe, I
had other things to haue spoken
with her too, from him.
Falst.: What are they? let vs
know.
Host.: I: come: quicke.
Fal.: [Sim.] I may not conceale
them (Sir.)
Host.: Conceale them, or thou
di’st.
Sim.: Why sir, they were nothing
but about Mistris Anne Page, te
know if it were my Masters fortuno
to haue her, or no.
Falst.: ’Tis, ’tis his fortune.
Sim.: What Sir?
Quarto 1602. Z. 1332. (Greg)
Falst.: Marry she ses the very
same man that beguiled maister
Slender of his chaine, cousoned
him of it.
1) Die Angaben in bezug auf die Folio nach dem Faksimile von S. Lee.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 171
Fo Q
Falst.: To haue her, or no: goe;
say the woman told me so.
Sim.: May I be bold to say so Sir? Sim.: May I be bolde to tell my
maister so sir?
Falst.: I Sir: like who more bold. Falst.: I tike, who more bolde.
-Sim.: I thanke your worship: I Sim.: I thanke you sir, I shall
shall make my Master glad with make my maister a glad man at
these tydings. these tidings.
Man sieht, daB die Quarto gar keine Äußerung über Anne enthält,
Simples Worte: er wolle seinen Herrn froh machen mit der Nachricht,
daß er um seine Kette betrogen sei, sind aber Unsinn. Wir müssen an-
nehmen, daß die Mittelpartie bezüglich Annes ausgelassen ist, nur dann
haben Simples Worte: „I shall make my maister a glad man at these
tidings‘‘ eine Erklärung!).
Uber die andere wichtige Stelle sagt Daniel (p. 10): „Again, in Act I
sc. IV. Dr. Cajus’s anger against Parson Hugh and his challenge to him
is unintelligible in the Q ed., for there no information has been given him
that Simple is the parsons messenger; we must turn to the Fo if we want
to understand why the Dr. challenges the Parson. A clear proof, therefore,
that there is ommission in the Q.“
Ich finde ferner, daß die Annahme, unser Text sei während einer Vor-
führung nachgeschrieben, für einen anderen Mangel der Quarto eine ein-
fachere Erklärung gestattet, als Gregs Meinung, der Schauspieler der
Wirtsrolle habe den Quartotext zusammengestellt. Akt III Sz. ı, Schluß
(Q Z. 780): nach dem Abgange des Wirtes läßt uns die Folio in der Unter-
haltung der beiden nun ,,reconciled duellists‘‘ — denen vom Wirt ver-
schiedene Platze fiir den Austrag ihres Duells angewiesen worden waren —,
die ersten Fäden der Verschwörung bezüglich des Pferdediebstahls er-
kennen, das dann im ‚„garmomble business?) (A. IV Sz. 5) zur Ausführung
1) Greg ist allerdings anderer Meinung, p. XXV: ,,Daniel argued that the omissions
of these speeches made Simple’s subsequent remarks absurd, but our view of the
question must depend upon the limits we set to Simple’s imbecility (see note to 1. 1333).‘
Ich halte diese Ablehnung Gregs fiir schwach begriindet.
2) Der deutsche Graf von Mömpelgart machte 1592 von der Erlaubnis der Königin,
mit Postpferden unentgeltlich durch das Land zu reisen, sehr freien Gebrauch und
bat dann 1595 noch um den Hosenbandorden. (Hazlitt: Sh.s Libr. II.2, p. 15 ff.)
Clarke (Introd. Old-Spelling Sh. ,,M. W. of W.“), p. XI: „The ‘cozen garmombles’
of the Quarto is sufficiently close to be considered an anagram of the name, as he is
addressed as Cousin Mumpellgart in Elizabeth’s letters to him.“ Die Folio liest an
der entsprechenden Stelle: ‚„Cozen-Jermans‘‘. — Näheres vergleiche Greg, p. 85
und besonders Hart (Arden-Shakespeare. M. W. of W. Introduktion), p. 40.
Ver. mer er Pu ZU eee a un ee nr
172 Paul Friedrich
gelangt. Sir Hugh äußert nämlich in der Folio (Akt III Sz. ı Schluß):
„Let vs knog our praines together to be reuenge on this same scall-scuruy-
cogging-companion, the Host of the Garter.“ Die Quarto aber enthält an
dieser Stelle nur ganz belanglose Worte, durchaus nichts, was auf ein Kom-
plott hinweist. Der Nachschreiber hat offenbar die kurze Bemerkung des
Pfarrers in ihrer Bedeutsamkeit nicht erfaßt, deshalb ließ er sie ohne Be-
achtung. Bei dem Schauspieler aber, der den Wirt spielte, müßten wir
wohl ein Verständnis solcher Partien voraussetzen, die seine Rolle ganz
besonders betreffen; besonders wenn, wie Daniel, Hart und Greg annehmen,
die ganze Verschwörungsepisode in der Originalversion vielleicht noch
ausführlicher gewesen ist, als in der uns vorliegenden Folio.
Meines Erachtens gibt uns ferner die Voraussetzung einer Nachschrift
eine annehmbare Erklärung für eine von der Fo abweichende Reihenfolge
zweier Auftritte in der Q. Ak. IV Sz. 5, als Bardolph dem Wirt eben die
Nachricht gebracht hat, daB dessen Rosse gestohlen sind, treten in der Fo
kurz nacheinander Evans und Cajus auf und verspotten. den Wirt; von
ihnen war ja die ganze Pferdediebstahlgeschichte ins Werk gesetzt worden
als Rache dafür, daß der Wirt sie einst zum besten gehabt hatte. Nur
wenige Worte sprechen die beiden hier, aber ihre Schadenfreude läßt sich
doch erkennen. In der Q nun tritt zuerst Dr. Cajus auf und nach ihm erst
Sir Hugh. Ich erkläre diese Umstellung damit, daß der Nachschreiber,
als er auf der Bühne den Pfarrer die wenigen Worte der Schadenfreude
sprechen hörte, diese für ganz belanglos hielt und deshalb nicht notierte;
erst als gleich darauf Dr. Cajus erscheint und dasselbe sagt, kam dem
Nachschreiber zum Bewußtsein, daß hier ein Komplott der beiden vorlag.
Deshalb schrieb er des Doktors kurze Äußerung schnell auf und holte nun
auch des Pfarrers Anspielung als bedeutsam nach. Unterstützt werde ich
in meiner Ansicht dadurch, daß Evans Äußerung viel deutlicher und durch-
sichtiger ist als die des Cajus. Der Pfarrer sagt in der Q: „Now you are an
honest man, and a scurvy-beggerly lowsie knave beside: and can point
wrong places‘‘!),
Noch mehr Griinde sprechen dafiir, daB fiir die Herstellung des Quarto-
textes eine direkte Nachschrift einer wirklich gesehenen Auffiihrung an-
zunehmen ist.
Im folgenden will ich nun aus der Quarto mehrere besonders bezeich-
nende Eigenheiten herausheben, die nach meiner Ansicht erweisen, daB
Brights Stenographie eine Rolle bei der Nachschrift gespielt hat. In dieser
Hinsicht ist es auch beachtenswert, daB unsere Quarto 1602 erschien, da
konnte wohl kaum die Kurzschrift John Willis’ in Betracht kommen, denn
1) Gegeniiberstellung von Folio- und Quartolesung dieser Szene bei Greg, p. 46 — 53.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 173
dieses System erschien erst in diesem Jahr; Die Quarto war aber schon zu
Anfang des Jahres gedruckt worden, gemäß dem Eintrag ins Buchhändler-
register; außerdem ist für das Erscheinungsjahr einer r Stenographielehre
noch keine große Verbreitung derselben anzunehmen.
Den kommenden Ausführungen sei vorausgeschickt, daß sie nicht dahin
verstanden sein wollen, daß die Quarto der ,,Merry Wives‘ in allen ihren
Teilen als stenographische Nachschrift nach Bright erklärt werden soll;
das halte ich für den Schluß des Stückes nicht für wahrscheinlich. Die
Darlegungen wollen auch nicht erschöpfend sein.
Ferner will ich solche Tatsachen, die nach Dewischeit als Beweis steno-
graphischer Niederschrift nach Bright anzusehen sind, nur mit wenigen
Beispielen als vorhanden erweisen.
Hauptsache ist mir, aus der ganz eigenen Beschaffenheit des Textes, wie
ihn ähnlich auch andere ‚‚bad Quartos‘‘!) aufzeigen, mehrere Sonderheiten
herauszuheben und sie nach neuen Gesichtspunkten, die mir während des
Studiums der Brightschen Kurzschrift aufgingen, als Folgen stenogra-
phischer Aufnahme der Aufführung in Characterie zu erweisen.
2. Kapitel.
Besondere Beschaffenheiten der Quarto der „Merry Wives of Windsor“,
nach neuen Gesichtspunkten als Folgen einer stenographischen Nach-
schrift des Textes mit Brights Kurzschrift erklart.
Einleitend seien einige Gegenüberstellungen dargeboten, die nach den
Ausführungen Dewischeits schon die Verwendung von Characterie bei
Herstellung unseres Quartotextes postulieren. Der größeren Beweiskraft
wegen belege ich nicht solche weniger schwer wiegende Erklärungen von
Abweichungen in Numeris, Temporibus und Modis, da diese für eine ,bad
quarto‘“‘ doch nicht genügend überzeugen, sondern ich führe einige jener
höher zu wertenden Variantenerklärungen an, durch welche uns das Vor-
handensein von synonymen Begriffen an entsprechenden Stellen verständ-
lich wird. Meine Belege sind sämtlich mit Absicht solchen Szenen ent-
nommen, die im allgemeinen gut übereinstimmen, da nur für solche
Partien einer Erklärung wirklicher Wert zugesprochen werden kann; denn
wo alles abweicht, ist mit der Erklärung weniger Einzelheiten nicht viel
1) Nach dem Textwert der Quartos unterscheidet man 2 Gruppen: 14 gute Quartos
und 5 schlechte. Zu letzteren gehören: „Romeo and Juliet‘‘11597; „Henry V.‘‘11600;
„Merry Wives‘‘ 11602; „Hamlet‘‘ 11603; ‚Pericles‘‘ 11609. Vgl. Prof. Dr. Förster
im Bericht des Sächs. Neuphilologenverbandes 1914, p. 8.
174 Paul Friedrich
gewonnen. Ferner habe ich nur solche Wortpaare aufgeführt, die sich in
Brights Wörterbuch finden und hier ausdrücklich durch ein gemeinsames
Sigel belegt sind, um jedem Vorwurf einer constructio ad hoc zu entgehen.
Fo I.3 (p. 42, Sp. 1): And his soft Q: (Z. 231) and his bed defile.
couch defile.
Das Wörterbuch der Characterie gibt fiir couch und bed als Grundsigel
liean= f. In vorliegendem Falle mußte der das Stenogramm Entziffernde
allerdings dieses Sigel l, wenn der Stenograph ihm keinen näher bezeich-
nenden Exponenten beigefügt hatte, mit dem alltäglichen Wort bed ent-
ziffern, da dieses in obigem Zusammenhang näher liegt als couch.
Q (Z. 99): and take her by the
mussel
Fo I.1 (p. 41, 1): and taken him
(den Bären) by the Chaine
Für chaine und mussel führt die Table of English words als gemeinsame
Umschreibung an: fetter = m~. Bemerkt sei ferner, daß him und her
nur durch Punkte unterschieden waren.
Fo II.2 (p. 47,1): ... you knew Q (Z. 620): ... you knew Ford,
Ford, sir, that you might auoid him that you might shun him
avoid und shun sind in Characterie beide mit flie = -ùf zu umschreiben.
Fo II.2 (p. 46,1): charmes | Q (Z. 526): inchantements
Grundsigel für beide ist bless = ~.
Fo IV.5 (p. 57, 2): I haue suf- Q (Z. 1383): I haue endured
fer’d more for their sakes; more more for their sakes than
then the villanous inconstancy of |
mans disposition is able to beare. man is able to endure.
suffer und endure wurden von Bright mit beare — ) umschrieben.
Besonders beachtlich erscheint mir an dieser Stelle noch, daß die Q zwei-
mal dasselbe Wort bringt: endure — las doch sicher der Drucker zweimal
das gleiche Sigel ); — die Fo wechselt in den Ausdrücken.
Viele andere Verhältnisse, außer den von Dewischeit angedeuteten,
finden ihre Erklärung ebenfalls am besten durch Voraussetzung eines
Brightstenographen.
Wie in vorhergehenden Kapiteln dargelegt, war die schwächste Seite
von Brights System der geringe Umfang des leicht schreibbaren Wort-
schatzes. Deshalb sei auf den Begriffsreichtum unserer beiden Versionen
zunächst die Aufmerksamkeit gelenkt. In dieser Hinsicht ist nicht zu
leugnen, daß die Quarto viel ärmer als die Folio an Begriffen ist und zwar
nicht nur deshalb, weil sie kürzer ist. Mehrfach ist dies ganz auffällig.
Komplizierte und seltenere Ausdrücke der Fo, wie: gally-mawfry, illiads,
Cataian, dawbry, mechanical-salt-buttered rogue, red lattice phrase u. a.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 175
sucht man in der Q an den entsprechenden Stellen vergeblich. Ein long-
hand-writer hätte derartige Wörter, die doch sicher wegen ihrer Originalität
Eindruck machten, sich nicht für seine Niederschrift entgehen lassen, ein
Brightjünger aber, der immer nur mit „plain language‘‘ rechnete, war hier
ratlos. Z:B. für Cataian ein deutliches Schriftbild in Characterie zu
prägen, ist selbst bei reiflicher Überlegung nicht leicht.
Um den Gegensatz bezüglich des Wortreichtums der beiden Versionen
an einer leicht zu fassenden Kategorie von Begriffen darzulegen, habe ich
die verschiedenen Beteuerungen, Eide, Flüche, Schwüre usw. von Q und
Fo verglichen!). In dieser Hinsicht ist die Mannigfaltigkeit der Fo gegen-
über der Q ganz offensichtlich. Der Zahl nach ist letztere durchaus nicht
arm in diesem Punkte, wohl aber an Abwechslung. Die Folio weist z.B.
auf: per-lady, The Teuill and his Tam, so got-udge me, oh heauen, Odd’s
plessed-wil, by cocke and pie, body-kins, as I am a Christian soule, with the
Deuills name, Got’s-will and his passion of my heart, trust me, the dickens,
for shame, pless my soule, odd’s hartlings, out alas usw.?).
Solche Vielseitigkeit kennt die Quarto nicht, bei ihr setzt sich der ganze
Begriffsvorrat zusammen aus den Worten God, Lord, Jesu: O God, by God,
afore God, in the name of God, for God’s sake, aGod’s name, God’s body,
so kad vdge me, o Lord, by the Lord, o Jeshu, by Jeshu, Jeshu ples me,
Gods my life, as God would haue it, God forgive me, by Gods lyd, begar.
Das ist sehr beachtlich. In der Folio fehlen mit wenigen Ausnahmen
gerade diese Beteuerungen. Der Grund ist darin zu finden, daß im Mai
1606 — also nach dem Druck der Quarto, aber vor dem der Folio — ein
Gesetz erlassen wurde ,,for the preventing and avoiding of the great abuse
of the Holy Name of God in Stage playes, Interludes, Maygames, Shows and
1) Gerade die ,,Merry Wives of Windsor‘: sind daran reich. Vgl. Hoffmann
„Über die Beteuerungen in Shakespeares Dramen. Halle 1894, Diss.“ ,,Am häufig-
sten sind sie (die Beteuerungen) zu finden, wo der Miles gloriosus Shakespeares, der
prahlerische Fallstaff eine Rolle spielt.‘
2) Daß das Fluchen zur Zeit Shakespeares außerordentlich in Blüte stand, ja
fast zum „‚guten Ton‘‘ gehörte, erkennt man z. B. daraus, daß in Ben Jonsons ‚Every
man out of his Humour“‘ folgende Belehrung vorkommt: I.ı ‚Tells the hind, Sogliardo,
who wants to be, an accomplished gentlemen, that is, a gentleman of the time, and
ever have two or three pecular oaths to swear by, that no man else swears.‘‘ (Hart,
p. 16, Anmerk. 156). Ferner führt Hoffmann ‚Über die Beteuerungen in Sh. Dramen“
eine sehr bezeichnende Stelle aus Shakespeare an. Winter’s Tale, V.2, ı68ff. Clown:
„Give me your hand: I will swear to the prince thou art as honest a true fellow as any
is in Bohemia. Shepherd: You may say it, but not swear it. Clo: Not swear it, now I
am a gentleman? Let boors and franklins say it, I’ll swear it.“ — Eine vergleichende
Tabelle der ‚main oathes and asseverations‘‘ der Q und Fo gibt Greg p. 54— 56 seines
Buches. Diese Tabelle ist für den oben folgenden Abschnitt zugrunde gelegt, teils
um eine Nachprüfung meiner Angabenleicht zuermöglichen, teils um einer eigenen
Aufstellung aus dem Wege zu gehen, der vielleicht der Vorwurf einer tendenziösen
Auswahl gemacht werden könnte.
176 Paul Friedrich
such like.“ Wenn irgend jemand bei solchen Veranstaltungen ,,jestingly
or prophanely speak or use the Holy Name of God or of Christ Jesus, or
of the Holy Ghost or of the Trinity, which are not to be spoken but with
fear and reverence“, der soll für jede Übertretung mit 10 Pfund gestraft
werden!). Die Wirkung dieses Gesetzes ist noch ersichtlich in folgenden
Vergleichungen (nach Gregs Tabelle):
Q: Z. 117 be God Fo: I.1 Z. 320 omitted
» 175 afore God 5 I.3,, 36 4,
» 333 O God » ILı, 30 „
», 386 God saue me ir . ILI 162. p usw.
Diese Feststellung aber, daß der Foliotext Beteuerungen mit jenen Worten
nicht aufweist, beseitigt noch nicht einmal die Tatsache, daß er noch ge-
nügend reich an Abwechslung ist auf diesem Gebiet, erst recht nicht aber
ist damit erklärt, warum die Quarto eben nur jene Ausdrücke hat. Wäre
der Nachschreiber ein longhand-writer gewesen, so ist nicht einzusehen,
warum er sich in dieser Hinsicht solche Beschränkung auferlegt haben
sollte. Eine einleuchtende Erklärung liegt aber auf der Hand, wenn man
einen Brightstenographen annimmt. Begreiflicherweise ließ diesen hier
seine Characterie im Stich, war doch Bright Theologe geworden. So kam
der Stenograph immer, wenn er eine Beteuerung oder einen Fluch zu
schreiben hatte, auf die gleichen Ausdrücke zurück. Wörtliche Treue war ja
in diesem Punkte am allerwenigsten nötig. Besonders God benutzte er
reichlich (37 mal von 76 in Gregs Tabelle), dieses Wort existierte ja als
Sigel: d. Jesus, Lord und begar waren leicht zu bilden, letzteres wird
immer und nur von Dr. Cajus gesagt, ist also schon damit abgegrenzt und
wäre schon dadurch für den Stenographen eindeutig gewesen, selbst wenn
er es nur mit by God umschrieben hätte. Ich finde für meine Annahme —
ein Brightstenograph habe bei Herstellung des Quartotextes mitgewirkt —
eine außerordentliche Unterstützung durch eine sehr beachtenswerte
Einzelheit: In Gregs Tabelle sind 76 Beteuerungen der Q aufgeführt; davon
enthalten nicht weniger als 75 die Namen God (einmal Sblood), Lord,
Jesus, begar! Ein einziges Mal steht by the masse (Z. 998), und gerade
dieses eine abweichende Wort ist bei Bright Sigel: }, !
Eine andere auffallende Tatsache weist ebenfalls auf Brights Kurzschrift
hin. In Quartotexten finden wir mehrfach eine ermüdende Wiederkehr
derselben Phrasen, wo die Folioversion an den entsprechenden Stellen viel
mehr Abwechslung bietet. Aus der Quarto der „Merry Wives of Windsor“
sei zur Veranschaulichung ein Beispiel aus II.2 ausgewählt:
1) Gildersleeve ,,Government Regulation of the Elizabethan Drama‘‘. New York
1908, p. 19 f.
Neue Gesichtspunkte fur stenographische Untersuchungen usw. 177
iealious-rascally-knaue Q Z. 609: cuckally knaue
Fo IL2 Cuckoldiy knaue » 613 = n
iealious wittolly-knaue » 615 m 5
= 1 Cuckoldly-ragues „ 617 ” H
p mechanicall-salt-butter » 621 5 "n
rogue
Die Zeilenangabe der Q läßt ersehen, wie dicht hintereinander 5 mal
dasselbe Schimpfwort gebraucht ist. Ganz sicher ist das nicht auf der
Bühne so gesprochen worden, solche Eintönigkeit hätte jede Wirkung ver-
fehlt. Gewig hatte jeder, auch ein nichtbegnadeter Schauspieler, auf diesem
Gebiete größere Auswahl an Begriffen als die Q aufweist. Nur die Annahme
eines Stenographen erklärt diese Einförmigkeit. Der Brightjünger hatte
sich, da ihn bei solchen untheologischen Wörtern sein Lehrbuch im Stiche
ließ, ganz offenbar 2 Sigel selbst gebildet, die er nun flugs bei jedem gehörten
Schimpfwort einsetzte, da er sich mit Recht sagte, daß es bei diesen Dingen
auf wörtliche Treue nicht ankam.
Mehrfach ist zu beobachten, daß gerade an solchen Stellen, wo die Aus-
drucksweise von der Alltagssprache abweicht, die Quartolesungen gegen-
über den Folioschreibungen unvollkommen sind. Ein Kurrentschreiber
hätte vielleicht besonders solche Partien als spezifisch notiert, der Steno-
graph nach Bright versagte aber begreiflicherweise gerade da. Einige
Gegenüberstellungen aus unserer Q, die meines Erachtens sehr bezeichnend
sind, seien zur Veranschaulichung herausgesucht:
Fo IV.5 (p. 57,2 oben): What Q (2.1389): What
tell’st thou mee of blacke, and tellest me of blacke and blew, I
blew? I was beaten my selfe into haue bene beaten all
all the colours of the Rainebow: and
I was like to be apprehended for the
Witch of Braineford, but that my
admirable dexteritie of wit, my
counterfeiting the action of an old
woman deliuer’d me, the knaue
Constable had set me ith’ Stocks.
the colours in the Rainbow, and in
my escape like to a bene apprehend-
ed for a witch of Brainford,
and set in the stockes.
Sehr erklarlich ist es, daB diese schwierigen Worter unaufgeschrieben
blieben, charakteristisch ist ferner, daB der Fortgang der Ubereinstimmung
gerade hinter einem Eigennamen unterbrochen wird. Dieser erforderte
eben etwas Zeit zur Schreibung, so ging das Nächste verloren.
Fo 1.3 (p. 41,2): Falst.: here
another to Pages wife, who euen
now gaue mee good eyes too; exa-
mind my parts with most iudicious
Q (Z. 196): Heeres another to
misteris Page. Who euen
now gaue me good eies too, exa-
mined my
178 Paul Friedrich
Fo
illiads: sometimes the beame of her
view, guilded my foote: sometimes
my portly belly.
Pist.: Then did the Sun on
dung-hill shine.
Ni.: I thanke thee for that hu-
mour.
Fal.: O she did so course o’re my
exteriors with such a greedy inten-
tion, that the appetite of her eye
did seeme to scorch me vp like a
burning-glasse: here’s another let-
ter to her: She beares the Purse too:
exteriors with such a greedy in-
tentiö, with the beame of her
beautie, that it seemed as she
would a scorged me vp like a bur-
ning glasse. Here is another Letter
to her, shee beares the purse too.
Die angefiihrten Beispiele sind um so beachtenswerter, als sie immer von
Hauptpersonen gesprochen werden. Manche Kiirzung in den Rollen von
Nebenpersonen, wie Quickly’s II.2, geschah dagegen vielleicht mit Absicht.
Besonders unangenehm sind einem Kurzschriftler nach Bright die
Personen mit manierierter Sprechweise gewesen. In den ,,Merry Wives‘
kommt nun gerade die Shakespearesche Person vor, die als der Typ der
verschrobenen Ausdrucksweise gilt: Pistol, das ,, Zerrbild des miles gloriosus‘‘.
Er wird der ‚Schrecken des Stenographen‘‘ gewesen sein, und dieser war
sicher froh, daß Pistol mit II.2 von der Bühne abtritt. Folgende offen-
sichtlich mangelhafte Lesung der Q deute ich dahin, daß der nachschreibende
Stenograph der merkwürdigen Ausdrucksweise dieses Falstaffbegleiters nicht
genügen konnte:
Fo I.1 (p. 40, 1): Pist.: Sir John,
and Master mine, I combat chal-
lenge of this Latine Bilboe: word of
deniall in thy labras here; word of
denial; froth, and scum thou liest!
Q (Z. 53): Pist.: Sir John, and
Maister mine, I combat craue of
this same laten bilbo.
I do retort the lie euen in thy
gorge, thy gorge, thy gorge.
Die Wiederholung in der Q beruht sichtlich auf Verlegenheitsausfüllung.
An einer anderen Stelle ist ebenfalls erkennbar, daß gerade die seltsame
Sprechweise Pistols schuld ist an der Abweichung des Quartotextes von
der Folioversion. Die Zeilen, die Pistols Rede vorausgehen, stimmen gut
überein, dessen Worte selbst aber sind mit einer nichtssagenden Äußerung
wiedergegeben, der man meines Erachtens es ansieht, daß sie nicht in
Pistols Stil gehalten ist, also wahrscheinlich vom Stenographen willkürlich
eingesetzt:
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 179
Fo 1.3 (p. 41,2) Falst.: I am
glad I am so acquit of this Tinder-
box: His Thefts were too open: his
filching was like an vnskilful Sin-
ger, he kept not time.
Ni.: The good humour is, to
steale at a minutes rest.
Pist.: Conuay: the wise it call:
Steale? foh: a fico for the phrase.
Q (Z. 168): Falst.: I am glad I
am so rid of this tinder Boy. His
stealth was too open, his filching
was like An vnskilful singer, he
kept not time.
Nym.: The good humour is to
steale at a minutes rest.
Pis.: Tis so indeed, Nym,
thou hast hit it right.
Eine weitere Gegenüberstellung sei noch angeführt aus
Fo I.3 (p. 42, 1): Falst.: — my-
selfe, and skirted Page.
Pist.: Let Vultures gripe thy guts:
for gourd, and Fullam holds: & high
and low beguiles the rich & poore,
Tester ile haue in pouch, when thou
shalt lacke, Base Phrygian Turke.
Q (Z.219): F.: my selfe and scirted
Page.
Pist.: And art thou gone?
Teaster He haue in pouch, When
thou shalt want, bace Phrygian
Turke.
Im allgemeinen sind die Partien von Pistols Reden übereinstimmend mit
der Folio, die nicht allzusehr von der alltäglichen Sprechweise abweichen.
Wie viele Dichter, so legt auch Shakespeare manchen Personen zur
Charakterisierung stereotype Redensarten in den Mund. Jeder Zuhörer
merkt natürlich bald die komische Wirkung dieser immerwährenden Wieder-
holung. Ein Bühnenstenograph wird sich nun für solche stereotype Wen-
dungen von vornherein Sigel zurechtlegen, die er dann gern anwendet. In
den „Merry Wives of Windsor‘‘ kommt ein klassisches Beispiel einer solchen
stehenden Redewendung vor: Nyms: ,, There’s the humour of it“). humour
ist überhaupt der Lieblingsausdruck dieses Helden, dieses Wort bringt er
‘bei jeder Gelegenheit an, es bedeutet schlechthin alles?). Nyms Rolle ist
in der Quarto gar nicht allzusehr abweichend von der Foliolesung, aber
. dieses geflügelte Wort kehrt dermaßen häufig wieder in der Quarto, daß
man den Gedanken nicht los wird, ein Stenograph sei sichtlich froh gewesen,
sein dafür geprägtes Sondersigel bei jeder Gelegenheit anwenden zu können.
Mehrfach sind Fälle vorhanden, wo die Q immer die ganze sterotype Wen-
dung bringt, während die Folio an dere Fassungen mit dem Wort humour
oder überhaupt nichts ähnliches aufweist. Beispiel:
1) Malone ,,The Plays & Poems of W. Sh.“‘, 1821, p. 40: ,,In the time of Sh. such
an effectation seems to have been sufficient to mask a character.‘
2) Hart (p. 15): „It was applied upon all occasions with as little judgment as wit.
Every coxcomb had it always in his mouth and every particularity he affected was
denominated by the name of humour.‘
Prof, Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 13
180 Paul Friedrich
Fol.ı (p. 40, ı): That is the very Q Z. 59: There is the humour of it
note of it.
Fo I.3 (p. 41,2) isnot the humour — 162: „ 5
cõceited?
Fo 1.3 — — 213: ,, 5
Fo 1.3 (p. 42. 1) that is my true — 230: ,, i
humour.
Foll.ı = — 375: „ ”
In diesen Fallen horte der Stenograph eben nur das anklingende ,,very‘‘
oder ,,jhumour‘: und schrieb flugs sein Sigel. Manchmal scheint ihm so
auch die Feder durchgegangen zu sein. II.1 hat Nym in der Quarto 5 mal
hintereinander das Wort humour gebraucht in ziemlicher Übereinstimmung
mit der Folio. Dann folgt:
Fo (p. 44,2): Page: heere’s a fel- Q (Z. 377): Heres a fellow frites
low frights English out of his wits. humour out of his wits.
Die Folio scheint das Authentische zu haben, der Stenograph aber hatte
sein Sigel in der Feder.
Besonders interessant ist es, einen Quartotext in bezug auf Häufung von
Synonymen oder Umschreibungen zu untersuchen. In Brights System ist
es schwer, viele Synonyma hintereinander deutlich zu bezeichnen. Es war
auch gestattet, in solchen Fällen abzukürzen und zusammenzufassen, z. B.
gibt die Characterie an, daß man statt: master, servant, children, father,
mother, olde and young schreiben könne: the whole family. (Ch., p. 36.)
An diese Stelle der Characterie wurde ich sofort erinnert, als ich mir
folgende Gegenüberstellung bildete:
Fo I.2 (p. 41, 1 unten) — one Q (Z. 125): — one mistris Quickly
Mistris Quickly; which is in the
manner of his Nurse; or his dry- his woman
Nurse; or his Cooke, or his Laundry; or his try nurse.
his Washer, and his Ringer.
Dafür, daß der Stenograph Häufungen von Synonymen für zu schwer
oder überflüssig hielt, finde ich ebenfalls noch weitere Beispiele:
Fol.3(p.42, ı): Falst.: — auant! Q (Z. 217): F.: — avant. Vanish
vanish like haile-stones; goe, Trudge; | like hailstones, goe.
plod away ith’ hoofe: seeke shelter,
packe: Falstaffe will learne etc. Falstaffe will learne etc.
Ferner:
Fo II.3 Schluß (p. 48, 1): Cajus: Q (Z. 699): Doct.:
— I shall procure’-a you de good I shall procure you de gesse of all
Guest: de Earle, de Knight, de Lords
de Gentlemen, my patients. de gentlem& mon patinces.
Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 181
Oder:
Fo III.1 (p. 49, 1): Host.: Shall I
loose my Parson? my Priest? my
Sir Hugh?
Ferner:
Fo IV.2 (p. 55,1): A witch, a
Queane, an olde couzening queane:
Haue I not forbid her my house.
Q (Z. 177): Shall I loose my
Parson, my
sir Hugh.
Q (Z. 1211): A witch,
haueI not forewarned hermy house?
Hier ist noch beachtenswert, daB warne als Sigel existiert in der Cha-
racterie =
J, nicht aber bid. Also hat hier der das Stenogramm Ent-
ziffernde direkt die Sigelbedeutung eingesetzt.
Eine andere Gegenüberstellung zeigt deutlich, wie der Nachschreiber
entweder mit seiner Feder dem gesprochenen Wort nicht folgen konnte oder
aus dem, was er hörte, nur das ihm am wichtigsten Erscheinende stenogra-
phierte.
Fo III.2 (p. 49,2): Host.: He
capers, he dances, he has eies of
youth: he writes verses, hee speakes
holliday, he smels April and May —
Page: Not by my consent, I pro-
mise you. The Gentleman is of
no hauing; hee kept companie with
the wilde Prince, and Pointz, he is
of too high a Region,
he knows too much:
Q (Z. 806): Host.: He
capers, he dances,
he writes verses,
he smelles April and May
— not with my consent.
the gentleman is
wilde
he knowes too much.
Vom Standpunkte der Brightschen Kurzschrift aus wird uns besonders
in folgender Stelle die unzureichende Quartoschreibung verständlich:
Fo IV.5 (p. 56, 2): Host.: There’s
his (= Falstaffs) Chamber, his
House, his Castle, his standing-bed.
Q (Z. 1305): Theres his
Castle, his standing-bed.
chamber und castle wurden in Characterie mit demselben Sigel um-
schrieben, und zwar mit dem für house. Also hatten alle 3 Worte bei
flüchtiger Schreibung das gleiche Zeichen = l. Da nun chamber und
castle den gleichen Exponenten c dem Stenographen dringend nahelegten,
so schrieb dieser nur 1 Zeichen, eben / , aber dieses mit dem Exponenten,
also 2. Das wurde dann als castle entziffert. Moglicherweise kam ihm
das Urbild Falstaffs in den Sinn; denn wir haben hier sicher, wie Greg ver-
mutet, ,,an allusion to the original name of the character we know as
Falstaff. So in I Henry IV. (I.2.47) the Prince calls Falstaff ‘my old Lad
13*
182 Paul Friedrich
of the Castle’. The name had been changed from Oldcastle to Falstaff‘‘
(p. 84).
Die Kenntnis des Brightschen Systems und seiner Mängel regt ferner den
Gedanken an, einmal die Wiedergabe und Häufigkeit von Wortspielen in den
Quartotexten zu untersuchen. Die Characterie enthält in bezug darauf
den Satz: „A word of the same sound though of diverse sense is written
with the same‘“‘, d. h. also Homonyme mit demselben Zeichen. Eine solche
Vereinfachung der Schreibweise — Nichtbeachtung der Orthographie —
gereicht dem System im allgemeinen zum Vorteil. Manchmal aber geht
das Verständnis für ein Wortspiel erst auf, wenn man sich der richtigen
Schreibung und damit der Ethymologie erinnert. Gelegentlich kommen
auch ‚quibbles‘ vor, in denen nicht das phonetisch ganz gleiche Gebilde
aufgegriffen wird, sondern nur ein ähnliches. In solchen Fällen wird
jedoch ein Brightstenograph immer nur dasselbe Zeichen gesetzt haben,
was psychologisch sehr begreiflich ist. Die Nichtbeachtung der Ortho-
graphie brachte also hier den Nachteil mit sich, daß für das Verständnis
des Wortwitzes keine Hilfen gegeben waren. Die Lesart einer Stelle in der
Q der „Merry Wives‘‘ gegenüber der Folioschreibung ist nun nach meiner
Ansicht, unter dem eben skizzierten Gedankengange betrachtet, ein sehr
beachtliches Anzeichen dafür, daß Characterie mit bei der Herstellung des
Quartotextes im Spiele war:
Fo I.1 sagt Evans, der wallisische Pfarrer!): ,,Pauca verba, sir John,
good worts.‘‘ Die beiden lateinischen Wörter zeigen klar, daB ,,worts‘
nur schlechte dialektische Aussprache von ‚words‘ ist. Falstaff aber
greift spöttischerweise diese falsche Aussprache als richtige auf und poin-
tiert geistreich: ,,Good worts! good Cabidge!‘‘?) In der Quarto lauten
die entsprechenden Zeilen: Ev.: „Good vrdes, sir John, good vrdes. Falst.:
Good vrdes, good Cabidge.‘‘ Diese Quartoschreibung, die das Verständnis
des Wortspiels bedeutend erschwert, erklärt sich meines Erachtens sehr
leicht, wenn wir uns den Nachschreiber als einen Brightstenographen
denken: Zunächst konnte er das lateinische ‚‚pauca verba‘‘ nicht wieder-
geben, ferner setzte er für worts und words dasselbe Zeichen, das es glück-
licherweise als Sigel gab: | = word. Zwar hätte der Brightstenograph
wort gemäß der Angabe der Table of English words (unter wourts) mit
dem Zeichen für herbes — schreiben können; doch ist es psychologisch
leicht verständlich, daß er das Wortspiel, das ja auf dem Gleichklang beruht,
1) Eduard Eckhardt: ‚Die Dialekt- und Ausländertypen des älteren englischen
Dramas‘. ıgıı, Il,p. 25: ‚Evans ist wohl das älteste Beispiel für die Gestalt des das
Englische radebrechenden Wallisers im englischen Drama.“
2) Baudissin (Schlegel-Tieck) übersetzt: Ev.: „Pauca verpa, Sir John; tann ich
bin einer, tem es vor pittern Worten kraut. Falst.: Kraut? Kraut und Rüben. — ‘“
Gundolf findet keine bessere Übersetzung.
Neue Gesichtspunkte fir stenographische Untersuchungen usw. 183
auch durch gleiche Zeichen wiedergab. Jede andere Schreibung erforderte
mehr Uberlegung und damit mehr Zeit. Der Drucker gibt uns durch seine
Orthographie zu der Vermutung Anlaß, daß er anscheinend das Wortspiel
gar nicht erfaßt hat!).
Die Unfähigkeit eines Kurzschriftlers nach Bright, Wortspiele und gar
noch lateinische wiederzugeben, ist zugleich ein Erklärungsgrund dafür,
daß gerade der Eingang des Stückes in der Q gegenüber der Fo gekürzt
erscheint; Fo Akt IV.ı, die Schülerszene enthält ebenfalls viel lateinisch-
englische Wortspiele; der Quartotext weist diese Szene überhaupt nicht auf,
vielleicht sah sich der Stenograph unfähig, sie nachzuschreiben und ließ
diese für den Entwicklungsgang der Handlung nicht in Betracht kommende
Partie ganz aus.
Zum Schluß sei noch eine Einzelheit der Quarto der ‚Merry Wives of
Windsor‘‘ erwähnt, die für sich betrachtet schon allein zwingend die An-
nahme eines Brightstenographen als beteiligt bei Herstellung des Textes
erfordert: Q Z. 324 ff. sagt Mrs. Page: ‚Why what a Gods name doth this
man see in me, that thus he shootes at my honestie? Well but that I knowe
my owne hearte, I should scarcely perswade my selfe I were hand.‘‘ Das
Wort hand an dieser Stelle ergibt ganz offensichtlich keinen Sinn?). Jeder
wird wohl dafür das Wort ,,honest‘‘ einsetzen, das das nächstliegende ist
und sofort den richtigen Sinn herstellt. Wäre der Nachschreiber ein long- |
hand-writer gewesen, so ist kein Grund einzusehen, woher diese Verwechs-
lung von honest und hand kommen könnte, wohl liegt aber eine solche auf
der Hand bei den stenographischen Entsprechungen dieser Wörter in
Characterie: hand : honest = \ / 3). Der einzige Unterschied der
beiden Zeichen besteht in der Lage. Daß ich mit der Einsetzung des Wortes
honest für hand keine constructio ad hoc vorgenommen habe, beweist am
besten Gregs Äußerung, die gewiß nicht zu gunsten meiner Erklärung ge-
schehen ist, p. 64: ‚‘Honest’ seems the obvious word.“
1) Daß der Drucker unserer Quarto sich wahrscheinlich überhaupt nicht sehr in
den Inhalt vertieft hat, geht z. B. auch daraus hervor, daß er auf das Titelblatt setzte:
„Syr Hugh the Welch Knight.“ Greg schreibt anmerkend über diese Stelle
(p. 57): „This slip shows that the title-page was composed in the printer’s office by
some one with a very slight knowledge of the play.‘
2) In der Folio fehlt diese ganze Partie, somit wird kein Ersatzwort an die Hand
gegeben.
3) Dieser Fall hat in viel höherem Grade Überzeugungskraft als z.B. der von
Dewischeit, Sh. J. XXXIV, p. 212 angeführte, die Verwechslung von graves und
graces auf die Vertauschung ihrer Zeichen in Characterie zurückzuführen: — + 15
-~ denn hier sind auch die longhand-Schreibungen verwechslungsahnlich, nicht aber
im obigen Falle.
184 Paul Friedrich
Die Darbietungen haben wohl gezeigt, daB fiir die Entstehung der Quarto
der „Merry Wives of Windsor‘ von 1602 als wahrscheinlich anzunehmen
ist, daß sie zum Teil nach einem während einer Vorstellung aufgenommenen
Brightstenogramm gedruckt ist!).
Zusammenfassung.
England ist das Vaterland der modernen Stenographie.. Durch Lage
und nationalen Sinn der Bewohner begünstigt, gelangte es zeitig zu hoher
Blüte auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet, und da die heimische
Sprache früh zur Einheitlichkeit sich durchrang, bildete es für Entstehung
und Lebensfähigkeit einer Kurzschrift den besten Boden. Im Jahre 1588
veröffentlichte in London der Arzt Timothe Bright eine Schrift ,,Charac-
terie, an Arte of shorte, swift and secrete writing by Character.‘ Darin
haben wir das Lehrbuch der ersten modernen Stenographie zu erblicken,
insofern es zum ersten Male seit Ciceros Zeit eine Kurzschrift in der Mutter-
sprache des Erfinders darbietet. Bereits um das Jahr 1200 hatte ein eng-
lischer Monch, Johannes von Tilbury, ein Geschwindschriftsystem erfunden,
aber fiir die lateinische Sprache. Bright, der wohl nichts von Tilbury
wuBte, hat seine Zeichenkunst nicht so ausschlieBlich nach grammatischen
Gesichtspunkten aufgebaut wie dieser, sondern ihm steht der Sinn, die
allgemeine Bedeutung seiner Zeichen im Vordergrund. Die Characterie
ist eine Wortstenographie: es gibt bestimmte Zeichen für ganze Wörter.
Diese characters geben nicht jeden Laut wieder, der einem Worte phone-
tisch gebührt, sondern nur der Anfang des Zeichens entspricht dem ersten
Buchstaben seines Bedeutungswortes. Ein stenographisches Alphabet
besteht also, und zwar besitzt es 18 Buchstaben. Durch besondere Merk-
male am Fuße der Buchstaben und Verwendung von 4 Lagen konnte Bright
864 Variationen bilden, deren jede ein Wort darstellen konnte; aber nur
für 538 legte er Bedeutungen fest. Die Schreibung erfolgte in vertikaler
Richtung. Besonders eigenartig und charakteristisch für das System ist
die Methode der consenting und dissenting signification; diese besteht
darin, alle Wörter, denen kein bestimmtes Zeichen zugewiesen ist, durch
eines der festgelegten Sigelwörter zu umschreiben.
1) Als direkt falsch ist also das Urteil zu bezeichnen, das im Athenäum ıgıı,
p. 656 bei Besprechung des Carltonschen Buches ‚Tim. Bright‘ über die Quarto
der „Merry Wives“ geäußert wird: ,,The Quarto of the ‘Merry Wives of Windsor’
1602 — show[s] no sign of shorthand“.
Neue Gesichtspunkte far stenographische Untersuchungen usw. 185
Drei wichtige stenographische Dokumente sind uns erhalten: ein steno-
graphierter Titusbrief von 1586, die bereits genannte Characterie von 1 588,
und eine Schrift einer Dame, Jane Seager, von 1589, der Königin Elisabeth
gewidmet. Verschiedene Nachrichten aus jener Zeit geben uns aber Kunde
von einer weiten Verbreitung der Brightschen Kunst. Der Titusbrief von
1586 ist in einem anderen System geschrieben als die beiden letztgenannten
Schriftstücke. Er bietet uns die Characterie in einem früheren Entwick-
lungsstadium dar. Ich habe mit Hilfe verschiedener Bibelversionen das
System aus dem Titusbriefe rekonstruiert. Durch vergleichende Betrach-
tung aller uns erhaltenen Schriftstücke in characterie habe ich ferner eine
Entwicklung der Brightschen Kurzschrift von den ersten Anfängen bis zur
Vollendung, nämlich bis zum Erscheinungsjahr 1588 zu geben versucht,
und soweit möglich, die Änderungen und Vervollkommnungen, die Bright
vornahm, ursächlich zu erklären mich bemüht. Der elisabethanische Arzt
hat das Verdienst, die Stenographie neu ersonnen zu haben. Tiros Noten
hat er wohl nicht gekannt. Die dem System natürlicherweise anhaftenden
Mängel und Schwächen dürfen uns nicht verleiten, dem Erfinder unsere
Anerkennung zu versagen. Einem geübten und gebildeten Jünger Brights
war es nach meiner Ansicht wohl möglich, bei Nachschriften von Predigten,
ja sogar von Theaterstücken eine hinreichende Treue zu erreichen.
Von Dewischeit wurde zum ersten Male der Gedanke näher verfolgt
und im einzelnen begründet, wie sehr viele Differenzen von Quarto- und
Folioversionen Shakespearescher Dramen durch Annahme der Verwen-
dung der Brightschen Stenographie bei der Herstellung des Quartotextes
ihre Erklärung finden. Dewischeits Ausführungen habe ich in meiner
Arbeit in den meisten Punkten unterstützt, in einigen durch näheres
Studium erweitern können. Im Anschluß an Dewischeit hat Pape die
erste Quarto von Shakespeares Richard III. von 1597 als Übertragung
eines während der Aufführung von mehreren Stenographen mittels des
Systems Bright aufgenommenen Stenogramms erklärt. In vielem stimme
ich mit ihm überein. Doch Papes Behauptung, daß wir ein verbessertes
System Brights nach 1588 anzunehmen hätten, habe ich als falsch er-
wiesen. Sein Hauptgrund, gewisse Wörter wie by, though, his, she usw.
seien mit der Characterie von 1588 nicht zu schreiben gewesen, stellt sich
als unhaltbar heraus. Einer weiteren ähnlichen Arbeit von Seeberger über
den „First Part of Jeronimo‘‘ pflichte ich ebenfalls im Hauptsächlichen
bei. In meinen kritischen Betrachtungen hoffe ich, die von mir vertretenen
Auffassungen aus dem Wesen des Systems und im Sinne des Erfinders
begründet und gezeigt zu haben, daß es geschlossener und weniger unvoll-
kommen ist, als nach so vielen bisherigen Ausstellungen vermutet wer-
den konnte.
186 Paul Friedrich
In einem Anhange habe ich zunächst das allgemeine Verhältnis der
ersten Quarto der „Merry Wives of Windsor‘ vom Jahre 1602 zu dem
Foliotext von 1623 näher dargelegt. Dann bin ich vom Standpunkt einer
stenographischen Untersuchung an den Quartotext herangetreten, um ihn
in seinen Eigenheiten und Abweichungen von der Folioversion einmal
nach solchen Gesichtspunkten zu betrachten, die mir nach Kenntnis des
Brightschen Systems besonders geeignet erschienen, eine Beziehung zwi-
schen Quartotext und characterie herzustellen. Z. B. lenkte ich auf
Folgendes meine Aufmerksamkeit: Auffällige Einseitigkeit im Sprach-
schatz der Q gegenüber der Fo; Wiedergabe der Reden von Personen mit
manierierter Sprechweise; Vorkommen von stereotypen Redensarten; Be-
schaffenheit des Quartotextes in bezug auf Häufung von Synonymen, wie
die Fo sie mehrfach bietet; Wiedergabe von Wortspielen usw.
Die — oft überraschenden — Resultate, die sich in dieser Hinsicht aus
vielen Einzelfällen ergaben, beweisen nach meiner Ansicht schon — ohne
eine erschöpfende stenographische Untersuchung darbieten zu wollen —
daß bei der Entstehung des Quartotextes der „Merry Wives of Windsor‘‘
1602 Brights characterie eine Rolle gespielt hat.
Durch meine Darlegungen habe ich zur Geschichte der Kurzschrift
einen Beitrag zu geben versucht, indem ich das Wesen der ersten Steno-
graphie, ihr Werden und ihre Bedeutung zu erkennen und zu erklären
mich bemühte. Für Shakespearestudien im besonderen hoffe ich, neuen
Boden für Untersuchungen bezüglich der Überlieferung der Dramen be-
reitet zu haben, die uns zu immer weiterer Klärung des Textes führen und
den großen Meister und sein Werk immer reiner erstehen lassen sollen.
NN A ©
Literatur. 187
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Der „britische Schnörkel‘ 189
Der „britische Schnörkel“.
Eine Entgegnung
von
Professor Ansgar Schoppmeyer, Berlin.
alle führenden Geister des deutschen Volkes auf, an einer Befreiung und
Reinigung der deutschen Handschrift von fremden, besonders britischen
Einflüssen mitzuwirken. Diese Forderung würde gewiß allseitigen Beifall
finden, wenn sie nicht auf falschen Voraussetzungen begründet wäre und
damit den Engländern unverdiente Ehre erwiese.
Der Einfluß des ,,britischen Schnorkels‘‘ auf die deutsche Schreibschrift
wird durch zwei kleine englische Proben, wie sie ebenso oder noch weit
charakteristischer gleichzeitig massenhaft auch in Deutschland vorkommen
und deutsche Äußerungen aus der lange verachteten, heute aber in manchen
Kreisen schwärmerisch verehrten und meist skrupellos nachgeäfften Bieder-
meierzeit zu beweisen gesucht. Diese Äußerungen sind jedoch wertlos,
weil ihre Urheber die Lobhudeleien der ‚englischen Schrift‘, die damals
gerade ‚modern‘ waren, einfach nachplapperten, ohne jede kritische
Untersuchung und ohne zu wissen, daß die Engländer, die sich seit der
Herrschaft der Plantagenets künstlerisch ganz und gar von Frankreich
beeinflussen ließen, auch die reichen deutschen und französischen Schnör-
kelschriften nachahmten und dann ebenso den strengeren Formen des
Louis XVI. und Empirestils folgten, welche auch in Deutschland so ver-
breitet waren wie in England.
Richtig ist nur, daß nach den Befreiungskriegen der kaufmännische
Verkehr mit England bedeutend stärker wurde und daß nun bei der trau-
rigen deutschen Verehrung für alles Fremde zwar der Einfluß des fran-
zösischen Erbfeindes zurückgedrängt, dafür aber alles Englische um so
begeisterter angehimmelt wurde. So mußte denn wie bis zum jetzigen
Weitkriege für so viele deutsche Erzeugnisse auch für die Veränderung der
Schreibschrift die Bezeichnung als „englisch“ ihren Wert und ihre Ein-
führung ermöglichen. Daß man hierfür ebenso wie in Deutschland und
Frankreich auch in England Beispiele fand, ist selbstverständlich.
E 2. und 3. Heft des Archivs für Schriftkunde fordert Herr Prof. Kuhlmann
190 Professor Ansgar Schoppmeyer
Hinsichtlich der sog. deutschen ,,derben und markigen‘ Handschrift
darf doch nicht vergessen werden, daß sie erstens sehr lange in den Kinder-
schuhen blieb und daß es zu allen Zeiten und in allen Ländern zweierlei
Handschriften gab, die des geübten und des ungeübten Schreibers. Ebenso-
wenig, wie man die siebenbürgischen Wachstafeln oder pompejanischen
Wandkritzeleien mit den Prachthandschriften altrömischer Klassiker in
Vergleich bringen kann und wie sogar die für weniger wertvolle Hand-
schriften allgemein übliche, flüchtiger geschriebene Kapitalschrift höhend
Capitalis rustica-Bauernschrift genannt wird, sollte man die unbeholfene,
seit ihren Anfängen im 15. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast gar
nicht vervollkommnete deutsche Schreibschrift mit den kalligraphischen
Leistungen außerordentlich geübter Schönschreiber vergleichen. Die
derben und markigen deutschen Krähenfüße auf den Feldpostkarten eines
frisch vom Pfluge gekommenen Rekruten würden jedenfalls bald ganz
andere Formen annehmen, wenn dieser gezwungen wäre, in einem Kontor
monatelang vom frühen Morgen bis späten Abend Briefe zu schreiben.
Die deutschen Geistesheroen der Renaissance versuchten sich auch zum
ersten Male beim Schreiben in deutscher Sprache und Schrift und benutzten
mit sehr viel Zeit und Mühe die in Nordfrankreich entstandene, bald auch
in Deutschland gebrauchte gotische Schreibschrift, die dadurch auch nur
wenig flüssiger wurde; die meisten Gelehrten schrieben aber auch ferner-
hin noch lange Zeit in lateinischer Sprache und verwendeten hierzu die in
Italien und Frankreich üblich gewordene lateinische Kursivschrift, geübte
Schreiber aber schrieben deutschen Text stets in sehr schöner, der Druck-
schrift ähnlicher Fraktur, und wenn sie einmal gelegentlich nebenbei die
deutsche Schreibschrift verwendeten, geschah dies kalligraphisch und sie
versahen dieselbe ebenfalls reich mit Schnörkeln. Das 16. Jahrhundert
mit seinen Religionskriegen und das 17. mit dem 30jährigen Kriege boten
wenig Gelegenheit zur Weiterbildung der deutschen Schrift, im 18. Jahr-
hundert aber, als an allen deutschen Höfen und in gebildeten Kreisen fran-
zösisch gesprochen und geschrieben wurde, mußte auch lateinisch geschrie-
ben werden. Ist es da zu verwundern, daß diese Schrift im Rokokko so
ausgebildet und so reich ausgestattet, die deutsche aber als ,,Bauern-
schrift‘‘ vernachlässigt wurde. Wo diese gebraucht wurde, geschah es mit
wenigen Ausnahmen von ungeübter Hand und während sie im 16. Jahr-
hundert auch in Schreibvorlagen möglichst kalligraphisch vorgeführt
wurde, schenkte man ihr im ı8. Jahrhundert kaum Beachtung. Nach
den Befreiungskriegen wurde die französische Sprache mehr und mehr
verdrängt, man empfand aber nach der langen Gewöhnung an die schwung-
volle und elegante lateinische Schrift die Unbeholfenheit der damaligen
deutschen recht unangenehm, und bei dem stark vermehrten und daher
schnelleren Schreiben ergab sich die zusammenhängendere und rundlichere
Form in Anlehnung an die gewöhnte lateinische Schrift von selbst. Be-
günstigt wurde die flüssigere Form auch durch das immer glatter werdende
Der „britische Schnörkel‘ 191
Papier. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob eine aus so vielen An-
sätzen und so verschieden gestellten Einzelstrichen beschriebene oder in
der jetzt üblichen (nicht sehr verschnörkelten) Weise ausgeführte Schrift-
seite ästhetisch schöner wirke, das ist Geschmackssache, aber die erstere
zu enträtseln würde sehr zeitraubend sein und gewiß wird mir Herr Prof.
Kuhlmann zugeben, daß im heutigen kaufmännischen Beruf keine Zeit
vorhanden ist, alle Briefe mit derselben gemütlichen Ruhe wie vor 200
oder 300 Jahren zu bemalen. Diese Zeit hat heute kein Kaufmann, kein
Gelehrter, selbst keine Hausfrau. Möge man versuchen, Kinder mit einer
derartigen altertümlichen Schrift zu quälen, der Erfolg würde derselbe
sein, wie beim neuen Zeichen- oder richtiger Malunterricht, d.h. bei der
großen Mehrzahl der Kinder eine wüste Schmiererei, und sobald sie im Beruf
eilig tätig sind, werden sich ihre Schriftformen bald wieder den heutigen
nähern oder sich zu einer noch schlimmeren Kritzelei entwickeln, als sie
heute unter dem Namen Steilschrift bei unseren Sekundanern und Pri-
manern beliebt ist. In der Theorie ist solche Vereinfachung sehr schön, in
der Praxis wäre sie sehr kurzlebig und sie würde schwerlich dauernden
Erfolg haben als z.B. die Versuche, die Herren Ärzte zu überreden, ihre
Rezepte in einer halbwegs lesbaren Schrift auszuführen. Man kann daher
der Kaufmannschaft nur danken, daß sie ihre Angehörigen veranlaßt,
sauber zu schreiben, und immer noch ist eine selbst verschnörkelte lesbare
Schrift besser als eine ganz unlesbare Kritzelei.
Was nun die „britischen Schnörkel‘ betrifft, so sind auch diese nicht
englischen, sondern im Gegenteil deutschen Ursprungs! Wie heute jeder
Kunsthistoriker weiß, liebten die Angelsachsen im Gegensatz zu den Iren
die Ornamente wenig, sondern schmückten im 9. bis ıı. Jahrhundert ihre
Schriften mit überaus flotten, im übrigen Europa ganz ungewöhnlichen
figürlichen Federzeichnungen. Erst die näheren Beziehungen zu Frank-
reich bürgerten auch in England französische Schriftausstattung ein.
Selbst im Rokokko blieb hier die lateinische Kursive immer noch nüchter-
ner und einfacher als im übrigen Europa. Den Anstoß zu den reichen
Schriftschnörkeln gab Frankreich im 15. Jahrhundert, als es seine gotischen
Initialen mit keulenförmigen Seitenstrichen (Flamboyantstil) umgab, die
auch bald in Deutschland Beifall fanden und welche Dürer noch in seinem
Gebetbuch Maximilians verwendete. Die bis dahin und auch später noch
üblichen, nicht mehr geschriebenen, sondern gemalten Unzial-Initialen
boten keine Gelegenheit zu geschriebenen Ornamenten, sondern wurden
mit kleinen Gemälden oder Federzeichnungen ohne Schriftcharakter ge-
füllt, und als in Frankreich die verschiedenen Ubergangsformen (z. B.
Geofroy Torys ,Cadeaulx‘“‘) nicht weitergebildet wurden, weil die italieni-
schen Renaissanceformen die Alleinherrschaft eroberten, hörte dort jedes
geschriebene Ornament auf. In Deutschland dagegen führte die Weiter-
bildung der Übergangsformen zu der schönen Frakturschrift und die großen
Initialen forderten förmlich zur Ausstattung mit Schnörkeln, ursprünglich
192 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig
im Charakter des Flamboyanstils, bald aber zu reichem, ineinander und
durcheinander greifendem Rollwerk heraus. Schreiber wie Buchdrucker
wetteiferten im Gebrauch solcher Initialen und füllten nicht nur diese,
sondern ganze Seiten neben und zwischen dem Texte mit Rollwerk in
üppigster Weise, beobachteten aber stets in gewissenhafter Weise den
Schreibcharakter. Ich betone letzteres besonders, weil am Ende des vorigen
Jahrhunderts bei der Neubelebung der Renaissance mit wenigen Ausnahmen
sämtliche Künstler wie Schriftzeichner durch Nichtbeachtung des Schreib-
charakters statt schöner Formen häßliche Karikaturen schufen und ebenso
wie viele Architekten und Maurerpoliere den Namen Renaissance in Ver-
ruf brachten.
Bis zum 30jährigen Krieg hatte man sich in Deutschland so an diese
Ornamentierung gewöhnt, daß man auch die lateinische Kursivschrift damit
ausstattete, und als diese unter Ludwig XIV. zu besonderer Pflege kam,
wurde sie auch dort mit geschriebenen Schnörkeln versehen und nun in
ganz Europa, besonders elegant in Italien, jedes Schriftstück mit ‚‚Schreiber-
zügen‘‘ ausgestattet. Gerade in Deutschland waren es weniger die Kupfer-
stecher, als vielmehr sämtliche Schullehrer, auch der kleinsten Orte, die
zahllose Vorlagebücher und Blätter mit den verwickeltesten Schreiberzügen,
oft sogar Darstellungen von Porträts, schrieben und je nach ihrem Können
mehr oder weniger künstlerisch schmückten. Weniger Begeisterung als
in Deutschland fand diese Verschnörkelung in England und, wie schon
erwähnt, wurde dort auch die lateinische Kursive einfacher und nüchterner
geschrieben als in Deutschland und Frankreich, besonders aber in den
vielen kaufmännischen Kreisen, und vielleicht hat auch dieser Umstand
dazu beigetragen, die neue nüchterne Schreibweise und die öden, nichts-
sagenden und langweiligen Schnörkel der Biedermeierzeit im Gegensatz
zu den üppigen Formen des deutschen Rokokko als ‚„englisch‘‘ zu bezeich-
nen, das würde aber dann ebenfalls das Gegenteil von dem bedeuten, was
in dem besprochenen Aufsatz gezeigt werden sollte.
Mitteilungen aus dem
Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig.
D: Befürchtung mancher Freunde des Leipziger Schriftmuseums, der
Krieg werde das in der Entwickelung stehende Museum gleich in
seinen Keimen ersticken, ist Gott sei Dank nicht zur Wahrheit geworden.
Zunächst sah es sogar so aus, als ob sich das Museum dank dem Entgegen-
kommen der Stadt Leipzig, die ihre prächtige Betonhalle für dasselbe leih-
weise zur Verfügung gestellt hatte, bereits jetzt voll entfalten könnte.
Mitt eilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 193
Leider hat aber die Militärverwaltung diese Halle für sich beansprucht,
so daß das Museum ausziehen mußte, ohne zunächst zu wissen, wohin.
Auch hier hat wieder in dankenswerter Weise die Stadt Leipzig helfend
eingegriffen, so daß wenigstens in beschränktem Maße die Schätze des
Museums zugänglich sind und andere auf Verlangen vorgelegt werden
können.
Für das Museum selbst sind die Räume des zweiten und dritten Ober-
geschosses des Deutschen Buchgewerbehauses auf der Dolzstraße, am
Eilenburger Bahnhof, benutzt worden, während für die Bibliothek, den
Lesesaal und die Blattsammlungen sowie all dasjenige, was wegen Raum-
mangel nicht ausgestellt werden konnte, die früheren Räume der Deutschen
Bücherei, die jetzt ihr neues Gebäude bezogen hat, Gerichtsweg 26, zur
Verfügung stehen. In diesen Räumen befindet sich auch die Leitung
und Kanzlei des Museums.
Zugänglich sind zur Zeit rund 20 Räume (gegenüber 88 in der Beton-
halle), die im folgenden kurz charakterisiert seien.
Die Vorstufen der Schrift, deren besondere Pflege sich das
Leipziger Völkermuseum unter der tatkräftigen Leitung von Professor
Weule angelegen sein läßt (vgl. dessen schnell orientierendes Buch ‚‚Vom
Kerbstock zum Alphabet‘), sind absichtlich nur andeutungsweise aus-
gestellt, aber doch so, daß der Besucher die Anfänge der Schrift in ihren
Vorläufern vor sich sieht und nicht sofort auf ausgebautere und ent-
wickelte Schriftsysteme stößt. Die ausführliche Darstellung der Vorstufen
der Schrift soll nach wie vor dem Leipziger Völkermuseum überlassen
bleiben.
Die Beschränkung und Eigenart der jetzigen Räume ließ leider die
frühere Geschlossenheit der Darstellung nicht mehr zu. So stoßen wir
zunächst nun auf die Islamische Welt. Der Raum ist mit einem
Arabischen Buchladen, der vollständig eingerichtet ist, geschmückt. Der
Vorraum zeigt die Schreibgeräte in den verschiedensten Ausführungen
und in besonderen Tafeln die Entwickelung der arabischen Schrift, während
ausliegende Original-Manuskripte und Bücher den verschiedenen Duktus
der Schrift vorführen. Prächtige Koranhandschriften, zum Teil von
großem Wert, sind hier besonders bemerkenswert.
In die Indische Schriftwelt führt der nächste Raum, der
in einer besonderen Zusammenstellung die indischen Schriften über-
sichtlich zeigt. Auch hier fehlen natürlich Schreibmaterial und Schreib-
utensilien nicht, da ihr Stoff respektive ihre Beschaffenheit ja von aller-
größtem Einfluß auf die Schrift selbst sind. Wie im Raum des Islam,
haben wir auch hier zum Teil wertvolle Originalmanuskripte vor uns.
Palmblattbücher vom einfachsten mit bloßem Holzdeckel als Bucheinband
versehenen Stück bis zum prächtigsten, mit Edelsteinen und Silberbe-
schlägen versehenen Exemplar liegen mit aus.
194 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig
Japan, China und Korea schlieBen sich nun an, erstere beide
durch Dioramen belebt. Ein Japanischer Buchladen und ein Chinesisches
Gelehrtenhaus, das von einem Prinzen der letzten Dynastie in China er-
worben wurde, gereichen diesen Räumen zur besonderen Zierde. Dank
der opferfreudigen Mithilfe des Leipziger Sinologen Universitätsprofessor
Dr. Conrady ist das Museum in die Lage versetzt, an Hand von Schrift-
tafeln, die Professor Conrady selbst entworfen hat, die Entwickelung der
chinesischen Schrift klar vor Augen zu führen. Im übrigen ist für diese
Abteilungen das Material an Beweisstücken fast zu reichlich, da die Samm-
lung von Schriftrollen, Schreibgeräten, Pinseln usw. vielleicht die größte
in Deutschland ist.
Auch der Ägyptische Raum weist für die Schriftgeschichte
alles Wichtige auf. Daß der Stein von Rosette in einem gut gelungenen
Gipsabguß nicht fehlt, ist selbstverständlich. Aber auch die Canopus-
Stele ist vorhanden. Außerdem zeigen viele Inschriften im Abguß, ein-
zelne sehr wertvolle auch im Original, besonders deutlich die Entwickelung
der Hieroglyphen, die uns im übrigen drei von dem Ägyptologen Möller
in Berlin entworfene Tafeln durch die Jahrhunderte sehr instruktiv vor
Augen führen, zumal wenn die zahlreichen Photographien und die aus-
hängenden Papyri mit verglichen werden.
Fir den Babylonisch-assyrischen Raum hat Univer-
sitatsprofessor Geheimrat Dr. Zimmern Tafeln entworfen, die die Ent-
wickelung der Keilschrift zeigen, während Professor Weißbach in einer
Tafel die Entzifferung der Keilschrift vorfiihrt. Mächtige Stelen und
wohlgelungene Gipsabgüsse aus den verschiedensten Perioden vervoll-
ständigen hier das Material.
Räumlich recht beschränkt sind die Abteilungen, die dm Kanaa-
näischen, Aramäischen, Phönizischen und Hebrä-
ischen gewidmet sind, für deren Bearbeitung wir Herrn Oberlehrer
Dr. Thomsen-Dresden zu größtem Danke verpflichtet sind. Nur de
wichtigsten Stücke sind ausgestellt, während eine planmäßige Darstel-
lung erst im Neubau erfolgen kann. Dasselbe gilt auch für den Kreis
des Ägäischen und Minoischen, wie für die Griechisch-
Römische Welt, die für die Buchgewerbliche Weltausstellung mit
soviel Liebe und Sorgfalt von dem Leipziger Universitätsprofessor Dr.Gardt-
hausen zusammengestellt worden war und heute vollständig dem Schrift-
museum gehört. Auch hier sind nur markante Stücke und einzelne Ent-
wickelungstafeln, sowie Beschreibstoffe und Schreibzeuge in beschränkter
Auswahl dem Publikum gezeigt, während dem, der spezielle Studien
machen will, im Saal der Blattsammlungen, Gerichtsweg 26, zahlreiche
Belegstücke zur Verfügung stehen.
Am schlechtesten weggekommen sind bei der jetzigen Beschränktheit
der Räume die Abteilungen des Christlichen Orients, das
Abessinische Sprachgebiet und die Byzantinische Kultur,
Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 195
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Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 14
196 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig
die nur andeutungsweise trotz des vorhandenen zahlreichen Materials
vorgeführt werden konnten. Auch die Runen mußten ihren Platz auf
dem Treppenhause e‘nnehmen, wo jetzt eine Anzahl Runensteine, dar-
unter der Stein von Rok, stehen.
Im dritten ObergeschoB finden wir das gesamte Mittelalter,
während die Neuzeit gänzlich magaziniert werden mußte, aber doch
zum großen Teile in den Verwaltungsräumen zugänglich ist. Der Stamm-
baum der abendländischen Schrift wird manchem sehr willkommen sein.
Besonders wertvoll ist aber der Ankauf der Schoppmeyerschen Samm-
lung, die in ihrer Gesamtheit zum Preis von 100.000 Mark an das Museum
kam. Was aus ihr für die Schriftgeschichte herausgeholt werden kann,
wird ein späterer Aufsatz in unserem Archiv für Schriftkunde zeigen.
Nur kurz angedeutet sei die Tatsache, daß rund 50 Handschriftenbände
und viele Reproduktionen das Material wertvoll bereichern.
Das dritte Obergeschoß hat, wenn auch nur geringen Raum, schließlich
noch den Abarten der Schrift, wie Kurzschrift, Blindenschrift, Geheim-
schrift usw. überlassen. i
Dieser kurze Überblick zeigt, wie wir hoffen, daß tatsächlich trotz
des Krieges das Schriftmuseum sich lebensfähig erhalten hat, wenn es
auch zur Zeit räumlich gegenüber der Betonhalle sehr eingeschränkt
ist. Ein Neubau steht in Aussicht, dessen Bild wir vorstehend diesen
kurzen Bemerkungen beigeben und der, wie zu hoffen steht, nicht allzu-
lange auf sich warten läßt.
Verlag von K. F. Roebler in Leipzig.
Soeben erfdien:
Die beiten
dDeutiden Romane
Zwölf Lijten zur Auswahl
Mit einer gef[didtliden Cinleitung:
Welhe Romane muk man als Deutfder lefen?
Bon Brofeffor Adolf Bartels
Dritte vermehrte und verbejjerte Auflage (11. bis 15. Taujend)
8°, Umfang 8 Bogen in Umfdlag; Preis 1 Marl.
Der Beitand der deutigen Romane ift In den legten Jahrzehnten fo
ungeheuer angewadjfen, daB
ein zuverläfliger Führer
für den Buhhändler und das Publitum
zu einem direlten Bedürfnis wurde. In diefem Kührer find zwölf Liften guter
deutfher Romane nad) den Gattungen aufgejtellt, und der befannte Literatur»
Hiftoriler Prof. Adolf Bartels, der wohl die größte Belefenheit auf
diefem Gebiete in Deutfhland Hat, [dried eine gefdidtlide Einleitung dazu.
Jeder der aufgenommenen Romane
ijt fura und treffend dyaralteriliert.
Das fo entitandene überfiäjtlihe und neuartige Büchlein, für deffen
nationale und äfthetifhe Zuverläffigleit der Name Bartels hinreichende
Gewähr bietet, verdient die weitefte Verbreitung.
Die zwei erjten Auflagen von je 5000 wurden in
einem halben “Sahr verfauft.
Zu beziehen durch jede Buchhandlung.
Drud von Breitlopf & Härtel in Leipzig.
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>.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 197
Türkische Nationalschrift
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift
Von Paul v. Janko.
Einleitung.
D; türkische Schrift ist ein Meisterwerk in graphischer Beziehung.
Sie gestattet eine natürliche bequeme Handhaltung, läßt sich also
ohne Anstrengung ausführen, die Wörter bekommen in ihr eine cha-
rakteristische, von anderen Wörtern deutlich unterschiedene Gestalt
und ihre Kürze kommt den stenographischen Systemen anderer Spra-
chen sehr nahe.
Sie ist jedoch ein Meisterwerk nur in graphischer Beziehung, d. h.
in bezug auf die Form der Buchstaben und deren Verbindungen. Lei-
der läßt sich nicht dasselbe sagen in bezug auf die Anwendung dieser
Zeichen speziell auf die türkische Sprache. Diese Anwendung muß
sogar als sehr ungünstig bezeichnet werden, denn, wie bekannt, gibt
es in der türkischen Schrift Buchstaben, die auf mehrere verschiedene
Weisen gelesen werden können — bis zu sieben bei | und bis zu fünf
bei d —, und umgekehrt gibt es Laute, die überflüssigerweise mit
verschiedenen Buchstaben dargestellt werden können — bis zu vier
bei > > 5 ;. Infolgedessen könnten die meisten Wörter auf ver-
schiedene Weise geschrieben werden, von denen aber in der Regel
nur eine als richtig angesehen wird, die man sich also merken muß.
Aber selbst dort, wo zwei oder gar mehr verschiedene Schreibweisen
zulässig sind, ist dies ja auch nur die Quelle von Schwankungen.
Noch unvorteilhafter ist es mit dem Lesen bestellt, denn viele Wörter
könnten zwar auf verschiedene Arten gelesen werden, aber wo es
mehrere Lesarten gibt, die zulässig sind, hat fast immer jede davon
eine andere Bedeutung und man muß aus dem Satzzusammenhang
erraten, welche von den möglichen Lesarten im vorliegenden Falle
gerade gemeint sein muß.
Diese Umstände bringen es mit sich, daß selbst der gebildete Türke,
von einem bisher nicht bekannten Wort, dem er in einer Zeitung oder
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. 1. 5. 15
198 Paul v. Janko
in einem Buch begegnet, nicht wissen kann, wie es ausgesprochen
wird, er muß dann ein größeres Wörterbuch mit mehr oder weniger
genauer Aussprachebezeichnung zu Rate ziehen; bei Eigennamen ver-
sagt selbst dieses Mittel und es ist oft unmöglich zu erraten wie
Einer heißt, wenn man seinen Namen liest; ebenso kann man einen
Namen oft nur sehr schwer in einem Adreßbuch herausfinden, da
man nicht sicher sein kann, wie er von dem Herausgeber in türkischer
Schrift dargestellt worden ist.
Alle diese Schwierigkeiten sind schon längst bekannt, aber in letzter
Zeit, wo das Bestreben eingetreten ist, den Gebrauch der türkischen
Sprache im Handel und Verkehr mehr zu betonen, sind diese Schwierig-
keiten noch fühlbarer geworden. Man hat eingesehen, welche Nach-
teile es dem türkischen Volk bringt, wenn die Beschaffenheit der
Schrift das Erlernen der Sprache den einheimischen Kindern sowie
den erwachsenen Fremden unverhältnismäßig erschwert und selbst
bei Kennern immer noch Unbestimmtheiten bestehen läßt; es hat
deshalb auch nicht an Vorschlägen gefehlt, Abhilfe zu schaffen.
Eine Richtung in diesen Bestrebungen will die lateinischen Buch-
staben einführen, und, wenn das Alphabet in guter Kenntnis der
türkischen Phonetik aufgestellt würde, könnte auf diese Weise das
Erlernen der türkischen Sprache sehr erleichtert werden. Leider
müßte man aber mit der jetzigen türkischen Schrift auch ihre staunens-
werte Prägnanz und Kürze aufgeben.
Die Lateinschrift der europäischen Sprachen geht so langsam vor
sich, daß man für sie Stenographiesysteme aufgestellt hat, nicht allein
um sie zum Nachschreiben von Reden zu verwenden, sondern überall
wo man das schwerfällige Schreibgeschäft erleichtern will. Um diese
Stenographiesysteme zu gebrauchen, muß man eine ganz neue Schrift
erlernen, mit besonderen, oft komplizierten Vorschriften für die Ver-
bindung der Buchstaben und mit vielen Abkürzungen, die man sich
merken muß. All das erfordert längeres Studium, während die Türken
in ihrer Schrift ein System besitzen, das an Kürze bereits den ersten
Grad der Stenographien erreicht, und dessen Kürze noch gesteigert
werden kann durch Weglassung der diakritischen Zeichen, wobei die
Wortbilder gerade wegen ihrer sehr charakteristischen Gestalt trotz-
dem noch lesbar bleiben.
Es hieße deshalb die großen Vorteile der lateinischen Buchstaben
mit dem Verlust anderer, ebenfalls großer Vorteile der türkischen
Schrift erkaufen, und der Tausch wäre kaum vorteilhaft.
Eine andere Reihe von Reformvorschlägen geht von der jetzigen
türkischen Schrift aus und unterwirft sie mehr oder weniger durch-
greifenden Veränderungen, um das Erlernen zu erleichtern.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift | 199
Es würde zu weit führen, alle diesbeziiglich bekanntgewordenen |
Vorschläge zu besprechen, und ich werde mich auf einige Bemerkungen
beschränken, die teils die Nachteile zeigen sollen, die ich in meinem
System vermeide, teils die beachtenswerten guten Eigenschaften her-
vorheben, die einzelne dieser Systeme enthalten.
Die meisten Vorschläge suchen die Erleichterung dadurch zu er-
langen, daß sie die Buchstaben, nicht wie es jetzt geschieht, mitein-
ander verbinden. Jeder Buchstabe wird von seinem Nachbar getrennt
angesetzt, wie das in der Druckschrift der lateinische, griechische
und slawische Buchstaben schreibenden Völker geschieht. Wenn die
Formen zweckmäßig gewählt sind, kann man hiergegen, wenigstens
für die Druckschrift, nichts einwenden. Leider aber verfallen die Er-
finder der meisten dieser Systeme in den Fehler, alle ihre Buchstaben
genau oder nahezu gleichgroß zu machen. Das hat zur Folge, daß
der Leser genötigt wird, immer wieder die Form der einzelnen Buch-
staben zu betrachten, anstatt die Gestalt des ganzen Wortbildes mit
einem Blick zu übersehen. Erleichtert wird dabei also nur der aller-
elementarste Teil des Lesenlernens, wo der Schüler sich noch auf
der Stufe befindet, die Buchstaben einzeln zu unterscheiden. Für die
höhere Lesefertigkeit, wo man die Gestalt des Wortbildes auffassen
soll, bedeutet eine solche Schriftgattung keine Erleichterung, sondern
eine Erschwerung. Eine solche Druckschrift mit gleichgroßen oder
nahezu gleichgroßen Buchstaben stünde an Deutlichkeit sogar weit
hinter der lateinischen oder griechischen Schrift, welche eine Ab-
wechslung bieten zwischen kleineren Buchstaben und solchen die
über die Zeile und unter sie reichen und daher den Wortbildern
charakteristischere Gestalt geben als beispielsweise der russische
Druck, der durch die vielen fast gleichgroßen Buchstaben beim Lesen
sehr ermüdend wirkt.
Ein sehr beachtenswertes unter den vorgeschlagenen Systemen ist
et Au AO], das tatsächlich in militärischen Drucksachen An-
wendung gefunden hat. Es verwendet wirkliche türkische Buchstaben,
hat also den Vorteil, daß die bereits lesekundigen Türken nicht nötig
haben, diese Buchstaben zu erlernen. Auch sind diese Buchstaben
tatsächlich von ziemlich verschiedener Größe, die Wortbilder wären
also nicht so schwer zu überblicken, wie jene vorangegangener Systeme.
Dieses System vermeidet also zwei große Fehler der vorangegangenen
Systeme. Leider aber wäre die Schreibschrift mit ihren lauter ge-
trennten Buchstaben auch hier sehr schwerfällig, namentlich weil man
hier die sogenannten alleinstehenden Formen der Buchstaben gewählt
hat, welche unter den vier möglichen Formen der türkischen Buch-
staben die breitesten und zeitlich längsten sind: deshalb könnten lese-
15*
200 Paul v. Jankó
kundige Türken, trotzdem sie die einzelnen Buchstaben erkennen, die
Wörter nur herausbuchstabieren, aber nicht flüssig lesen, bevor sie
sich darin längere Zeit geübt haben.
Es wäre auch unabwendbar, daß sich in der Praxis, in der geschrie-
benen Schrift. Verbindungen dieser alleinstehenden Buchstaben her-
stellen. Das gäbe bis jetzt unbekannte Formen und dazu viel längere
und unbequemere als die jetzigen Verbindungen; man hätte also schließ-
lich in graphischer Beziehung eine unvorteilhaftere Schrift als jetzt,
ohne dem Anfänger die beabsichtigte Erleichterung verschafft zu haben.
Wenn man dieses System in graphischer Beziehung für ungünstig
erklären muß, so kann man dagegen anerkennen, daß es in phonetischer
Beziehung sich auf dem richtigen Weg befindet und hierin nahe ans
Ziel gelangt ist, indem es bestrebt war, für jeden Laut einen beson-
deren Buchstaben zu setzen, zu diesem Zweck aber keine neuen
Grundzeichen erfand, sondern nur die bereits vorhandenen mit diakri-
tischen Zeichen versah, so daß in der Schrift keine fremdartigen, dem
Stile widersprechenden und daher dem türkischen Auge widerwärtigen
neuen Zeichen erscheinen. All das sind nachahmenswerte Grund-
sätze, die auch ich in meinem System befolge.
Außer den Systemen, die man aufgestellt hat, um die heutige tür-
kische Schrift zu ersetzen, möchte ich noch zwei Richtungen erwähnen,
die man eigentlich nur Methoden nennen kann, weil sie bloß beab-
sichtigen, das Erlernen der türkischen Schrift zu erleichtern, ohne die
offizielle Orthographie zu ändern. Sie führen provisorische Zeichen
ein, die man später wieder wegläßt, die aber während ihrem Gebrauch
mit einem neuen Schriftsystem Ähnlichkeit haben.
Eine dieser Methoden: La.) as )s* von ..«.! ist in der Ausgabe des
Unterrichtsministeriums erschienen und wird in einer Anzahl tiir-
kischer Schulen verwendet. Es läßt die Grundform der Wörter un-
verändert, und fügt bei den Buchstaben ‚= „ ö besondere Zeichen |
bei, um die verschiedenen Aussprachen derselben Buchstaben zu be-
zeichnen. Dadurch werden von den Zweifeln beim Lesen viele be-
hoben; allerdings nicht alle, denn an den Stellen, wo man jetzt den
Vokal gar nicht schreibt, wird er auf keine Weise angezeigt, so daß
beispielsweise das Wort „s ebenso wie in der heutigen Schrift ver-
schiedene Lesarten hat, und wie der zweite Vokal in den Wörtern
Azs «U.> Lu lauten soll, wird durch die Mittel dieser Methode
nicht angedeutet.
Auf dem Wege, dem Anfänger Andeutungen fürs Lesen zu bieten,
ist ein anderes Lehrbuch noch weiter gegangen. Es ist betitelt:
Lai dem, Sol Aa von Wiis rar und ist erschienen bei „-öl=us
in Jesu.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 201
In diesem Buche finden wir, außer den Unterscheidungszeichen für
5 >. 9, auch die Andeutung des Vokales in den Fällen, wo er in
der heutigen Schrift gar nicht geschrieben wird. Für den Vokal, der
im Wort a; vorkommt, geschieht dies durch das Zeichen ” an der
Stelle, wo der Vokal stehen sollte. So werden also die Vokale in
den Wörtern Al K “Ss «ul; genau bezeichnet, ohne daß die
Grundform des Wortes verändert würde.
Bei den vier Vokalen, die mit dem Buchstaben „ mit seinem Zusatz-
zeichen angedeutet werden, ist das nicht mehr der Fall; im Worte
<~«,> muß man ein solches „ schreiben, um den ersten Vokal anzu-
deuten. Die Grundform des Wortes wird also verändert und der
Schüler gewöhnt sich an ein Wortbild, das er sich später wieder ab-
gewöhnen muß.
‚Aus dem Beispiel dieser beiden Methoden sehen wir die unüber-
windlichen Schwierigkeiten, wenn man die offizielle Form der Wort-
bilder nicht ändern will: entweder bleibt die Aussprachebezeichnung
unvollständig oder sie erzeugt Wortbilder, die man sich später wieder
abgewöhnen muß.
Hier kann nur eine gründliche Reform Abhilfe schaffen, bei der man
sich nicht scheut, einerseits die Aussprache vollständig zu bezeichnen,
andererseits dabei die neue Schreibung der Wörter nicht bloß als
provisorische Form für Anfänger zu betrachten, sondern als endgültige
offizielle Schreibweise.
Wenn eine neue türkische Schrift die gegenwärtig bestehenden
Nachteile beheben soll, ohne andere Nachteile dafür zu setzen, so
muß sie an der ausgezeichneten graphischen Charakteristik der jetzigen
Schrift festhalten, aber außerdem noch folgende Bedingungen erfüllen:
I. Jedes geschriebene Wort soll nur auf eine einzige Art gelesen
werden können.
2. Jedes gesprochene Wort soll nur auf eine einzige Art geschrieben
werden können.
3. Um richtig lesen und schreiben zu können, soll es genügen, die
Buchstaben mit ihrer Aussprache, sowie einige feste Regeln zu er-
lernen.
4. Die neue Schrift soll sich dabei der bisherigen Schrift so nahe
als möglich anschließen.
Bei dieser letzten Regel handelt es sich natürlich nicht allein darum,
die allgemeinen Prinzipien des türkischen Schreibsystems einzuhalten,
sondern man muß in der praktischen Durchführung zu erreichen
suchen, daß die Wortbilder in der neuen Schrift so wenig als nur
möglich von der bisherigen Schriftweise abweichen. In der Aufstellung
eines solchen Systems muß das Ideal vorschweben, daß die neue
202 Paul v. Jankó
Schrift von einem der türkischen Sprache Kundigen ohne besonderes
Studium lesbar sein soll.
Um dies alles zu erreichen, habe ich die Grundzeichen in ihrer
bisherigen Verwendungsweise beibehalten, davon einige überflüssige
fortgelassen, aber kein neues Grundzeichen aufgestellt. Zur Unter-
scheidung habe ich die schon jetzt gebräuchlichen Punkte verwendet
und ihnen nur zwei solche Zeichen zugefügt, die der heutigen Schrift
nicht fremd sind, nämlich zwei untereinander stehende Punkte und
ein Zeichen ~, das wie eine kleine Ziffer 7 aussieht. Beide sind in
Zierschriften häufig anzutreffen, das erste statt der nebeneinander-
liegenden Punkte, das zweite dagegen zur bloBen Ausschmiickung.
Ich verwende beide derart, daß der schriftkundige Türke das Wort
erkennt, wenn er die zwei Punkte als nebeneinander stehend ansieht
und wenn er das Zeichen y als nicht vorhanden betrachtet.
Mit Rücksicht darauf, daß dieses Schriftsystem bestimmt ist, den
nationalen Bestrebungen der Türken in den hier dargelegten verschie-
denen Richtungen Vorschub zu leisten, nenne ich sie
Türkische Nationalschrift.
Daß ich in ihr neben dem eindeutigen Entsprechen von gesprochenem
und geschriebenem Wort auch das Ideal erreicht habe, daß schrift-
kundige Türken diese neue Schrift lesen können, sogar ohne von ihrer
Existenz gehört zu haben, das hat sich bei öfteren darauf gerichteten
Versuchen bestätigt.
Ich unterbreite daher diese neue türkische Schrift den maßgebenden
Kreisen, in der Hoffnung, damit der türkischen Nation einen Dienst
zu erweisen.
Schließlich will ich nicht versäumen, anzuerkennen, daß mein Freund,
Herr Sophokles Hudaverdoglu, mir bei der Ausarbeitung dieses
Werkchens wertvolle Hilfe geleistet hat. Er unterzog meine Aufstel-
lungen einer strengen aber wohlwollenden Kritik, was mehrfach zu Ver-
besserungen führte, unter anderem zur Verwendung des Zeichens ~.
Er war auch so freundlich, mir die Veröffentlichungen über die voran-
gegangenen Systeme zur Verfügung zu stellen und mir Beiträge für
die Beispielsammlung zu liefern. Ich spreche ihm für all dies meinen
verbindlichsten Dank aus.
Konstantinopel, Februar 1916.
Paul v. Janko.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 203
Unverändert beibehaltene Konsonanten.
Eine ziemlich große Anzahl von türkischen Buchstaben kann ohne
jede Änderung in die neue Schrift übernommen werden, Buchstaben,
die schon in der gegenwärtigen Schrift nur auf eine Art gelesen
werden.
Es sind dies folgende 16 Buchstaben:
BP Ey Tree
Diese Buchstaben sollen genau so verwendet werden, wie dies in
der heutigen türkischen Schrift geschieht, d. h. sie sollen auch ihre
Form unverändert beibehalten, wie man sie alleinstehend oder am
Anfang oder in der Mitte oder am Ende schreibt.
Man könnte einwenden, daß es eine unnötige Komplikation sei,
mehrere Formen für einen Laut zu haben; daß dies sogar gegen das
Prinzip verstoße, daß jedes gesprochene Wort nur auf eine Art zu
schreiben möglich sein soll.
Hierauf ist zu erwidern, daß dieses Prinzip nur dann nicht gewahrt
wäre, wenn man nach Belieben die eine oder die andere Form an-
wenden könnte, oder bei den einzelnen Wörtern erlernen müßte, ob
die eine oder die andere Form anzuwenden sei. Allein das soll durch-
aus nicht der Fall sein, und ist schon in der heutigen türkischen
Schrift nicht der Fall, wo bekanntlich feste Regeln vorschreiben, wann
die einzelnen Formen desselben Buchstaben anzuwenden sind, Regeln
die so allgemein bekannt sind, daß es unnötig erscheint, hier darauf
näher einzugehen.
Der Grund, weshalb es zweckmäßig ist, diese Formen beizubehalten,
ist der, daß sie im wesentlichen dazu beitragen, den Wortbildern
ein so charakteristisches Gepräge zu geben, daß die Wörter selbst
dann noch gelesen werden können, wenn die hinzugefügten Punkte
undeutlich geraten sind oder sogar ganz fehlen. Das heißt so viel,
als daß diese Mannigfaltigkeit der Formen die Deutlichkeit der Schrift
erhöht. Die verschiedenen Formen eines Buchstabens lassen sich
auch leicht merken, da sie einander ähnlich und die Abweichungen
graphisch gerechtfertigt sind durch die Verbindung mit vorhergehenden
und nachfolgenden Zeichen, wenigstens bei den in Rede stehenden
Buchstaben. Nur die später zu behandelnden Buchstaben 5 » J
haben so stark voneinander abweichende Formen, daß deren Zu-
sammenhang nicht mit dem Verständnis sondern mit dem Gedächtnis
behalten werden muß.
204 Paul v. Janko
Fortgelassene Konsonanten.
Um das Prinzip zu befriedigen, daß jedes gesprochene Wort nur
auf eine Weise zu schreiben möglich sein soll, setzen wir fest, daß
die aufgezählten 16 Konsonanten auf keine andere Weise geschrieben
werden sollen, als eben mit diesen Buchstaben. Deshalb werden die
Buchstaben: -z f
gO: ee RS. a O z oO
nicht verwendet, weil sie nur Laute darstellen, die bereits mit den
oben aufgezählten Buchstaben geschrieben werden können.
Es wird von sprachgebildeten Türken anerkannt, daß 5 im Tür-
kischen nicht anders ausgesprochen werden als ,, + nicht anders
als o, © nicht anders als _», „> nicht anders als entweder wie ;
oder wie >, wenn auch diese Buchstaben im Arabischen spezielle
Aussprachen haben. Daß auch „ dieselbe Aussprache hat, wie das
später zu behandelnde >, hierüber wird noch gesprochen werden.
In der heutigen Schrift hat allerdings die Unterscheidung von (> w,
ebenso von > w den Vorteil, daß dadurch ein nicht geschriebener
Vokal einigermaßen angedeutet wird, z. B. in den Wörtern
5 Ne au so Sao
m AR „am ; Raw AA
I I I “
jedoch in der neuen Schrift, wo jeder Vokal deutlich ausgeschrieben
wird, ist eine solche Unterscheidung überflüssig.
Vokale.
-
j
bezeichnen wir den Vokal, der mit diesem Zeichen im Worte ;' ge-
schrieben wird*). Wir verwenden dieses Zeichen falls der betreffende
Vokal ganz alleinstehend, von anderen Wörtern getrennt, vorkommt,
und wenn er als erster Buchstabe eines Wortes steht.
Sonst verwenden wir für diesen Vokal das Elif ohne Medd in den
beiden Formen:
I. Mit
„N
in der Weise, wie dies in der heutigen Schrift ohnehin geschieht,
nämlich je nachdem es nach unverbundenen oder verbundenen Buch-
staben kommt.
Nachdem in der heutigen Schrift ' am Anfang des Wortes und '
‚in der Mitte und am Ende von Wörtern in den meisten Fällen mit
*) Deutsch: a.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 205
diesem Vokal ausgesprochen wird, erfüllt diese Festsetzung die For-.
derung, sich der heutigen türkischen Schrift möglichst zu nähern. In
der Tat behalten dadurch viele Wörter ihre jetzige Gestalt ganz un-
verändert. Beispiele:
ee re ibe to ee
OF ttre y AD pec
Wörter, die bisher mit den abgeschafften Buchstaben geschrieben
wurden, erhalten nun natürlich eine abweichende Schreibweise, ent-
sprechend ihrer Aussprache:
Wir schreiben: wi N ne
Se L \
statt: Raley OD EN yew
Ebenso erhalten Wörter, in denen bisher der Vokal ji mit einem
anderen Buchstaben geschrieben wurde, eine andere Schreibweise.
Beispiele:
Wir schreiben: 1. Nu ms izy how
statt: Ri ty Nw Newb Amy Aw
In Wörtern, wo dieser Laut vorkommt, aber bisher nicht geschrie-
ben wurde, wird er angesetzt. Zum Beispiel:
Wir schreiben: we GSS ule
statt: us ue wi. as MASS lo
. J 3 J s UV“
Nachdem wir das Elif für keinen anderen Laut als diesen Vokal
verwenden, könnte es überflüssig erscheinen, es im Anfang der Wörter
in der Gestalt !, mit dem Medd versehen zu schreiben; in der Tat
wäre dieses Zeichen entbehrlich; wir behalten es nur um das unvor-
bereitete Lesen zu erleichtern, da | am Anfang des Wortes immer
mit diesem Laut ausgesprochen wird, dagegen | nur sehr selten.
2. Über den Vokal, der im Worte si vorkommt*), ist zunächst zu
bemerken, daß er in verschiedenen Wörtern nicht immer in der glei-
chen Nuance ausgesprochen wird. In dem bekannten ausgezeichneten
Wörterbuch von olh sw ._& sind zwei verschiedene Aussprache-
bezeichnungen für diesen Vokal festgesetzt. Wenn man ganz genau
sein will, genügen zwei Zeichen nicht einmal, denn je nach der Wurzel
des Wortes und je nachdem was jenem Vokal vorausgeht und ihm
folgt, werden mehrere verschiedene Abstufungen zwischen den beiden
Extremen wie sie in den Wörtern ss und ~ vorkommen. Hat man
also bloß zwei Zeichen für die extremen Fälle, so kann man bei den
mittleren Nuancen zweifelhaft sein, ob man das eine oder das andere
*) Deutsch: e.
206 Paul v. Jankó
Zeichen gebrauchen soll, wie z. B. bei dem Worte ~,., wo der Vokal
sicher nicht so geschlossen ist, wie im Worte x3, aber auch nicht
so offen, wie in A. Überdies werden diese Vokale nicht von allen
Türken ganz gleich ausgesprochen, selbst nicht von denen der Haupt-
stadt, und endlich kommt diesen Nuancen keine wesentliche Bedeutung
zu, denn es gibt keine Wörter, die verschiedene Bedeutung haben,
je nachdem man den fraglichen Vokal in der einen oder anderen
Nuance ausspricht. Aus all dem Gesagten folgt, daB es zweckmäßig
ist, für diesen Vokal in der neuen türkischen Schrift bloß ein einziges
Zeichen aufzustellen.
Wir stellen diesen Vokal am Ende eines Wortes mit einem der
beiden Zeichen
& à
dar, je nachdem er auf einen verbundenen oder getrennten Buchstaben
folgt. Dies entspricht dem schon vorhandenen Gebrauch, so daß die
Wörter
u . Is. wt
BO ew AJ S.J sou AS\EL
ihre jetzige Gestalt behalten.
Am Anfang eines Wortes schreiben wir diesen Vokal immer mit
dem Buchstaben , obgleich er in der heutigen Schrift nicht mit
diesem Buchstaben, sondern gewöhnlich mit | allein dargestellt wird.
Ich habe mich zu dieser Abweichung entschlossen, weil man aus
dem Ende der Wörter heute schon gewohnt ist, im Zeichen s diesen
Laut zu sehen, wogegen das |! am Anfang des Wortes zwar sehr oft
diesen Laut bedeutet, z.B. im Wort ji, aber ebensooft, ja, wie ich
mich durch Zählung überzeugt habe, sogar noch etwas öfter, den
Laut hat, den man gewöhnlich mit „s darstellt, z. B. im Worte „It.
Außerdem wäre es auch nicht konsequent, mit Elif bald diesen
Laut s, bald den Laut ï zu schreiben. ;
Wir werden also, abweichend von dem heutigen Gebrauch, aber
doch wohl jedem Türken sofort verständlich
schreiben: Sow’ Aw 198 Las J»
Innerhalb des Wortes wird dieser Vokal in der Regel ausgelassen.
Es würde daher die Wortbilder ungemein verlängern, und schwer-
fällig gestalten, wollte man im Druck jedesmal einen besonderen
Buchstaben dafür einsetzen.
Nach den Buchstaben , ; , , 2 müssen wir allerdings das Zeichen
setzen, denn hier läßt sich die Abkürzung nicht anwenden, die ich
für die übrigen Fälle vorschlagen werde. Beispiele:
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 207
Wir schreiben: Ads, Asus) 5D
statt: ai, ASA II
Bei allen übrigen Buchstaben, welche bekanntlich mit dem folgenden
Zeichen verbunden werden können, haben wir in der Schreibschrift
das abgekürzte Zeichen für a, das in einem bloßen Herunterbiegen
des Striches besteht. Bei der Druckschrift können wir die Sache noch
kürzer machen, indem wir das Zeichen a einfach auslassen. Aber
wohlgemerkt, vor und nach dem Vokal setzen wir die Buchstaben
genau in der Form, wie wenn das x anzusetzen wäre.
So beispielsweise in dem Worte p setzen wir die beiden Buch-
staben ~ und , in denjenigen Formen, die sie annehmen wiirden in
dem Wortbilde ,.. Wir drucken also , und nicht etwa ~ und ebenso
und nicht etwa j» 50 daB dieses Wort in der Druckschrift die Form
>
erhält:
»
Obwohl nun hier das >» gar nicht geschrieben wird, erhält der Vokal
doch eine ganz deutliche Bezeichnung dadurch, daß für den vorher-
gehenden Buchstaben diejenige Form gebraucht wird, die man sonst
mit dem darauffolgenden Buchstaben verbindet. Beispiele:
Wir schreiben: 3? Uma J> ye
statt: 52 wae k> sang
J . s . e
us
Man sieht, daß bei diesem Verfahren das gewohnte Bild der Wörter
in der Druckschrift ziemlich gut gewahrt bleibt.
Wir werden dieses Verfahren auch dort anwenden, wo man in der
heutigen Druckschrift das Zeichen a innerhalb des Wortes ansetzt,
zum Beispiel: |
Wir schreiben: jede 3483 Ade
statt: ara al AAN
In den Wörtern, wo dieser Laut nach der heutigen Schrift mit
einem oder sogar zwei anderen Buchstaben geschrieben wird, werden
wir unsere regelmäßige Schreibweise anwenden, zum Beispiel:
Wir schreiben: w> Ge zen
statt: mr ow da) zen.)
In Wörtern, wo heute einer der abgeschafften Konsonanten steht,
werden wir ihn durch seinen Ersatz vertreten lassen, zum Beispiel:
Wir schreiben: Pd) 3 33 vow Am | 5 „?
statt: eo 5 Wo gus 3,03 se Ji
208 Paul v. Jankó
3. Die beiden Vokale, die in der heutigen Schrift mit _s geschrieben
werden, schreiben auch wir beide mit diesem Zeichen, unterscheiden
sie jedoch durch einen Zusatz beim schweren Vokal. Bei der leichten
Abart, wie er im Worte i vorkommt*), schreiben wir ihn ohne Zu-
satz. Die Formen für den Anfang und die Mitte schreiben wir die
zwei Punkte bei beiden Vokalen untereinander, so daß also der leichte
Vokal die vier Formen erhält:
S wo t i
Das Elif | vor dem ; am Anfang des Wortes lassen wir aus, weil
wir den Konsonanten auf andere Weise bezeichnen, wovon später
die Rede sein wird, eine Verwechslung also nicht vorkommen kann.
Die vertikale Stellung der zwei Punkte ist für den türkischen Leser
nicht befremdend, da er sie oft genug in Aufschriften und Zierschriften
zu sehen Gelegenheit hat. Er wird deshalb keine Schwierigkeit fin-
den, folgende Wörter zu lesen, wenn
wir schreiben: Ws 02.49 dels lag Se
ee? ae . ` * e .
statt < mA SAd Aeka 1.2 > . rd
Wörter, in denen dieser Vokal gegenwärtig gar nicht geschrieben
wird, werden sogar leichter lesbar werden. Zum Beispiel: Wenn
e . : S AA .' = . x sé . Š AJ ~
wir schreiben Vene Mn Nn un N ale a
e aa ce >| 3 me . eu j. Be
statt: Laney Ten 2 ras es mia
Das gleiche gilt für Fälle, wo man diesen Vokal mit anderen, un-
gewöhnlichen Zeichen darstellt, wo wir also
. . x ree N s A `
schreiben: ue (mr ln “22 N?
statt: N um Sue Li xX
Den ähnlichen aber schweren Vokal, wie er im Worte -ï vor-
kommt, den man gewöhnlich auch mit ‚> schreibt, werden wir vom
vorhergehenden durch ein darübergesetztes kleines Zeichen ~ unter-
scheiden.
Die vier Formen dieses Buchstabens werden also sein:
Fit:
Der Grund zur Einführung eines Unterscheidungszeichens über-
haupt ist, daß es durchaus nicht gleichgültig ist, ob man „5 oder „5
spricht, nachdem es Wörter gibt, die mit dem schweren `% ausge-
sprochen eine ganz andere Bedeutung haben, als mit .<. Beispiele:
*) Deutsch: i.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 209
y v wv
Wir schreiben: ce cer tt wht
è ’ . ve . k r 5 l
statt . > Ls’ be> FAT a K >
Man muß also die beiden Laute in der Schrift jedenfalls unter-
scheiden. Daß ich aber gerade dieses Zeichen ~ gewählt habe und
dabei noch die beiden Punkte hinsetze, hat seinen Grund erstens
darin, daß dieses Zeichen dem System der türkischen Schrift nicht
fremd ist, da es, abgesehen von der Zahl 7 auch oft als bloße Zierde
zur Ausschmückung einer Inschrift verwendet wird, und wenn es bier
nicht gerade als bloße Zierde gilt, so dient es doch nur zur Unter-
scheidung von Lauten, die in der heutigen Schrift nicht unterschieden
werden. Der lesekundige Türke braucht es also nur als bloße Zierde
zu betrachten und wird den Text nach seiner Gewohnheit lesen
können. Der zukünftige Lernende oder Fremde wird dagegen durch
das bloße Zeichen Y zum richtigen Laut geleitet. Hier wären also
die beiden Punkte eigentlich entbehrlich. Sie dienen nur zur Erleich-
terung für den Übergang vom alten System zum neuen, ähnlich wie
wir das beim Elif mit dem Medd, dem | besprochen haben.
Beispiele von Wörtern, die mit = zu schreiben sind, sonst aber
ihre gewöhnliche Gestalt beibehalten:
+ vy. v vr {v v {v
Wir schreiben: Ej plii Dni ma eNe
. L wy os he ee ara.
statt . CE) J pos ie As ' an war ae AR. be
Wörter, in denen wir diesen Laut schreiben, wo er in der gewöhn-
lichen Schrift ausgelassen wird:
~~ y v v v w
e . ot |
Wir schreiben: UILA w „An sam > Ses ALLS
I A: I: ` 4:9: ° 2: >
.' - |
e . . = I. Cio
statt . en oon sont 2 I e on
Endlich schreiben wir diesen Laut auf dieselbe Weise, wenn er in
der gewöhnlichen Schrift mit anderen Buchstaben geschrieben wird.
v ¥ v
i i : u t cle
Wir schreiben: ere sy Let yb
statt: pene ) tal Be
4. Der Buchstabe
ohne Zusatz soll nur fiir den Konsonanten verwendet werden, worauf
wir noch zurückkommen werden. Außer dem Konsonanten werden
mit diesem Buchstaben auch vier verschiedene Vokale dargestellt,
entsprechend den Wörtern:
>,» Je se! eye
210 Paul v. Jankó
Um diese vier Vokale zu kennzeichnen, werden wir diesem Buch-
staben vier verschiedene Zusätze von Punkten beifügen, und zwar den
obigen Wörtern entsprechend:
: ae os ° *)
® $ ® >
so daß die vier obigen Wörter auf folgende Weise geschrieben werden:
Jii Js) $3 jŠ? m
Das einfache Zeichen, ohne Zusatz, ist deshalb gerade für den Kon-
sonanten gewählt worden, weil man in dieser Weise am besten an
Bekanntes anknüpft. In der Tat können bei dieser Festsetzung Wör-
ter, die mit dem Konsonanten ihre gegenwärtige Gestalt behalten,
zum Beispiel:
>|
U
Qe,
» s Sig yrs
während Wörter mit vokalischem Anfang fortan ohne Elif geschrieben
durch die hinzugefügten Punkte darauf aufmerksam machen werden,
daß hier etwas Besonderes vorliegt, also nicht wie sonst, wenn kein
Elif dabei ist, der Konsonant zu lesen wäre. Beispiele:
Wir schreiben: ws zes Us bay BE
statt: we) leel Css el IE A
Beispiele der Verwendung von . als Vokal, d. h. mit Zusatzpunkten
in der Mitte des Wortes:
Wir schreiben:
>l
statt:
oy
\
ee
Veranderte Konsonanten.
In diesem Kapitel betrachten wir Buchstaben, die Konsonanten be-
deuten, die zu irgendwelcher Veränderung Anlaß geben, sei es in der
Schrift, sei es im Lesen.
1. Das „ als Konsonant wird mit dem unveränderten Zeichen ge-
schrieben; nur die zugleich für Vokale übliche Verwendung hat Ver-
änderungen erfahren, die bei den Vokalen besprochen worden sind.
Beispiele für die Verwendung dieses Buchstabens „ als Konsonant:
Wir schreiben: we adb, io
statt: ef solo SY 339 OERD ybs
* Deutsch: ti, 6, u, 0.
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 211
Selbstverständlich werden wir diesen Buchstaben ganz auslassen,
wo er gar nicht ausgesprochen wird, zum Beispiel:
Wir schreiben: masl „> >
statt: oh ke hS
2. Den Konsonanten
2
verwenden wir in diesen beiden Formen ohne Veränderung. Nur
seine beiden anderen Formen erhalten das Zeichen ~ oben:
v v
y A
zur Unterscheidung von dem Vokal, den wir schon besprochen haben
und den wir ohne Punkte schreiben.
Wir schreiben auch diese Zeichen für den Hauchlaut, wo in der
heutigen Schrift „~ geschrieben wird.
Man könnte zweifeln, ob dieses als schwerer Konsonant nicht eine
andere Aussprache habe als das >. Allein, dieses letztere Zeichen
wird auch in Verbindung mit schweren Vokalen geschrieben, zum
Beispiel in den Wörtern (3:3..9 „c.2. Andererseits kommt auch das
Zeichen — in Verbindung mit leichten Vokalen vor, z. B. j> ANS
=>. In der Aussprache eines Türken ist zwischen - und $ in den
Wörtern „.i2 „.> kein Unterschied zu hören und, wie mich Nach-
fragen überzeugt haben, besteht ein solcher Unterschied auch in sei-
nem Empfinden nicht. Ein Beweis dafür ist auch, daß manche Wörter
bald mit _ bald mit # geschrieben werden, zum Beispiel:
ieee ( Zr (5°): LS
Le> l> (#5 tral (5: l>
Beispiele von Wörtern, in denen der Konsonant 5 in den vier Formen
v v
5 A 2 S
vorkommt:
Wir schreiben: wena oPh kan Syne ILS
statt: thew wem u WS Bele
3. Der Konsonant, der heute mit .s bezeichnet wird, behält in der
neuen Schrift die Zeichen „ „, bei den Formen „s5 us fügen wir die
beiden Punkte ebenfalls hinzu, um sie vom Vokal zu unterscheiden,
den wir schon behandelt haben. Die vier Formen dieses Konsonanten
werden also sein:
(FS (& A 32
212 Paul v. Jankó
Der Grund, weshalb wir die Einteilung gemacht haben, daß diese
Zeichen den Konsonanten bedeuten sollen, dagegen s ç 2 den
Vokal, ist folgender: Wenn ein Zeichen ohne Elif am Anfang steht,
so bedeutet dies in der heutigen Schrift einen Konsonanten; daher
wird man das Zeichen „ am Anfang ohne Schwanken als Konsonanten
lesen und die Wörter
g is
w 4s
ey i wd
behalten ihre gewohnte Gestalt. Fängt dagegen ein Wort mit dem
Vokal an, wobei wir das Elif fortlassen, so macht die veränderte
Lage der zwei Punkte den Leser darauf aufmerksam, daß hier nicht
die unveränderte gewöhnliche Schreibart vorliegt. Überdies ist es
auch vorteilhaft, daß unter den Zeichen (s „e die nebeneinander-
liegenden Punkte mehr Platz haben, und daß die bequemeren Zeichen
ohne Punkte häufiger vorkommen werden, weil der Konsonant am
Ende selten ist.
Beispiele von Wörtern mit dem Konsonanten 4:
Wir schreiben: uw we wir y
statt: Ad en mass vd
4. Der Buchstabe |
hat, wie bekannt, fünf verschiedene Aussprachen. Für die in den
Wörtern
vorkommende Aussprache behalten wir das Zeichen bei und schreiben
diese Wörter nach den bereits bekannten Regeln:
\
J
Neben diesem Laut gibt es einen ähnlichen, den die Fremden davon
nur schwer unterscheiden können. Er wird mit
en
geschrieben und verbindet sich bekanntlich nur mit den schweren
Vokalen
tos G
Auch diesen Konsonanten behalten wir unverdndert bei. Fremde
mögen nach s, besonders wenn ein schwerer Vokal folgt, einen leich-
ten Konsonanten „ nachklingen lassen, wodurch sich die Aussprache
der richtigen nähern wird. Für die Türken besteht keine Schwierigkeit,
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 213
(4 J)
zu unterscheiden, und es wdre gegen ihr Sprachgefiihl, wenn man
diese beiden Laute mit demselben Buchstaben bezeichnen wollte. Wir
schreiben
deshalb: 5 S s gg o
statt: 3 ry j ) S ) 3 5s jË
Der Buchstabe J wird oft mit einem Laut ausgesprochen, der im
Wort |5 vorkommt. Man trifft bereits in Lehrbüchern an, daß dafür
dem Buchstaben oben ein langer Strich beigefügt wird. Um möglichst
zu benutzen, was in Druckereien bereits vorhanden ist, nehmen wir
dieses Verfahren an und schreiben
K fí
für diesen Buchstaben. Da die Formen x J diesen Strich nicht zu-
lassen, werden wir dem Buchstaben am Ende des Wortes die Form
geben:
aS
Demnach werden wir
. ee a“ Za .z
schreiben: Sa ust 538 oi
statt: Jas oe 3 wy
Die weiteren drei vorkommenden Aussprachen des Buchstabens J
geben Laute, die wir bereits auf andere Weise darstellen können, und
auch darstellen werden. Es sind dies die Laute
30%
Was das ‚; betrifft, ist dieser Laut oft eine Umwandlung des J
infolge der grammatischen Abwandlung. Man schreibt in sy, ein
y statt „., weil im ursprünglichen Wort s\,,5 der Buchstabe J vor-
kommt. Es ist aber durchaus kein Grund vorhanden, es hier an-
ders zu machen, als bei dem Buchstaben (5: den man auch nicht im
Schreiben beibehält, wenn er sich in ¿ verwandelt, wie zum Beispiel
in eel (at! aka, (Hp:
Wir schreiben: easy TE us! as
statt: So)! $US KeS | Kss
Ebenso in Wörtern, die schon ursprünglich ein J mit der Aus-
sprache des Konsonanten _; enthalten,
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 5. 16
214 Paul v. Jankó
schreiben wir: a5 Jaso 9 =:
statt: yp! Wo gN sh
Die Wörter, in denen s als saghyr nun bezeichnet wird, enthalten
keine wesentlich andere Aussprache, als wenn an derselben Stelle ein
D stünde. Es gibt zwar einzelne Fälle, wo dieser Konsonant schwä-
cher ist, als das ., für gewöhnlich, wie z. B. „Sa, WO er einen
Nasallaut annimmt, allein zwischen zwei Vokalen, z. B. in ls: ist es
ganz derselbe Laut wie in „u. Deshalb schreiben wir diesen Laut
mit
O
Diese Schreibart gibt in den Fällen, wo durch Suffixe die zweite
‘Person der Mehrzahl angedeutet wird, etwas zu viele gleichförmige
Grundformen, zum Beispiel in
een sy ga statt ma gm
Da dies immer nur dann geschieht, wenn ein oder mehrere „5 zwischen
anderen Buchstaben gleicher Größe vorkommen, wird es empfehlens-
wert sein, die Anfangs- und Mittelform dieses Buchstabens etwas
größer zu gestalten als dieselben Formen von
2 2 3 3 3
Dann wird das obige Wort so aussehen:
oe
Beispiele von Wörtern, wo wir der Aussprache entsprechend ..,
statt 4 =
schreiben: ;83 AU, iso Us bs baw
statt: jK MS; a WS gan
Endlich soll in den wenigen Fällen, wo . wie . ausgesprochen
wird, natürlich auch dieser ‚letztere Buchstabe geschrieben werden.
Beispiele:
: : dees lange 4
Wir schreiben: D532 SP
m >>
7
statt : 23,05
5. Der Buchstabe
J
hat im Türkischen zwei verschiedene Aussprachen, die von Tiirken
genau eingehalten werden und beispielsweise in den beiden Wörtern
Sos ST
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 215
——
vorkommen. Es gibt sogar Wörter, die verschiedene Bedeutung haben,
je nachdem man sie mit dem einen oder anderen | ausspricht, wie
ed. i |
Nach den dargelegten Prinzipien müßten wir also für diese zwei
verschiedenen Laute zwei verschiedene Bezeichnungen einführen, und
es würde sich dafür die Einrichtung am besten eignen, für das leichte
j dieses Zeichen ohne Zusatz zu verwenden, für den schweren Laut
dagegen das Zeichen Y unterhalb dieses Buchstabens anzusetzen.
Wenn ich dies hier trotzdem unterlasse, und für beide Laute den einen
Buchstaben | verwende, wie das in der heutigen türkischen Schrift
geschieht, so bestimmen mich dazu folgende Gründe:
I. Wörter, die mit beiden Lauten gelesen werden können und dabei
verschiedene Bedeutung haben, scheint es nur die oben angeführten
zu geben. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, in dem vorzüglichen
Türkisch-Deutschen Wörterbuch von (3.35 > |; (SiS weitere
zu finden.
2. Fremden macht die Unterscheidung dieser beiden Laute große
Schwierigkeiten. In der Regel können sie entweder nur das eine oder
nur das andere gut aussprechen, z. B. die Engländer das schwere |,
die Deutschen das leichte. Für sie bietet also die verschiedene
Schreibung dieselben Schwierigkeiten, wie wenn sie einen und
denselben Laut bald mit einem bald mit anderem Buchstaben zu
schreiben hätten, wie das zum Beispiel für den Laut der Buchstaben
; 5 der Fall ist. | |
3. Die schriftkundigen Türken sind an die gemeinsame Bezeichnung
der beiden Laute schon gewohnt, werden also keine Schwierigkeit im
Lesen finden.
4. Für jene, die die beiden Laute aussprechen können, lassen sich
Regeln aufstellen, mit denen man in den weitaus meisten Fällen die
richtige Aussprache treffen kann. Ausnahmen sind nur in verhältnis-
mäßig geringer Anzahl vorhanden, so daß man sie auswendig lernen
kann. In dem eben genannten vorzüglichen Wörterbuche, das unge-
fähr 15000 Wörter enthält, kommen etwa 4500 vor, die den Buch-
staben j enthalten. Davon müßten nur ungefähr 60 als Ausnahmen
von wenigen einfachen Regeln aufgezählt werden; gewiß eine relativ
geringe Zahl von Wörtern, die man sich merken kann. Ich werde
diese, meines Wissens zum erstenmal von mir zusammengestellten
Regeln an anderer Stelle veröffentlichen.
Aus diesen Gründen verwenden wir die Buchstaben
Xy ee
16*
216 Paul v. Janko
genau so wie in der heutigen Schrift. Deshalb gehGren diese Buch-
staben, streng genommen, ins erste Kapitel; nur weil tiber sie doch
Bemerkungen zu machen waren, haben wir sie hierher versetzt.
Beispiele:
Y
Wir schreiben: wes (ab In S55
Lange Vokale und doppelte Konsonanten.
Im Arabischen wird der Buchstabe ç hörbar ausgesprochen als ein
Laut in der Kehle, während die Türken in den Wörtern, wo dieser
Buchstabe nach einem Vokal vorkommt, diesen Vokal bloß verlängern.
Beispiele:
„Net pplz. re
Wir benutzen diese Aussprache, um die Verwendung des Buch-
stabens ¢ auf alle Fälle auszudehnen, um mit ihm einen langen Vo-
kal zu bezeichnen. Wir schreiben deshalb die obigen Wörter:
und in ähnlicher Weise
schreiben wir: Ami weni ui ee
statt: Ars Walt gu C bU ut
2. Doppelte Konsonanten könnte man mit gleichem Recht auch
lange Konsonanten nennen. Im Arabischen besteht für sie schon ein
besonderes Zeichen, das in den türkischen Druckereien zur Verfügung
steht. Wir werden ihn deshalb verwenden, natürlich auch dort, wo
er nach der heutigen Orthographie nicht verwendet wird, wenn seine
Anwendung gerechtfertigt erscheint. Beispiele:
o
Wir schreiben: ya zu Ines we’ Ar LsL ve‘
oes
oe
1
statt: ed zu) Je) cot wes > Ust
Naturgemäß sollte man einen Konsonanten wirklich zweimal schrei-
ben, wenn ein Doppelkonsonant durch Hinzutritt eines zweiten ent-
steht. Zum Beispiel:
Nachdem es aber doch nicht jedermanns Sache ist, die Ableitung
eines Wortes sofort zu erkennen, möchte ich vorschlagen, daß man
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 217
in diesen Fällen fakultativ auch den Gebrauch des Zeichens ~“ zuläßt,
daß man also für obige Wörter schreiben darf
-~ -~ ww
Arabische und persische Worter.
Man kann nach meinem System auch arabische Wörter nach ihrer
türkischen Aussprache schreiben. Daß derjenige, der für die arabische
Schreibweise eine Vorliebe hat, diese Wörter auch als Fremdwörter
in der bisherigen Weise schreiben kann, ist selbstverständlich. Ob
dies aber zweckmäßig ist, bleibt eine andere Frage.
Wenn einerseits die Moslims in ihrem heiligen Buch, dem Koran,
die arabische Sprache für unantastbar erklären, so haben sie recht,
abgesehen von Gründen der Pietät auch deshalb, weil die Erfahrung
lehrt, daß eine Übersetzung niemals die Sicherheit bietet, den Sinn
des Originals ganz genau wiederzugeben. Und wenn man andererseits
für originale arabische Wörter, die in ihrer nationalen Weise flektiert
sind und in ihrer nationalen Aussprache verlautet werden sollen, aus
ähnlichen Gründen die originale arabische Schreibweise, gleichsam als
unantastbar verwenden will, so mag das auch seine Berechtigung
haben, die gleiche oder sogar noch größere als wenn man griechische
oder französische Originalwörter in ihrer nationalen Schreibweise mit
griechischen und lateinischen Buchstaben darstellte. Aber arabische
Wörter in türkischer Weise aussprechen, da man die betreffenden
Laute, wie z.B. das arabische g u> usw. nicht hervorbringen kann
oder diese und andere arabische Wörter in türkischer Weise ab-
wandeln, und dann einen Teil von ihnen doch in arabischer Weise
und den anderen in türkischer Weise zu schreiben, z. B. Al- das
ist eine Inkonsequenz, mit der man aus logischen, wissenschaftlichen,
praktischen und nationalen Gründen brechen sollte.
Das gleiche gilt von persischen Wörtern, z.B. „ı>1,>.
Aber selbst derjenige, der an dieser Schreibweise festhalten will,
sollte daneben als gleichberechtigt eine Schreibweise zulassen, die
dem türkischen Volk möglich macht, diese Wörter ohne besondere
Studien zu lesen, und die der türkischen Sprache die Möglichkeit
bietet, solche in der Abwandlung bereits in türkischer Weise behan-
delte Wörter ihrem Sprachschatz endgültig einzuverleiben.
Für die Schreibung der arabischen und persischen Wörter in tür-
kischer Art gelten in der neuen Schrift folgende Grundsätze:
218 Paul v. Jankó
1. Uber die Verwendung des Medd ~ und Teschdid - ist schon ge-
sprochen worden. Die Zeichen Ustün °, Esre ., Otürü ’ und Sükjün ‘
sind ganz entbehrlich, nachdem wir ohnehin jeden Vokal ganz genau
schreiben.
2. Wir können auch anstatt die Zeichen | und x zu verwenden,
die sie enthaltenden arabischen Wörter vollkommen deutlich nach
den hier dargelegten Regeln schreiben:
Wir schreiben: D5 os VIE ps) Cpe
statt: 5. Ass be lyes Lox,
I
3. Es folgt auch aus den Prinzipien unserer neuen Schrift, daß wir
bei der persischen Yzafet-Konstruktion das (¢ nicht verschweigen
werden. Beispiele:
Wir schreiben: TÄei cs he5> mig Ws ELN ohel>s,
statt: plac! Jeo ris SKS Ww d>,
4. Das arabische Zeichen Hemze * verwenden wir nur, um die
Unterbrechung der Stimme anzudeuten. Wir werden es deshalb nicht
über andere Zeichen setzen, sondern allein, an der Stelle, wo die
Unterbrechung erfolgen soll. Beispiele:
E =
Wir schreiben: han 3 Ow bas 23 e's weds aS
statt: mm ee mol wold
und dort, wo man nach der üblichen Schreibweise ein - schreibt,
aber die Stimme nicht unterbricht, lassen wir das Zeichen weg,
zum Beispiel:
Wir schreiben: > >
statt: > >
5. In arabischen Ausdrücken, wo eine Assimilation des j des Ar-
tikels j! an das nächste Wort stattfindet, werden wir nicht ð schrei-
ben, sondern den Laut, der ausgesprochen wird, zum Beispiel:
Wir schreiben: eiS 5 3 ur ma nid
oder: pba è os. my, S Ue wd
statt: elan! 5.3 oi, e aaie!
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 219
Gleich geschriebene aber verschieden lautende Wörter.
Um zu zeigen, wie vorteilhaft man mit der neuen Schrift genau
das beabsichtigte Wort darstellen kann, führe ich hier eine Anzahl
Wörter an, die in der gewöhnlichen Schrift mehrere verschiedene
Aussprachen haben und lasse dann diese Aussprachen in der neuen
Schrift folgen:
ee MS oes ee
P ye ss ST
Wi sela 5 N an Ken a!
Zusammenhängender Text.
In folgendem gebe ich einen zusammenhängenden Text, auf der
einen Spalte in gewöhnlicher Schrift, auf der anderen in der neuen
türkischen Nationalschrift. Der des Türkischen kundige Leser kann
sich daran überzeugen, daß er die neue Schrift wirklich lesen kann,
nachdem er das vorliegende Werkchen bisher eben nur durchgelesen,
also keine besonderen vorbereitenden Studien gemacht hat. Mehrere
Türken haben auf den ersten Blick Texte in dieser Schrift gelesen,
sogar ohne von deren Existenz überhaupt gehört zu haben. Ja, um
die neue Schrift lesen zu können, sind türkische Sprachkenntnisse
nicht einmal erforderlich; es genügt dazu die Kenntnis des Alphabets,
d. i. aller Formen der S. 203 aufgeführten, beibehaltenen Buchstaben
und der vorstehend beschriebenen neuen Zeichen.
220
Gewöhnliche Schrift.
wv ons >) GORA AL) gow Gen . 4.
BJ eno Cys N (ewe (95, : Pe)
uses Urs pe :
“(982 spasli ie kali
Ane thank t A deia gA Lwm
pee hae ai
f esd bw LS AU Ausb Jez
pra Ske a „N DAD ANAS m elisi
Ma Ab a A AS
hsa
lo ee Als tha u In
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Cased ganesh aly
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sel ty El ne ae
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ro Sn sna Led © nnd m LSS
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A
3 Am) 5 Azi
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oe
(Aus der Zeitung „Tanin‘.)
Paul v. Jankó
Neue Nationalschrift.
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5 Leb Ht de os s lyla AA)
Us (yo Mtr en gen se oe
DE ee Ged:
ed Ne ir ¿i> jhezs>
isto Lild sp bwjles oy Se
i md m
Se TO
S)? A! u 0h OPRAH
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 221
Die Nebeneinanderstellung der beiden Schriftarten hat auch den
Zweck, ihre Längen vergleichen zu können. Daß die neue Schrift
länger ausfallen muß als die bisherige ist begreiflich, nachdem wir in
ihr jeden Laut ausschreiben oder durch einen Zwischenraum kenntlich
machen, während die gewöhnliche Schrift den Konsonanten sehr oft
ganz ausläßt. Allerdings stehen dem gegenüber die Fälle, wo in der
neuen Schrift das Elif am Anfang des Wortes erspart wird. Hier haben
wir also eine Abkürzung; allerdings kommt dieser Fall seltener vor.
Im ganzen sehen wir, daß die neue Schrift nicht viel länger wird,
als die bisherige. Die beiden Texte sind in derselben Schriftgattung
gedruckt und die 24'!/;, Zeilen der gewöhnlichen Schrift erfordern 26 Zeilen
der neuen; das bedeutet eine Vermehrung um 7 Prozent, gewiß ein
geringer Betrag gegenüber dem Gewinn einer eindeutigen, leichten und
vollkommen klaren Schrift, die an Regelmäßigkeit, Einfachheit und
Kürze die Schriftsysteme der großen Kulturvölker übertrifft.
Bemerkung über die Grenzen der Phonetik.
Dieses Schriftsystem ist phonetisch, d.h. ein Zeichen wird nur dann
geschrieben, wenn der entsprechende Laut gesprochen wird. Man
könnte hiergegen die Etymologie geltend machen, und sagen, daß die
Buchstaben einer Wurzel immer gleich geschrieben werden sollten,
auch wenn sich deren Aussprache ändert. Hierauf wäre zu erwidern,
daß eine solche strenge Berücksichtigung der Etymologie nicht einmal
in der heutigen türkischen Schrift besteht. Man schreibt in den Wör-
tern Sens oS oas bald w, bald o, je nach der Aussprache, obwohl
es sich immer um denselben Bestandteil der Wurzel handelt. Das-
selbe gilt von den Wörtern „2, ur von denen S. 213 die Rede ge-
wesen ist. Es wäre also unberechtigt, gegen die Einführung der neuen
Schrift einen Einwand zu erheben, den man auch gegen die heutige
türkische Schrift geltend machen kann.
Andrerseits würde die Einführung der neuen Schrift nicht hindern,
daß man in gewissen, genau bezeichneten Fällen Abweichungen von
der streng phonetischen Schreibweise festsetzt, wenn das zweckmäßig
erscheinen sollte. Beispielsweise könnte man in den Wörtern „A,
SE das > und das ~ beibehalten, trotzdem sie wie > und _ ausge-
sprochen werden, weil es eben kaum möglich ist, sie am Ende des
Wortes anders auszusprechen, daher die Abweichung von der streng
phonetischen Schrift keine Folgen hätte. Das gleiche gilt vom ~ des
Wortes ;m;l3S sowie vom v im Suffix des Wortes .s»x.!,_ Derartige
Fälle könnten den Gegenstand einer wissenschaftlichen Erörterung
bilden, aber sie sind kein giltiger Einwand dagegen, die neue Schrift
222 Paul v. Jankó
einzuführen und ihre Vorteile dem türkischen Volk und allen Fremden,
die dessen Sprache erlernen wollen, zuzuwenden.
Schreibschrift.
Um die zu Anfang dieser Abhandlung aufgezählten Vorteile der
heutigen türkischen Schreibschrift zu genießen, werden wir alle ihre
Besonderheiten beibehalten, also alle abgekürzten Formen und Zu-
sammenziehungen, die in der heutigen Schreibschrift bestehen, unver-
ändert herübernehmen, ebenso die vereinfachte Darstellung der zwei
und drei Punkte. Auch das neu eingeführte Zeichen wird in der
Schreibschrift seine Form beibehalten.
Nur ein Zeichen und ein Buchstabe geben Anlaß zu Bemerkungen:
1. Die zwei Punkte untereinander, die wir für die Buchstaben
J A ®
: : 4
aufgestellt haben, sollen in der Schreibschrift als ein kurzer gerader
vertikaler Strich dargestellt werden, zum Beispiel in den Wörtern:
u» 59
2. Es sind Regeln angegeben worden für die Fälle, wo wir den Kon-
sonanten » mit diesem Zeichen oder mit dem Zeichen a drucken; in
diesen Fällen werden wir auch in der Schreibschrift die ähnlichen
Zeichen verwenden, zum Beispiel in
A) sl
3. Wo dagegen dieser Konsonant im Druck durch die bloße Unter-
brechung anzudeuten ist, werden wir in der Schreibschrift die ab-
gekürzte, nach unten gezogene Form des Buchstabens » anwenden,
zum Beispiel in
53 u?
Nach den vorstehenden Bemerkungen wird jeder der türkischen
Schreibschrift Kundige die neue Nationalschrift schreiben können.
Fremde Eigennamen.
Von geographischen Eigennamen haben einige eine spezifisch tür-
kische Form erhalten, z. B.:
aigb Duds Sup BL
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 223
Diese schreiben wir natürlich nach den Grundsätzen der neuen
Schrift, also für obige Wörter
lea ‘ . '. |
es -$ | i
Andere geographische Eigennamen sowie fremde Personennamen
sind bisher immer nach der Aussprache geschrieben worden. Das war
freilich nur sehr unvollkommen möglich, und von den Namen
dave! pe
kann niemand erraten, der es nicht gehört hat, daß die Träger der-
selben so heißen, wie wir sie nach den Regeln der neuen Schrift
darstellen:
Las
Man kann mit unserer neuen Schrift fremde Eigennamen mit ziem-
licher Annäherung an die richtige Aussprache bezeichnen. Durch
Aufstellung neuer Zeichen oder Verwendung der fortgelassenen Buch-
staben oder durch Einführung neuer Punkte könnte man darin noch
viel weitergehen, ja man könnte auf diese Art zu jeder beliebigen
Genauigkeit gelangen. Man darf sich aber nicht vorstellen, daß damit
bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge ein praktischer Zweck er-
reicht werden könnte, denn durch die meisten dieser Zeichen würde
man doch nur Laute vorschreiben, die im Türkischen nicht vorkommen,
und deshalb von den meisten Türken nicht ausgesprochen werden
könnten, falls sie die betreffende Sprache nicht schon kennen oder
sie nicht spezielle darauf gerichtete Studien machen.
Deshalb scheint es mir einerseits zweckmäßig, die Einführung neuer
Bezeichnungen möglichst zu beschränken, andererseits dafür zu sorgen,
daß Laute, die im Türkischen nicht vorkommen, nicht nur durch mög-
lichst ähnlich lautende türkische Buchstaben ersetzt werden, sondern
auch immer durch die gleichen, also beispielsweise das griechische ©
nicht das eine Mal durch ~, wie es in westeuropdischen Sprachen ge-
schieht, das andere Mal durch _: wie es im Russischen geschieht.
Von neu einzuführenden Zeichen schlage ich nur die folgenden vor,
die wahrscheinlich keinem Türken ernstliche Schwierigkeiten bereiten
werden:
-1. Für das sehr offene », dessen Aussprache zwischen s und | liegt,
und das unter anderem im Französischen, Deutschen, Englischen und
Ungarischen vorkommt, schlage ich das Zeichen
NOK
s> )
~ ~*~
y N
vor. Diesen Laut kann man oft von Türken selbst aussprechen hören,
namentlich in gewissen arabischen Wörtern, z. B.:
Au oe
224 Paul v. Janko
Wir werden deshalb, wenn es auf genaue Bezeichnung ankommt,
diese Wörter schreiben:
~
MN gz)
Beispiele für europäische Eigennamen, in denen dieser Laut vor-
kommt:
EAs ir zei: EnA w
Voltaire Mackey Baer Szent
2. Den Vokal, der zwischen ! und . lautet, den man also als sehr
geschlossenes ' oder als sehr offenes „ bezeichnen könnte, bezeichnen
wir mit
>
Dieser Laut kommt unter anderen im Englischen, Ungarischen und
Schwedischen vor. Beispiele:
ek ie A Ale 55
Tisza Abo Falstaff
3. Für die unter anderen im Französischen vorkommenden Nasal-
laute verwenden wir das Zeichen
nn
es
das wir nach dem Vokal anbringen. Beispiele:
Verdun Rouen Lyon
Auch dieser Laut kann von Tiirken ausgesprochen werden; man
hört beispielsweise das = im Wort »+,).~ oft in dieser Weise aus-
sprechen; wie bekannt, nennt man in diesem Falle den Buchstaben
~ saghyr nun und setzt fiir ihn manchmal bereits das oben angefiihrte
Zeichen.
Für andere fremde Laute setzen wir möglichst ähnlich lautende
türkische Buchstaben. Hier folgen Bemerkungen über einige solche.
r. Die Laute der beiden griechischen Buchstaben 4, ©. Die meisten
europäischen Völker können diese Laute nicht aussprechen und Deut-
sche, Franzosen, Italiener und andere Völker schreiben für das eine
th oder t und sprechen es ~ aus, fiir das andere schreiben sie d
und sprechen es 5 aus. Auch wir werden dies tun und schreiben:
mA dam gAI0 und 24
Aayunälär: Arunsdevn: Asotdxy,:
Thukydides Demosthenes Theotokis
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 225
Diese Laute kommen auch im Englischen vor und werden dort beide
mit th bezeichnet.
2. Der kurze tonlose Laut, der im Französischen mit e bezeichnet
und stummes e genannt wird, hat am meisten Ähnlichkeit mit
$
Wir setzen deshalb für ihn diesen Buchstaben. Beispiel:
KW y
Le Blanc
3. Auch in deutschen und englischen Namen treffen wir ein kurzes
an; es lautet aber in diesen Sprachen nicht wie „; deshalb schreiben
wir es nach den Regeln, die wir für » aufgestellt haben. Beispiele:
ya aa BR 58
Kitchener Moltke Brenner Werder
4. Für den kurzen tonlosen Laut, der dem Vokal ; verwandt ist,
und der im Englischen mit w, im Deutschen, Italienischen, Fran-
zösischen nach q mit u geschrieben wird, setzen wir den Konsonanten
>
der ihm einigermaßen ähnlich ist, z. B.:
aly 95! ss ug AN warily?
Aquileja Worth Lindquist Quandt
5. Im Deutschen, Französischen, Italienischen, Ungarischen und in
anderen Sprachen kommen Laute vor, die man französisch
mouille
nennt. Sie bestehen in sehr engem Anschluß eines
S$
an den vorhergehenden Laut, der sein kann
2 oy dJ
Nachdem man schon jetzt ,.i. schreibt fiir ein Wort, das aus dem
Italienischen stammt und diese Verbindung des = mit ., enthält,
werden wir auch die anderen Kombinationen analog schreiben, z. B.:
REN gms IF Seh
Agliardi Gauthier Bourgogne Bouillon
6. Die tiirkische Sprache kennt keine Diphtonge. In ihr werden
alle Vokale deutlich gesondert ausgesprochen. Deshalb wird man
226 Paul v. Jankó
genötigt sein, auch mit den Eigennamen so zu verfahren. Man wird
also schreiben:
gi pr ur se 23.)
Boileau Bauer Deutsch Louis Greiff
In folgendem gebe ich auch einige Beispiele aus dem Telephon-
Adreßbuch von Konstantinopel, und ich führe dabei an, in welcher
Weise die Namen in dessen türkischem Teile widergegeben sind.
Wir schreiben: hi oF Le JS „Ss SER Wen
fiir : Hiigel Gergely Bessoudo Léon
Wir schreiben: AASA ORS is F „ex
. « tee? ° $ > s:
statt: Asean! cy „ber Air
für: Steiner Huguenin Müller Loeffler
Wir schreiben: ye era's lm SF
statt: ye grsls CD yo daw! NF
fiir: Vendeuvre Stewart Hegyei
Man könnte außer den Eigennamen der fremden Völker sogar ganze
Sätze ihrer Sprachen in ziemlich angenäherter Aussprache darstellen,
was gelegentlich von Nutzen sein kann, beispielsweise wenn man ein
fremdes Sprichwort oder dergleichen zitiert, wie wir das an einem
Beispiel zeigen wollen:
wo
we) { Ss we) sd35
A - -
Deutsch: Ende gut, alles gut.
-
se wos TS) Sse umke}
Englisch: All’s well that ends well.
id Dim m
Französisch: Tout est bien qui finit bien.
An
Griechisch: Thos avatley Th ROVT availa.
4 i
Auf Türkisch bedeutet dies:
) e?! Lem oyin us!
und wird in unserer neuen tiirkischen Nationalschrift geschrieben:
FPS Uc OF yu”
Ə
Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift
Zusammenfassende Tabelle.
1. Unverändert beibehaltene Konsonantenzeichen:
a! a S E sg i is
2. Vokale:
Gegenwärtige Schrift Deutscher
chstabe _ Im Worte Allein Anfang | Mitte Ende Laut
$ Se i — | — L a
: Unter-
i > : _ | brechung i | S
US wes 3 4 oe j i
2 ¥ v v v i
cs se" ! Le 2 A LS > e e oo
: Je fs = == > o
: 200008 — | — 3 u
ne le Ss ö
| ©» > = = > ü
*) Am Anfang des Wortes: à
3. Veränderte Konsonantenzeichen:
Gegenwärtige Schrift | Neue Nationalschrift 1 Deutscher
Buchstabe Im Worte , Allein Anfang | Mitte Ende Laut
2 | 2 aS wy $ x X g€
$ Jr ce 2 a =
z | v v
> | ;? y > = N h
4. Zeichen fiir Anderung (Modifikation) der Laute:
j Neue Nationalschrift
Art der Modifikation en
Allein | Anfang Mitte Ende
Verlängerung des Vokals a = = <
Verdoppelung des Konsonanten 3 == | = =
Unterbrechung der Stimme. . s — — —-
Neue Nationalschrift
228 Paul v. Jankó Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift
5. Fremde Laute:
Neue Nationalschrift
Sprache Buchstabe — ——-- — —— Dam, va ee an a E
Allein | Anfang | Mitte | Ende
si gS a aan ee in wr eo Ee i
Englisch . . . aw i! 8 — | — +
è | 3 | as | oe x
Französisch . . z | ur
| Nasallaute | u — — eN
6. Fortgelassene Buchstaben:
., o : i
=- ë b > cw Yd T I
7. Vorschlag zur alphabetischen Reihenfolge der Zeichen für die
türkischen Laute in der neuen Schrift (von rechts nach links zu lesen):
Se der lm 3’ zo cz Py
Pos SS FF SEE Et HO NV A
Vorhandene Namen werden beibehalten, die neuen Vokalzeichen
mit ihrem Laut benannt, und für das Zeichen «f der Name af, „ge“,
eingeführt.
pe a + 3 | — piak
VERLAG VON K. F. KOEHLER - LEIPZIG
Frankfurter historische Forschungen. Neue Folge. Heft 1.
Herausgegeben von Georg Küntzel und Fritz Kern. Frankfurter Hoch-
schulpläne 1384—1868. Von Professor Dr. Rudolf Jung, Direktor des
Stadtarchivs in Frankfurt a. M. Preis: brosch. 5 Mk.
Quellenkunde zur Weltgeschichte, unter Mitwirkung von Privat-
dozent Dr. A. Hofmeister und Oberlehrer Dr. R. Stübe herausgegeben
und bearbeitet von Professor Dr. Paul Herre. XII und 400S. gr. 8°.
Preis: brosch. 4.80 Mk., gebunden 5.50 Mk.
Mittelalterliche Studien, I. Band, 1. Heft: Humana Civilitas (Staat,
Kirche und Kultur). Eine Dante-Untersuchung, herausgegeben von Privat-
dozent Dr. Fritz Kern. Preis: brosch. 7.50 Mk., in Hibfrz. geb. 9.50 Mk.
Die Arbeit bildet das erste Heft eines größeren Unternehmens, das sich die Erforschung
des nun in allgemeingeschichtlicher Beziehung (Staat, Kirche, Kultur) zur Aufgabe
macht
Die lateinischen Demokratien Amerikas von F. Garcia-Cal-
deron. Ins Deutsche übertragen von Max Pfau. Preis: brosch. 6 Mk., in
Hibfrz. geb. 8 M.
In geistvoller Form, auf Grand eingehender Studien schildert der Verfasser, ein junger
peruanischer Diplomat, den Werdegang der einzelnen Republiken auf geschichtlicher Basis,
vor allen Dingen in kultureller Beziehung. Als vollkommen neu ist der deutschen Ausgabe
des Buches eine südamerikanische Bibliographie angegliedert.
Die Parteiherrschaftin den Vereinigten Staaten von Ame-
rika, ihre Entwicklung und ihr Stand. Von William Milligan
Sloane, Ph. D., L. H. D., L. L. D., Professor der neueren Geschichte an
an der Columbia-Universităt, New York. Roosevelt-Professor an der
Universität Berlin im W.-S. 1912/13. Amerikanischer Gastprofessor an
der Universität München im S.-S. 1913. Preis: brosch. 5 Mk., in Hibfrz.
geb. 7 Mk.
In diesem Buch hat der Austausch-Professor Dr. Sloane seine Vorlesungen an den Un!
versitäten Berlin und München niedergelegt. Der Inhalt soll als Leitfaden der amerikani-
schen Politik dienen, die von der Entwicklung der Parteiherrschaft an bis in die Neuzeit
in 82 Kapiteln unter Verwertung erfolgreicher Studien anderer Forscher ausführlich be-
handelt wird. Die dem Werk angefügte Beilage enthält die Bündnis- und Verfassungs-
bestimmungen, Liste der Präsidenten usw.
Quellensammlung zur Geschichte des Mittelalters und
- der Neuzeit. Von Alfred von Weißembach. Erster Band: Quellen
zur Geschichte des Mittelalters bis zur Mitte des dreizehnte®
Jahrhunderts. Preis: geb. in Leinen 5.75 Mk.
Diese Quellensammlung bietet die wichtigsten Urkunden und Auszüge aus Quelle,
schriftstellern in handlicher Form, sie soll in erster Linie dem Studierenden die Übersic®
über den großen Stoff erleichtern und das zeitraubende Aufsuchen in anderen, zum Teil
schwer zu beschaffenden Werken ersparen. Besonders die für die Neuzeit geplanten Bände
werden für weitere Kreise, z. B. Politiker und Journalisten, Interesse haben.
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Druck von Breitkopf & Hartel in Leipzig
„nm ade Ar
i ii UL ll Ds Fe ne A
229
Uber die mutmaBliche stenographische
Entstehung der ersten Quarto von
Shakespeares „Romeo und Julia“.
Von
Dr. phil. Adolf Schöttner.
ERSTER TEIL.
Bisherige Theorien úber die Entstehung der ersten
Quarto.
hakespeares „Romeo und Julia‘ ist uns in fünf Quartausgaben über-
Sia und ist auch in sämtlichen vier Folioausgaben enthalten. Die
erste Ausgabe, die wir besitzen, war eine Quartausgabe. Sie erschien
im Jahre 1597 mit dem Titelblatt:
„An excellent conceited Tragedie of Romeo and Juliet. As it
hath been often (with great applause) plaid publiquely, by the right
Honourable the L. of Hunsdon his Seruants. London. Printed by
John Danter 1597.‘
Ein Exemplar dieser Ausgabe befindet sich im Britischen Museum in
London unter der Signatur C 34 k 55.
Bereits zwei Jahre spater folgte dieser Ausgabe eine neue Quartausgabe,
deren Titelblatt lautete:
„Ihe most excellent and lamentable Tragedie, of Romeo and Juliet.
Newly corrected, augmented, and amended. As it hath bene sundry
times publiquely acted, by the right Honourable the Lord Chamber-
laine his Seruants. London. Printed by Thomas Creede for Cuthbert
Burby, and are to be sold at his shop neare the Exchange. 1599.“
Auch von dieser Ausgabe befindet sich ein Exemplar im Britischen
Museum unter der Signatur C 12, g 18.
Der Absatz dieser Ausgaben muß ein sehr guter gewesen sein, denn
1609 erschien eine dritte Quartausgabe, die folgendes Titelblatt hatte:
Prof. De. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 17
230 Adolf Schéttner
„Ihe Most excellent and lamentable Tragedie of Romeo and Juliet.
As it hath bene sundrie times publiquely acted by the Kings Maiesties
Seruants at the Globe. Newly corrected, augmented and amended.
London: Printed for John Smethwick, and are to be sold at his Shop
in Saint Dunstanes Church-yard, in Fleete streete under the Dyall.
1609.“
Von dieser Ausgabe sind im Britischen Museum zwei Exemplare vor-
handen unter der Signatur C 34 k 56 und C 34 k 57.
In der ersten Folioausgabe von 1623 ist das Stück auch enthalten, und
zwar in einem verschlechterten Abdruck der Quarto von 1609. Bei dem
Verleger der dritten Quarto erschien bald nach der Herausgabe der ersten
Folio, vielleicht aber auch vorher — genau läßt sich das nicht feststellen —
eine neue Quartausgabe ohne Jahreszahl mit gleichem Titel wie die dritte
Quarto, aber zum ersten Male mit dem Zusatze: written by W. Shakespeare.
Die zweite Folioausgabe von 1632 brachte das Stück auch wieder. 1637
erschien die letzte Quartausgabe bei demselben Verleger, der die vorher-
gehenden beiden Quartausgaben verlegt hatte. Die Folioausgaben von
1664 und 1685 enthielten das Stück natürlich gleichfalls.
Das Schema, das sich in bezug auf die Abhängigkeit der einzelnen
Ausgaben voneinander ergibt, ist sehr einfach. Es ist folgendes:
Qı
Q3
ER
ne n
Qs i
F3
|
F4
Alle Ausgaben mit Ausnahme der ersten beiden Quartos gehen immer
auf die vorhergehende zurück. Die beiden ersten Quartos weichen aber
so stark voneinander ab, daß die sonderbarsten Vermutungen über deren
‚ Ursprung laut geworden sind.
Leider war es mir nicht möglich, die ältesten Ausgaben in einem Ori-
ginaldruck zu meiner Untersuchung heranzuziehen, da ein solcher nach
Angabe des Auskunftsbureaus der deutschen Bibliotheken auf den zu-
nächst befragten größeren Bibliotheken Deutschlands nicht vorhanden ist.
Das gilt auch für die englischen Shakespeareausgaben des 17. und
18. Jahrhunderts. Eine sehr dankenswerte Untersuchung über den Wert
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 231
der bedeutendsten, im 18. Jahrhundert erschienenen Shakespeareausgaben
bietet aber Thomas R. Lounsbury in seinem Buche ‚The first Editors
of Shakespeare (Pope and Theobald)!, das insbesondere eine Ehrenrettung
des lange verkannten und viel zu gering geschätzten ersten wissenschaft-
lichen Shakespeareforschers Theobald darstellt, der von seinem Zeit-
genossen Pope scharf bekämpft wurde und deshalb lange Zeit nicht ge-
nügend gewürdigt worden ist.
Die Vorreden, die. Pope sowohl wie Theobald ihren Ausgaben voran-
schicken, bieten auch für unsere Zwecke Wertvolles, weshalb die betreffen-
den Stellen hier folgen mögen. Zitiert sind sie nach der von James Boswell
im Jahre 1821. besorgten Shakespeareausgabe von Edmund Malone?),
die ebenso wie alle um 1800 erschienenen Shakespeareausgaben die Vor-
reden der vorhergehenden Ausgaben mit abdruckt. Die Ausgabe von
Malone enthält außer den beiden genannten Vorreden noch die von Han-
mers (1744—46), Dr. Warburtons (1747), Dr. Johnsons (1765), Stee-
vens’ (1766, 1773, 1793 und 1803), Capells (1767/68) und Reeds Aus-
gaben (1785 und 1803). Steevens zitiert in seiner Ausgabe von 1766 das
Urteil Popes und macht verschiedene bemerkenswerte Zusätze. Ich lasse
daher die Ausführungen von Steevens wörtlich folgen:
„Ihe general character of the quarto editions [gemeint sind die
Quartausgaben sämtlicher Stücke. D. Verf.] may more advantageously
be taken from the words of Mr. Pope, than from any recommandation
ot my own.
„Ihe folio edition (says he) in which all the plays we now receive
as his were first collected, was published by two players, Heminges
and Condell, in 1623, seven years after his decease. They declare
that all the other editions were stolen and surreptitious®), and affirm
theirs to be purged from the errors of the former. This is true as to
the literal errors, and no other; for in all respects else it is far worse
than the quartos.
„First, because the additions of trifling and bombast passages are
in this edition far more numerous. For whatever had been added
since those quartos by the actors, or had stolen from
their mouths into the written parts, were from thence con-
veyed into the printed text, and all stand charged upon the author.
1) London 1906.
2) The Plays and Poems of William Shakespeare etc. by the late Edmund Malone.
London 1821. 21 Bde. Bd.1, S. 110 ff. l
8) Dazu bemerkt Steevens: It may be proper on this occasion to observe that
the actors printed several of the plays in their folio edition from the very quarto
copies which they are here striving to depreciate; and additional corruption is the
utmost that these copies gained by passing through their hands.
17°
232
Adolf Schöttner,
He himself complained of this usage in Hamlet, where he wishes, ‘those
who play the clowns would speak no more than is set down for them‘.
(Act III. Sc. IV.) But as a proof that he could not escape it, in the
old editions of Romeo and Juliet, there is no hint of the mean con-
ceits and ribaldries now to be found there. In others the scenes of
the mobs, plebeians, and clowns, are vastly shorter than at present;
and I have seen one in particular (which seems to have belonged to
the play-house, by having the parts divided by lines, and the actors’
names in the margin,) where several of those very passages were
added in a written hand, which since are to be found in the folio.
„In the next place, a number of beautiful passages were omitted,
which were extant in the first single editions; as it seems without
any other reason than their willingness to shorten some scenes.‘
To this I must add, that I cannot help looking on the folio as having
suffered other injuries from the licentious alteration of the players;
as we frequently find it an unusual word changed into one more
popular; sometimes to the weakening of the sense, which rather seems
to have been their work, who knew that plainness was necessary for
the audience of an illiterate age, than that it was done by the consent
of the author: for he would hardly have unnerved a line in his written
copy, which they pretend to have transcribed, however he might
have permitted many to have been familiarized in the representation.
Were I to indulge my own private conjecture, I should suppose that his
blotted manuscripts were read over by one to another among those who
were appointed to transcribe them; and hence it would easily happen,
that words of similar sound, though of senses directly opposite, might
be confounded with each other. They themselves declare that Shake-
speare’s time of blotting was past, and yet half the errors we find in
their edition could not be merely typographical. Many of the quartos
(as our own printers assure me) were far from being unskilfully
executed, and some of them were much more correctly printed than
the folio, which was published at the charge of the same proprietors,
whose names we find prefixed to the older copies, and I cannot join
with Mr. Pope in acquitting that edition of more literal errors than
those which went before it. The particles in it seem to be as fortuit-
ously disposed, and proper names as frequently undistinguished by
Italick or capital letters from the rest of the text. The punctuation
is equally accidental; nor do I see on the whole any greater marks
of a skilful revisal, or the advantage of being printed from unblotted
originals, in the one, than in the other. One reformation indeed
there seems to have been made and that very laudable; I mean the
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 233
substitution of more general terms for a name too often unnecessarily |
invoked on the stage; but no jot of obscenity is omitted; and their
caution against profaneness is, in my opinion, the only thing for
which we are indebted to the judgment of the editors of the folio.‘
Nicht mit abgedruckt hat Steevens den an sein Zitat anschlieBenden
Absatz der Vorrede Popes!):
„This (first folio) edition is said to be printed from the original
copies; I believe they meant those which had lain ever since the author’s
days in the playhouse, and had from time to time been cut, or added
to, arbitrarily. Itappearsthat this edition, as well asthe
quartos, was printed (at least partly) from no
better copies than the prompter’s book, or piece-
mealpartswrittenoutforthe use of the actors.‘
Steevens hat diesen Absatz sicherlich absichtlich nicht zitiert, da er sich
dem Urteil Popes in dieser Beziehung doch nicht anzuschlieBen vermochte.
Ebensowenig trat er aber auch fiir die unten folgende Meinung Theobalds
ein, die er zweifellos gleichfalls kannte. Theobald war eben durch Popes
fortgesetzte Angriffe so diskreditiert (das Nähere darüber siehe bei Louns-
bury a. a. O.), daß er, dem das Verdienst gebührt, zum ersten Male darauf
hingewiesen zu haben, daß viele Stücke Shakespeares stenographisch auf-
genommen sein müssen, vollständig ungehört blieb. Erst im 19. Jahr-
hundert kam man, wie wir später sehen werden, auf sein Urteil, freilich
auch ohne ihn zu nennen, zurück.
Die angezogenen Ausführungen Theobalds (in der Vorrede zur zweiten
Auflage seiner Ausgabe von 1740)2) lauten:
„We are to consider him (Shakespeare) as a writer, of whom no
authentick manuscript was left extant; as a writer, whose pieces
were dispersedly performed on the several stages then in being. And
it was the custom of those days for the poets to take a price of the
players for the pieces they from time to time furnished; and there-
upon it was supposed they had no farther right to print them with-
out the consent of the players. As it was the interest of the companies
to keep their plays unpublished, when any one succeeded, there was
a contest betwixt the curiosity of the town, who demanded to see it
in print, and the policy of the stagers, who wished to secrete it within
their own walls. Hence many pieces were taken down in short-
hand, and imperfectly copied by ear from a representation; others
were printed from piece-meal parts surreptitiously obtained from the
1) S. Malone, Ausgabe von 1821, Bd.1, S. 12 f.
2) S. Malone (a. a.0O.), Bd. 1, S. 32 f.
234 Adolf Schöttner,
theatres, uncorrect, and without the poet’s knowledge. To some of
these causes we owe the train of blemishes, that deform those pieces
which stole singly into the world in our author’s life-time.
There are still other reasons, which may be supposed to have affected
the whole set. When the players took upon them to publish his works
entire, every theatre was ransacked to supply the copy; and parts
collected, which had gone through as many changes as performers,
either from mutilations or additions made to them. Hence we derive
many chasms and incoherences in the sense and matter. Scenes
were frequently transposed, and shuffled out of their true place, to
humour the caprice, or supposed convenience, of some particular
actor. Hence much confusion and impropriety has attended and
embarrassed the business and fable.‘
Die anderen Vorreden interessieren uns an dieser Stelle nicht, da sie
für unseren Zweck nichts Neues bieten. Malone weist aber in einer An-
merkung auf Seite 207 des ersten Bandes der genannten Ausgabe darauf
hin, daß die erste Quarto von „Romeo und Julia‘, obwohl sie ein ,,im-
perfect sketch‘‘ zu sein scheine, doch viele schätzbare Verbesserungen
der vollständigeren zweiten Quarto enthalte.
Das 19. Jahrhundert brachte mit der Entwicklung der gesamten philo-
logischen Wissenschaft auch in der Shakespeareforschung riesige Fort-
schritte. Mit unserem Stücke beschäftigte man sich gleichfalls sehr ein-
gehend. J. P. Collier sagt in seinem 1847 in den ,,Papers‘‘ der Shakespeare
Society!) veröffentlichten Aufsatze ,,On the earliest Quarto editions of the
plays of Shakespeare‘ S. 61 über die erste Quarto von ,,Romeo und Julia:
„Ihis is the earliest, and, no doubt, spurious edition of ,,Romeo
and Juliet‘‘, made up from notes, takenatthetheatre
during performance, with assistance derived
from portions of the tragedy as delivered out
to some of the actors.‘
Leider äußert er sich nicht darüber, was er unter den ‚‚notes‘‘ versteht,
ob er dabei bereits an eine stenographische Nachschrift denkt oder nur
an kurrentschriftliche Notizen. Die zweite Quarto von I599 stammt
nach seiner Meinung von einem guten Manuskript.
1859 gab Tycho Mommsen eine „kritische Ausgabe des überlieferten
Doppeltextes‘‘ von „Romeo und Julia‘ heraus, d. h. einen Paralleldruck
der ersten und zweiten Quarto, zugleich mit vollständiger varia lectio
bis auf Rowe. Diese Ausgabe und besonders deren Zählweise haben wir
unter Berücksichtigung der auf S. 337 der vorliegenden Arbeit zusammen-
1) The Shakespeare Society’s Papers Vol. III, Art. X, S$. 58 ff. London 1847.
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto f 235
gestellten Druckfehler unserer Untersuchung zugrunde gelegt. Mommsen
kommt darin zu dem bereits im Athenäum 1857 Nr. 1528 veröffentlichten.
Schlusse, daß Q, von einem Stenographen im Theater nachgeschrieben
sein müsse, — er spricht immer nur von einem Stenographen — und
daß dadurch die Abweichungen zu erklären seien, die wir zwischen der
ersten und zweiten Quarto finden. Er verkennt dabei den Nutzen nicht,
den eine solche Theaternachschrift auch für die Kritik habe. Q, hält er
dagegen für eine nach dem Originalmanuskripte Shakespeares gedruckte
Ausgabe. Mommsen verteidigt alle Lesarten, die Q, abweichend von Q,
hat, als Eigenheiten Shakespeares oder absichtlich von ihm gewählte
Wortformen, soweit nicht Druckfehler in Betracht kommen. Für die
besonders auffallenden Lesarten wie 113 drive, 464 dum, 2061 fettle usw.
bringt er Analogien aus anderen Schriftstellern. Ebenso bringt er auch
Analogien aus anderen Schriftstellern bei für grammatische Eigenheiten
wie 2371 this many hundred years, 1032 I pray thee chide me not, her
I loue now. Doth grace for grace, and loue for loue allow: usw. Die ortho-
graphischen Eigenheiten, Homographen des Reims wie 252 und 971 hart :
part, 638 praire : dispaire usw., das Zusammenziehen der Komposita 127
alcheering, 261 Earthtreading, 431 hudwinkt usw., das Großschreiben nur
der Eigennamen und ‚‚alles, was sich denselben an persönlichen und
lokalen Bezeichnungen annähert‘‘, wie God, Church, Lord, Joyner, Fairie
usw., die Verdoppelung der Vokale in betontem to, he, she, me usw., der
Gebrauch einfacher Endkonsonanten nach kurzem Vokal wie 490 big,
326 und 747 sun usw., die Schreibung von ie am Ende fir y in bewtie,
sawcie, twentie usw., Eigenheiten, die sich bei den besten älteren Zeit-
genossen Shakespeares auch finden, geben Mommsen Bürgschaft dafür,
„daß nicht der Setzer von ß [d.i. Q,], sondern der Dichter selbst so zu
schreiben pflegte‘. Als stärksten Beweis für seine Theorie, daß Shake-
speares eigenes, handschriftliches Manuskript dem Setzer von Q, vor-
gelegen habe, führt Mommsen aber die Stellen an, wo Q, zwei Fassungen
oder sogar fast das Gleiche an zwei Stellen kurz nacheinander hat. Mommsen
glaubt, daß die Stellen in dem Manuskript, das dem Setzer vorlag, ver-
bessert waren, und daß der Setzer sowohl den ursprünglichen Text wie
die Verbesserung gedruckt habe, so daß wir beide Versionen in Q, finden.
Q, als Theaterversion gab aber an diesen Stellen ganz richtig nur das
Verbesserte. Es handelt sich um die Stellen 940—943 bzw. 946—949,
1728 ff., 2777 und 2783—86. Mit der Möglichkeit von Dittotypien, wie
er dies nennt, rechnet Mommsen auch in den Versen 2268, 2871 und 2877.
Mommsens Auffassung, daß man es in Q, mit einem nach dem Original-
-manuskripte Shakespeares gesetzten Texte zu tun habe, schloß sich Robert
Gericke im Shakespeare-Jahrbuch Bd. 14 S. 207 ff. in einem längeren
236 Adolf Schéttner
Aufsatze „Romeo and Juliet nach Shakespeares Manuskript“ an. Er
brachte eine Reihe weiterer Beispiele für die Mommsensche Theorie und
zog auch die Bühnenanweisungen und Personalbezeichnungen zum Be-
weise heran. So meint er z. B., wie auch schon Mommsen in bezug auf
die Bühnenanweisung hinter 2518 ‚Enter Will Kemp“, wo der Name
eines damals tatsächlich existierenden Schauspielers 1) an Stelle des Namens
„Peter“ steht, daß „Shakespeare beim Niederschreiben der für ihn [Will
Kemp] bestimmten Rolle ihn, diese Rolle spielend, im Geiste vor sich sah
Und. den Namen des Darstellers statt des Namens der darzustel-
lenden Person setzte‘. Genau so urteilt Gericke auch über den hinter 1765
zu findenden, aber sonst nicht belegten Schauspielernamen Slud. Den stärk-
sten Beweis aber für die Auffassung, daß in diesem Falle nach dem Original-
manuskripte Shakespeares gesetzt sei, findet er mit Mommsen in den
obenerwähnten Dittotypien. Auf diese geht er nochmals ausführlich ein.
1865 erschien die Cambridge Edition. Die Herausgeber Glover, Clark
und William Aldis Wright nehmen bei der ersten Quarto auch die Nach-
schrift eines Stenographen an. Sie äußern sich darüber in der Vorrede
zu Bd. 6 S. XIII folgendermaßen:
»Ihat manuscript was, in all probability, obtained from notes
taken in shorthand during the representation:
a practice which we know to have been common in those days. It
is true that the text of (Q,) is more accurate on the whole than might
have been expected from such an origin; but the short-hand writer
may have been a man of unusual intelligence and skill, and may
have been present at many representations in order to correct his
work; or possibly some of the players may have helped him either
from memory, or by lending their parts in manuscript.“
Die zweite Quarto ist nach ihrer Meinung eine von Shakespeare autori-
sierte Ausgabe, aber keineswegs nach dem Originalmanuskripte Shake-
speares gedruckt. Sie sagen darüber wörtlich:
„ihe second Quarto was in all likelihood an edition
authorized by Shakespeare and his ‘fellows’.“
und weiter?):
„— it is certain that Q, was not printed from the author’s MS.,
but from a transcript, the writer of which was not only careless,
but thought fit to take unwarrantable liberties with the text. — We
think that M. Tycho Mommsen rates the authority of the second
Quarto too highly.“
1) Kemp war der Komiker von Shakespeares Truppe. Vgl. J. Th. Murray, English
Dramatic Companies 1558—1642. London 1910. 2 Bde. 2) S. XV. (a. a. O.)
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 237
Die Auffassung Mommsens, es handle sich bei Q, um einen nach dem
Originalmanuskripte Shakespeares gesetzten Text, weisen sie also zurück.
Q, sei — so sagen sie ferner — an einigen Stellen augenscheinlich vom
Autor überarbeitet, und hier und da sei ein Teil in Q, neugeschrieben.
Sie verweisen besonders auf Akt II Sz. 6.
Es wird seitdem kaum noch bestritten, daß bei der Entstehung von Q,
Stenographen eine Rolle gespielt haben. Man konnte sich aber noch
nicht entschließen, alle Abweichungen, die Q, von Q, unterscheiden,
auf die stenographische Nachschrift zurückzuführen.
So ist Grant White in seiner gleichfalls im Jahre 1865 erschienenen
Shakespeareausgabe der Meinung, die erste Quarto ,,represents imperfectly
a composition not entirely Shakespeare ’s, and the differ-
ence between the two (der ersten und der zweiten Quarto) is owing partly
to the rejection by him of the work of a co-labourer; partly to
the surreptitious and inadequate means by which the copy of the earlier
edition was obtained; and partly perhaps, though to a very much less
degree, to Shakespeare’s elaboration of what he himself had written“.
Grant White nimmt also, um die starken Abweichungen zwischen den
beiden Quartos zu erklären, an, daB Q, nicht das alleinige Werk Shake-
speares sei, sondern daß ein Mitarbeiter dabei tätig gewesen sei.
F.G. Fleay!) geht noch weiter, er nennt sogar den Namen des Mit-
arbeiters. Er meint, „that the first draft of this Play was made
about 1593, probably by George Peele; that after his death
it was partially revised by Shakespeare, and produced at the Curtain Theatre
in 1596 in the shape that we find it as printed in the first Quarto; and that
he subsequently revised it completely as we read it inthe second Quarto“.
Diese Frage der Mitarbeiterschaft eines oder mehrerer anderer Autoren,
die damit aufgeworfen wurde, gab T. Alfred Spalding AnlaB zu einem
Referat, das er in der New Shakspere Society hielt und das gedruckt vorliegt
in den Transactions der New Shakspere Society 1877—79 S. 58 ff. unter dem
Titel: “On the First Quarto of Romeo and Juliet. Is there Any Evidence
of a Second Hand in It?” Er kommt zu dem Resultate, die Frage zu ver-
neinen. Q, ist nach seiner Meinung unzweifelhaft ein Raubdruck. Aus
dem Versbau aber nun schließen zu wollen, wie das Fleay getan hat, daß
es sich um ein Werk Peeles handle, sei nicht angängig. Ebenso sei es
auch nicht möglich, wie das Grant White tat, aus dem Stil und aus der
Umarbeitung einzelner Teile schließen zu wollen, daß Q, nicht allein von
Shakespeare stamme, sondern daß Mitarbeiter tätig gewesen wären. Er
sagt unter anderm in seinen bemerkenswerten Ausführungen (S. 60):
1) Macmillan’s Magazine July 1877.
238 Adolf Schöttner
„Ihe chief characteristic of a pirated edition of a Play is the ex-
treme irregularity of the metre. When plays follow one another in
such rapid succession as they did during the great days of the Eliza-
bethan Drama, it must be impossible for the actor to commit his part
to memory with anything like complete verbal accuracy, even if he
had any wish to do so. He could but obtain a rough knowledge of
his röle, and trust to the prompter and his own readiness to carry
him through. The comic characters we know took more deliberate
licence, and many a time must the blank verse of Shakspere have
“halted for it’’ under the determined attempts of the clown to make
the people laugh.“
Durch das mangelhafte Auswendiglernen und die Abänderungen, die
sich die Vertreter der komischen Rollen erlaubten, um die Zuhörer-
schaft zum Lachen zu bringen, sind in der Tat manche Wortverstel-
lungen, Zusätze und sonstige Unebenheiten der ersten Quarto erklärt.
Spalding macht auch zuerst darauf aufmerksam, daß man unterscheiden
muß
I. The Actor’s faults.
2. The Reporter’s faults.
3. The Editor’s emendations.
Inzwischen hatte 1874 und 1875 Daniel fiir die New Shakspere Society
die ersten beiden Quartos in Faksimiledruck nach den im Britischen Museum
befindlichen Originalen neu herausgegeben, sowohl jede Quarto einzeln
als auch eine Gegeniiberstellung beider Quartos, und 1875 auch eine revi-
dierte Ausgabe der zweiten Quarto.
Die Stellung Daniels zu Q, wird charakterisiert durch die Worte der
Einführung zu seinem Paralleltext der beiden ersten Quartos!):
„It (Q,) is an edition made up partly from copies of portions of
the original play, partly from recollection and from notes taken
during the performance.“
Diese Auffassung macht auch Edward Dowden neuerdings in seiner
Ausgabe von ,,Romeo und Julia‘' im Arden-Shakespeare zu der seinigen,
indem er diese Stelle ebenfalls wörtlich zitiert?).
In Q, haben wir es nach Daniels Meinung mit einem nach gutem Manu-
skripte gesetzten Texte zu tun. Akt II Sz. 6, Akt IV Sz. 5 und in Akt V
Sz. 3 die Rede Paris’ vor dem Grabe Julias sowie die Rede des Mönches
in derselben Szene sind nach seiner Meinung von Shakespeare in Q, neu
geschrieben.
1) S. V. der Vorrede.
2) S. XII. der Vorrede.
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 239
1886 und 1887 gaben Praetorius und Evans die ersten beiden und die
undatierte Quarto von „Romeo und Julia“ in photographischer Repro-
duktion ebenfalis nach den im Britischen Museum befindlichen Originalen
neu heraus. Bezüglich Q, kommt Evans in § 4 (S. VIII) der Einleitung
zum Neudruck dieser Quarto zu dem Schlusse:
»,Q, is then a piratical edition obtained from the notes of ashort-
hand reporter, and has all the marks of such an origin. A care-
ful study of it will show that while in its more perfect portions |
it corresponds closely with Qo, the theory here suggested will be
sufficient to explain most, if not all, of its variations from that
edition.“
Evans nimmt also auch stenographische Nachschrift fiir Q, an, und
zwar auch wieder nur einen Stenographen. Die letzten Worte ,,most,
if not all, of its variations‘‘ stimmen zwar nicht, und auch er korrigiert
sich später, indem er sich der Meinung der Cambridge Herausgeber und
Spaldings anschließt, daß II. 6, IV. 5 und einzelne Teile von V. 3 in Q,
von Shakespeare neu geschrieben seien und nicht von der Hand des
Stenographen stammten. Die Fehler teilt er in derselben Weise ein wie
Spalding.
Es war also, wie wir gesehen haben, schon öfters die Vermutung auf-
gestellt, daß die erste Quarto von Shakespeares „Romeo and Juliet‘ auf
stenographischer Nachschrift beruhe. Auch bei anderen Stücken hatte
man das vermutet, so z. B. bei Richard III. und Hamlet; aber noch nie-
mand hatte die Frage gelöst, welches Stenographiesystem dazu benutzt
worden war. Matthias Levy hatte die Frage zwar in einer kleinen Bro-
schüre „Shakespeare and Shorthand‘‘ (London 1884) zu lösen versucht,
war aber zu positiven Ergebnissen nicht gelangt.
1897 veröffentlichte nun Dewischeit eine Abhandlung über die Fragel).
In erweitertem Umfange erschien diese Abhandlung 1898 im Shakespeare-
Jahrbuche Bd. 34 S. 170 ff. Dewischeit ist der Meinung, daß sämtliche
Quartausgaben der Shakespeareschen Stücke auf stenographischem Wege
entstanden sind, obwohl er selbst nur für einige Stücke einzelne Beleg-
stellen bringt. Mit dieser Meinung geht er, wie wir später sehen werden,
nach den neueren Forschungen doch zu weit; aber der Nachweis ist De-
wischeit gelungen, daß sich zum mindesten in einigen Stücken, und dar-
unter auch in unserem Stücke, Abweichungen zwischen der ersten und
zweiten Quarto finden, die durch das 1588 veröffentlichte Stenographie-
system von Timothy Bright zu erklären sind.
1) Archiv f. Sten. 1897: „Shakespeare und die Anfänge der englischen Steno-
graphie“.
240 Adolf Schöttner
Es war nun unbedingt nötig, die einzelnen Stücke einer eingehenden
Untersuchung zu unterziehen, ob und in welchem Umfange sich solche
Abweichungen zwischen den einzelnen Lesarten der Quartos finden, die
durch Verwendung des Systems von Timothy Bright bei der Nachschrift
im Theater oder durch andere Mängel, die einer stenographischen Auf-
nahme anhaften, erklärt werden können. Dies tat zuerst Otto Pape in
seiner 1906 in Erlangen erschienenen Dissertation, worin er die erste
Quarto von Shakespeares Richard III. einer solchen eingehenden Unter-
suchung unterzog und wobei er zu dem Schlusse kam, daß diese Ausgabe
tatsächlich auf eine stenographische Nachschrift im Theater zurückzu-
führen ist und daß sechs Stenographen dabei tätig gewesen sind. Wir
werden später noch Gelegenheit haben, auf diese Dissertation zurück-
zukommen.
Die Frage nach dem Ursprung der beiden ersten Quartos von ‚Romeo
und Julia“ ruhte aber noch nicht. Theodor Eichhoff veröffentlichte in
den Jahren 1903 und 1904 in Halle ein Werk: „Unser Shakespeare. Bei-
träge zu einer wissenschaftlichen Shakespeare-Kritik‘“ in 4 Bänden.
Die letzten beiden Bände beschäftigen sich speziell mit unserem Stück,
Bd. 3 unter dem Titel: „Ein neues Drama von Shakespeare. Der älteste
bisher nicht gewürdigte Text von Romeo and Juliet“ und Band 4: „Die
beiden ältesten Ausgaben von Romeo and Juliet. Eine vergleichende
Prüfung ihres Inhalts.“ Band 3 brachte zunächst einen ‚modernen,
d. h. durchgesehenen und leicht lesbaren Text‘‘ von Q, in der Weise,
daß Q, in modernem Englisch fortlaufend in Prosa gedruckt und in 22 Szenen
eingeteilt ist. Im 4. Bande versucht dann Eichhoff das Gegenteil von dem
zu beweisen, was bisher allgemein als richtig anerkannt war. Er schreibt
darüber im Vorwort S. III:
„Es ist meine feste Überzeugung, daß wir in dieser ersten Ausgabe
von Romeo and Juliet den authentischen Text Shakespeares be-
sitzen, und daß die zweite Ausgabe, die wir bis jetzt für die ‚rich-
tige‘ gehalten haben, nur eine Bearbeitung (und natürlich eine Ent-
stellung und Zerstörung) des Originals darstelit.‘‘
Er vergleicht darauf die beiden ersten Quartos nach dem Grundsatze:
„Erforschen wir die Richtigkeit der Texte, so können wir nur beschränkt
wissenschaftlich sein, erforschen wir ihre Schönheit, so können wir ganz
wissenschaftlich sein; denn Wissenschaft ist Begründung!).‘“ Er kommt
zu dem schon im Vorwort angedeuteten Resultat, daß Q, ein von einem
verstandesmäßigen, nüchternen Korrektor entstelltes Machwerk sei, wäh-
rend Q, die Originalfassung Shakespeares darstelle.
1) S. Seite VI des Vorwortes.
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 241
Die Kritik lehnte die Auffassung Eichhoffs allgemein ab. So schreibt
R. Ackermann in seiner Kritik im Beiblatt zur Anglia Bd. 19 S. 103 ff.,
eine Kritik, die bei weitem die mildeste ist, die das Werk Eichhoffs er-
fahren hat:
„Wir müssen gestehen, daß wir die Beweisführung des Verfassers
nicht anerkennen können: er geht überall von der Absicht aus, alles
in Q, besser zu finden, und stellt überall seine Subjektivität in den
Vordergrund, z. B. immer wieder: ‚Im Drama soll gehandelt, aber
nicht geschildert werden!‘ Da nun bei all diesen Fragen den ver-
schiedensten Faktoren, wie dem Geschmacke der Zeit, besonders
bezüglich des Modestiles Euphuismus, Rechnung getragen werden
muß, wenn man an des Dichters Worten im einzelnen mäkelt, so
ergibt sich fast bei der Mehrzahl der Stellen Veranlassung, eine
entgegengesetzte Meinung aufzustellen und zu begründen; aus vielen
seien nur zwei Stellen II, 5, 1—17 und III, 2, 5—33 angeführt, die
wir mit Unrecht bemängelt sehen. Besonders kühne Behauptungen
werden ad vocem ‚Sprachgefühl‘ aufgestellt; nach seinem, Eich-
hoffs, Sprachgefühl ist Q, ‚nicht nur oft altertümlich, sondern auch
durchweg gesucht und gekiinstelt‘. Welche Eigenschaften und Vor-
studien setzen dagegen wir bei einem geborenen Englander vor-
aus, daß er souverän über die Sprache der Elisabethaner aburtei-
len darf! In nicht weniger als 196 Stellen wird die Korrektheit
der Änderung des Korrektors gegenüber Q, angegriffen, in 116 Stel-
len der regelmäßige Blankvers von Q, verdammt. Von vielen Stellen
nur wenige, wo E. unserer Auffassung nach unnötig angreift: in
III, 46 hat Eichhoff die Tatigkeit von ‘squirrel’ und ‘old grub’ offen-
bar miBverstanden; in IV, 19 und IV, 59 werden die ‚Verschönerungs-
versuche‘ des Korrektors zu Unrecht gerügt: sollte er ‘what lady
is that that doth enrich’ stehen lassen? Oder klingt es ‚außerordent-
lich affektiert‘, wenn die Form murther fiir murder mit Vorliebe
verwendet wird? In VI, 7 ist die Umstellung der Substantive in Q,
ganz berechtigt, in X, 4 wird die Stelle ‘claps me his sword upon
the table’ mit den Worten gerügt: ‚Man meint, die jungen Leute von
Verona hätten breite Ritterschwerter getragen‘ (!!). Bei
genauerem Studium der historischen und der neuenglischen Gramma-
tik wäre die Mehrzahl der Ausstellungen wohl unterblieben.
„Was die Trauungsszene anbelangt, so sollte Eichhoff nicht mit
seinen modernen und subjektiven Ansichten über Liebe und Ver-
kehr der Geschlechter absolut aburteilen; man vgl. demgegenüber
die schönen Worte, die Wolff in seiner Shakespearebiographie I. 265
über diese Stelle sagt. Für uns hat die Szene in Q, wohl große und
242 Adolf Schéttner
einfache Schönheiten, die in Q, mehr nach euphuistischer Manier
ausgearbeitet sind. Für Eichhoff sind (p. 243) ‚alle diese Kritiker im
höchsten Grade befangen‘ und Romeos Gedanken ‚gelinde ausge-
drückt — lächerlich‘. Satis est.
„Am Schluß gibt der Verfasser selbst zu, daß seine Auffassung
‚Phantasie‘ ist. ,Mommsen wollte, daß die andern glauben sollten,
Shakespeare habe so geschrieben, wie es in Q, steht, ich will da-
gegen nur, daß die andern glauben, daß Q, geschmacklos, Q, aber
schön ist. Und darum diesen ganzen Apparat?“
Auch Prölß hat sich in seinem 1905 in Leipzig erschienenen Buche
‚Von den ältesten Drucken der Dramen Shakespeares‘‘ mit der Frage
der Entstehung der ersten Quarto von „Romeo und Julia‘ beschäftigt.
Er verwirft die Theorie einer stenographischen Nachschrift im Theater
vollständig und versucht, den Nachweis zu führen, daß sämtliche Quartos
rechtmäßige Ausgaben wären, ‚daher sie auch alle, gleichwie die Dramen
der ersten Gesamtausgabe von 1623, auf Theaterbüchern und nicht, wie
man geglaubt, zum Teil auf Nachschriften in den Theatern beruhen“.
Er fährt noch fort: „Hatte man doch bei rechtmäßigen Ausgaben nicht
nötig, zu diesem unsicheren und neue Kosten verursachenden Mittel zu
greifen.‘
Da nun durch die schon erwähnte Papesche Dissertation und vor allem
durch das 1909 erschienene Werk Alfred W. Pollards ‚Shakespeare Folios
and Quartos, a study in the bibliography of Shakespeare’s plays 1594— 1685‘,
auf das wir noch des näheren einzugehen haben werden, die Meinung
von Prölß in der Frage der Rechtmäßigkeit aller Quartos überholt ist,
so brauchen wir an dieser Stelle nicht darauf einzugehen und können
uns damit begnügen, das anzuführen, was er speziell über die erste Quarto
von „Romeo und Julia‘ sagt:
„so verkürzt, verstümmelt und fehlerhaft die ersten Ausgaben
von Romeo und Julia, Heinrich V. und Hamlet auch sind, so ent-
halten sie doch viele längere Stellen, die sich fast wortgetreu mit
denen späterer Ausgaben decken. Dieser Gegensatz läßt sich aber
nicht aus der Nachschrift beim Hören und Sehen der Darstellung im
Theater erklären. Ein Nachschreiber, der sich an vielen längeren
Stellen so geübt erwiesen hatte, konnte unmöglich an anderen hierin
so überaus hilflos gewesen sein‘‘. (S. 120.)
Das ist richtig. Bei einem Stenographen allein war das unmöglich.
Wie aber, wenn mehrere Stenographen tätig waren? Konnte darunter
nicht auch ein ganz vorzüglicher Stenograph gewesen sein, der ‚fast
wortgetreu‘‘ nachschrieb, während der oder die Kollegen schlechter ar-
beiteten? Schon die früheren Shakespeareforscher, die sich der Theorie
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 243
einer stenographischen Aufnahme der ersten Quarto von ,,Romeo und
Julia‘‘ anschlossen, hatten angenommen, daß nur ein Stenograph tätig
gewesen sei. Dabei kommt man natürlich in Schwierigkeiten; denn es
ist ausgeschlossen, daß ein Stenograph abwechselnd gut und schlecht
arbeitet.
Eine besondere Theorie, wie die Unvollkommenheit mancher Texte
entstanden sei, stellt Miss Phoebe Sheavyn in ihrem 1909 in Manchester
erschienenen Buche ,,The Literary Profession in the Elizabethan Age‘
auf. Sie schreibt S. 84, nachdem sie von der Mangelhaftigkeit der ersten
Quarto von ,,Hamlet‘‘ gesprochen hat:
„Ihe common practice of dictating to compositors was doubtless
responsible for many errors.“ .
Es dürfte wohl kaum zu beweisen sein!), daß zu jener Zeit, wo die
Buchdruckerkunst sich noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung be-
fand, den Setzern diktiert wurde. Ist es doch noch nicht einmal heute,
wo wir Setzmaschinen haben, üblich, den Setzern ihre Schriftsätze zu
diktieren. Dieselbe Vermutung wie Miss Sheavyn äußert übrigens auch
Eichhoff, der Bd. 4, S. 257, Anm. ı ebenfalls behauptet, daß wir ,,manch-
mal in den alten Ausgaben Ursache haben, mit Bestimmtheit anzunehmen,
daß nach Diktat gesetzt wurde“.
Ebenfalls im Jahre 1909 erschien das bereits erwähnte Werk Alfred
W. Pollards „Shakespeare Folios and Quartos. A study in the bibliography
of Shakespeare’s plays 1594—1685“. Es brachte neue und von der bis-
herigen Auffassung abweichende Gesichtspunkte für die Beurteilung der
Quartos. Er geht von dem Standpunkte aus, daß man die Drucker und
Verleger der Elisabethanischen Zeit durchgängig als ehrliche Leute be-
trachten müsse, wenn sich auch Ausnahmen darunter befänden. Man
habe bisher alle Quartausgaben für Raubausgaben gehalten, aber man
müsse beachten, daß Heminge und Condell in ihrer Vorrede zur ersten
Folio auch nur sagen: „You were abus’d with diuerse stolne, and
surreptitious copies.‘“ Es könnten also nur einige Quartos als ,,stolne
and surreptitious‘‘ angesehen werden und nicht alle. Pollard unterscheidet
demgemäß gute“ und „schlechte“ Quartos. Er geht dann auf die Ge-
schichte des Buchhandels, der Buchdruckerkunst und der Schauspieler
ein. 1557 erhielt die „Stationers’ Company“ ein königliches Privilegium,
wonach außer den beiden Universitäten nur die Mitglieder der Stationers’
Company Druckerpressen besitzen durften. Die Krone wollte damit Bücher,
1) Vgl. Prof. Dr. Förster im Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 52, S. 2r1: Dafür, daß,
wie oft behauptet wird, das Manuskript dem Setzer vorgelesen wurde, läßt sich nicht
der geringste Anhaltspunkt gewinnen. Es ist dies aber schon aus dem Grunde mehr
wie unwahrscheinlich, weil es eine zweite Arbeitskraft für jeden Setzer erforderte,
244 | Adolf Schöttner
die ihr gefährlich werden konnten, unterdrücken. Im Jahre 1559 wurden
außerdem verschiedene Würdenträger, darunter auch der Erzbischof von
Canterbury und der Bischof von London, zu Zensoren ernannt. Diesen
mußten die Bücher vor der Drucklegung zur Zensur vorgelegt werden.
Offensichtlich harmlose Bücher bedurften aber nur der Druckerlaubnis
durch die Obmänner der Stationers’ Company. Für den Eintrag in das
Register der Stationers’ Company, in das sämtliche Bücher eingetragen
werden mußten, wurde eine Gebühr in Höhe eines „sixpence‘‘ erhoben.
Jedes Mitglied der company mußte diesen Eintrag respektieren und durfte
eingetragene Bücher nicht nachdrucken. Die Autorenrechte waren damals
noch nicht besonders geschützt. Es war aber bereits üblich, den Autoren
für ihre Werke Honorar zu zahlen. Nashe und Greene lebten z. B. schon
vom Bücherschreiben. Vornehme Herren hielten es allerdings noch für
unter ihrer Würde, sich ihre literarischen Arbeiten bezahlen zu lassen.
Die Stationers’ Company war eine Handelsgesellschaft, die nur Macht
über ihre eigenen Mitglieder hatte. Der Entschluß der Krone, die Kon-
trolle über die Presse in ihren Händen zu behalten, entzog alle Fragen,
die mit dem Drucken zusammenhingen, der bürgerlichen Rechtsprechung.
Die Klagen mußten beim Privy Council, beim geheimen Staatsrate, an-
hängig gemacht werden. Es war zweifellos für die Autoren nicht leicht,
sich dort Gehör zu verschaffen. Die Schauspieler hatten das leichter.
Sie mußten sich, um nicht als Vagabunden behandelt zu werden, unter
den Schutz eines vornehmen Herrn stellen. Dieser konnte den Schauspielern
vor dem Privy Council Gehör verschaffen, aber die Schauspieler hüteten
sich natürlich, die Vermittlung des Patrons anzurufen, wenn es sich um
für sie verhältnismäßig so unwichtige Dinge handelte, wie den dann und
wann vorkommenden Raubdruck eines Stückes. Hätte es sich um den
Raubdruck vieler Stücke gehandelt, so würden sie sich das wohl nicht
haben gefallen lassen. Zuweilen aber gaben die Schauspieler die Stücke
selbst in Druck, und zwar nicht immer erst, wenn das Interesse an der
Aufführung geschwunden war, sondern auch oft, um das Interesse an
dem Stücke im Publikum wieder zu beleben. Bisweilen waren auch andere
Umstände für die Drucklegung eines Stückes maßgebend. So herrschte
in den Jahren 1592—-94 mehrfach die Pest in London. Während dieser
Zeit waren die Theater wiederholt geschlossen. Die Folge davon war,
daß in dieser Zeit mehr Stücke als sonst durchschnittlich im Druck er-
schienen. Ebenso wirkte auch die am 22. Juni 1600 auf Betreiben der
Puritaner erfolgte Schließung der Londoner Theater mit Ausnahme zweier
auf die Drucklegung der Stücke sehr günstig.
Pollard veröffentlicht dann im nächsten Kapitel die Titelblätter sämt-
licher Quartausgaben, die vor der ersten Folio erschienen sind, zum
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 245
Teil in Faksimiledruck, und macht genaue Angaben über einige Einzel-
heiten, die Einteilung in Akte und Szenen, die Bühnenanweisungen, Ein-
tragungen in das Stationers’ Register usw.
Im folgenden Kapitel geht darauf Pollard auf die „guten“ und ,,schlech-
ten“ Quartos genauer ein. Er konstatiert zunächst, daß mit Ausnahme
von Burby’s Ausgabe von „Romeo and Juliet‘ (der zweiten Quarto), die
aber eine vorangegangene schlechte Quarto ersetzen sollte, alle guten
Quartos in das Stationers’ Register eingetragen sind. Die schlechten
Quartos aber, nämlich die Erstausgaben von ‚Romeo and Juliet“,
„Henry V.“, „Hamlet‘, „Pericles“ und der ‚Merry Wives of Windsor“
sind entweder gar nicht eingetragen oder in einer so eigentümlichen Weise,
daß der Gedanke naheliegt, daB dabei etwas nicht in Ordnung ist. Die
ersteQuarto von,Romeo and Juliet“ ist überhaupt
nicht eingetragen.
Darauf unterzieht Pollard die einzelnen Ausgaben einer eingehenden
Besprechung. Da das, was er über „Romeo and Juliet‘ sagt, von grund-
legender Bedeutung ist, lassen wir es wörtlich folgen:
„The first of these (surreptitiously published plays) is the edition
of Romeo and Juliet printed and published by John Danter in 1597.
That this was a piracy, and that the copy was obtained, in whole
or part, by sending reporterstoperformances of
the play, can hardiy be doubted. Although it probably follows
the same version as the authentic text, over seven hundred lines are
omitted, and in place of the usual meagre stage-directions we find
a number of descriptive notes such as a reporter might naturally
jot down in order to supplement his version of the text: — “Enter
Nurse wringing her hands, with the ladder of cordes in her lap. —
He offers to stab himselfe and Nurse snatches the dagger away. —
They all but the Nurse goe forth, casting Rosemary on her and shutting
the Curtens. — Fryer stoops and looks on the blood and the weapons.”’
Stage-directions of this kind are rarely found in any play by Shake-
speare of which we have a trustworthy text. In the second place,
we have evidence that the play was printed in a hurry, two presses
being employed, no doubt simultaneously. Thus the first sixteen leaves
(sheets A—D) are printed in a larger type than the remaining 24
(sheets E—K). Besides this change of type there is another difference
which, despite the assertion of those who argue from their own sense
of the fitness of things as to what a text derived from the players
ought or ought not to contain, is pretty certainly an indication of
a text due to reporters describing what they saw. Up to Act III, sc. 4,
there is, as usual in the quartos, no division into acts and scenes,
Prof, Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6, 18
246
Adolf Schöttner
but from this point onwards the scenes are marked, not by words
and numbers, but by the insertion of a printer’s ornament where
each new scene begins. Taken together, these features of Danter’s
quarto offer fairly conclusive evidence of piracy, and no editor, as
far as I am aware, has ever regarded the edition as anything else.
That Danter should be the first of the Shakespeare pirates was only
in accordance with the beginning and end of his career. Before he
was out of his apprenticeship he was in most serious trouble with
_ the Company for helping to print at a secret press two school-books,
a Grammar and Accidence, which formed one of its most profitable
monopolies. After printing ‘Romeo and Juliet’ he had the hardihood
to meddle again with the same sacred volumes, and, as Mr. H.R.
Plomer puts it, “disappears in a whirlwind of official indignation
and Star-Chamber shrieks’’ and shortly afterwards died!).
„Danter had never had a shadow of a claim to any legal or customary
right in ‘Romeo and Juliet’, and his disappearance made it easy to
ignore him. The fact, however, remained that the book had been
printed, and to get a licence for it would have necessitated explanations.
But, as he we have already noted (S. Pollard, S. 66 Zeile 13 von unten)
in substituting an authorized edition for a piracy ordinary precautions
could be disregarded. That the second edition of ‘Romeo and Juliet’,
printed in 1599 by Thomas Creed for Cuthbert Burby, was an author-
ized edition, printed with the goodwill of the players, there is good
evidence. We have already met with Burby as one of the two men
to whom Jonson's ‘Every Man in his Humor’ was entered in August,
1600, a few days after the notice that it was to be ‘‘stayed’’ (S. 68
bei Pollard). In 1595 he had already entered and published the play
of ‘Edward III.’, which, whether Shakespeare had a hand in it or not,
belonged to the Chamberlain’s men [d. h. Sh.s Truppe]. — — The
editions with which he is connected all have good texts, and this second
edition of ‘Romeo and Juliet’ is no exception to the statement. Ac-
cording to Mr. Daniel, the editor of the Facsimile, it contains 3,007 lines
as against 2,232 in Danter’s edition. It has been proved by Mr. Daniel
that it must have been printed from a written copy, the first four
lines of Act II, sc. 3, and ll. 37—43 of Act III, sc. 3 having obviously
taken their present form from a misunderstanding of manuscript
corrections. In Act IV. sc. 5, we have a tell-tale substitution of the
name of an actor, Will Kemp, for the character he was playing, and
1) Article on the Printers of Shakespeare’s Plays and Poems, The Library, N. S.
vol. VII, 149—166, Anm. Pollards.
Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 247
the form of the stage-direction ‘Whistle boy’ in V, 3, is also sug-
gestive of a playhouse copy. Lastly, we have the facts that the play
was regularly transferred from Burby to Nicholas Ling in January
1606/7, and from Ling to John Smethwick in November, 1607, that
Smethwick’s edition of 1609 is a reprint of Burby’s, and that this
1609 edition in its turn was reprinted in the Folio of 16231).‘
Pollard ist also auch der Meinung, daB die erste Quarto von ,,Romeo
and Juliet“ durch Nachschrift von Stenographen — er spricht von Steno-
graphen, nicht von einem Stenographen — entstanden ist. Ob die von
ihm angegebenen Erstausgaben Heinrichs V., Hamlets, Pericles’ und der
„Lustigen Weiber von Windsor‘‘ und vielleicht auch noch weitere Quartos
auf stenographischem Wege entstanden sind, kann erst eine genaue Unter-
suchung aller Quartausgaben in bezug auf Stenographie ergeben.
Für die erste Quarto der ,,Lustigen Weiber von Windsor‘ ist neuer-
dings dieser Nachweis erbracht durch die ebenfalls in Leipzig unter Leitung
meines hochverehrten Lehrers, Herrn Geh. Hofrat Professor Dr. Förster
bearbeitete Dissertation?) von Paul Friedrich, der leider im Herbste 1916
in dem großen Völkerringen gefallen ist. Diese Arbeit ist für die Unter-
suchung der Quartausgaben grundlegend, da sie in ihrem Hauptteil eine
gründliche kritische und entwicklungsgeschichtliche Untersuchung des
Systems Bright enthält und auch das stenographische Quellenmaterial
dieser Zeit eingehend behandelt. Wir werden noch mehrfach Gelegen-
heit haben, auf diese Arbeit zurückzukommen.
Im vergangenen Jahre ist in der ‚„Anglia‘‘3) eine Untersuchung von
Paul Seyferth veröffentlicht worden: ‚In welchem Verhältnis steht H 6 B
(Heinrich VI. zweiter Teil) zu The Contention betwixt the two famous
houses of Yorke and Lancaster und H 6 C (Heinrich VI. dritter Teil) zu
The True Tragedie of Richard Duke of Yorke, and the Death of the Good
King Henrie the Sixt?“
Seyferth kommt darin zu dem Ergebnis, daß H6B und H 6C die ur-
sprünglichen Stücke sind und the Contention und the True Tragedie un-
rechtmäßige Nachschriften. Er nimmt an, daß zwei Stenographen tätig
gewesen sind, die „hinter Säulen versteckt‘‘*) das Stück nachgeschrieben
haben. Den Nachweis führt er auf Grund von Hörfehlern. Von einem
1) S. Pollard, S. 69 f.
2) Paul Friedrich, Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shake-
speares. Timothe Brights Characterie entwicklungsgeschichtlich und kritisch be-
trachtet. Mit einem Anhang: Neue Gesichtspunkte fiir stenographische Unter-
suchungen von Shakespeare-Quartos, dargelegt an der ersten Quarto der ,,Merry
Wives of Windsor“: 1602. Leipzig 1914.
3) Anglia, Bd. XL, S. 323 ff.
4) Anglia (a.a.0.), S. 326.
18°
248 Adolf Schöttner
bestimmten Stenographiesystem ist nicht die Rede. Es wäre wünschens-
wert, daB das Stück auch daraufhin einmal untersucht würde.
Das „Archiv für Stenographie‘‘ Jahrgang 1908!) enthält einen Aufsatz
von A. Seeberger: „Zur Entstehung der Quartausgabe des First Part of
leronimo‘“‘. Der Verfasser weist darin nach, daß dieses Stück ebenfalls
mit Hilfe des Systems von Bright nachgeschrieben sein muß. Die Kritik
dazu siche bei Friedrich, S. 65 ff. :
Dafür, daß die erste Quarto von „Romeo und Julia‘ durch Nachschrift
im Theater mit Hilfe des Systems Bright entstanden ist, hatte bereits
Dewischeit in seiner S. 239 der vorliegenden Arbeit genannten Veröffent-
lichung einige Belege gebracht. Wir wollen nun im folgenden das Stück
einer eingehenden Untersuchung unterziehen, in welchem Umfange wir
die Spuren der Stenographie darin feststellen können.
Zusammenfassend wollen wir noch einmal konstatieren, daß es, von
den erwähnten Ausnahmen abgesehen, nunmehr wohl endgültig allgemein
anerkannt wird, daß wir es in Q, mit einem auf stenographischem Wege
entstandenen Raubdruck zutunhaben. Die Vermutung, daßesein Raubdruck
sei, finden wir bereits bei Pope. Die erste Folioausgabe von 1623 spricht
nur von ,,diuerse stolne and surreptitious copies‘‘, nennt aber keine bestimm-
ten Ausgaben. Theobald spricht zum ersten Male davon, daß Stenographen
bei der Aufnahme der Raubdrucke tätig gewesen seien. Aber auch er nennt
die erste Quarto von „Romeo und Julia‘‘ nicht ausdrücklich, obwohl er sie
zweifellos dabei im Auge hat. Erst 160 Jahre später führt Dewischeit den
Nachweis, daß neben andern Quartos auch die erste Quarto von „Romeo
und Julia“ mit Hilfe des Bright’schen Systems zustande gekommen ist.
Bezüglich Q, schwanken die Meinungen außerordentlich. Die Her-
ausgeber der ersten Folio, Heminge und Condell, die ja Q, für den Druck
von „Romeo und Julia‘ zugrunde legten, äußern sich über Q, überhaupt
nicht. Die späteren Herausgeber von Q, stimmen alle darin überein, daß
Q, eine rechtmäßige und gute Ausgabe ist. Tycho Mommsen stellt sogar
die Behauptung auf, daß Q, auf Shakespeares eigenhändigem Manuskript
beruhe, und findet starke Unterstützung durch Gericke (Shakespeare-
Jahrbuch Bd. 14). Diese Theorie hält sich aber nicht. Heute ist man
wohl allgemein der Auffassung, die Pollard in seinem obenerwähnten Werke
„Shakespeare Folios and Quartos‘‘ niedergelegt hat, daß Q, eine auto-
risierte Ausgabe darstellt, die auf einem guten Bühnenmanuskript beruht.
Von den neueren Shakespeareausgaben haben wir den Arden-Shakespeare
bereits erwähnt (S. 238). Furness’ ‚New Variorum Shakespeare‘‘2) stellt
1) S. 236 ff.
2) Horace Howard Furness, A New Variorum Edition of Shakespeare. Phila-
delphia (ohne Jahreszahl). 18 Bde.
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 249
keine eigene Theorie über die Entstehung von „Romeo und Julia“ auf.
Er gibt nur im Anhang des betreffenden Bandes die Meinungen der ver-
schiedenen Herausgeber wörtlich wieder (S. 415 ff.).
Die anderen Ausgaben interessieren uns an dieser Stelle nicht.
ZWEITER TEIL.
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit.
J. Kapitel.
Die stenographischen Quellen der Zeit.
ie Kenntnis der Stenographie war in der Elisabethanischen Zeit
In schon weit verbreitet. Es sind uns zwar nicht allzu viele
Mitteilungen darüber erhalten, aber die Nachrichten, die uns überliefert
sind, werfen ein helles Licht auf die weitgehende praktische Verwendung
der Stenographie in der damaligen Zeit. Aus dem uns vorliegenden Ma-
teriall) geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß die Stenographie besonders
zur Nachschrift von Theaterstücken und Predigten verwendet wurde. Ver-
schiedene Autoren beklagen sich bitter über den Raubdruck ihrer Stücke
mit Hilfe der Stenographie. Von Shakespeare hören wir allerdings darüber
nichts. Das ist wohl darauf zurückzuführen, daß Shakespeare sich um
die Drucklegung seiner Stücke überhaupt nicht gekümmert hat. Für ihn
war mit dem Verkauf des Stückes an eine Schauspielergesellschaft an-
scheinend das Interesse daran geschwunden.
Die Stenographie spielt in der Elisabethanischen Zeit erst eine Rolle
seit dem Jahre 1588. Dieses Jahr bildet einen Markstein in der Geschichte
der Stenographie, denn in diesem Jahre veröffentlichte der Arzt Dr.Timothe
Bright ein Lehrbuch der Stenographie unter dem Titel:
Characterie. An Arte of shorte, swifte and secrete writing by
Character. Inuented by Timothe Bright, Doctor of Phisike. Im-
printed at London by J. Windet, the Assigne of Tim. Bright. 1588. Cum
priuilegio Regiae Maiestatis. Forbidding all other to print the same.
Diese Veröffentlichung war ein epochemachendes Ereignis, denn seit
dem Ende des ı2. Jahrhunderts, wo der Mönch John of Tilbury den Ver-
1) Vgl. dazu Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 170 ff. und Archiv fiir Steno-
graphie (A. f. St.) 1897 (Dewischeits Arbeit). Moser, Geschichte der Stenogra-
phie, Bd. I, S. 118 ff. Leipzig 1889. William J. Carlton, Timothe Bright, Doctor
of Phisicke. A Memoir of „The Father of Modern Shorthand“. London, Elliot
Stock III.
250 Adolf Schöttner
such machte, ein Stenographiesystem nach dem Vorbilde der tiranischen
Noten zu schaffen, war dies das erste Büchlein über Stenographie, das
wir in England besitzen. Zwei Jahre vorher hatte Bright schon die Epistel
an Titus in Stenographie übertragen und einem Briefe beigelegt, den
sein Gönner Vincent Skinner an Michael Hicks schrieb, den Privatsekretär
des Lordschatzmeisters Lord Burghley, dessen Sohn das Bright’sche System
empfohlen werden sollte. Dieser Brief und die Übertragung der Epistel
an Titus ist uns auch erhalten und befindet sich im Britischen Museum
unter der Signatur Lansdowne MS. 5ı fol. 27. Reproduziert ist diese
Handschrift bei Levy!), Carlton und Friedrich. Eine vergrößerte Photo-
graphie befindet sich im Englischen Seminar der Universität Leipzig.
Dieses Stenogramm wie überhaupt das ganze System Brights ist in der
bereits erwähnten Dissertation von Paul Friedrich kritisch und entwick-
lungsgeschichtlich untersucht. Er hat nachgewiesen, daß wir in dem
Titusbriefe die erste Entwicklungsstufe des Systems vor uns haben. Die
Grundgedanken des im Lehrbuche von 1588 dargestellten Systems sind
bereits darin enthalten, das Alphabet ist aber ein anderes. (Das Nähere
darüber s. bei Friedrich, S. 22 ff.)
1588 erschien das Lehrbuch selbst. Da wir auf das darin gelehrte System
in einem besonderen Abschnitte einzugehen gedenken, so seien hier nur
einige bibliographische Angaben gemacht. Von dem Original waren bisher
nur zwei Exemplare bekannt, das eine in der Bodleian Library zu Oxford
unter der Signatur Douce W 3, das andere unter den von Samuel Pepys
dem Magdalene College zu Cambridge geschenkten Büchern. 1910 ist
nun, wie in Pitman’s Journal vol. LXX p. 4 (7. Januar 1911) mitgeteilt
wird, noch ein drittes gut erhaltenes Exemplar in der Bibliothek des Earl
of Crawford and Balcarres in Haigh Hall (nicht Haigh Wall, wie Carlton
S. XIV schreibt) Lancashire aufgefunden worden, das insofern von be-
sonderer Bedeutung ist, weil es eine bisher unbekannte Übersicht über
das System?), eine ‚‚synoptical table‘, enthält.
1888 veranstaltete Herbert Ford einen Neudruck. Schon Pape wies in
seiner Dissertation darauf hin, daß sich in dem Neudruck eine Reihe von
Fehlern befindet. Carlton führt eine noch größere Menge von Fehlern
auf (S. 92). In Deutschland befinden sich von dem Ford’schen Neudruck,
der übrigens auf roo Exemplare beschränkt war, soweit bekannt, nur
zwei®) Exemplare, das eine in der Bibliothek des Königlich Sächsischen
1) Matthias Levy, William Shakespeare and Timothy Bright. London 1910.
2) Abgedruckt in Pitman’s Journal (a. a. O.), bei Carlton (a. a. O.), S. 88, und
bei Friedrich (a. a. O.), S. 17.
3) Nach dem A. f. St. 1901, S. 225, Anm. sollten außerdem der Stenographen-
verein zu Berlin und Dr. Johnen in Düsseldorf je ein Exemplar dieses Neudrucks
besitzen. Diese Angabe stimmt nach Friedrich, S. ro, Anm. 2 nicht.
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 251
Stenographischen Landesamts zu Dresden unter der Signatur Caı., das
andere in der Universitätsbibliothek zu Freiburg im Breisgau unter der
Signatur C 1422. Abschriften des Bodleian Exemplars (MS. transcripts)
befinden sich nach Carlton in der Manchester Free Reference Library
und in der Reference Library des Royal Albert Memorial Museums.
Anscheinend ist dieses System, das ja mit königlichem Privileg aus-
gestattet war, rasch verbreitet worden und hat viele Anhänger gefunden.
Das geht schon daraus hervor, daß wir aus dem Jahre 1589 ein Manuskript
besitzen, das die sibyllinischen Weissagungen, in stenographische Schrift
nach dem System Bright übertragen, enthält und von einer gewissen
Jane Seager, einem Hoffräulein der Königin Elisabeth, dieser als Neu-
jahrsgeschenk überreicht war. Das Manuskript befindet sich im Briti-
schen Museum unter der Signatur Additional MS. 10037. Eine Photo-
graphie des ganzen Textes besitzt das englische Seminar der Universität
Leipzig.
Einen seiner Brüder hatte Bright, wie wir aus dem Briefe Vincent Skinners
erfahren, bereits 1586 in sein System eingeweiht. Im Jahre 1589 hören
wir aber auch zum ersten Male, daß die Stenographie praktisch verwendet
wurde. Aus diesem Jahre sind uns zwei Predigten des puritanischen
Predigers Stephen Egerton (1555?—1621?)1!) erhalten, die mit Hilfe der
Stenographie nachgeschrieben worden sind. Daß dazu das Bright’sche
System verwendet worden ist, geht schon aus der Vorrede hervor, die
der Stenograph zu der einen Predigt?) geschrieben hat. Darin findet
sich mehrfach das Wort Characterie. Das war aber bekanntlich der Name,
den Bright seiner Kurzschrift beigelegt hatte. Die Stenogramme selbst
sind nicht erhalten.
In den Jahren 1590 und 1591 wurde die Stenographie ebenfalls ver-
schiedentlich zur Nachschrift von Predigten des Rektors Henry Smith
verwendet ?),
Daß man mit Hilfe der Stenographie auch Theaterstiicke nachschrieb,
und zwar zum Zwecke des Raubdrucks, das beweist uns der Prolog zur
zweiten Ausgabe von Thomas Heywood’s ,,If you know not me, you know
nobody“ aus dem Jahre 1631, worin sich Heywood über den durch
stenographische Nachschrift im Theater veranlaßten Raubdruck dieses
Stückes von 1605 beklagt. Die Überschrift des Prologs und dieser selbst
lauten®):
1) Vgl. den Artikel iiber Stephen Egerton von A. Vian im Dict. of Nat. Biogr.
2) Der Wortlaut der Vorrede ist abgedruckt bei Carlton (a. a. O.), S. 103. Vgl.
dazu auch Friedrich, S. 20 ff. sowie Carlton, S. 99 ff.
3) S. Carlton, S. 122 ff.
*) Zitiert nach Pollard (a. a. O.), S. 1..
252
Adolf Schöttner
„A Prologue to the Play of Queene Elizabeth as it was last revived
at the Cock-pit, in which the Author taxeth the most corrupted copy
now imprinted, which was published without his consent. l
ay 8 Prologue.
Playes have a fate in their conception lent,
Some so short liv’d, no sooner shew’d than spent;
But borne to-day, to morrow buried, and
Though taught to speake, neither to goe nor stand.
This: (by what fate I know not) sure no merit,
That it disclaimes, may for the age inherit.
Writing ’bove one and twenty; but ill nurst,
And yet receiv’d as well perform’d at first,
Grac’t and frequented, for the cradle age,
Did throng the Seates, the Boxes, and the Stage
So much; that some by Stenography drew
The plot: putit in print: (scarce one word trew:)
And in that lamenesse it hath limp’t so long,
The Author now to vindicate that wrong
Hath tooke the paines, upright upon its feete
To teache it walke, so please you sit, and see’t.‘“
1609 hatte man Heywood’s „Rape of Lucrece‘‘ ebenfalls mit Hilfe der
Stenographie im Theater nachgeschrieben und ohne seine Zustimmung
veröffentlicht. Darüber beklagt er sich im Vorwort zur zweiten Ausgabe
1630. Er schreibt hier!):
„To the Reader. —. IT hath beene no custome in mee of all other
men (courteous Reader) to commit my plaies to the presse: the reason
though some may attribute to my owne insufficiencie, I had rather
subscribe in that to their seueare censure then by seeking to auoide
the imputation of weaknes to incurre greater suspition of honestie:
for though some haue used a double sale of their labours, first to
the Stage, and after to the presse, For my owne part I heere proclaime
my selfe euer faithfull in the first, and neuer guiltie of the last: yet
since some of my plaies haue (vnknowne to me, and without any
of my direction) accidentally come into the Printers hands, and
therefore so corrupt and mangled, (coppied only by the eare)
that I haue bin as vnable to know them, as ashamed to chalenge
them, This therefore, I was the willinger to furnish out in his natiue
habit: first being by consent, next because the rest haue beene so
1) Ebenfalls zitiert nach Pollard, S. 10 f.
Lie Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 253
wronged in being publisht in such sauadge and ragged ornaments:
accept it courteous Gentlemen, and prooue as fauorable Readers
as we haue found you gratious Auditors. Yours T. H.“
Andeutungen, daß die Stenographie zur Herstellung von Raubdrucken
Verwendung fand, haben wir ferner in den Vorworten zu Marston’s ,,Mal-
content‘‘ 1604 und Marston’s ‚„Parasitaster‘‘ 1606, in Webster’s ‚The Devil’s
Law Case‘‘ 1623 und ‚A Bartholomew Fairing‘‘'!). Es würde zu weit
führen, alle diese Belege zu zitieren. Wir haben uns daher mit den wich-
tigsten begnügt. Jedenfalls ersehen wir aber daraus, daß die Stenographie
auch zur Nachschrift von Theaterstücken verwendet wurde.
Was das Leben Bright’s anbelangt, so sind wir neuerdings darüber sehr
gut orientiert, soweit das überhaupt möglich ist, durch die schon mehrfach
erwähnte Biographie, die William J. Carlton im Jahre ıgıı herausgegeben
hat. Danach ist Bright 1550 oder 1551 geboren. Wir wissen das nur aus
dem Eintrag in das Universitätsregister zu Cambridge vom Jahre 1561,
wo neben dem Namen Bright’s die Bemerkung steht: impubes II. Sein
Vater war wahrscheinlich der Bürgermeister von Cambridge, denn ein
William Bright war, wie das Begräbnisregister von Methley zeigt, wo der
Vater starb, zu der in Frage kommenden Zeit Bürgermeister von Cam-
bridge. Timothy Bright war nur als subsizar immatrikuliert. Er gehörte
also nicht zu den bemittelten Studierenden und war einem älteren
vermögenden Studenten (seinem tutor) zu verschiedenen Dienstleistungen
verpflichtet. Bright’s tutor war der ebenfalls schon erwähnte Vincent
Skinner, mit dem ihn auch im späteren Leben innige Freundschaft ver-
band. Ihm hat er viel zu verdanken gehabt, so auch die Stellung als Arzt
am Bartholomäushospital, die er später einnahm.
1567 oder 1568 erwarb er den Grad eines B. A., verließ aber dann Cam-
bridge und ging mit dem englischen Gesandten Sir Francis Walsingham
nach Paris. Dort erlebte er die Bartholomäusnacht mit. Ihre Schrecken
hat er nie vergessen. Sie wurden später der Anlaß für ihn, ein Werk über
Melancholie zu schreiben. Der Aufenthalt in Frankreich scheint ihm
durch diese Erlebnisse verleidet gewesen zu sein. Er kehrte nach Cambridge
zurück und wandte sich dem Studium der Medizin zu. 1574 wurde er
MB. und 1579 MD. Bald darauf heiratete er. Seine praktische Tätigkeit
als Arzt begann er in seiner Vaterstadt und praktizierte darauf vorüber-
gehend in Ipswich. 1586 wurde er zweiter Arzt an dem berühmten, großen
Bartholomäushospital in London. Seine Neigungen drängten ihn aber
mehr und mehr zum geistlichen Stande. 1591 verzichtete er auf seine
Stellung als Arzt und wurde Pfarrer in Methley. 1594 übernahm er noch
1) Vgl. dazu Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 173 f.
254 Adolf Schöttner
die Pfarrstelle von Barwick-in-Elmet und siedelte nach diesem Orte über.
Wie lange er dort blieb, ist unbekannt. Seine letzten Tage verlebte er in
Shrewsbury bei seinem Bruder William, der dort gleichfalls Pfarrer war.
Am 6. September 1615 ist er begraben. Er hinterließ eine Witwe mit zwei
Söhnen.
Die Erfolge Brights in der Stenographie reizten zur Nachahmung. Der
berühmte Schreibmeister Peter Bales veröffentlichte 15s9ı zum Neujahrs-
tage ein Werk:
„Ihe writing Schoolmaster, containing three Books in one; the
first, teaching swift Writing, the second true Writing, the third faire
Writing. London by Thomas Orwin 1590, ı. Jan.“
Nach dem Dictionary of National Biography befindet sich ein Exem-
plar des Buches in der Bodleian Library und ein zweites in der bischöf-
lichen Bibliothek des Lambeth Palace. Leider fehlt bisher immer noch
eine Untersuchung dieses Buches, die doch höchst wünschenswert wäre,
da chronologisch ja die Möglichkeit besteht, daß mit diesem System Shake-
speare’sche Dramen nachgeschrieben worden sind. Eine Andeutung über
die Art dieses Systems finden wir in der Encyclopaedia Britannica vom
Jahre 1911. Dort steht:
„Bales’ Method was to group the words in dozens, each dozen
headed by a Roman letter, with certain commas, periods, and other
marks to be placed about each letter in their appropriate situations
so as to distinguish the words from each other.‘
Nach diesen Worten ist es ausgeschlossen, daB speziell unser Stiick
mit diesem System nachgeschrieben worden ist, denn danach schreibt
man doch die Anfangsbuchstaben jedes Wortes in gewöhnlicher Schrift
und unterscheidet die nachfolgenden Buchstaben und Silben durch irgend-
welche Zeichen. Es müßten also öfters Worte mit gleichen Anfangsbuch-
staben verwechselt sein. Das ist aber in „Romeo und Julia‘ nicht der
Fall. Hier finden wir vielmehr, wie wir sehen werden, die Eigenheiten
und Schwächen des Bright’schen Systems.
Das Lehrbuch Bales’ erschien nach dem Dict. of Nat. Biogr. 1597, in
zweiter Auflage. 1586 schon hatte Bales der Königin Elisabeth eine Minia-
turbibel überreicht, die in der Schale einer Walnuß Platz finden konnte.
Sie enthielt genau so viel Seiten und genau so viel Text auf jeder Seite
wie die Bibel in den sonst gebräuchlichen Ausgaben. Sie soll stenographisch
abgefaßt gewesen sein!).
Am ı. Januar 1600 erschien sein Hauptwerk:
1) S. Moser (a. a. O.), S. 124. . :
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 255
„A New-yeares gift for England. The Art of new Brachygraphy.
Verie necessarie to be learned and written with great speede: by the
abbreviation of all English words into three or foure letters with
a tittle, for the logest words. Verie conuenient usw. London, printed
by Richard Field. 16001).
Auf das in diesem Buche enthaltene System, das auch lediglich eine
abgekürzte Kurrentschrift darstellt, aber auf anderer Grundlage als im
„Writing Schoolmaster‘‘, erübrigt sich ein Eingehen an dieser Stelle, da
es für die Nachschrift der bereits 1597 erschienenen ersten Quarto von
„Romeo und Julia‘ nicht in Betracht kommen kann.
Bales lebte von 1547?—1610. Allzuviel wissen wir nicht über sein
Leben. Es steht fest, daß er sich mehrere Jahre in Oxford aufgehalten
hat, ob aber als Student oder als Lehrer der Schreibkunst, ist nicht bekannt.
Sein Ruhm beruht hauptsächlich auf seiner Schreibkunst, weniger auf
seiner Tätigkeit als Systemerfinder. Es ist unbekannt, wo und wann er
starb.
Das nächste Stenographiesystem, das erfunden wurde, ist das von John
Willis?) aus dem Jahre 1602. Da aber die erste Quarto von ,,Romeo
und Julia“ 1597 erschien und die zweite Quarto 1599, so brauchen wir
schon aus chronologischen Gründen auf dieses System hier nicht ein-
zugehen.
2. Kapitel.
Das System Bright und seine Mängel.
Wir geben nun im Folgenden eine kurze Darstellung des Systems, soweit
sie für unsere Zwecke nötig ist. Eine eingehende Untersuchung über die
Entwicklung des Systems bietet die bereits erwähnte Arbeit von Paul
Friedrich, auf die wir ausdrücklich verweisen.
Im Bright’schen System lassen sich zwei Entwicklungsstufen deutlich
erkennen. Im Titusbriefe haben wir das System noch in seinen Anfängen,
während das Lehrbuch von 1588 eine höhere Entwicklungsstufe aufweist.
Die Frage, ob eine weitere noch mehr vervollkommnete Gestalt des Systems
existiert hat, wie Pape in seiner bereits erwähnten Dissertation?) und
1) Ein einziges Exemplar davon ist erhalten in der Pariser Nationalbibliothek
(V.25. 102). Vgl. dazu A.f.St. ıgıı, S. 105, A. f. St. 1913/14, S.7, Anm. und
Deutscher Stenograph 1912, S. 273 ff.
2) Die beste Arbeit fiber das System von John Willis ist die umfassende Arbeit
von Chr. Johnen, ,,John Willis’ Lehrbuch und System vom Jahre 1602", A. f. St.
1908, S. 9 ff.
3) O. Pape, Über die Entstehung der ersten Quarto von Shakespeares Richard III.
Erlangen 1906.
256 Adolf Schdttner
Seeberger!) annehmen, Dewischeit?) allerdings auch schon ablehnt, ist
durch die grundlegenden Untersuchungen Friedrichs auf S. 59—68 seiner
Arbeit endgültig in verneinendem Sinne entschieden worden. Er weist
dort nach, daß die nach dem Lehrbuche von 1588 vermeintlich nicht wieder-
zugebenden Wörter, auf die Pape und Seeberger ihre Ansicht im wesent-
lichen stützen, doch geschrieben werden können, und erbringt den aus-
führlichen Beweis dafür aus der Handschrift der Jane Seager. Schon
Dewischeit hat darauf in einer Anmerkung zur Papeschen Arbeit?) kurz
hingewiesen.
Das System des Titusbriefes zeigt in seinen Grundgedanken wie in vielen
Einzelheiten bereits völlig die Gestalt des im Lehrbuche von 1588 ent-
haltenen Systems, weist aber ein vollkommen anderes Alphabet auf.
Nach dem Lehrbuche stellt sich das System folgendermaßen dar: Wir
haben ein sogenanntes geometrisches System vor uns. Man versteht dar-
unter ein Stenographiesystem, das zur Darstellung der Buchstaben die
gerade Linie und den Kreis oder Teile derselben verwendet, während die
Buchstaben der graphischen Systeme, die in Deutschland bevorzugt werden,
sich aus Teilzügen der Kurrentschrift zusammensetzen. Eine Eigenheit
des Bright’schen Systems ist, daß man mit demselben nicht, wie gewöhn-
lich von links nach rechts sondern von oben nach unten schreibt. Es
hängt das damit zusammen, daß im Bright’schen System die senkrechte
Linie eine große Rolle spielt. Die vielen vertikalen Schriftzüge stemmen
sich aber der schreibenden Hand entgegen und würden eine größere Schreib-
geschwindigkeit verhindert haben. Die vertikale Schreibweise war deshalb
ein äußerst glücklicher Gedanke Bright’s.
Der senkrechte Strich ist nun der Grundzug seines Systems und be-
deutet bei ihm ein a. Durch Ansetzung verschiedener geometrischer
Charakteristika an den oberen Teil des senkrechten Strichs schuf er sein
Alphabet. So bildete er das b, indem er links oben an den senkrechten
Strich einen schrägen Strich ansetzte. Das c hatte diesen Strich rechts
oben. Das Alphabet des Lehrbuchs hatte folgende Gestalt:
ı\larır ar PS ır Ir ft 9 = 18 Zeichen.
abcede fg hi Imnopr stu
In diesem Alphabet fehlen die Buchstaben q, k, j, y, v, w, x und z. q und k
wurden durch c ersetzt, j und y durch i, v und w durch u. Für x und z
hatte er keine Zeichen.
Das Bright’sche System war aber keine eigentliche Buchstabenschrift
sondern eine Wortschrift. Das Wort war das Konstruktionselement. Nur
1) Archiv f. Sten. 1908, S. 260 f.
2) Archiv f. Sten. 1906, S. 244.
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 257
die Eigennamen schrieb er aus. Seine Wortbilder schuf er, indem er zu-
nachst den Anfangsbuchstaben des betreffenden Wortes schrieb und die
folgenden Buchstaben und Silben symbolisch durch ein einziges Charakte-
ristikum bezeichnete, das er an dem unteren Teile der Buchstaben an-
brachte. Solcher Charakteristika verwendete er 12, die bis auf zwei, a
und >», mit den am oberen Teile der Buchstaben befindlichen überein-
stimmten.
Die Wortbilder, die beispielsweise aus a entstehen konnten, sahen also
folgendermaßen aus:
JLibJtibdludh
Die so entstehenden Schriftzeichen nannte er characters. Seine Kunst
trug ebenfalls danach den Namen „Characterie‘‘. Diese Schriftzeichen
verwendete er in vier verschiedenen Lagen: aufrecht, schräg von links
oben nach rechts unten, schräg von links unten nach rechts oben und
liegend. Auf diese Weise hatte er 18.12.4 = 864 Schriftzeichen zur
Verfiigung. Er benutzte aber nicht alle, sondern wahlte 538!) aus und
verwendete sie zur Bezeichnung der nach seiner Meinung am häufigsten
vorkommenden Wörter. Diese 538 characters sind, wie schon in der
Anmerkung erwähnt, in.der Characterie Table S. 37—-47 des Lehrbuches
enthalten. Anschließend daran finden sich dort noch 32 „Particles‘. Die
Zeichen dafür sind besonders gebildet. Sie entsprechen wohl am ehesten
den in den modernen Stenographiesystemen gebräuchlichen Sigeln, die
zur Bezeichnung der am häufigsten vorkommenden kurzen Wörter (Artikel,
Pronomina, Präpositionen, Konjunktionen, Ausrufe usw.) dienen. Es
waren also insgesamt 570 Schriftzeichen, die den Grundstock seines Systems
bildeten. Diese Schriftzeichen und ihre Bedeutung mußte der Schüler
seinem Gedächtnis fest einprägen. Es wurden also an das Gedächtnis
bedeutende Anforderungen gestellt.
Wie wurden nun die übrigen Wörter des englischen Sprachschatzes
ausgedrückt? Bright hat dazu eine neue eigenartige Methode erfunden,
die vor und nach ihm nicht wieder angewendet worden ist. Diese Methode
wird auf S. 30—35 des Lehrbuches erklärt. Er bezeichnet sie als die so-
genannte accompanied signification. Sie zerfällt in zwei Teile, die con-
senting method und die dissenting method. Die erstere bestand darin,
daß er diejenigen Worte, die seinen characters bedeutungsverwandt waren
oder derselben Gattung angehörten, für die er aber kein besonderes Schrift-
zeichen hatte, dadurch wiedergab, daß er zunächst das bei ihm vorhandene
1) Dies ist die richtige Zahl, wie auch eine Nachzählung der in der Characterie-
table S. 37—47 des Lehrbuches enthaltenen Zeichen ergibt. Dewischeit und Pape
geben die Zahl 556 an. Das Nähere darüber s. bei Friedrich, S. 12.
258 Adolf Schöttner
bedeutungsverwandte Schriftzeichen schrieb und davor den Anfangsbuch-
staben des darzustellenden Wortes setzte. Hatte er z. B. das Wort „sure“
zu schreiben, für das er kein besonderes Schriftzeichen besaß, so schrieb er
zunächst das Zeichen für das bedeutungsverwandte „certaine‘‘ und setzte
davor das Zeichen für s als Anfangsbuchstaben des darzustellenden
„sure“. Das Wortbild sah also folgendermaßen aus: *(.
Die Wörter, die die entgegengesetzte Bedeutung der bei ihm vorhan-
denen characters hatten, drückte er dadurch aus, daß er ebenfalls zunächst
das Zeichen für das bei ihm vorhandene Wort schrieb und dahinter
den Anfangsbuchstaben des den entgegengesetzten Sinn enthaltenden
Wortes setzte. So schrieb er für „come“ das Zeichen für ‚go‘ mit dahinter-
stehendem c = fr. Dieses Verfahren bezeichnete er als dissenting
method. Zur Erleichterung für den Schüler enthalten die Seiten 49—228
des Lehrbuchs ein Wörterbuch ,,the Table of English Wordes‘‘ genannt,
in welchem auf der linken Hälfte der Seite diejenigen Wörter enthalten
sind, für die er keine Schriftzeichen hatte, während auf der rechten Hälfte
diejenigen Sigelworte angegeben sind, mit deren Hilfe die Worte aus-
gedrückt werden sollen. Zum besseren Verständnis bringt er auf den S. 229
bis 256 dann noch ein Wörterverzeichnis, das er ,,Appelatiue Words‘
nennt. Hier gibt er die wichtigsten Sigelworte und stellt unter jedem
einzelnen Sigelworte diejenigen Wörter zusammen, welche vermittels der
consenting und dissenting method dadurch ausgedrückt werden können.
Zur Unterscheidung von Numerus und Tempus sowie zur Bezeichnung
von Wiederholungen verwendete er als wichtiges Hilfsmittel den Punkt.
So bezeichnete er den Plural dadurch, daß er rechts neben das Zeichen
für das Substantiv einen Punkt setzte. Zur Andeutung des Präteritums
sowohl bei schwachen wie bei starken Verben setzte er einen Punkt links
neben das Verbum, während ein rechts vom Verbum stehender Punkt
das Futurum bezeichnete. Hierbei ist zu erwähnen, daß „would“ durch
„will‘‘!) mit einem Punkt links daneben bezeichnet wurde, „should“ da-
gegen durch „will“ mit einem Punkt rechts daneben. Wir haben in „Romeo
and Juliet“ II. 2. 829 einen interessanten Fall der Verwechslung von
„should“ und ‚would‘, den wir auf S. 277 besprechen.
Ableitungssilben wurden ebenfalls durch Punkte gekennzeichnet, soweit
er ihre Bezeichnung überhaupt für nötig hielt. Die allgemeine Regel dar-
über auf S. 26 des Lehrbuchs lautet:
1) Die entsprechende Regel auf S. 28 des Lehrbuches lautet: When would is
to be expressed, write the character of well for it, and read it would: and for should,
make a prick on the right side of well. Hier liegt zweifellos ein Druckfehler vor.
Es muß heißen „will“. Friedrich, S. 14. 5, S. 35. 13, S. 55 unten schreibt regelmäßig
„will“, nimmt also auch stillschweigend an, daß es „will“ heißen muß.
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 259
„Primitiues and deriuatiues are known by the language: as, he
is a virtuous man, not a virtue man: fear God, honor the king: not
fearful, so not honourable.‘
Dagegen heiBt es weiter:
„Deriuatiue words that end in er, require two prickes at the right
side of the character: as, labourer is deriued of labour. } ii
Das Participium praesentis wurde durch zwei Punkte unter dem Verbum
bezeichnet. In ‚Romeo and Juliet“ I. 1.189 haben wir ein hiibsches
Beispiel der Verwechslung dieser Unterscheidungsmerkmale: Dort steht in
Q, „louing‘“. Q, hat aber dafür „louers‘“. Das Beispiel ist von uns S. 277
besprochen.
Den Komparativ bezeichnete er überhaupt nicht. Er gibt dafür S. 28
als Grund an: ,,The comparatiue degree is known from the other, by than,
following: as, Gold is better than silver, not good than silver, nor best.‘
Ebensowenig hat er für den Superlativ irgendwelches Unterscheidungs-
zeichen. Er schreibt dariiber: ,,The superlatiue degree is declared by of,
following: as, Gold is best of mettalls.“
Wurde ein Wort mehrmals hintereinander wiederholt, so sollte man
so viele Punkte links neben das Wort setzen, als es wiederholt wurde.
Wurden Redensarten oder kleine Sätze mehrmals wiederholt, so sollte
man entsprechend viel kleine Kreise setzen.
Eine wortgetreue Wiedergabe der Rede strebte er mit seinem System
nicht an. Ihm war das Wichtigste, daß der Sinn wiedergegeben wurde.
Daher findet sich auf S. 35 seines Lehrbuchs die Regel: ‚‚the sense only
is to be taken with the character.‘‘ Diese Regel ist von auBerordentlicher
Wichtigkeit. Wir werden darauf an der Kritik noch besonders zurück-
kommen. fog
Das Bright’sche System beschränkte sich überhaupt auf die Wieder-
gabe der wichtigsten sprachlichen Formen. Feinheiten der Sprache konnten
damit nicht wiedergegeben werden. So war es nicht möglich, irgendwelche
Reduktionsformen wiederzugeben wie is’t für is it oder can’t für cannot.
Doppelformen von Wörtern wie ore und over, nere und never, ye und
you, thine und thy, older und elder konnten nicht unterschieden werden.
Die Bezeichnung des Genitiv-s, des Adverbs mußte unterbleiben. Ebenso-
wenig konnte auch der Superlativ oder Komparativ eines Adjektivs als
Attribut eines Substantivs wiedergegeben werden. Das Nähere ersieht
man aus den später zu bringenden Beispielen.
Wir gehen nun zur Kritik dieses Systems über. Aus dem bisher
Gesagten geht schon hervor, daß ein auf solchen Prinzipien aufgebautes
System an die Auffassungsgabe und Assoziationsfähigkeit des Steno-
graphen kolossale Anforderungen stellt, mußte er doch die 538 characters
260 Adolf Schöttner
fest im Kopfe haben und zugleich sofort wissen, welchen der characters
er im gegebenen Augenblick unter Zuhilfenahme der consenting oder
dissenting method zu verwenden hatte. Außerdem mußte er jederzeit
längere Redensarten möglichst kurz fassen können.
Es liegt auf der Hand, daß die genaue Beobachtung der von Bright
aufgestellten Regeln vom Stenographen aus den verschiedensten Gründen
nicht immer durchgeführt werden wird, und bei den doch niemals geringen
Geschwindigkeiten, mit denen gesprochen zu werden pflegt, auch gar
nicht möglich ist. Das System birgt eben Mängel in sich, die sich bei der
praktischen Verwendung in dem Stenogramm spiegeln müssen.
In der Hauptsache sind es folgende fü nf Gruppen von Mängeln, die
festzustellen sind:
1. Die consenting und dissenting method gibt schon Anlaß zu Ungenauig-
keiten im Stenogramm. Nur allzuleicht wird der Stenograph bei schnellem
Sprechtempo der Redner vergessen, das Buchstabenzeichen, das das be-
deutungsverwandte oder derselben Gattung angehörige Wort andeutet,
neben den character zu setzen, sodaß nur der character im Stenogramm
allein dasteht und der Stenograph infolgedessen beim Übertragen nur die
allgemeine Bedeutung des characters in die Übertragung schreibt. Hierbei
sei gleich bemerkt, daß abgesehen von ganz besonderen Ausnahmefällen
heutzutage jeder Stenograph sein Stenogramm selbst überträgt, und dies
wird jedenfalls auch zu Shakespeares Zeiten so gewesen sein, da die
Stenogramme gewöhnlich für andere nur sehr schwer oder gar nicht les-
bar sind. Hat doch jeder Stenograph seine besonderen Kürzungen und
werden doch die Schriftzüge bei hohen Geschwindigkeiten meist so verzerrt,
daß nur der, der sie selbst geschrieben hat, sie wiederzulesen vermag. Und
selbst das ist zuweilen, namentlich den Anfängern, unmöglich. Vielleicht
erinnert sich aber auch der Stenograph beim Wiederlesen nicht des Wortes
aus dem Anfangsbuchstaben, der neben dem character steht. Man kann
allerdings nach Bright bei Verwechslungsmöglichkeiten auch noch den
zweiten Buchstaben am unteren Teile des Anfangsbuchstabens andeuten,
aber das gibt wieder zu neuen Verwechslungen Anlaß, denn man kann
dann auf den Gedanken kommen, es handle sich hier um einen selbstän-
digen character, ganz abgesehen davon, daß hierzu schnelle Überlegung
gehört. Außerdem gibt es Fälle, wo selbst die beiden ersten Buchstaben
noch nicht ausreichen, um jede Verwechslungsmöglichkeit auszuschließen.
So wird bei Bright sowohl pea‘ (die Erbse) wie „peach“ (der Pfirsich)
durch das Zeichen für „fruit“ wiedergegeben. Bei beiden Wörtern sind
aber die ersten drei Buchstaben völlig gleich.
Schließlich ist es auch noch sehr wohl möglich, daß der Stenograph
den Buchstaben, der vor dem character steht, nicht wiederlesen kann
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 261
oder falsch wiederliest und infolgedessen ein falsches Wort überträgt.
In diesem Falle liegt allerdings die Schuld nicht an dem System Bright
sondern an dem Stenographen. Wir kommen darauf noch $. 287f. zurück
und werden dort das Nähere auseinandersetzen.
Besondere Schwierigkeiten bot auch die dissenting method.
Sie stellt an die Auffassungsgabe des Stenographen große Anforderungen.
Synonyme oder derselben Gattung angehörende Wörter waren leicht zu
finden. Der Stenograph muß ja überhaupt einen großen Wortschatz mit
den entsprechenden Möglichkeiten der schnellen schriftlichen Darstellung
im Gedächtnis haben. Die Anwendung der consenting method, wo es
nur galt, naheliegende synonyme Wörter zu finden, fiel ihm also leicht.
Bei Anwendung der dissenting method mußte er aber sein Denken in ganz
andere Bahnen lenken und statt des naheliegenden synonymen Wortes dasdie
entgegengesetzte Bedeutung habende Wort und den dazu gehörigen character
finden. Es ist also kein Wunder, wenn der Stenograph danach strebte, die
dissenting method möglichst wenig anzuwenden, oder manchmal versagte,
wenn er sie anwendete. Ebenso konnte aber auch der Stenograph bei der
Übertragung an manchen Stellen auf den Gedanken kommen, die Anwendung
der dissenting method vergessen zu haben, sodaß er nachträglich das ent-
gegengesetzte Wort einbesserte, obwohl es gar nicht an die Stelle gehörte.
2. Der Punkt, den Bright zur Unterscheidung verwendete, konnte natur-
gemäß beim Wiederlesen leicht übersehen werden und infolgedessen bei
der Übertragung unberücksichtigt bleiben. Es besteht auch die Möglich-
keit, daß der Stenograph bei raschem Sprechtempo des Redenden den
Punkt entweder ganz zu setzen vergaß oder ihn nur so flüchtig andeutete,
daß er ihn beim Übertragen nicht für einen Punkt hielt. Es kam schließ-
auch wohl vor, daB der Stenograph erwartete, hier kommt der Plural oder
das Präteritum oder Futurum und schon im voraus den entsprechenden
Punkt setzte. Der Schauspieler aber brauchte vielleicht dann den erwarteten
Numerus oder das erwartete Tempus nicht, und der Stenograph hatte
entweder keine Zeit, den Punkt zu tilgen, oder er fürchtete, bei der Über-
tragung Schwierigkeiten zu haben, falls er ihn striche, weil ein ausge-
strichener Punkt leicht die Gestalt eines verzerrten Wortbildes annimmt.
So blieb der Punkt stehen und wurde bei der Übertragung die Ursache
davon, daß ein falsches Tempus oder ein falscher Numerus an der be-
treffenden Stelle erschien.
Bei Wiederholungen liegt selbstverständlich auch die Möglichkeit
vor, daß der Stenograph einen Wiederholungspunkt oder -kreis zu viel oder
zu wenig setzte und dadurch eine Wiederholung mehr oder weniger an-
deutete. Hier muß man aber auch berücksichtigen, daß ebensogut auch der
Schauspieler eine Wiederholung zu viel oder zu wenig gesprochen haben
Prof. Dr. Schramm, Archiv £. Schriftikunde. L 6. 19
262 Adolf Schöttner
kann. Ich bin freilich in diesem Falle eher geneigt, dem Stenographen die
Schuld in die Schuhe zu schieben, da ein Punkt gar zu leicht gesetzt ist.
3. Sehr bedenklich für die wörtliche Aufnahme eines Stenogramms ist
auch die Bright’sche Regel: ‚the sense only is to be taken.“ Damit ist
der Ungenauigkeit Tür und Tor geöffnet, denn beim Schreiben wird der
Stenograph wohl oft von dieser Erleichterung Gebrauch gemacht haben,
aber beim Übertragen, namentlich längerer Stenogramme, wird er sich
nicht immer haben erinnern können, an welcher Stelle nun das einfache
Verbum oder eine sonst einfache Bezeichnung eine längere Umschreibung
vertreten sollte, und vor allem wird er sich nicht immer erinnert haben,
‚welche Umschreibung der Redende gebraucht hatte. Auf diese Weise
müssen unbedingt Ungenauigkeiten entstehen.
4. Ein wörtliches Stenogramm ist natürlich auch dadurch unmöglich,
daß sprachliche Doppelformen und grammatische Bezeichnungen nicht
oder nur mangelhaft wiedergegeben werden können.
5. Schließlich haftet dem Bright’schen System auch der Mangel an,
der jedem Stenographiesystem anhaftet: es enthält Schriftzeichen, die
einander so ähnlich sehen, daß der Stenograph, wenn er nur etwas un-
deutlich schreibt, die Zeichen beim Wiederlesen verwechselt und so eine
Stelle falsch überträgt. Diese Möglichkeit muß man beim Bright’schen
‚System auch in Betracht ziehen.
DRITTER TEIL.
Untersuchung der Abweichungen zwischen der
ersten und zweiten Quarto.
Allgemeines.
ie Kritik des Bright’schen Systems hat uns bereits gezeigt, wie sich die
Mängel dieses Systems bei der praktischen Verwendung äußern werden.
Wenn also die Theorie einer stenographischen Nachschrift der ersten
Quarto von Shakespeares „Romeo und Julia‘ Berechtigung hat, müssen
wir bei einer Vergleichung der Abweichungen zwischen der ersten und
zweiten Quarto für sämtliche fünf Gruppen von Mängeln, die wir in dem
vorhergehenden Kapitel festgestellt haben, Beispiele bringen können.
Dewischeit!) hat ja bereits einige Belege dafür beigebracht. Wir wollen
aber nunmehr sämtliche Abweichungen zwischen der ersten und zweiten
Quarto einer eingehenden Untersuchung unterziehen.
1) Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 170 ff. A.f. St. 1897.
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 263
Die Untersuchung der Abweichungen eines Dramas darf sich natiirlich
nicht auf die Priifung der Abweichungen beschranken, die auf den Steno-
graphen zurückgeführt werden können. Sie muß alle Möglichkeiten in
Betracht ziehen, die für die Entstehung dieser Abweichungen in Frage
kommen können. Sie wird sich daher folgendermaßen gliedern:
In einem ersten Abschnitt A werden wir versuchen festzustellen, welche
Abweichungen den Stenographen zur Last zu legen sind.
Kapitel ı wird dabei diejenigen Abweichungen umfassen, die durch
das Bright’sche System erklärt werden können. Die Untersuchung dieser
Abweichungen wird sich in die genannten fünf Gruppen gliedern.
Dieses Kapitel ist das wichtigste der ganzen Arbeit, da dadurch positiv
festgestellt wird, daß die erste Quarto mit Hilfe der Stenographie auf-
genommen sein muß, da nur durch das System Bright die Entstehung
dieser Abweichungen erklärt werden kann.
In einem zweiten Kapitel werden wir uns sodann mit denjenigen Abwei-
chungen beschäftigen, die zwar nicht durch das System Bright erklärt werden
können, die aber bei jeder stenographischen Nachschrift entstehen können.
So kommen bei jeder Nachschrift von Reden Hörfehler vor. Wir
müssen also die Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto
auch daraufhin untersuchen.
Es kommt außerdem vor, daß der Stenograph bei der Übertragung
einzelne Stellen seines Stenogramms nicht wieder zu entziffern vermag.
Um den Zusammenhang wieder herzustellen, pflegt er dann sinngemäß
andere Sätze und Wörter einzufügen. Auch diese Möglichkeit müssen
wir bei der Untersuchung der Abweichungen berücksichtigen. Glaubte
er andererseits, daß die von ihm nicht wieder zu entziffernden Stellen
seines Stenogramms nicht von wesentlicher Bedeutung für den Zusammen-
hang waren, so konnte es auch wohl möglich sein, daß er die betreffenden
Stellen in der Übertragung einfach fortließ. Wir müssen deshalb zu er-
kennen versuchen, ob es darauf nicht zurückzuführen ist, wenn in Q,
einzelne Verse fehlen, die in Q, enthalten sind.
Bei der Übertragung machte der Stenograph auch wohl dadurch noch
Fehler, daß er Verse, die er ganz richtig wiedergegeben hatte, falsch abteilte.
In einem zweiten Abschnitt B werden wir uns dann denjenigen Ab-
weichungen zuwenden, die den Stenographen nicht zur Last gelegt’werden
können, sondern auf andere Weise zu erklären sind. |
Dieser Abschnitt wird in drei Kapiteln die Abweichungen enthalten,
die allem Anschein nach zur Last zu legen sind
I. dem Dramaturgen,
2. den Schauspielern,
3. den Druckern.
19*
264 Adolf Schöttaer
ad ı. Der Dramaturg pflegt vor der Aufführung jedes Stückes einzelne
Stellen zu streichen, teils um die Spieldauer des Stückes abzukürzen, teils
um unnötige Längen zu vermeiden. $o pflegt er fast regelmäßig Stellen,
die für den Fortgang der Handlung ohne Bedeutung sind, oder solche,
die auf der Bühne nicht wirken würden, zu streichen. Auch das haben
wir bei unserer Untersuchung zu berücksichtigen.
ad 2. Auch die Schauspieler tragen dazu bei, daß ein Stück nicht wort-
getreu wiedergegeben wird, Vielfach lernen sie ihre Rollen nicht genau
und sprechen andere Worte, als in ihrer Rolie stehen, oder verstellen Worte
innerhalb der Verse. Sie sprechen mitunter wohl auch mehr Worte, als
in ihrer Rolle enthalten sind. Dabei kann es vorkommen, daß diese Zusätze,
die sich die Schauspieler erlaubten, als ganz neue Verse auftreten.
Ebenso ist es auch möglich, daß sie einzelne oder mehrere Verse an an-
derer Stelle sprachen, als diese in ihrer Rolle standen.
Schließlich ist auch die Möglichkeit vorhanden, daB sie einzelne Verse
zu sprechen vergaßen.
In allen diesen Fällen müssen wir aber immer berücksichtigen, ob die
Abweichungen, die wir auf die Schauspieler zurückführen können, nicht
doch vielleicht den Stenographen zur Last zu legen sind. Wir haben dieser
Möglichkeit in der nachfolgenden Untersuchung immer Rechnung ge-
tragen und brauchen an dieser Stelle darauf nicht weiter einzugehen.
ad 3. Auch die Drucker der beiden Quartos können daran schuld sein,
daß sich Fehler in den Text der beiden Quartos eingeschlichen haben. Wir
dürfen auch diese Möglichkeit nicht außer acht lassen.
Wir haben nun alle Abweichungen zwischen der ersten und zweiten
Quarto eingehend untersucht und alle diese Möglichkeiten dabei berück-
sichtigt.
A. Abweichungen, die den Stenographen zur Last
zu legen sind.
1. Kapitel.
Abweichungen, die durch das Bright’sche System erklärt
werden können.
I. Zunächst beschäftigen wir uns mit den Abweichungen, die durch
die accompanied signification zu erklären sind, und zwar
ı. mit denen, die augenscheinlich durch die Anwendung der con-
senting method entstanden sind.
Wir miissen dabei beachten, daB Bright alle Worter, die ihrer Bedeutung
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 265
Seen
nach mit einem seiner Sigelworte, seinen characters, irgendwie verwandt
waren, durch diesen character und den oder die Anfangsbuchstaben des
bedeutungsverwandten Wortes wiedergab. Es ist selbstverständlich, daß
in der schon erwähnten!) „Table of English Wordes‘‘ und unter den Ap-
pelatiue Words‘, die er seinem Lehrbuche beigibt, nicht alle Wörter der
englischen Sprache untergebracht werden konnten. Sie sollten nur dazu
dienen, dem Schüler das Prinzip möglichst klarzumachen, nach dem er
vorgehen sollte. Wir ersehen aus diesen Tabellen des Lehrbuchs, daß
Bright nicht nur rein synonyme Wörter füreinander setzte, sondern auch
Wörter, die die Bedeutung verstärkten oder abschwächten, und Worte
derselben Gattung.
Wir haben nun im folgenden unter a) znächst diejenigen Fälle zu-
sammengestellt, wo die Lesarten in Q, und Q, derart voneinander ab-
weichen, daß das in Q, enthaltene Wort derselben Gattung angehört wie
das in Q, dafür stehende.
Unter b) folgt eine Zusammenstellung derjenigen Fälle, wo die in Q,
und Q, stehenden Worte entweder vollkommen synonym oder doch an-
nähernd synonym sind.
Wir haben dabei unterschieden, ob die betreffenden Worte in der „Table
of English Wordes‘‘ enthalten sind oder nicht und daher anscheinend
Analogiebildungen des Stenographen sind.
a) Abweichungen zwischen der ersten und zweiten
Quarto, dieunter denselbenGattungsbegriff fallen.
Nach Bright werden die Worte durch einen und denselben character mit
dem Anfangsbuchstaben des betreffenden Wortes wiedergegeben.
I. 3. 372 steht in der zweiten Quarto thousand, in der ersten hundred
[Beide Worte werden bei Bright durch den character für count
mit entsprechendem Anfangsbuchstaben wiedergegeben.]
I. 4. 484 hat Q, Alderman, Q, burgomaster [Beides ist durch
das Zeichen für worship auszudrücken. ]
I. 4. 489 hat Q, Gnat, Q, flie [Bright drückt G nat durch das Zeichen
fiir flie aus mit vorangehendem g. Der Stenograph hat ver-
mutlich das g nicht geschrieben und so nur ‘flie tibertragen.]
491aman> maid [Für man hat Bright einen eigenen character.
Ich erkläre diese Stelle so: Der Stenograph hat wahrscheinlich
den character für man ganz richtig geschrieben. Da aber in
diesem ganzen Abschnitt von Queen Mab die Rede ist, hat er
sich augenscheinlich nicht denken können, daß nun mit einem
Male von einem Manne die Rede sein soll, und infolgedessen ge-
glaubt, daß er das derselben Gattung angehörige maid nicht
angedeutet habe. Er hat deshalb maid übertragen.]
I. 4. 592 neck > nose [neck soll durch das Zeichen für back wieder“
gegeben werden. Der Stenograph hat wahrscheinlich aueh ganz
1) S. S. 258 dieser Arbeit.
266 Adolf Schéttner
richtig diesen character geschrieben und ebenso das Zeichen für n
davor gesetzt, hat aber bei der Übertragung aus dem n fälschlicher-
weise auf das Wort nose geschlossen und entsprechend über-
tragen.]
I. 5. 531 Doue > Swan [Beides ist durch bird wiederzugeben. Hier
führte das Adjektiv snowie auf einen weißen Vogel, sodaß
b2im Wiederlesen des Stenogramms leicht der Unterbegriff
„schwan‘ gesetzt werden konnte.]
593 kinsman > Cosen [Nach den ‚„Appelatine Words‘ ist beides
durch das Zeichen fiir parent auszudrücken, natürlich mit
vorangehendem Anfangsbuchstaben des derselben Gattung an-
gehörenden Wortes. k ist aber bei Bright gleich c = f. Der
Stenograph hatte also sicher hier ganz systemgemäß das Wort
kinsman durch das Zeichen für parent mit vorangehen-
dem c wiedergegeben. Beim Wiederlesen dachte er aber nicht
daran, daß c ja auch zugleich ein k bedeutet, und kam so auf
das auch eine Verwandtschaftsbezeichnung ausdriickende cosen.
Vel. IIT. 1.1453 Cozin > kinsman.]
Il.4.1105 wildgoose > goose [Beides war durch das Zeichen für bird
wied2rzugeban. |
1167 minute > houre [minute ist im Lehrbuch nicht angegeben,
für houre ist abar das Zeichen für day zu setzen. minute
als Zaitbestimmung ist wahrscheinlich auch durch day aus-
gedrückt und falsch übertragen.]
Ill. 1. 13590 sword > rapier [sword soll durch weapon wiedergegeben
werd2n; rapier ist im Lehrbuche nicht enthalten, mußte aber
natürlich auch durch das allgemeine Zeichen für weapon
wizdergeg2ban werden. ]
Ill. 2.1635 brow > face [brow ist durch das Zeichen fiir face auszu-
drücken. Der Stenograph hat anscheinend den Anfangsbuch.
staben von brow = b nicht mitgeschrieben und deshalb nur
face tibartrag2n.]
III. 5.2016 child > Girle [Beides ist durch das Zeichen für young wie-
derzugeben. Der Stenograph hatte das Zeichen für c = ( wahr-
scheinlich undeutlich geschrieben, so daß er ein g = F wiederlas
und deshalb girl übertrug.]
V. 3.2825 swords > weapons [Vgl. III. 1. 1350. sword sollte durch
weapon wiedergegeben werden. Das s hatte der Stenograph
wahrscheinlich nicht davorgesetzt und übertrug deshalb nur
weapon.]
2988 morning > day [Für morning existiert ein eigener charac-
ter, den der Stenograph anscheinend nicht kannte. Er schrieb
deshalb den character für day mit davorstehendem m. Dieses
war aber vermutlich so undeutlich geschrieben, daß er es nicht
wiederlesen konnte, und so übertrug er nur day. Vielleicht
unterließ er es aber auch, das m zu schreiben.]
b) Abweichungen, die bedeutungsverwandt sina.
Die Worte werden nach Bright ebenfalls durch einen und denselben char
acter mit vorangehendem Anfangsbuchstaben des bedeutungsverwandten
Wortes wiedergegeben. Es handelt sich hier um Synonyma oder an-
nähernde Synonyma.
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 267
Wir unterscheiden hierbei fünf Gruppen.
In den beiden ersten Gruppen haben wir Fälle, die uns den sichersten
Beweis erbringen, daß bei der Nachschrift das System Bright angewendet
worden ist, da auf andere Weise diese im übrigen ganz willkürlichen
Abweichungen, namentlich an Stellen, die sonst, wie beispielsweise I. 5.,
sehr gut wiedergegeben sind, gar nicht erklärt werden können.
Es sind im einzelnen folgende fünf Gruppen:
a) Fälle, wo der Stenograph, wahrscheinlich aus Bequemlichkeit, ein-
fach nur die Bedeutung des characters übertrug und den davorstehenden
Buchstaben, der ein synonymes Wort andeutete, unberücksichtigt ließ.
Vielleicht konnte er ihn nicht wiederlesen, vielleicht vermochte er sich
auch des synonymen Wortes nicht mehr zu erinnern, vielleicht hatte er
es aber auch unterlassen, ihn zu schreiben.
Das in Q, stehende kursivgedruckte Wort hat also regelmäßig im Lehr-
buche Brights einen eigenen character, das in Q, stehende soll, wo nichts
anderes angegeben ist, nach der „Table of English Wordes‘‘ oder nach
den ,,Appelatiue Words‘‘ mit Hilfe dieses characters wiedergegeben werden.
I. 5. 567 steht in Q, nuptiall, in Q, mariage [nuptial ist im Lehr-
buche nicht angegeben, vom Stenographen aber, wie die Über-
tragung zeigt, durch d:n character für marrie wiedergegeben
word:n.]
I. 5. 596 scorne > mocke
601 say > speake
632 tender > gentle [tender soll nach dem Lehrbuche vermittels
der dissenting method durch hard wiedergegeben werden, ist
aber von Stenographen, wie Q, zeigt, durch das Zeichen für
gentle ausgedrückt worden.)
673 aske > learne [aske soll nach dem Lehrbuche durch den
character für question bezeichnet werden, Der Stenograph
hat aber den character für learn e gewahlt.]
Il. 1. 725 letting > making ... to [Für let existiert ebenfalls ein
eigener character. Dar Stenograph wählte aber den für make.)
791 doffe > part [Das seltene doffe ist im Lehrbuche nicht ent-
halten. Dar Stenograph gab es durch das Zeichen fiir das syno-
nyme part wieder.]
II. 2. 814 stop > let
904 toward > to
Il. 4.1107 whole > all [whole soll nach dem Lehrbuche durch den character
fir sound oder corner wiedergegeben werden. Der Steno-
graph bezeichnete es mit dem character für das hier synonyme
all.)
III. 1.1350 upon > on [upon ist im Lehrbuche nicht enthalten. Friedrich
a.a. O., S. 61 weist nach, daß es durch die character für up
und on dargestellt werden "konnte. Jane Seager hatte nach ihm
einen eigenen character dafür. Der Stenograph gab es hier durch
on wieder.]
1401 terme > words [terme ist nach dem Lehrbuch durch time
oder speake auszudrücken. Der Stenograph wählte hier den
268 Adolf Schöttner
character für das synonyme word, Wegen des Piusals s. S. 274
dieser Arbeit. }
1404 greeting > word [greeting ist im Lehrbuche nicht enthalten.
Es wurde vom Stenographen durch word wiedergegeben. |
1469 Either > Or
III. 3.1743 keepe > beare [keepe soll mittels der dissenting method
durch den character für loose dargestellt werden. Der Steno-
graph benutzte den character für beare.}
1799 lodge > lye [lodge ist durch house wiederzugeben. Der
Stenograph wählte das Verbum Il ye.]
IIl.5. ı9ıı looke > see |
1952 behold > ses
2114 Bridall > mariage
IV. 2.2314 afore > before
2316 into > fo
V. 3.2678 lay > le
2852 Yea> I
2888 bosome > breast
2951 Unto > To
2982 raie [Druckfehler für raise] > erect
ß) Fälle, wo der im Stenogramm stehende völlig richtige character den
Stenographen auf die Vermutung brachte, an der betreffenden Stelle habe
ein synonymes Wort zu stehen, und er habe es bei der Schnelligkeit der
Rede nur unterlassen, den Anfangsbuchstaben des synonymen Wortes zu
setzen, wo infolgedessen der Stenograph ein völlig überflüssiges synonymes
Wort in die Übertragung brachte an Stelle des im Stenogramm ganz
richtig dastehenden Wortes.
Hier hat also das in Q, stehende kursivgedruckte Wort im Lehrbuche
Brights einen eigenen character. Der Stenograph brauchte nur diesen
character zu schreiben. Wenn er trotzdem bei der Übertragung ein syno-
nymes Wort dafür schrieb, so beweist das, daß er in der Anwendung der
consenting method noch nicht genügend sicher war und auch sonst bei
der Nachschrift oft den Anfangsbuchstaben des synonymen Wortes vor
dem character wegließ, indem er sich darauf verließ, daß er bei der Über-
tragung aus dem Gedächtnis das richtige synonyme Wort wiederfinden
würde. In den folgenden Fällen hat er aber Schwierigkeiten gesucht,
wo gar keine vorhanden waren. Wo nichts anderes angegeben ist, soll
das in Q, stehende Wort nach der ‚Table of English Wordes‘* oder
den ,,Appelatiue Words‘‘ mit Hilfe dieses characters wiedergegeben
werden.
I. xı. 3 and > if [if ist im Lehrbuche nicht angegeben. Der Stenograph
wählte aber bei der Übertragung das deutlichere synonyme if,
im Glauben, er habe vergessen, es zu bezeichnen. Vgl. ferner
I. 3. 372, Il. 4. 1169, III. 5. 2101, 2105, 2106, IV. 5. 2535.]
39 beare ~ suffer
ga als each
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 269
I. 2. 210
I. 4. 441
484
I. 5. 584
638
H. 2. 719
725
II. 2. 757
788
838
907
II. 3. 949
II. 4. 1083
1179
1183
1195
ll. 5. 1233
Il. 5. 1298
III. 1. 1405
1446
1450
III. 2. 1596
1613
II. 3. 1125
stay > abide [abide soll nach der „Table of English Wordes‘
vermittels der dissenting method durch den character fiir con -
tinue dargestellt werden.]
mole > stirre
oser > Athwart [athwart ist im Lehrbuche nicht angegeben.]
blessed > happie
I> Yes [Nach Friedrich, S. 62 ist unter den Partikeln im Lehr-
buche das dort angegebene „eyee‘ als, ,yes‘ zu lesen. Das
dürfte richtig sein. Für die Bejahungspartikel ye a ist aber aus-
drücklich nach der „Table of English Wordes’' I zu setzen. Man
konnte also auch yes daraus wiederlesen.]
fine > prettie
mature > fashion [fashion soll nach dem Lehrbuche, durch
manner oder figure dargestellt werden. Der Stenograph
las aber aus dem character für nature das bedeutungsverwandte
fashion wieder.]
heauen > skies [Wegen des Plural-s in skies s. S. 274 dieser
Arbeit. ]
word > name [Nach dem Lehrbuche ist name durch das Zeichen
für call wiederzugeben. An dieser Stelle ist aber name sy-
nonym für word.]
laughes > smiles
speake > crie [crie hat im Lehrbuche auch einen eigenen char-
acter. Es ist aber keine Ähnlichkeit mit dem für speake vor-
handen. Dem Stenographen war speake wahrscheinlich an
dieser Stelle zu schwach. Deshalb wählte er das stärkere crie.]
burning > fierie [Für burn sowohl wie fire existieren eigene
characters. Ähnlichkeit ist jedoch nicht vorhanden. Dem Steno-
graphen war anscheinend ‚‚Titan’s burning wheeles‘ nicht poetisch
genug. Deshalb übertrug er ,,Titans fierie wheeles‘'.]
salutation > curtesie [curtesie (im Lehrbuche courtesie ge-
schrieben) soll durch manner wiedergegeben werden. Den
Stenographen führte wohl das Adjektiv French auf curte-
sie.)
part > member
in > into vgl. V. 1. 2643
ofer > proffer
meete > finde [Für beide sind eigene characters im Lehrbuche
vorhanden. Es besteht aber keine Ähnlichkeit. Die Stelle heißt
in Q.: Perchance she cannot meete him. Der Stenograph,
dem finde das einzig Richtige an dieser Stelle zu sein schien,
glaubte wahrscheinlich den falschen character gewählt zu haben.
Vielleicht hat aber auch der Schauspieler „find ‘‘ gesprochen.]
husband > bridegroome [bridegroome soll nach dem
Lehrbuche durch marrie dargestellt werden. Es ist aber auch
synonym für husband.]
see > perceiue
plague > poxe
hart > wound
marke > sample
kild ~> murdred
blessing > kisses [kiss ist nach der „Table of E. w.“ durch
das Zeichen für salute wiederzugeben. Wegen des Plural-s
s. S. 275.] l
270 Adolf Schöttaer
1735 kil> torture [torture ist nicht im Lehrbuche enthalten.
Es ist hier eine Abschwächung des kill.)
1742 speake > talke
1866 calls > cryes [Für beide existieren eigene characters. Ähnlich-
III. 4. 1898
III. 5. 2039
2093
2III
zIıl
2113
2132
2144
IV. 1. 2232
2262
IV. 2, 2315
V. 3. 2679
2799
2984
keit ist nicht vorhanden. Das call war dem Stenographen augen-
scheinlich nicht stark genug. Deshalb zog er cry vor.)
would > wishe [wishe ist synonym für will. Nach dem Lehr-
buch kann es auch durch desire wiedergegeben werden.)
winde > storme [Auch hier wählte der Stenograph das stärkere
synonyme s t o r m e , das nach dem Lehrbuch durch den character
für tempest wiedergegeben werden soll.]
noble > Princely [Für beide sind eigene characters vorhanden.
Sie ähneln einander aber nicht. Auch hier ist das stärkere Syno-
nymon gewählt.]
sees > lookes
greefe > woes [woe ist im Lehrbuch nicht enthalten, aber syno-
nym. Wegen des Plural-s s. S. 275.]
Defer > Delay [delay ist nach der ,,T. of E. w.'‘
dissenting method durch haste auszudriicken.]
louely > gallant [gallant soll nach der „T. of E. w.“ durch
fine wiedergegeben werden.]
maruellous > wondrous
scape > flye.
continue > remaine [remaine soll nach dem Lehrbuche
durch stay oder rest ausgedrückt werden. continue
hat hier auch die Bedeutung von ,,bleiben‘‘.]
to> unto [unto ist im Lehrbuche nicht enthalten, aber synonym
fiir to.]
Holding > Keeping [Bei keep soll nach dem Lehrbuch die
dissenting method angeweadet werden, indem man es durch loose
darstellen soll.]
quicke > swift [swift kann nach dem Lehrbuch auch durch
fast ausgedrückt werden.]
figure > statue [statue ist nicht im Lehrbuch angegeben, aber
synonym.)
«
mittels der
y) Fälle, wo der Stenograph, wie das in Q, stehende Wort zeigt, eine
andere Bezeichnungsart wählte, als im Lehrbuche vorgeschrieben ist, oder
das Wort nicht genau genug bezeichnete, sodaß ein falsches Wort in der
Übertragung enthalten ist.
I. Ii. 90
I. 5. 619
635
forfeit > ransome [forfeit soll nach Bright durchloose,
ransome (s. raunsome) durch free oder tribute
wiedergegeben werden. Bei der Ahnlichkeit der Bedeutungen griff
der Stenograph wohl zum Zeichen fir free.]
boy > knaue [boy ist durch young zu bezeichnen. knaue
ist nicht im Lehrbuch angegeben. Das Adj. sawcie führte
den Stenographen wohl auf den Unterbegriff k n a u e.]
Pilgrims > Palmers [Pilgrim soll durch neighbour
ausgedrückt werden. Palmer ist nicht im Lehrbuche vor-
handen. Der Stenograph hat wohl ganz systemgemäß den character
für neighbour mit vorangehenden p geschrieben, aber
daraus dann das synonyme palmer wiedergelesen. Er hatte
also das Wort nicht genau genug bezeichnet und hätte nicht
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 27]
657
ITI. 1. 1350
III. 2. 1545
III. 5. 2128
2149
III. 3. 1791
IV. 1, 2179
2243
IV. 5. 2517
V. 1. 2605
2627
V. 3. 2744
nur das p vor den character von neighbour setzen diirfen,
sondern pi davor schreiben müssen.]
debt > thrall [debtistdurchought auszudrücken. thrall
ist nicht im Lehrbuche angegeben. Die Stelle heißt in Q,: My
life is my foes debt. In Q, steht: my life is my foes thrall.
Möglich ist nun, daß der Stenograph den Buchstaben d auch zur
Bezeichnung des th verwendete und deshalb thrall wiederlas.
Auch hier liegt wohl eine ungenaue Wiedergabe des synonymen
Wortes vor.]
table > boord [table soll durch stuffe, boord (s. board)
durch wood wiedergegeben werden. Der Stenograph wählte
anscheinend den character für wood und kam so beim Wieder-
lesen auf boord.]
bring > send (bring ist durch beare, send durch mes-
sage auszudrücken. Die Stelle heißt: „And bring in clowdie
night immediately.“ Der Stenograph hatte wahrscheinlich den
character für beare geschrieben, vermochte aber das Synonym
nicht wiederzulesen und wählte sinngemäß das Verbum send.)
comeback > returne [come ist durch goe auszudrücken,
back hat einen eigenen character, returne soll durchturne
wiedergegeben werden. Der Stenograph wählte wahrscheinlich
diesen character und übertrug daher returne.]
wicked > cursed [wicked soll durch rod, cursed durch
blessed wiedergegeben werden, Der Stenograph wählte wahr-
scheinlich rod, las es aber falsch wieder.)
weeps > pules [weep soll vermittels der dissenting method
durch laug h ausgedrückt werden. Das ist wohl auch geschehen,
aber dann fälschlich mit dem synonymen, aber selteneren pules
übertragen worden.]
Father > Fryer [father ist durch den character fürparent
darzustellen. Fryer ist im Lehrbuche nicht enthalten. Der
Stenograph schrieb wahrscheinlich auch den character für
parent, übertrug aber fälschlicherweise das auch mit f be-
ginnende Wort Fryer.]
told > namde [tellsolldurchdeclareodercount,name
durch call ausgedrückt werden. Der Stenograph wählte viel-
leicht den character für call und übertrug dann namde.]
pitifull> wofull [pity ist durch mercie darzustellen.
woe existiert nicht im Lehrbuch. Der Stenograph schrieb wohl
auch mercie und übertrug dann wofull.]
Remnants > endes {remnant soll durch rest, ende
durch be gin mittels der dissenting method wiedergegeben wer-
den. Der Stenograph schrieb auch wohl den character fiir rest.
Die Stelle heißt nun: „Remnants of packthred.‘‘ Er erinnerte
sich abar wohl des synonymen Wortes remnant nicht mehr
und übertrug unter Vorwegnahme des später folgenden old:
Olde endes of packthred.]
wretchednesse > pouertie [wretched soll durch
blesse wiedergegeben werden, pouertie durch rich. Der
Stenograph mag auch den character für blesse geschrieben
haben, hat aber dann doch falsch übertragen.)
apprehend> attach [apprehend ist im Lehrbuche nicht
angegeben, wohl aber wie attach, das durch rest wiedergegeben
werden soll, dargestellt. Die Stelle heißt in Q.: I do defie thy
272 Adolf Schöttaer
commiration And apprehend thee for a Fellon here. In Q, steht:
I doe defie thy coniurations And doe attach tliee as a fellon heere.
apprehend und attach sind alse hier nahezu synonym.]
2824 Sepulchre > Monument [Sepulchre ist durch grave
darzustellen. Das Wort monument fehlt in der „Table of
English Wordes‘‘ sowie in den „Appelatiue Words‘. Der Steno-
graph vermochte sich wohl des seltenen Wortes Sepulchre
nicht mehr zu entsinnen und setzte das synonyme Monu-
ment, das ja auch die Bedeutung von ,,Grabmonument“ haben
kann, an die Stelle.]
2984 rate > price [rate soll nach dem Lehrbuche durch reuile
dargestellt werden. Es ist also damit das Verbum to rate in
der Bedeutung ‚schmähen‘‘ gemeint. Hier hat aber rate die
Bedeutung von „Preis“. price (s. prise) soll aber durch count
wiedergegeben werden. Der Stenograph vermochte wahrschein-
lich nicht das seltenere rate daraus wiederzulesen und über-
trug das synonyme price.)
ô) Fälle, wo das in Q, und das in Q, stehende Wort durch einen gemein-
samen dritten character wiederzugeben sind, wo also der Stenograph ver-
mutlich den Anfangsbuchstaben, der das synonyme Wort andeutete, ent-
weder nicht im Stenogramm stehen hatte oder nicht wiederzulesen ver-
mochte und daher eigenmächtig ein passendes synonymes Wort wählte.
Das in Klammern stehende Wort ist das Wort, vermittels dessen character
die beiden synonymen Worte nach der „Table of English Wordes‘‘ dar-
gestellt werden sollen.
Ir. 158 sadnesse > sorrow [reioyce]
I.5. 640 grant > yeeld (giue]
II. 1. 705 ran > came [goe]
714 mayd > wench [young]
II.2. 852 vow > sweare [oath]
930 plucks > puls [drawe]
II. 3.1017 throwne > cast [fling]
II. 5. 1233 Perchance > Perhaps [fortune]
1298 wife > bride [marrie] Vgl. IV. §. 2455a
HI. 2.1543 lodging > mansion [house]
1608 slaughtred > murdered (kill)
IV. 1.2238 hide > shut [open]
IV. 2.2254 natiue > natural! [nature]
2296 chance > hap [fortune]
V. 1.2606 scattered > strewed [gather]
V. 3.2888 misheathd (Druckfehler fiir missheathd) > sheathed [case].
8) Fälle, wo das in Q, stehende Wort nicht im Lehrbuche in der „Table
of English Wordes‘‘ oder in den ,,Appelatiue Words‘ angegeben ist, wo
also der Stenograph selbständig einen character wählen mußte, mit dessen
Hilfe er das Wort wiedergeben wollte. Die Bezeichnung ist oft nicht genau
genug gewesen, sodaß in Q, sich eine falsche Lesart findet. Synonym
oder annähernd synonym sind die Worte aber immer.
Lu. 112 Peerde > Peept [Beides im Lehrbuche nicht angegeben, wohl
aber, weil synonym, durch das Zeichen für see wiedergegeben.)
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 273
1,5. 599 fleere > ieere [Ebenfalls beides nicht im Lehrbuche enthalten,
aber wohl durch das Zeichen für mock dargestellt.]
IL, ı. 739 truccle > trundle [Hier gilt dasselbe. Es ist wahrscheinlich
dureh round wiedergegeben.)
II.2. 816 Alack > Alas [wahrscheinlich durch Ab ausgedrückt]. Vgl.
III. 2. 1615 alas > alacke.
II.2. 806 dislike > displease [dislike ist nicht im Lehrbuche an-
gegeben, ist aber wohl durch delight ausgedrückt, durch das
displease wiedergegeben werden soll.)
II. 3. 948 fleckeld > flecked [Beides im Lehrbuche nicht angegeben,
wohl aber durch den character für colour dargestellt und falsch
wiedergelesen.]
II. 4.1084 last night > yesternight [last und yester sind im
Lehrbuche nicht enthalten, last wohl durch late dargestellt
und falsch wiedergelesen. ]
1206 conuoy > conduct [conuoy gibt das Lehrbuch nicht an,
conductaber solldurch guide wiedergegeben werden. Dieser
character wurde wohl vom Stenographen verwendet und falsch
wiedergelesen, da die Vorsilben dieser synonymen Worte gleich sind.]
III. 2, 1626 vile> foule [vile führt das Lehrbuch auch nicht auf, foule soll
durch filth dargestellt werden. Der Stenograph benutzte filth
wahrscheinlich zur Wiedergabe von vile und übertrug falsch.]
Ill. 5.2039 counterfaits > resemblest [counterfait fehlt im
Lehrbuch auch. Es ist wohl durch like dargestellt, durch das
resem ble ausgedriickt werden soll.)
IV. 1.2200 adue > farewell [Beides ist im Lehrbuch nicht enthalten. Der
Stenograph schrieb wohl die characters für fare + well
(good) dafür.]
IV. 2.2297 peeuish> headstrong [Das Lehrbuch gibt beide Worte nicht
an. Sie sind wohl durch hard dargestellt worden.]
V.3.2764 merie > blith [Ebenfalls sind beide Worte nicht im Lehrbuche
aufgeführt, aber wohl durch g a y , das auch die Bedeutung ‚‚lustig‘‘
hat, wiedergegeben.)
2979 ioynture > dowry [ioynture ist nicht im Lehrbuch an-
gegeben, wahrscheinlich aber durch part dargestellt, mit dessen
character do wry wiedergegeben werden soll.)
Wir kommen nun zu den Abweichungen, die
2. vermutlich durch die Anwendung der dissenting method ent-
standen sind. Man vergleiche dazu das $. 261 über ihre Anwendung Gesagte.
Wir haben in unserem Stücke nur solche Beispiele, wo der Stenograph
den richtigen character zweifellos im Stenogramm stehen hatte, aber bei
der Übertragung glaubte, die Anwendung der dissenting method unter-
lassen zu haben, und demzufolge nachträglich in die Übertragung das
entgegengesetzte Wort schrieb.
So steht
I.2. 271 inQ, find, in Q, seeke [find hat einen eigenen character. Die
Stelle heißt in Q.: „find those persons out‘‘. Der Stenograph hatte
wohl das Gefühl, daß hier „seeke‘' stehen müßte und er die
‚Anwendung der dissenting method unterlassen habe. Er über-
trug deshalb auch „seeke‘.] Vgl. V. 2. 2650.
274 Adolf Schöttaer
II.3. 964 ought < nought [nought ist vermittels der dissenting method
durch ought wiederzugeben. Der Stenograph hatte ganz richtig
den character fiir ought geschrieben, hielt aber nought,
das schon 962 steht, fiir richtiger, glaubte einen Fehler im Steno-
gramm zu haben und übertrug nought.]
III. 1.1400 loue> hate [hate ist durch lo ue darzustellen; ein ähnlicher
Fall wie der vorhergehende.)
III. 2.1626 euer > neuer [neuer soll durch euer wiedergegeben werden.]
II. Die Verwendung des Punktes zur Unterscheidung von Numerus
und Tempus sowie zur Andeutung von Wiederholungen.
Dadurch wurde, wie wir S. 261 f. gesehen haben, leicht Anlaß zu Un-
genauigkeiten im Stenogramm gegeben.
Wir geben nun
ı. Die Abweichungen im Numerus. Der Plural wurde
bekanntlich bei Bright dadurch bezeichnet, daß rechts neben das Zeichen
für das Substantiv ein Punkt gesetzt wurde. Welcher der S.261 angeführten
Gründe im einzelnen Falle die Ursache des falschen Numerus war, läßt
sich natürlich heute, noch dazu ohne Unterlage der Originalstenogramme,
nicht mehr feststellen.
Es folgen nun unter a)die Fälle, woin Q, der Pluralfür
den richtigen Singular stand.
Ir. 7 stehtin Q Mountague, in Q, Mountagues
17 wall> walls
99 aduersarie > aduersaries
I. 2. 264 delight > delights
I. 4. 488 bone > bones
489 Philome [wohl Druckfehler] > filmes
497 breath > breathes
I. 5. 558 light > lights
626 greeting > greetings
II. 2. 757 heauen > skies [vgl. dazu $. 269]
761 cheek > cheekes
762 eye > eyes [vgl. 816 den gleichen Fall]
765 cheeke > cheekes [vgl. 831 dasselbe]
824 direction > directions
834 complement > complements
853 tree > trees
919 yeare> yeares
II. 3. 983 braine > braines
1008 vow > vowes
II. 4.1070 accent > accents
HI. 1.1371 riband>ribands
1401 this > these
1401 terme > words [vgl. dazu S. 268]
III.2.1582 heauen > heauens [vgl. 1584 dasselbe]
1616 serpent > serpents
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto
275
III. 3. 1692
1701
1725
1750
1804
1914
2111
2563
2575
V. 2. 2658
. 2695
2698
2743
2874
2899
2968
III. 5.
V. 3.
hand > hands
looke > lookes
blessing > kisses [vgl. dazu S. 269]
madman> madmen
furie > furyes
tipto> tiptoes
greefe > woes [vgl. dazu S. 270]
dreame > dreames
part> parts
Letter > letters [vgl. 2663 dasselbe]
right > rites
this Letter > these letters
commiration (Druckfehler) > coniurations
street > streetes
mouth > mouthes
This Letter doth > these letters doo |
b) Fälle, wo der Singular für den richtigeren Plural steht.
Im Prolog steht Vers ı in Q, housholds, in Q,h, houshold
Lr. 2
36
I. 3. 365
I. 4. 456
507
II. 4. 1062
II. 5. 1272b
HI. ı. 1375
III. 4. 1876
III. 5. 1957
IV. 5. 2540
V. 3. 2678
Collyers> a Collier bo
sides > side
yeares > yeare [vgl. 372 dasselbe]
deformities < deformitie
haires > haire
rests > rest
wayes> way
Capulets > Capulet
times > time [vgl. III. 5. 1958 dasselbe;
these woes > this woe
griefes > griefe
trees > tree
2,Abweichungen,dieanscheinend durch die Ver-
wendung des Punktes zur Bezeichnung des Prä-
teritums veranlaßt wurden.
Verbum.
Der Punkt stand links vom
Wir geben zunächst unter a) die Fälle, wodasPräteritum
stattdesPräsenssteht.
Vers 6 des Prologs steht in Q, take, in Q, tooke
Ir. 113
184
Il. 2. 855
II. 3. 989
II. 4. 1117
III. 1. 1363
III. 3. 1856
III. 5. 2000
driue> drew [Wegen der Verschiedenheit der Verben s. S.283.]
wilt> wouldst
circle > circled
is > was |[vgl. II. 4. 1114 dasselbe]
stretch > stretcht
hast > hadst [III. 3. 1737 dasselbe]
bid> bad
shall> should
b) Fälle, wo das Präsens statt des Präteritums steht.
I. 2. 241
H. 4. 1175
liu’d > liue
saw > see
276 Adolf Schöttaer
III. 1. 1454 hath made > makes
‚ 1455 softned > softens
III. 5.2131 married > marry
IV. 5.2456 was > is
V. 1.2606 Were> Are |
3. Eine einzige Abweichung läßt sich dadurch erklären, daß vermutlich
ein irrtümlich rechts vom Verbum gesetzter Punkt vom Stenographen
beim Wiederlesen als Kennzeichnung des Futurums ange
sehen wurde.
II. 4. 1090 steht nämlich in Q, constrains, während Q, auffälligerweise
wil constraine hat.
Andere Abweichungen, die auf gleiche oder ähnliche Weise gedeutet
werden könnten, finden sich in unserem Stücke nicht.
4. Abweichungen, die sich dadurch erklären lassen, daß wahrscheinlich
der Stenograph zur Andeutung von Wiederholungen
einen Punkt oder kleinen Kreis zu viel oder zu wenig setzte.
Wie schon S. 261f. gesagt wurde, kann auch der Schauspieler Worte oder
kleine Sätze häufiger, als in seiner Rolle stand, wiederholt oder auch
weniger oft als vorgeschrieben, gesprochen haben. Heute läßt sich das
nicht mehr feststellen. Nach dem System Bright liegt jedenfalls die Mög-
lichkeit vor, daß auch der Stenograph schuld an der mangelhaften Wieder-
gabe der betreffenden Stellen ist.
In zwei Fällen hat der Stenograph augenscheinlich die Wiederholungs-
zeichen vergessen.
II. 4. 1076 steht in Q.: HereComesRomeo,hereComesRomeo,
in Q, aber nur Heere comes Romeo
und
II. 4. 1124 steht in Q, Stopthere,stopthere, in Q, aber nur Stop
there.
Beide Stellen stehen inmitten längerer Prosapartien, sodaß wir auch
mit Hilfe des Metrums nicht feststellen können, was richtig ist.
In den folgenden Stellen ist anscheinend das Wiederholungszeichen zu
viel gesetzt.
I. 5. 547 Welcome gentlemen> WelcomeGentlemen,wel-
come Gentlemen [Das Metrum verlangt hier die Unter-
lassung der Wiederholung.)
II. 4. 1131 A sayle, asayle> Asaile,a saile,a saile [Hier scheint
mir der Darsteller der geschwätzigen Amme einmal zu viel ‚a
sail‘‘ gesprochen zu haben. Die Stelle ist in Prosa gehalten.)
III. 4.1903 very > very very [Die neueren Ausgaben wie der Cambridge
Shakespeare und der Arden-Shakespeare halten hier die Auslassung
des zweiten very in Q, des Versmaßes wegen für einen Druck-
fehler. Der Stenograph scheint die Stelle richtig wiedergegeben
zu haben.]
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 277
5. Eine Abweichung haben wir, die sich durch irrtiimliche Nicht -
beachtung oder Fehlen eines Punktes und daraus ent-
stehende falsche Deutung erklären läßt, in
II. 2. 829 wo Q, should hat, während in Q, would steht.
Nach Bright soll nämlich ‚would‘ ausgedrückt werden durch den character
für „will‘‘1) ohne irgendwelche besondere Andeutung, daß es an der be-
treffenden Stelle „would“ heißen soll; „should“ soll ebenfalls durch ‚‚will“
wiedergegeben werden, aber mit einem Punkt an der rechten Seite. Es ist
nun möglich, daß der Punkt entweder ganz fehlte oder bei der Übertragung
nicht beachtet wurde, sodaß ein Fehler in die Übertragung geriet.
6. Eine Abweichung findet sich ferner, die sich durch Verwechs-
lung der Punkte erklären läßt.
I. 1. 189 steht in Q, with louing tears, in Q, with alouers tears,
Ich erkläre die Stelle dadurch, daß der Stenograph die beiden Punkte,
die das Participium praesentis andeuten, nicht, wie vorgeschrieben, unter
das Zeichen für das Verbum setzte, sondern versehentlich rechts daneben.
In dieser Stellung deuten sie aber das Derivativum auf -er an. So entstand
dann durch Hinzufügung des Artikels die Übertragung ‚with a louers
tears“. Vgl. dazu auch S. 259 dieser Arbeit.
7. Ausgelassen zu haben scheint der Stenograph die Punkte,
die das Participium praesentis andeuten, in
II. 3. 1020, wo Q, ringing, Q, dagegen nur ring hat;
ebenso auch in
III. 5. 2060, wo in Q, thankings, in Q, aber thankes steht.
Eine Auslassung oder falsche Übertragung der Punkte — genau läßt
sich das nicht entscheiden — liegt meines Erachtens vor in
II. 2. 804, wo in Q, steht: Of thy tongus uttering, während Q, hat:
Of that tongues utterance.
Vielleicht hat der Stenograph bei der Aufnahme des Stenogramms ganz
richtig ,,uttering‘‘ als substantiviertes Participium praesentis aufgefaßt und
dementsprechend zwei Punkte unter das Zeichen für „utter‘‘ gesetzt, bei
der Übertragung aber wählte er das ebenso richtige Substantiv ‚„utterance‘
in der Meinung, er habe die Endung -ance, die sich sonst nach Bright
nicht darstellen läßt, durch die Punkte wiedergeben wollen.
III. Abweichungen, die anscheinend durch Befolgung der Regel: „the
sense only isto be taken“ entstanden sind. Vgl. dazu S. 262
der vorliegenden Arbeit.
eee
1) Vgl. dazu Anm. auf S. 258.
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 20
278 Adolf Schöttner
Wir geben zunächst ı. die Fälle, wo de Umschreibung aus-
gelassen ist, und zwar
a) die Umschreibung mit to do.
I.5. 631 did readie stand > readie stand
635 do tuch > touch
II. 1. 839 dost loue > loue
863 do not sweare > sweare not
III. 1. 1458 did scorne > scorn’d
III. 2.1586 dost torment > torments
V. 2.2655 did raigne > remaind
3.2753 did I dreame > I dreamd
b) wo das Simplex für Phrasen steht.
II.2. 886 I am afeard > I feare
II.4. 1142 Out upon you > Fie
III. 1.1368 hath wakened > wakd
III. 5.2047 giuethankes > thankes [vgl. 2050 dasselbe]
2089 makes me mad > mads me
2147 make confession> confesse me
IV. 5.2424 is she asleepe > she sleeps
V. 3.2812 to the Vault > thether [Man kann hier zweifelhaft sein,
ob der Stenograph für die Worte: „Go with me to the Vault‘‘
das sinngemäße: ‚Go with me thether‘‘ schrieb, oder ob der Schau-
spieler sich diese Vereinfachung erlaubte.)
2. Fälle, wo vermutlich vom Stenographen die Umschreibung
eingeführt wurde: |
II.2. 863 I ioy > I doo ioy
V. 3.2744 apprehend > doe attach [vgl. S. 271]
2988 brings > doth bring
Ferner steht I. 5.613 in Q, here, in Q, dagegen of the house. [Der
| Stenograph hatte hier vielleicht in seinem Stenozramm das voll-
kommen richtige Zeichen fiir ,,here’‘, aber eingedenk der Rege!: .
„the sense only is to be taken“, glaubte er, daß er in An-
wendung dieser Regel ‚here‘ für ein auf der Bühne gesproche-
nes ,,of the house‘ geschrieben hätte, und übertrug dement-
sprechend. Man kann aber auch ebensogut das ,,of the house“
fiir eine Abweichung halten, die dem Schauspieler zur Last zu
legen ist.]
IV. Abweichungen, die vermutlich dadurch entstanden sind, daB nach
dem System Bright sprachliche Doppelformen sowie
grammatische Bezeichnungen nicht unterschie-
den werden können. Wir verstehen unter sprachlichen Doppelformen
verschiedene Formen eines und desselben Wortes, die im Laufe der histori-
schen Entwicklung der englischen Sprache meist durch den Einfluß der ver-
schiedenen Dialekte entstanden sind und nebeneinander im Gebrauch waren.
Bright konnte auf solche Doppelformen nach dem Aufbau seines Systems
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 279
keine Rücksicht nehmen, da er ja seine Wortbilder nicht auf Grund der
einzelnen Buchstabenzeichen aufbaute sondern für jedes Wort als Ganzes
nur ein Zeichen hatte. Solche Doppelformen finden wir in unserm Stück
. bei Substantiven,
bei Verben,
bei Adjektiven,
bei Adverbien,
bei Fürwörtern,
bei Präpositionen,
bei Konjunktionen.
TONEY
Hierher gehören auch die Abweichungen, die wahrscheinlich dadurch ent-
standen sind, daß der Stenograph die Reduktion zweier Wörter
auf ein einziges nicht wiederzugeben vermochte. Wir haben dabei
zu unterscheiden die Fälle, wo der Stenograph
a) die Reduktion nicht wiedergegeben hat,
b) die Reduktion fälschlicherweise vorgenommen hat.
Als grammatische Bezeichnung kommt zunächst der
angelsächsische Genitiv in Betracht, der nach dem Bright-
schen System allenfalls durch den Pluralpunkt dargestellt werden konnte.
Die Stenographen unseres Stückes haben das anscheinend nicht getan
und so verschiedene Abweichungen verursacht.
Auch die Bezeichnung des Komparativs und Superlativs
war mangelhaft. Bright gibt zwar dafür Regeln, die wir auf $. 259 unserer
Arbeit wiedergegeben haben, aber er hatte die Fälle nicht berücksichtigt,
wo Superlative und Komparative allein als Attribute eines Substantivs
vorkommen ohne folgenden Genitiv oder folgendes ‚als‘. Die Steno-
graphen haben sich in diesen Fällen in unserem Stücke anscheinend nicht
immer zu helfen gewußt, und so finden wir an diesen Stellen einen falschen
Steigerungsgrad.
Wir bringen nun alle diese Abweichungen in der genannten Reihen-
folge.
I. Dopelformen bei Substantiven.
I.3. 370 Jule> Juliet
II. 2. 844 behauior > hauiour
HI. 5. 2021 morne > morning
V. 3.2797 barke > barge
III. 3. 1700 banishment > banished [Mit Vorbehalt gebe ich hier noch
diese Abweichung, die sonst nicht unterzubringen ist. Sie scheint
mir ein Beispiel dafiir zu sein, wie der Stenograph die Substan-
tive wiederzugeben pflegte, nämlich wie das Partizip eines Ver-
bums, durch einen Punkt links vom Verbum.]
20°
280 Adolf Schöttner
2. Dopelformen bei Verben.
a) für die 3. Person Sing. Pras.
II.2. 755 discourses > discourseth
855 changes > changeth
II. 3. 982 lodges > lodgeth
II.4.1115 stretches > stretcheth
III. 3.1791 sayes > saith
V. 3.2806 burnes > burneth
b) beim Hilfsverbum „to be“, dessen einzelne Formen
damals noch promiscue gebraucht wurden (vgl. Shakespearegrammatik
von Franz, S. 17 ff.).
Ir 9 art> be ([vgl. III. 3.1745 dasselbe]
I.3. 383 wast > wert ([vgl. II. 3. 990, 1023, II. 4. 1109 (zweimal), III. 3.
1829]
I.4. 466 art > beest
I.5. 670 be > is
II.2. 860 is > art
III. 1. 1484 are > be
III. 2.1671 is > are
III. 5.1990 be > are [vgl. V. 3.2973]
c) für Indikativ und Konjunktiv.
a) Indikativ statt Konjunktiv.
l.4. 532 Direct > Directs
IV. 1.2166 do > doth
B) Konjunktiv statt Indikativ.
II.2. 840 thinkest > thinke
II. 4.1159 hores > hore
d) Sonstige Doppelformen.
I.3. 367. broke > brake Parallelformen für das
Il. 4.1045 spoke > spake [vgl. III. ı. 1496] Prateritum
II. 3. 1013 forsaken > forsooke (Parallelformen fiir Part. Prat.)
I.5. 574 enrich > inrich (Parallelformen für Inf.)
III. 1.1345 pray > pree (Parallelformen fiir Pras. [pree sonst nirgends belegt.])
1385 consorts > consortst (Parallelformen fiir 2. Sing. Pras.)
3. Doppelformen bei Adjektiven.
1254 a wearie> wearie
2914 needie > needfull
1146 older > elder
828 farthest > furthest
927 farther > further [vgl. V. 3. 2709]
HI.
II.
II.
pean
4, Doppelformen bei Adverbien.
IIl.4.1185 double > doubly
III. 4.1893 late > lately
I. 3. 383 ere > euer ([vgl. II. 3. 1023]
281
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto
I. 5. 586
I. 4. 498
V. 3. 2992
V. 1. 2580
nere > never ([vgl. III. 5.2107 und 2128]
Sometime > Sometimes [vgl. II. 3. 967]
neuer > nere
in > euen [Die Stelle heißt: Is it in so > Is it euen so.]
5 Doppelformen bei Fürwörtern.
I. I. 119
V. 3. 2679
I. 3. 389
I. 3. 368
I. 5. 551
II. 4. 1083
I. 5. 667
my > mine [vgl. II. 2. 782, II. 5. 1292, III. 5. 1962]
thy > thine
thine > thy
a> hee [Die Stelle heißt: a was a merrie man > hee was a merrie
man] vgl. II. 4. 1169
ye > you ([vgl. II. 4. 1140, IV. 1. 2183 und V. 3. 2715]
you > yee ([vgl. II. 4. 1151, III. 4. 1893, III. 5. 2047, 2054 (zwei-
mal), 2088, IV. 1. 2171 und 2179]
yond > yonder
6. Doppelformen bei Präpositionen.
I. 2. 265
III. 4. 1889
I. 5. 582
I. 5. 683
Among > Amongst [vgl. I. 5.615 und II. 1. 730]
A > On [Die Stelle heißt: A thursday let it be,
On Thursday let it be;]
ore > ouer ([vgl. II. 2.771 und III. 5. 2086]
withall > with [Die Stelle lautet in Q,: A rime I learnt euen
now Of one I danct withall. In Q, steht: a rime I learnt euen
now of one I dancst with. Vgl. dazu Franz, Sh. Gr., S. 264.]
7. Doppelformen für Konjunktionen.
II. 2. 863
V. 1. 2608
V. 2. 2655
V. 3. 2983
although > though
An if> And if
Where > Whereas
whiles > while
8. Abweichungen, die vermutlich darauf zurückzuführen sind, daß
nach Bright die Reduktion zweier Wörter auf ein ein-
z i g e s nicht wiedergegeben werden konnte.
a) Die
366
647
398
563
574
565
598
854
1082
IIIS
1438
1773
1894
1924
2103
2307
. 2397
FETT
we Wy
II.
II.
II.
II.
III.
III.
III.
Ae OS ae
IV. 2.
IV. 4
Reduktionistin Q, nicht wiedergegeben.
byth > by the
bith > by the
hees > he is
ist > is it
Ladies > ladie is
Berlady > By Ladie
Tis he > It is
th’inconstant> the unconstant
theres > there is [vgl. III. 2. 1629]
heeres> heere is
twill> it will
Wheres> Where
weele > we will
Tıs > It is
too’t >to it
Tle >I will
youle > you will
[vgl. I. 3.400, II. 4. 1061 und III. 5. 2132]
is
282 Adolf Schöttner
b) Die Reduktionist falschlicherweisein Q, vor-
genommen. Das Metrum verlangt die vollen Formen.
Ir. «r1a I will > Ile [vgl. I. 1.16, 193, Il. 4. 1111, III. 4. 1880, V. 3. 2710
und 2715]
Ir. 210 Shee will > Shee’le
I.5. 66 You will> You’le
II.4. 1159 that is > Thats
II. 5 12835 where is > wher s [vgl. 1289]
III. 5. 1929 it is > tis
2057b what is > whats
V. 3.2749 In faith > Yfaith
Die Stelle II.2.905 Hist Romeo hist ist in Q, einfach durch
Romeo, Romeo wiedergegeben. Der Stenograph wuBte augenscheinlich
nicht, wie er das Hist, hist wiedergeben sollte, und lieB es einfach fort,
ergänzte den Vers aber nachher durch ein zweites Romeo.
Nach dem Lehrbuche soll übrigens hist durch sound wiedergegeben
werden. Der Stenograph erinnerte sich dessen aber anscheinend nicht.
Es folgen nun die Abweichungen, die sich auf die mangelhafte Wieder-
gabe dr grammatischen Bezeichnungen zurückführen
lassen.
Iı. MangelhafteWiedergabedesangelsächsischen
Genitivs.
a)A)DerGenitivistüberhaupt nicht wiedergegeben.
I.4. 488 moonshines watry beams > Moone-shine watrie beames
V.1.2559 My bosomes L. > My bosome Lord
V. 3.2986 Asrich shall Romeos by hisLadies lie > As rich shall R o m e o
by his lady lie
b) Genitiv eingeführt.
II. 2. 849 My truloue passion > My true loues Passion
2. Mangelhafte Wiedergabe des Steigerungsgrades
beiAdjektiven.
a) Komparative.
III. 2. 1609 my dearer Lord > my dearest Lord
b) Superlative.
a) Superlativ ausgelassen.
I.5. 628 bittrest gall > bitter gall
629 unworthiest hand > unworthie hand
III. 5.2131 I thinke it best > I thinke good
B) Superlativ eingeführt.
III. 1.1486 The unluckie mannage > The most unlucky mannage
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 283
V. Abweichungen, die anscheinend darauf zuriickzufiihren sind, daB
die nach dem Bright’schen System zu gebrauchenden characters
einandersehrähnlich sehen und deshalb leicht bei undeut-
licher Schrift, wie sie bei höheren Redegeschwindigkeiten einzutreten
pflegt, beim Wiederlesen verwechselt werden.
Diese Abweichungen sind ein weiteres wichtiges Kennzeichen dafür,
daß das System Bright verwendet worden ist.
I. 1. 16 steht in Q, push, in Q, thrust [push soll durch hill aus-
gedrückt werden, t h r u st durch h it. Die beiden Zeichen (hill =
me hit = ) ähneln einander. Beim Schreiben kann der
letzte Zug von hit leicht in das Zeichen von hill übergehen.]
113 driue > drew [Die beiden characters driue = S und draw
= J unterscheiden sich nur wenig. Sobald der letzte Schriftzug
von driue nicht genügend gerundet ist, entsteht das Zeichen
für draw.]
I. 4. 520 bosome > bowel [bosome soll durch breast, bowel
durch b e 11 i e wiedergegeben werden. Der character für breast
ist = „2? , der für bellie = }. Sobald der mittlere Schrift-
zug von breast nicht schräg genug gelegt wird, entsteht das
Zeichen für bellie.]
l.5. 550 denie > refuse [denie soll durch confesse, refuse
= durch giue ausgedrückt werden. confesse = vw, giue
= J- Hier besteht ebenfalls wie beim vorhergehenden Beispiel
der einzige Unterschied in der Lage der Schriftzeichen.]
II.2. 859 gracious > glorious [gracious >» glorious =
; wie leicht konnte der Stenograph diese beiden ganz will-
kürlich gewählten Unterscheidungsmerkmale am Ende des Zeichens
verwechseln.]
II. 4. 1056 runne > shot [runne soll durch go ausgedrückt werden;
für shot existiert der character h; go = = Bei undeutlicher
Schreibweise konnte die Schleife im character fiir shot leicht
verwischt werden, ebenso wie beim letzten Schriftzuge von go
leicht eine Schleife mit unterlaufen konnte, oder zum mindesten
ein Ansatz dazu.]
1079 wench > drudg [wench ist durch den character fiir young,
drudg durch den für master darzustellen. young= [$
master= 4. Auch hier können die ersten Züge leicht in-
einander übergehen.]
IIl.1.1450 got> tane [get = di take soll durch give wiedergegeben
werden, für das der character „| existiert. Hier ist wahrschein-
lich der untere Teil von get auf irgendeine Weise nur unvoll-
kommen geschrieben worden.] hir
II. 3.1703 Here > Hence [here = ~~; hence soll durch hitherto
dargestellt werden = _5. Der letzte Schriftzug | von A ere
rundet sich bei schnellem Schreiben leicht.]
284 Adolf Schöttner
Ill. 5.1930 hie > flye [hie= „+; Íly = pè; auch hier ist ein Inein-
anderübergehen der Schriftzüge möglich.)
V. 3.2737 Put> Heape [put ist durch place wiederzugeben = 7;
heap durch masse = h . Der Unterschied in den ersten
Schriftzügen der characters verwischt sich leicht.]
2871 misaduenture > mischiefe [misaduenture ist
durch fortune auszudrücken = _?, mischiefe durch
hurt = Lon Die ersten beiden Schriftziige von fortune
verschmelzen bei flüchtiger Schrift meist zu einer einzigen Run-
dung.)
2961 Page> Boy [page soll durch master wiedergegeben wer-
den = J,; boy durch young = f,. Auch hier wird bei schnel-
lem Schreiben der erste Schriftzug von master leicht in den
für young übergehen.]
I.4. 1048 to> of [to = se ONS | Die Verwendung der geraden Linie in
II. 5. 1275 of>to [of = „~ to = — ] | verschiedenen Lagen zur Bezeichnung
vgl. V. 3. 2987 von Präpositionen ist sehr bedenk-
V. 3.2905 in>of [in =\; of = „~ ] f lich, da man beim Schnellschreiben
vgl. 2982 nicht immer genau die vorgeschrie-
2953 to > in [to = _; in=\] bene Lage wird herstellen können.
2. Kapitel.
Abweichungen, die nicht durch das System Bright erklart
werden können, die aber jeder stenographischen Nachschrift
anhaften.
Konnten wir die bisher besprochenen Abweichungen durch die Mängel
des Systems Bright erklären, die der Stenograph wohl oder übel mit in
Kauf nehmen mußte, so haben wir es in diesem Kapitel mit Abweichungen |
zu tun, die jedes Stenogramm in Abweichung von dem gesprochenen
Worte aufweisen kann, die aber nur durch die Schuld des Stenographen
entstehen, sei es nun, daß seine stenographische Fertigkeit stellenweise
nicht ausreichte, um auch bei höheren Geschwindigkeiten den Redner
nachschreiben zu können, sei es, daß vorübergehend eine Ermüdung
des Stenographen eintrat oder sei es, daß er etwas verhörte. Bei der
Übertragung konnte es dem Stenographen schließlich auch noch pas-
sieren, daß er Verse, die er ganz richtig wiedergegeben hatte, falsch
abteilte.
Wir haben die Abweichungen, die sich zwischen der ersten und zweiten
Quarto unseres Stückes finden, auch nach diesen Richtungen hin unter-
sucht und stellen Abweichungen fest:
I. die sich als Hörfehler erklären lassen,
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 285
2. die durch falsche Übertragung oder willkürliche Ersetzung aus-
gelassener Stellen im Stenogramm — welche Ursache vorliegt,
läßt sich heute nicht mehr feststellen — entstanden sein können,
3. die in der Auslassung von Versen bestehen, die wahrscheinlich
vom Stenographen weggelassen sind,
4. die bei der Übertragung des Stenogrammes entstanden sein können.
I. Abweichungen, die sich als Hörfehler erklären lassen.
Wir finden in unserem Stücke auch eine Reihe von Abweichungen, die
auf Hörfehler zurückgeführt werden können. Die Schuld daran liegt nicht
immer an den Stenographen. In den meisten Fällen wird man der undeut-
lichen Sprache des Redners oder der mangelhaften Akustik des Raumes,
in dem die stenographische Aufnahme stattfindet, die Schuld zuschieben
müssen, nicht aber der mangelhaften Aufmerksamkeit des Stenographen,
da ja das Ohr dasjenige Organ des Stenographen ist neben der Hand, das
bei seiner Tätigkeit in erster Linie beteiligt ist.
Vers 7 des Prologs lautet in Q;:
whose misaduentur’d pittious ouerthrowes,
in Q, Whose misaduentures, piteous ouerthrowes,
Ich bin geneigt, hier einen Hörfehler des Stenographen anzunehmen,
der an Stelle les seltener vorkommenden Partizipiums das gebräuchlichere
Substantiv hörte und schrieb.
I. 1. 115 steht in Qe this Citie side, in Q, the Cities side.
Da das Wort side mit einem s beginnt, ist es fast unmöglich zu unter-
scheiden, ob in diesem Falle das Kompositum Citie-side gemeint war oder
das Substantiv side mit davorstehendem abhängigen City’s. Der Steno-
graph glaubte, City’s side sei gesprochen worden, und übertrug dement-
sprechend. |
I.ı. 83 By thee old Capulet > By the old Capulet
I, 2.263 Of limping winter treads > Of lumping winter treads
I. 4.464 and I am dum > and I am done
465 the Constables owne word > the Cunstables old word
509 This is the hag > This is that Mab. [In diesem Abschnitt ist von
Queen Mab die Rede, sodaB dieses Wort dem Stenographen
geläufig war und leicht verhört werden konnte.]
II. 1. 707 passion louer > passion, liuer
775 the lazie puffing Cloudes > the lasie pacing cloudes
II. 3. 970 with that part, cheares each part > with that part cheares ech
hart
984 there golden sleepe doth raigne > there golden sleepe remaines
994 Ile tell thee > I tell thee
II. 4. 1069 such antique lisping affecting phantacies
such limping antique affecting fantasticoes
286 Adolf Schöttner
II.4. 1103 my wits faints > my wits faile
1151 I desire some confidence with you > I desire some confer-
ence with ye
III. ı. 1532 I haue an interest in your hearts proceeding > I haue an interest
| in your hates proceeding
1541 Mercie but murders > Mercie to allbut murdrers
III. 2. 1616 Oserpentheart > O serpents hate
1629 Theres no trust, no faith > There is no truth, no faith
III. 3.1708 And worlds exile is death > And world exilde is death
1713 but the kind Prince > but the milde Prince
III. 5.2050 How will she none? doth she > What will she not, doth she
2057b chopt lodgick > chop logicke
2061 But fettle your fine Joynts > But settle your fine ioynts
2076 And that we haue a curse in hauing her > And that we haue a
crosse in hauing her
IV. 1. 2201 O shut the doore >» Goe shut the doore
2233 And if thou darest > And if thou doost
2251 And this distilling liquor drinke thou off >
And this distilled Liquor drinke thou off. [Die Endsilbe -ed ist
hier betont und gab Anlaß zu dem Hörfehler.]
V.3.2988 A glooming peace > A gloomie peace.
Ferner lauten die Verse 2950/51 in Qo:
Let my old life be sacrific’d some houre before his time
Unto the rigour of seuerest law.
In Q, steht an gleicher Stelle:
let my olde life be sacrificd some houre before his time
To the most strickest rigor of the Law.
Die Abweichungen, die sich hier finden, deute ich so: Der Stenograph
konnte zunachst das unto nicht wiedergeben. Er muBte dafiir to schreiben.
Dann schrieb er ganz richtig: ,,the rigor of‘‘. Jetzt unterlief ihm ein Hör-
fehler. Er hielt die erste Silbe von seuerest für den Artikel und verstand
infolgedessen das vermeintliche nachfolgende Adjektiv nicht, sondern
schrieb nur noch law. Beim Übertragen merkte er natürlich, daß an
dieser Stelle eine Lücke war. Er hatte vergessen, daß ‚to‘‘ heißen sollte
„unto“, und so gab er eigenmächtig diesem Verse mit Hilfe einiger ein-
geschobener Worte die Gestalt:
To the most strickest rigor of the Law.
Kein direkter Hörfehler, aber ein Fehler, der auch auf mangelhaftes
Auffassungsvermögen zurückgeht und psychologisch zu erklären ist durch
Vorausnahme des psychisch stark Betonten, scheint mir in Vers 282 vor-
zuliegen.
Der Vers lautet in Q,:
Turne giddie, and be holpe by backward turning.
Der Schauspieler scheint diese Worte ziemlich schnell gesprochen zu
haben. Auf den Stenographen, der regelmäßig einige Worte hinter dem
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 287
Sprecher zuriickzubleiben pflegt und nur bei ganz langsamen Rednern
unmittelbar folgt, machte das Wort ,,backward‘‘ den nachhaltigsten Ein-
druck, sodaß er es unbewußt auch an Stelle von „‚giddie‘‘ schrieb und dem
Verse folgende Gestalt gab:
Turne backward, and be holp with backward turning.
Ich vermute, daß auch das with in „with backward turning‘ auf
ähnliche Weise entstanden ist, da es in dem folgenden Verse heißt:
One desperate greefe, cures with an others languish.
II. Abweichungen, die anscheinend durch falsche Übertragung oder
willkörliche Ersetzung ausgelassener Stellen im Stenogramm
entstanden sind,
Konnte man die bisherigen Abweichungen noch entschuldigen mit der
Mangelhaftigkeit des Systems Bright oder, wie die Hörfehler, durch un-
günstige äußere Umstände, so sind die in diesem Abschnitte zu besprechen-
den Abweichungen wohl nur durch die Schuld des Stenographen ent-
standen. Es mag ja hin und wieder vorgekommen sein, daß die undeut-
liche Sprechweise des Redners schuld war — objektiv läßt sich das aber
nur feststellen, wenn man selbst bei der Aufnahme zugegen gewesen ist,
was in unserem Falle natürlich unmöglich ist —, aber in den weitaus
meisten Fällen hat sicherlich der Stenograph versagt.
Es sind nun hierbei verschiedene Fälle möglich. Entweder hat der
Stenograph wegen der Schnelligkeit der Rede nicht alles nachschreiben
können und hat so schon im Stenogramm Lücken gelassen, oder er hat so
undeutlich geschrieben, daß er bei der Übertragung sein Stenogramm nicht
entziffern konnte und erst bei der Übertragung eine Lücke gelassen hat.
Vielleicht hat er aber auch, wenn die Worte für den Zusammenhang un-
entbehrlich waren, einfach Worte, die ihm an die betreffende Stelle zu
passen schienen, eingesetzt. Es ist natürlich ohne Unterlage der Original-
stenogramme unmöglich festzustellen, ob die Lücken schon im Steno-
gramm vorhanden waren oder ob sie erst bei der Übertragung in das Stück
hineingelangten. Es ist ebenso auch sehr schwer festzustellen, ob nicht
etwa der Schauspieler ungenau gelernt hat und infolgedessen der Steno-
graph das Richtige gar nicht schreiben konnte. Es ist ja auch schließlich
möglich, daß der Stenograph so schlecht geschrieben hatte, daß er nach-
her ganz andere Worte aus dem Stenogramm herauslas, ein Fall, der
namentlich Anfängern in der stenographischen Praxis leicht zu passieren
pflegt.
Wir besitzen allerdings ein Hilfsmittel, um mit annähernder Sicherheit
feststellen zu können, ob der Stenograph oder der Schauspieler schuld
288 Adolf Schöttner
an der ungenauen Wiedergabe einer Stelle ist. Schon bei einem ober-
flachlichen Vergleich der ersten beiden Quartos fallt es auf, daB manche
Stellen sehr viele Fehler enthalten, während andere Partien relativ gut
wiedergegeben sind. Daraus kann man schließen, daß mehrere Steno-
graphen tätig gewesen sind. Wenn nun innerhalb guter Partien sich
Verse finden, wo ganz andere Worte gesetzt sind, so spricht die Wahr-
scheinlichkeit dafür, daß der Schauspieler hier andere Worte gebraucht
hat, als in seiner Rolle standen. Es kommt dabei noch der Gesichtspunkt
in Betracht, daß sich die meisten Ungenauigkeiten da finden, wo der
Schauspieler nur wenige Verse oder gar nur einen zu sprechen hatte. Der
Schauspieler legte auf den genauen Wortlaut solcher kleinen Verse, die
nichts Wesentliches enthielten, auch kein Gewicht und sprach sie nur
sinngemäß. Ein Beispiel möge das illustrieren.
Vers 438 heißt es in Q;:
Nay gétle Romeo, we must haue you dance.
Der Schauspieler hatte den Vers vermutlich nicht genau gelernt und
sprach:
Beleeue me Romeo I must haue you daunce.
Der Sinn ist derselbe, aber wörtlich ist es nicht wiedergegeben.
Genau so verhält es sich vermutlich an folgenden Stellen:
I. 2. 274—79, I. 3. 385—87, 422—25, I. 5. 662—66, 684/85, II. 1. 703,
Il. 3. 976, II. 4. 1043/44, 1125, 1136, 1144/45, 1152, 1169—74, 1175—77»
1196—98, 1201, III. 1. 1381, 1386—88, 1406/07, 1417—-21, 1437—43,
III. 2. 1600-—03, III. 3. 1741, 1764/65, 1768, 1771, 1852—54, III. 5.
1986/87, 2020, IV. 1. 2174, IV. 2. 2287, 2293/94, 2316—18, IV. 4. 2404 bis
2408, V. I. 2625/26. V. 2. 2668, 2716/17, V. 3. 2814—16, 2851—53,
2896.
Wir geben nun im folgenden ein Verzeichnis derjenigen Abweichungen,
wo der Stenograph aus den angefiihrten Griinden falsche Worte gesetzt
zu haben scheint. Welcher der Griinde die Ursache der Abweichung
war, läßt sich, wie schon gesagt, nicht mehr feststellen. Wir teilen die
Abweichungen ein in solche, wo
I. Substantiva falsch wiedergegeben sind, 2. Verben, 3. sonstige Wort-
klassen, 4. mehrere Worte an einer Stelle, 5.wo in Q, Lücken vor-
handen sind.
I. Abweichungen, wo Substantiva falsch wieder-
gegeben sind.
I, 1. 13 weake slaue > weakling 156 houres > hopes
16 Mountagues men > the men 174 formes < thinges
122 humor > honor [vgl. Vers134) 185 loue < griefe
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 289
I. 2. 253
I. 3. 370
388
I. 4. 488
498
503
522
532
I. 5. 570
656
II. 2. 806
Il. .3 973
will > word
wretch > foole
houre > honor [vgl. 389]
her whip > the collers
Courtiers nose > Lawers lap
spanish blades > counter-
mines
side > face
sute > saile
sir > far
Capulet > Mountague
maide > saint
Kings > foes
II. 4. 1081
II.
HI.
III,
III.
V.
5.
I120
1143
1186
harlots > harletries
Romeo > thy selfe
Gentleman > Gentlewoman
thing > not
1247a God > now
1354
. 1437
1467
1477
1489
. 1653
. 1952
. 2557
2,.Abweichungen, beidenenVerb
gegeben sind.
I. I. 116
117
119
135
187
189
420
. 501
507
508
. 548
562
607
680
733
|. as
by
767
815
819
did > might
made > drew
measuring > noting
may > doo
made > raisde
nourisht > raging
endart > engage
driueth > gallops
bakes > plats
bodes > breedes
walk > haue
dauncing > standing
Shew > Beare
must > should
cannot > will not [vgl. III.
5. 2101 will not > can-
not]
touch > kisse
see > finde
saw > shuld find
II.
Il.
II.
II.
III.
II.
III.
IV.
IV.
IV.
V.
V.
rip yw NS
POENT
859
982
1140
1305
1364
fellow > one
Church > barne
our heads > the clouds
foole > slaue
my Cozin > Tybalt
Tybalts > his
my Romeo > thee
truth > Eye
enfalschwieder-
wilt > sweare
will > can
tell > assure
shall > must
spie > haue pickt
1474a are up > approach
1524
. 1894
2099
2110
2165
2289
2452
2575
2580
2608
. 2695
2698
2778
2961
must > may
may > will
answere > say
sitting > hanging
counts > thinkes
trie > know
Come > What
liues > dwell
denie > defie
did > should
crosse > stay
Hold > And
Shall > Oh
raisd > calld
3. Abweichungen, beidenensonstigeW ortklassen
falsch wiedergegeben sind.
Prolog 1 both > Frends
IL ır. I
2
6
7
15
17
22
39
97
112
115
on > of [vgl. IV. 2. 2296]
we > yon [Druckfehler für
you]
thou art > you were
of > of the
Tis > Thats
his > the
their > with their
to them > enough
new > first
forth > through
this > the
I. 1. 174
177
184
193
206
. 240
258
259
272
273
281
wel > best
that > which [vgl. III. ı.
1466, III. 3. 1693] ©
it > them
Soft > Nay
Well > But
you > they [vgl. 241]
and > yet
my > the
there > here [vgl. III. 1.
1487]
on > at
by > with [vgl. 282]
290 Adolf Schöttner
I. 2. 312 you > thee I. 2. 916 What > At what
I. 4. 474 And... in> So... by 918 By> At a
479 Well > Why 927 And > But [vgl.,V. 1..2635]
485 as > when 928 That...his> Who... her
487 the > her 931 So> Too
488 of > are 938 in > on
494 On...that> O’re... who II. 3. 952 I > We [vgl. III.i3. 1693,
500 as a> that IV. 1. 2208]
506 that > the [vgl. I. 5. 632, 968 weake > small
II. 3. 989, Il. 4. 1117] 978 sweete > soone
518 of >a 980 thy > my
519 who > which 988 in>a
521 from thence > in haste 996 a> the
526 yet > is 1001 good > my
529 my > this 1005 it set > likewise
I. 5. 558 the > these 1009 we > I
570 sir > far 1012 that > whome
573 2 > three 1021 Lo here > And loe
574 which > that [vgl. II. 2. 1023 thy selfe > thus
866, IV. 1. 2190, V. 3. 1036 that > and
2823] II, 4. 1046 Why > Ah
579 As > Like [vgl. II. 2. 903, 1050 A> Some
III. 5. 1961] 1072 thus > still
582 yonder > this faire 1079 marrie > yet
600 A> He 1095 Nay > Why
642 while > till YI05 our... am> thy... haue
643 thine > yours 1110 there > with me
671 here > there 1126 else ... large> haue ...
681 this > that too long
II, 1. 713 true > trim I142 are you > is this
722 And if > If he 1143 One > A
730 these > those [vgl. III. ı. 1159 when > if
1349] | 1202 good > thou
738 or > Et caetera 1204 thee > along thee
II. 2. 745 through > forth II, 5. 1231 the > my
748 Who> That [vgl. II 4. 1234 lame > lazie
1073] III. ı. 1352 him > it
751 sicke > pale 1375 the> a
755 yet > but [vgl. 836] 1380 something > somewhat
. 765 how > now 1399 in> so in
781 at> to 1400 thee > to thee
792 thy > that [vgl. 804] 1405 farewell I> I well
793 my selfe > I haue 1432 and hath > hath hee
8ıı With > By [vgl. II. 3. 986, 1446 of> a both
IV. ı. 2189) 1487 There > Heere
822 My > For 1496 that > who
825 that > who 1534 strong > large
840 quickly > easely 1537 out for
862 deare > true III. 2. 1597 piteous > bloodie
864 no... of > small... in 1598a Pale > All
888 sweete > true 1609 dearest > deare loude
889 deare > good [vgl. 945] 1626 such > so
893 the > that 1653 it> which
912 by> in III. 3. 1689 of > on
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 29]
III. 3.
III. 4.
III. 5.
1692 my > our III. 5. 2131 the > this
1695 deare > yong 2141 too> or
1712 deadly > monstrous IV. 1.2174 Happily met > Welcome
1716 deare > meere 2200 Till then > Juliet
1734 sudden > present 2206 this > the
1741 Thou > Then 2207 this > it
1741 a little > but a word 2218 or > else
1743 that > this 2218 present > sudden
1750 then > now 2229 of > or
1753 that > what 2235 any > yonder
1787 our > her 2249 the > thy
1801 thy desperate > stay thy IV. 2. 2290 Marrie ... that> Ah
1806 And > Or 2301 disobedient > froward wil-
1829 deare > sweet full
1835 her > his 2302 To > Gainst
1852 O Lord ... the > this IV. 4. 2393 three > foure
1870 our > my 2394 the > your
1877 goodnight > farwell 2397 to morrow > anone
1922 so >. if IV. 5. 2426 I> Well
1934 she > this i 2498 and > Come
1937 that > her 2499 On ... faire > in... dead
1939 O> So 2545 Prates > Pretie [vgl. 2547]
1958 our > the V. 1. 2559 lightly > chearfull
1960 so lowe > below : 2572 For > then
1970 Ho ... up> Where 2573 and > for
2004 so > Thus 2580 you > my
2012 thou > you V. 3.2697 that ... the > this... this
2016 well> then 2699 it > them
2022 Noble > youthfull 2744 for > as
2032 these > here 2754 not > eyther
2033 your selfe > you may 2765 Oh> But
2050 How > What 2796 Thou > Come
2055 what > that 2887 on the> the ... yong
2057b this > here 2888 my> is... our
2061 gainst > on 2892 now > more
2063 thee > you 2978 O> Come
2071 after > henceforth 2979 This > There
2094 liand > trainde 2984 at> of
2117 as > what
4 Abweichungen, wo mehrere Worte an einer
Stelle falsch wiedergegeben sind.
Prolog 4 where ... bloud > Whose ... warre
kI:
3
4
9
28
29
30
36
4I
52
90
I meane ... we ... Weele > I ... Ile
I ... of choller > Euer ... of the collar
thou runst > thou’t runne
and tis knowne ... pretie > thou shalt see ... tall
if hadst ... hadst bin > for if ... wert ... wouldst be
of the house > two
take ... of > haue ... on
I do bite ... sir > I bite
better ... one of ... kinsmen > I... kinsman
the peace > your fault
a
292 Adolf Schöttner
I. 1. gr all the rest ... away > euery man... in peace
92 You... shall go> Come ... come you
ı13 minde ... to walke abroad > thought ... from companie
118 stole ... couert> drew... thicket
136 My Noble Uncle > Why tell me Vncle
149 comes, so please you step > is, but stand you both
167 eyes, see ... his > lawes giue ... our
183 in... breast > at... hart
194 leaue me so > hinder me
197 who is that you > whome she is you
200 A sicke man ... makes > Bid a sickman ... make
203 neare, when I supposde > right, when as you said
209 From loues weak > Gainst Cupids
I. 2. 244 child is yet > daughter is
245 seene the chaunge of > yet attainde to
249 And... those ... made> But... these ... maried
260 looke to > you shall
268 Which one more view > Such amongst view
270 Come goe with me > Where are you
271 those persons > and ... them
I, 3. 366 haue run and wadled all about > wadled up and downe
369 upon thy face > forward
382 Peace I haue done > Well goe thy waies
386 came ... daughter Juliet > meant ... Juliet
387 stands your dispositions > stand you affected
418 Speake briefly, can you like > Well Juliet, how like you
I, 4. 467 Or saue you reuerence > of this surreuerence
483 she comes > doth come
486 made of log spinners legs > are made of spinners webs
490 as a round little worme, prickt > as is a little worme, Pickt
511 Making them women > And proues them women
527 Shall bitterly begin > Which bitterly begins
I, 5. 563 now since last your selfe and I > since you and I
581 showes a snowie > shines a snow-white
592 not a sin > for no sin
620 may chance to > will
635 that ... hands > which holy
639 O... deare > Why ... faire
641 thogh grant for praiers sake > though: grant nor praier forsake
648 craues a word with you > calles
670 Marrie that I> That as I
679 it is > is this
II. 1. 7oo Can... when> Shall ... and
710 prouaunt ... day > Pronounce ... Doue
741 shall we go> lets away
742 Beh. Go then, for tis in vaine > for tis but vaine
II, 2. 766 Othat Il were...upon that hand > I would I were... to that same hand
785 6 be some other name > nor any other part
790 that deare ... which > the diuine
798 So stumblest > Doest stumble
820 me... eyes> thee ... sight
846 those ... coying > they ... more cunning
857 What shall I sweare by > Now by
883 noyse within > comming
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 293
II. 2. 887
909
915
921
922
939
944
II. 3. 951
962
1032
II. 4. 1055
1063
1071
1099
1144
1150
1156
1169
1175
1185
1188
1200
1203
II. 5. 1254
1275
1283
1288
1297
1302
III. 1. 1349
1362
1371
1383
1398
1415
1421
1442b
1447
1460
1462
1468
1469
1474b
1482
1541
III. 2. 1544
1584
1610
1614
1627b
1630
1651
1668
1684
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 6.
Being in night > being night
tongue more ... then > voice as ... as
My Neece > Madame
stand ... thou > stay ... vou
stand there > staie here
Would I... so> I would that I... of
Hence ... Friers close > Now ... fathers
day ... dancke > world ... darke
on the earth > vile on earth
chide me not, her > chide not, she whom
Alas poore Romeo, he > Who, Romeo? why he
he rests, his minum > rests me his minum
lametable thing > miserable case
Sure wit ... this > Well said ... that
it is well said .... a> well said ... he
very wel took, ifaith > mas well noted
something ... spent > somewhat ... eaten
speake > stand to
no man ... my weapon > nobodie ... I would
truly it were an ill > it were a
and Mistresse > tell her
Go too > not chuse
Within this houre ... be with > come to
giue me leaue > let mee rest
what of that > what of all this
your loue > Marry he
Your loue ... honest > He ... kinde
Then ... hence > Goe ... straight
To fetch > I must prouide
these fellowes ... enters > those ... comes into
thou wilt quarell > Didst not thou fall out ... of
tuter me from > forbid me of
some occasion without giuing > occasion
to field, heele be > into the field, and he may be
Tibalt ... will you walke > come backe, come backe
it be out > you be aware
why the deule came you > What meant you to come
They haue > he hath
the wo others > what other dayes
He gan > A liue
Staying ... keepe > And staies ... beare
must goe with > shall follow
and Tybalt > thou seest that Tibalt’s
sir ... me > sirra ... Us
but ... those > to all but ... none
whip you to the west > quickly bring you thether
Though ... O Romeo, Romeo > if
dreadfull ... the > let the... a
O God > Ah heauens
ô that deceit should dwell > Ah, what ment Romeo
all naught ... dissemblers > false ... faithles
wherefore weepe I then > But there yer remaines
Romeo is > All killd, all
Harke ye ... at> Ladie ... to
21
294
Adolf Schöttner
III. 2. 1686
III. 3. 1693
1702
1724
1767
1792
1797
1810
1852
1853
1854
1856
Ili. 4. 1892
1895
III. 5. 1911
1921
1929
1936
1948
1950
1957
2000
2018
2024
2047
2051
2089
2090
2092
2096
2108
2113
2114
2156
IV. 1. 2180
2190
2202
2225
2230
2232
2250
2253
2255
IV. 2. 2286
2306
2319
2330
IV. 3. 2352
2364
2382
2335
2386
2388
O find him, giue > Doo so, and beare
That I> Which we
Much more then death > Than death it selfe
deare ... hand > faire ... skinne
What simplenes is this, I come, I come > Gods will what wilfulnes it
[Druckfehler] this
and then starts up > now on the ground ;
Oh tell me Frier, tell me > Ah tell me holy Fryer
Lady, that in thy life lies > Lady too, that liues in thee
O Lord ... the > this
oh what > Good Lord what a thing
My Lord, ... you > Well Sir ... that
she ... sir> is a... that she
Well, keepe > Wee’le make
Being our kinsman ... we > we should
No > And not the
be put to death > stay here .... and
How ist my soule ... not > What sayes my Loue ... not yet
O now I> I... that now
loue, Lord, ay husband > my Lord, my Loue, my
a minute ... dayes > an hower ... minutes
I doubt it not > No doubt, no doubt
That he shall soone keepe > As he should soone beare
sorted ... sudden > found thee ... happie
Shall happily ... thee > To ... you glad and
I sir > I haue
Is > doth ... wexe
Gods bread > Gods blessed mother
houre, tide, time, worke, play > early, late, at home, abroad
haue ... prouided > see ... found out
thought would > heart coulde
is mine > I haue
month, a weeke > day or two
do not ... the > cannot ... my
my selfe ... haue > I ... haue the
To answere ... I should confesse > To tell you ... were to confesse
That is no slaunder sir, which > That is no wrong sir, that
past hope ... care > that am ... cure
Hold daughter > Stay Juliet
Then is it likely > Tis not unlike that
himselfe ... it > itselfe ... blame
being then in bed > And when thou art alone
cold and drowzie humour > dull and heauie slumber
warmth, no > signe of
Sirrah, go hire > Goe, prouide
Send for ... him > presently
No not till ... there is > Me thinks on ... would be.
Against to morrow ... wondrous > Now before God ... passing
Come Violl ... mixture do > Potion should
Shall I not then ... Vault >» What if should ... Toomb
madly play ... ioynts > playing ... bones
As with a club ... desprate > franticke
O looke ... Cozins Ghost > Cosin Tybalt
Upon a Rapiers poynt > Seeking for Romco
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 295
IV. 5. 2535
2542
2544
V. 1. 2571
2595
2603
2619
2623
2631
V. 2. 2646
2653
2663
V. 3. 2706
2707
2725
2745
2752
2753
2763
2764
2766
2814
2823
2831
2851
2852
2870
2871
2893
2899
2954
2955
2981
2985
you note us > we will note you
why musique, with her siluer > Why siluer
Mary sir ... siluer > I thinke ... musicke
doth ... Juliet > fares
I... an Appothacarie > As I
A beggerly account > With beggerly accounts
poyson ... soone > some
violently ... hastie > suddenly ... being
world ... worlds law > Law ... Lawes frend
Holy Franciscan > What ... Laurence
finding him > being by
full of charge > great weight
a Ring that > which
therefore hence be gone > but if thou wilt stay
with which greefe > I will apprehend him
Wilt ... prouoke > What doest ... tempt
attend ... rode? I thinke > regard ... past along
He told me > Did he not say
when man are ... point > haue many ... houre
Haue they > and pleasant
O nty Loue, my wife > Ah deare Juliet
My Master ... but ... gone hence > he ... heere
Alack alack ... which > that
O... where is my Lord > Ah
Leade boy, which > This way, this
ile ... briefe> must I... resolute
stay the Frier too, too > keep him safe
is> calls us ... soone
Alas my liege > Dread Souereigne
up the > Come ... your
newes of Juliets death > word that shee was dead
in poste he came > he poasted straight
can ... thee > will... them
true and faithfull> Romeos loued
5. Lückenin Qı.
Wir geben im folgenden alle die Stellen aus Q, wieder, denen in Q,
nichts entspricht, wo der Stenograph scheinbar entweder im Stenogramm
bereits Lücken hatte oder in der Übertragung Lücken lassen mußte,
weil er die betreffende Stelle seines Stenogramms nicht entziffern konnte.
Es fehlt uns an jeder Handhabe, festzustellen, welcher der beiden Gründe
zu der Lücke geführt hat. Über ausgelassene ganze Verse vergleiche
den folgenden Teil.
I. 2. 4o steht in Q, sir; dem ent- l „Die Zahl der Stenogra-
spricht in Q, nichts. phen, die tätig gewesen
[Man könnte ja hier an- sind‘‘, doch zudem Schluß
nehmen, daß der Schau- gekommen, daß wir in
spieler das Wort nicht allen den hier zu bespre-
gesprochen hat; wir sind chenden Stellen den Steno-
aber nach Bearbeitung graphen verantwortlich
des letzten Abschnittes machen müssen.]
21*
296 Adolf Schéttner
I. 1. 46 fehlt in Q, ebenfalls sir III. x. 1416 thou haue
114 fehlt in Q, of 1438 tis enough
192 my 1439b I warrant
199 Grone 1453 sweete
I. 2. 240 Par. 1486 fatall
287 I pray thee 1497 and urgd withall
I, 3. 363 the III. 2. 1667 Romeo
371 now III. 3. 1791 sir
I. 4. 505 being thus frighted III. 4. 1871 Tybalt
513 Mercutio peace 1881 loue
I. 5. 566 What man 1902b ho
586 For III. 5. 1924 but
599 Content thee gentle Coze 1989 same
612 What goodman boy 2003 With Romeo
613 go too 2030 I sweare
617 Why 2031 you know
618 go too 2064 carrion, out you
619 ist so indeed 2131 it
622 you are a princox, go 2136 are
663 good night IV. 1. 2173 Looke sir
667 Come hither 2179 make °
II. 1. 702 Romeo 2227 which
708 the IV. 2. 2300 me
718 By her ... her 2307 morning
719 By 2315 him
723 twould anger him IV. 3. 2337 ho
740 to sleepe 2354 No, no
II. 2. 799 who I am IV. 4. 2396 go
847 more IV. 5.2516 Honest goodfellowes, ah
852 Lady 2523 to comfort me
863 Well 2546 say siluer sound
867 sweete goodnight 2547 James sound post
884 Anon good nurse V. 3. 2705 thence
II. 4. 1087 sir 2734 gentle
1098 Why 2739 By heauen
1155 sir 2802 Heeres one
1192 Nurse 2806 the
1194 I will tell her sir 2844 true
1199 sir 2874 O
III. 1. 1356 any in Italie 2967 And then ... among
1369 Didst thou not fall out 2973 Capulet, Mountague
1378 Good den 2982 For
1396 sir 1397 Sir 2990 Go hence
1403 much
fehlen.
III. Verse, die in Q, enthalten sind, die aber in Q, fehlen.
Wir finden in unserem Stücke nicht nur, daß einzelne Worte falsch
wiedergegeben oder ausgelassen sind, sondern wir haben auch Stellen,
wo ganze Verse, ja sogar eine größere Zahl von Versen in der ersten Quarto
Das kann drei Gründe haben.
Einmal besteht die Möglichkeit,
daß der Stenograph die Verse ausgelassen hat, weil er nicht imstande
war, sie nachzuschreiben. Dies kann dadurch veranlaßt sein, daß er in
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 297
dem Augenblicke, als diese Verse gesprochen wurden, etwas ermiidet und
seine Auffassungsfähigkeit etwas erschöpft war, sodaß er gezwungen
war, eine Lücke zu lassen. Namentlich bei längeren Reden kann es vor-
kommen, daß die Auffassungsfähigkeit eines Stenographen auf kurze Zeit
nachläßt und er in dieser Zeit einfach nicht imstande ist, die Reden wort-
getreu nachzuschreiben. Die Lücken können aber auch dadurch ent-
standen sein, daß der Stenograph überhaupt nicht über die genügende
Fertigkeit verfügte, um schneller gesprochene Reden nachzuschreiben und
infolgedessen versagte, sobald ein Redner schneller sprach, als er schreiben
konnte. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, daß der Schauspieler seine
Rolle nicht ordentlich gelernt hatte und bei der Aufführung einige Verse
fortließ. Schließlich ist auch bei unserem Stücke zu berücksichtigen,
daß der Regisseur einzelne Verse und ganze Verspartien gestrichen haben
kann, damit die Aufführung nicht allzulange dauerte.
Alle diese Möglichkeiten haben wir bei unserer Untersuchung in Be-
tracht gezogen. Wir bringen zunächst das Verzeichnis der Verse, die
wahrscheinlich vom Stenographen ausgelassen sind, da wir uns ja zu-
nächst mit den Abweichungen beschäftigen, die vermutlich auf die Steno-
graphen zurückzuführen sind. Mit den Versen, die die Schauspieler zu
sprechen vergaßen und den vom Regisseur gestrichenen Versen werden
wir uns später beschäftigen. Wir bemerken aber zugleich, daß wir diese
drei Verzeichnisse wegen der Schwierigkeit der Feststellung, von wem
die Verse fortgelassen sind, nur mit Vorbehalt wiedergeben. Selbstver-
ständlich ist es auch ganz unmöglich, heute noch zu entscheiden, ob der
Stenograph infolge vorübergehender Ermüdung nicht imstande war, die
Verse zu schreiben oder ob er mangels zureichender Fertigkeit im Steno-
graphieren die Verse auslassen mußte.
Während im allgemeinen der Stenograph nur einzelne Verse ausgelassen
zu haben scheint, haben wir im ersten Akte in der ersten Szene eine längere
Stelle, die nach unserer Meinung vom Stenographen ausgelassen ist. Wir
besprechen sie zuerst. Es handelt sich um die Verse 46—73, die in Q,
fehlen, an deren Stelle wir aber in Q, eine ungewöhnlich lange Bühnen-
anweisung finden. Wir deuten das Fehlen dieser Verse so:
Bald nach Beginn des Stückes entsteht bekanntlich ein Streit zwischen
den Dienern der Capulets und der Mountagues. Im Anfang vermochte
der Stenograph noch mühsam nachzuschreiben. Als aber der Streit immer
heftiger wird und Benuolio dazukommt, als man die Waffen zieht und
Tybalt erscheint und schließlich der alte Capulet und Mountague die Streiten-
den zu trennen suchen, war bei der sicherlich recht realistischen Darstellung
dieser Szene ein solcher Lärm auf der Bühne, daß der Stenograph, an-
scheinend noch ein Anfänger in der stenographischen Praxis, nichts mehr
298 Adolf Schéttner
verstehen konnte und sich damit begnügte, die Vorgänge auf der Bühne
zu registrieren. Daher auch die ungewöhnliche Länge der Bühnenan-
weisung in Q,.
Vom Stenographen ausgelassen sind aber wahrscheinlich außerdem
folgende Verse:
Vers 8 und 11 des Prologs, I. 1. r1b, 15b, 16a, 27, 32, 33, 75—78, 81,
85—88, 121, 211, I. 2. 237—239, I. 4. 487, 491, 492, 495b, I. 5. 571, 606,
621, II. 1. 716, II. 2. 753, 786, II. 4. 1085a, II. 5. 1257, 1274, 1286, 1300,
1301, 1303b, III. 1. 1347, 1348, 1475, 1480, 1498—1500, 1503, 1504,
1506, 1507, 1538, 1539, III. 2. 1628, III. 3. 1794, 1832, 1833, III. 4. 1899,
III. 5. 2072b, 2084, 2085, IV. 1. 2199, 2204, 2242, 2247, 2248, IV. 2. 2305,
2322—2324, IV. 3. 2357, 2359, 2361, 2363, 2383, 2384, 2387b, IV. 5. 2427,
V. 1. 2602, 2604, 2622, 2629, 2633, 2642, V. 2. 2654, 2657, V. 3. 2708,
2719, 2723, 2760, 2761, 2805, 2845, 2900, 2958, 2959, 2962, 2989.
IV. Abweichungen, die anscheinend erst bei der Ubertragung des
Stenogrammes entstanden sind.
Wir haben in unserm Stiicke an vielen Stellen den Fall, daB die be-
treffenden Verse an sich ganz richtig oder doch nur mit geringen Ab-
weichungen wiedergegeben, daB aber die Verse falsch abgeteilt sind. Das
ist unserer Ansicht nach darauf zurückzuführen, daß der Stenograph,
wie man es auch heute noch zu tun pflegt, im Stenogramm fortlaufend
schrieb und bei der Übertragung dann die Verse falsch abteilte.
Diesen Fall haben wir in
I. 3. Vers 385—387, I. 4. 519, I. 5. 547—552, 563, 577, 599, 612, 619,
650—657, 683, II. 1. 708—721, 723—729, 741—743, II. 2. 770, 771, 886,
II. 3. 977, II. 4. 1048, 1203, 1204, II. 5. 1283, 1287—1289, II. 6. 1323,
III. 1. 1356, 1357, 1367—1370, 1397, 1398, 1400, 140I, 1403—1405,
1409, 1410, 1415, 1417, 1425, III. 2. 1584, III. 3. 1733—1735, 1757,
1774, 1802, 1803, 1854, III. 4. 1881, 1882a, 1896, 1897, 1902, 1903, 1954,
III. 5. 2003, 2004, 2030, 2038, 2039, 2050, 2051, 2064, 2092, 2093, 2099,
2106, 2127, 2132, 2138, 2146, 2147, IV. 1. 2254, IV. 3. 2385, 2386, IV. 4.
2397, 2399, 2403, IV. 5. 2455, 2456, 2498, 2499, 2516, 2540, 2551, V. 1.
2581, 2582, 2611, 2619, V. 3. 2753, 2779, 2789, 2801, 2814, 2823, 2852,
2950, 2981, 2990. °
An einer Stelle I. 4. 483—508 hat aber Q, im Gegensatz zu Q, ganz
richtig Verse gesetzt, während die Stelle in Q, fälschlicherweise als Prosa
aufgefaßt und geschrieben ist.
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 299
V. Ungenaue Rollenbezeichnungen.
Es sind nun noch einige Ungenauigkeiten zu besprechen, die ebenfalls
durch die Stenographen entstanden sind. An einigen Stellen finden sich
in Q, statt der genauen Rollenbezeichnungen ganz allgemein gehaltene
Rollenbenennungen. Um Druckfehler kann es sich dabei nicht handeln,
da in den betreffenden Szenen die Personen durchgängig so bezeichnet
werden. Man kann diese Ungenauigkeiten nur dadurch erklären, daß die
Stenographen die Namen der auftretenden Personen nicht kannten und
sie deshalb auf andere Weise kenntlich machen mußten. Sie haben dabei
aber immer dem Sinne nach das Richtige getroffen, sodaß man von Fehlern
nicht sprechen kann.
Solche abweichenden Rollenbenennungen haben wir in
I. 1., woGregor und Sampson, die beiden Diener, in Q, mit2undı
bezeichnet werden,
ferner in I. 3., wo in Q, an Stelle von ‚Old Lady‘‘ „Wife‘‘ steht,
in I. 5., wo der zweite „Capulet‘‘ mit ‚Cosen‘‘,
III. 5., wo teilweise die ‚„Lady‘‘ mit ‚Mother“‘, wie das auch in
IV. 5. geschieht, und ‚Capulet‘‘ mit ‚„Father‘‘ bezeichnet ist,
und IV. 5., wo der Diener Peter in Q, einfach ‚Servant‘‘ genannt wird.
Einige direkt falsche Rollenbezeichnungen in Q; werden. wir bei Be-
sprechung der Druckfehler behandeln. |
B. Abweichungen, die nicht den Stenographen zur Last
gelegt werden können, sondern auf andere Weise zu
erklären sind.
Die Abweichungen, die vermutlich durch die Schuld der Stenographen
entstanden sind, sind erschöpft. Wir haben aber in unserm Stücke, wie
schon erwähnt!), noch Abweichungen, die allem Anscheine nach zur
Last zu legen sind
1. dem Dramaturgen
2. den Schauspielern
3. den Setzern der beiden Quartos.
Wir werden außerdem in diesem Abschnitte anhangsweise weiter besprechen
I. die Verse, die in der zweiten Quarto eine völlig andere Gestalt
zeigen als in der ersten,
2. die Verse, die Q, mehr enthält als Q,, soweit sie nicht den Schau-
spielern oder den Setzern der beiden Quartos zur Last fallen.
1) S. 263.
300 Adolf Schéttner
J. Kapitel.
Regieänderungen.
Die Bühnenleitung pflegt vor der Aufführung der Stücke Stellen, die
fehlen können, ohne den Sinn zu stören, zu streichen, hauptsächlich
aus dem Gesichtspunkte heraus, die Zuhörer nicht zu ermüden. In unserem
Stücke sind von der Bühnenleitung wahrscheinlich die folgenden Verse
gestrichen:
I. 1. 101— 108, 123—133, 138—148, 215—236, I. 3. 374—380, 391 bis
395, 401—417, 426, 427, I. 4. 442—453, 457—459, I. 5. 534—546, 552b
bis 557, 686—699 (Prolog zum zweiten Akte), II. 2. 868—882, 896—902,
II. 3. 954—959, 1041, 1042, II. 4. 1208—1229, II. 5. 1237—1246, 1249
bis 1253, 1261—1266, 1276—1282, III. 1. 1390—1395, 1422—1424, 1426
bis 1428, 1470—1472, 1525—1529, III. 2. 1546—1574, 1578, 1579, 1588
bis 1594, 1617—1622, 1624, 1625, 1637—1643, 1646—1650, 1659—1665,
1669, 1670, 1676—1683, III. 3. 1761—1763, 1811—1827, 1843—1847,
1859—1861, III. 4. 1874, 1875, 1882b, 1883—1885, 1889b, 1890, 1891,
III. 5. 1942—1946, 1965—1967, 1978—1984, 199I—1995, 2005—2O0II,
2027, 2028, 2035, 2036, 2043, 2049, 2051b, 2052, 2053, 2057a, 2059, 2066,
2068, 2069, 2118—2125, 2129, 2130, 2134, 2135, 2137, IV. 1. 2209—2217,
2256— 2260, 2263—-2268, 2270—2280, IV. 2. 2308—2313, 2326—2329,
IV. 8. 2339, 2341—2343, 2348—2351, 2365—2380, IV. 4. 2412—2415,
IV. 5. 2427, 2433, 2434, 2438, 2439, 2441, 2445—2451, 2458, 2459, 2485
bis 2491, 2494—2497, 2502, 2505—2515, 2519—2521, 2529—2532, 2536,
2537, 2552—2554, 2556, V. 1. 2561, 2566, 2567, 2576, 2577, 2579, 2581a,
2586, 2588—2590, 2597—2599, 2613, 2617, V. 2. 2660, 2661, 2664, 2665,
2673—2675, V. 8. 2677, 2683—2685, 2726--2728, 2735, 2736, 2741, 2742,
2755—2757, 2768—2777, 2780—2787, 2790—2795, 2818—2822, 2847 bis
2850, 2854, 2860—2864, 2865b, 2869, 2872, 2877, 2882—2885, 2889,
2890, 2902, 2903, 2938, 2939, 2944, 2946, 2948, 2964, 2966, 2969—2971,
2975—2977.
Wir verweisen nochmals auf das, was wir bei den wahrscheinlich vom
Stenographen ausgelassenen Versen gesagt haben, daß es ganz unmöglich
ist, mit absoluter Genauigkeit heute noch festzustellen, ob die Verse vom
Stenographen ausgelassen, ob sie vom Regisseur gestrichen, oder ob sie
von den Schauspielern zu sprechen vergessen worden sind. Diese Ver-
zeichnisse sind aufgestellt unter Berücksichtigung der in dem Teile unserer
Untersuchung gewonnenen Resultate, der von der Zahl der Stenographen
handelt, die bei der Nachschrift tätig waren, d. h. da, wo offensichtlich
der gute Stenograph geschrieben hat, haben wir besonders sorgsam ge-
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 301
5
prüft, ob nicht doch der Stenograph die Verse ausgelassen hat, während
wir umgekehrt da, wo der schlechte oder der mittelmäßige Stenograph
geschrieben zu haben scheint und man annehmen sollte, daß sie die Verse
ausgelassen haben, ebenfalls sorgfältig geprüft haben, ob nicht doch der
Regisseur gestrichen hat oder ob der Schauspieler die Verse zu sprechen
vergaß.
2, Kapitel.
Abweichungen, die wahrscheinlich den Schauspielern zur
Last fallen.
Die Schauspieler lernten anscheinend ihre Rollen auch nicht immer
genau und setzten andere Worte an die Stelle der in ihrer Rolle stehenden,
oder sie sprachen zuweilen auch mehr Worte, als in ihrer Rolle standen.
Auf die Schausp..ler ist es namentlich zurückzuführen; wenn sich eine
andere Reihenfolge der Worte innerhalb der sonst mit der zweiten Quarto
ganz oder nahezu übereinstimmenden Verse in der ersten Quarto findet.
An ihnen lag es ferner auch wohl, wenn einzelne Verse oder auch mehrere
an anderer Stelle stehen, als dies in der zweiten Quarto der Fall ist. Es
handelt sich dabei meist um unwichtige Sätze, die die Schauspieler an-
scheinend aus Versehen an anderer Stelle sprachen. Es kam auch wohl
vor, daß sich die Schauspieler, vorzüglich an Stellen, wo sie ungenau
gelernt zu haben scheinen, ganze Sätze als Zusätze erlaubten, die in Q,
als neue Verse auftauchen, welche man in Q, vergebens sucht. Umgekehrt
kam es auch vor, daß sie einzelne oder gar mehrere Verse zu sprechen
vergaßen.
Alle diese Fälle wollen wir der Reihe nach untersuchen und bringen
I. die Abweichungen, die anscheinend darauf zu-
rückgehen, daß die Schauspielerandere Wortean
die Stellederinihrer Rollestehenden setzten.
Wir bemerken dazu, daß wir die folgenden Abweichungen hauptsäch-
lich aus dem Grunde den Schauspielern zur Last legen, weil es den Steno-
graphen keine Mühe gemacht haben würde, an diesen Stellen mit Hilfe
der Bright’schen Zeichen das Richtige zu schreiben, da an diesen Stellen
in Q, meist ganz einfache Redewendungen stehen, die in Q, in abweichender
Wortfolge und mit teilweise anderen Wörtern wiedergegeben sind. Die
Entscheidung darüber, ob die Schauspieler oder die Stenographen die
Abweichungen verschuldet haben, war immerhin an vielen Stellen nicht
leicht. Wir haben dann immer sorgfältig geprüft, ob in der Nähe solcher
Stellen sich noch mehr Abweichungen befanden. War das der Fall, so
302
Adolf Schöttner
war besonders sorgfältig zu erwägen, ob nicht alle diese Stellen dem Steno-
graphen zur Last zu legen waren. Das Ergebnis unserer diesbezüglichen
Untersuchung ist, daß wir folgende Abweichungen auf die Schauspieler
zurückführen:
In Q steht I. 1.1. weele not carry Coles > in Q, dagegen Ile carrie n o
ferner I.
I. I. 26
97
168
I. 2. 242
I. 3. 365
383
I. 4. 436
438
460
473
493
509
I. 5. 549
602
826
863
932
1018
Il. 4. 1053
1055
1033
1113
1125
1127
1149
1154
1163
1164
1179
1198b
Il. 6. 1323
1343
1344
III. 1. 1352
1444
1481
1581
coales
1. 2. then, > if you doo;
They must take it sense > Nay let them take it in sence.
stent in Q, vor der Rolle ganz richtig Mounta, in Q, dagegen M. wife.
Es liegt hier vielleicht in Q, ein Druckfehler vor.
ô me > Gods me
now my Lord > leauing that
she could > could Juliet
and I might > might I but
Giue me a torch > A torch for me
Nay getle Romeo, we must > Beleeue me Romeo I must
A toroh for me > Giue me a torch
in that ... our fine wits> a day ... her right wits
state ... night by night > sort... up and downe
This is the hag, when maides lie > This is that Mab that makes maids
lie [hag > Mab vermutlich Horfehler des Stenographen. S. S. 285
dieser Arbeit. ]
Ah my > Ah ha
To be > As of
See > Oh
He lent > I he gaue
Well > at al
I would > Would
from true birth, stumbling > to vice and stumbles
it > loue
how he dares, being dared > if hee bee challenged
did I giue you > I pray you
Pardon good Mercutio > I cry you mercy
Thy wit is a very bitter sweting, it is a> Why thy wit is a bitter sweet-
ing, a
Thou desirest me to stop in my > Why thou would haue me stopp my
O thou ... I would haue made > Tut man thou ... 1 meant
to make
You say well > Well said
What hast thou found > Why what hast found man
Lady, Lady, Lady > sweete Ladie
I pray you sir > Marry farewell. Pray
I am so vext > he hath so vext me
here is > Hold, take that
Here comes the Lady, Oh so light a foote > See where she comes.
So light of foote
For by your leaues ... stay > Part for a while ... be
incorporate two > haue ioynd ye both
second cup, draws > next cup of wine, he drawes
thought > did
lies > is
hees gone, hees kild, hees dead > hees dead, hees dead, hees deai
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 303
III. 2. 1634 Blisterd be thy > A blister on that
III. 3. 1770 I come > one
1864 to you, that chaunces > that doth befall thee
III. 4. 1873 Tis very late, sheele not > I thinke she meanes not to
1888 Monday, ha ha, well > Oh then
1893 harke > looke
1897 there an end > make no more adoe
III. 5. 1977 What wilt thou > I thinke thoult
1985 but euer weepe the friend > hauing so great a losse
2020 Madam in happie time > I pray you
2048 I would the foole > Would God that she
2070 get thee to Church a Thursday > eyther resolue on Thursday next
2099 ile not wed > nichts [wohl vom Schauspieler zu sprechen vergessen,
da drei kurze Sätze hier aufeinander folgen, nämlich ile not wed,
I cannot loue, I am too young]
2112 O sweet my Mother > I doe beseech you Madame
2138 Your first is > As for your husband he is
2139 As liuing here, and you no use of him > for you haue no use of him
2151 my Lord... that> him... the selfe
2152 Which she hath > That thou hast
IV. 1. 2157 sir > say ye
IV. 4. 2399 No not a whit, what > I warrant thee Nurse
2403 a... now fellow, what is there > How now sirra? What haue you
there?
2410 good father tis day > Well goe thy way
IV. 5. 2421 for the... I warrant > but the
2423 God forgiue me > nichts [auch wohl vom Schauspieler zu sprechen
vergessen]
2424 Marrie and Amen > Gods me
2428 What drest, and in ... againe > drest in
2429 needs ... Lady, Lady, Lady > indeed
2432 my Lord my Lady > nichts [vgl. das bei 2423 Gesagte]
2442 Alack the day ... shees dead > Ah
2455b there > see, where
2484 confusions care liues not > if not for charity
V.1.2611 O...same> of mine
2616 so lowd > what would you sir
2624 Doth hurry from the fatall Canons wombe > From forth a Cannons
mouth
2639 There is thy > Hold, take this
2643 Farewell, buy foode, ... thy selfe > Goe buy the cloathes ... thee
V. 3.2716 shew me friendshid [Druckfehler] ... that > win my fauour ... this
2717. Liue and be prosperous, and > Commend me to my Father
II. Abweichungen, die anscheinend darauf zu-
rückzuführen sind, daß die Schauspieler mehr
Wortesprachen, alsinihrer Rolle standen.
Die folgenden Abweichungen gehen sicher auf die Schauspieler zurück,
da es sich hier um Zusätze von Wörtern handelt, wie man sie gesprächs-
weise anzuwenden pflegt, oder die zur näheren Erläuterung von etwas
schon Gesagtem dienen. Auf die Stenographen gehen derartige Zusätze,
304
Adolf Schöttner
wie sie die erste Quarto an vielen Stellen bietet, sicher nicht zurück, da
sie keine Ursache haben, mehr Worte in die Übertragung zu schreiben,
als in ihrem Stenogramm stehen:
I. r. 8
9
Ila
34
36
I. 2. 271
304
I. 3. 371
I. 4. 476
489
Sor
I. 5. 552
565
572
597
620
652
682
II, 1. 706
714
723
724
728
II. 2. 835
858
885
887
934
II. 3. 970
976
1013
II. 4. 1052
1061
1061
1062
1078
1079
1090
1103
IIIQ
1135
1139
II4I
1143
1155
1157
1173
II, 5. 1254
1275
1287
steht in Q, stand, in Q, stand to it
Therefore > therefore (of my word)
I will > but Ile
Feare > Nay feare ... I warrant thee
Let > Nay let
Verona > Verona streets
Rosaline, Liuia > Rosaline and Liuia
I warrant > I warrant you
Why > Why Romeo
a small > is a small
then he dreams > and then dreames he
Welcome gentlemen > welcome Gentlemen, welcome
thirtie yeares > sir tis thirtie yeares at least
that > that it cannot be so
is it > is it not
you > you one day
vertuous > a vertuous
A rime > Nothing nurse but a rime
Nay > Call, nay
king > young king
This > Tut this
to raise > marrie if one shuld raise
in > and in
I > Nay I
Do > Nay doo
I will > and Ile
all this is but a dreame > All this is but a dreame I heare and see
cherishing > cherrishing thee
smelt > smelt too
Goodmorrow father > Good morrow to my Ghostly Confessor
yonng (Druckfehler) > lo yong
Any > I, anie
Prince > the prince
nichts > I can tell you
he fights > Catso, he fights
now > Sirra now
a> but a
Thats > Oh thats
my > for my
now > why now
My fan Peter > Peter, pree thee, giue me my fan
Is it good den > Is it godye gooden I pray you
now > euen now
himselfe > for himselfe
unlesse > unlesse it be
An > And an
thou > thou like a knaue
I> Oh I
What > tell me what
How > Lord, Lord, how
Untersuchung der Abweichungen gwischen der ersten und zweiten Quarto 305
III. 1.1346 abroad > are abroad
1370 with > and with
1379 couple > You had best couple
1380 make > and make
1417 but > but borrow
1454 effeminate > thus effeminate
1458 did scorne > scornd .... lowly
1494 Benuolio > Speake Benuolio
III. 3. 1735 kill me > torture me withall
1784 deaths > Wel deaths
1840 chamber > Chamber Window
III. 4. 1892 a friend or two > a frend or two, or so
1893 you> ye Sir
III. 5. 1976 Euermore > What euermore
2032 Paris > Countie Paris
2032 these > Marrie here
2082 I speake > Why my Lord I speake
2088 You are > My lord ye are
2104 Thursday is neare > I tell yee what, Thursday is neere
2107 nere > neuer more
2131 I thinke > Now I thinke
2140 Speakst thou > Speakst thou this
2141 And> I and
2143 What > What say you Madame
2146 Laurence > Fryer Laurence
IV. 1. 2179 Come > What come
2184 If> And if
2254 surcease > surcease to beate
IV. 2. 2307 Ile > For I will
IV. 3. 2354 lie > Knife, lye
2382 my forefathers > my dead forefathers
IV. 4. 2397 faith > I faith
V. 5. 2435 What is> How now whats
2523 O play > come Fidlers play
2526 No> No marry will wee
2527 soundly > and soundly to
V. 1.2581 get > Goe get
2615 Appothecarie > Apothecarie, come forth I say
V. 3.2715 I will> Well, Ile
2734 youth > youth be gone
2739 then > then I loue
2789 O here Will I > Therefore will I, O heere, O euer heere
2811 houre > houre and more
2824 The stony entrance of this Sepulchre > the entrance Of this marble
stony monument
2979 for no more > for now no more
2992 neuer was> nere was heard
306 Adolf Schöttner
IHI. Abweichungen, die anscheinend darauf zu-
rückzuführen sind, daß die Schauspieler die Reihen-
folge der Worteinnerhalb der sonst ganz oder mit
geringen Abweichungen mit der zweiten Quarto
übereinstimmenden Verse änderten.
Auch diese Abweichungen dürften den Schauspielern zur Last fallen.
Wollte man sie den Stenographen zur Last legen, so wäre nur die Mög-
lichkeit vorhanden, daß der Stenograph bereits beim Stenographieren die
Worte in falscher Reihenfolge aufgeschrieben hätte und dementsprechend
sie in falscher Reihenfolge übertrug. Dieser Fall kommt aber nach meiner
Beobachtung in der Praxis nur ganz selten vor. Viel näher liegt es dem
Schauspieler, der ja in der Hauptsache auf den Sinn der Worte achten
muß, einmal eine andere Reihenfolge der Worte zu wählen, zumal wenn
es ihm darauf ankommt, das betreffende Wort, vielleicht im Gegensatz
zum Dichter, besonders hervorzuheben. Grobe sinnstörende Fehler ent-
stehen übrigens in unserem Stücke dadurch nirgends.
I. 1. 24 finden wir den ersten dieser Fälle: Dort steht in Q,: I the heads
of t h e maids, or t h e i r maiden heads. In Q, steht dagegen: I the heades
of their Maides, or th e Maidenheades.
I.1. 34 hat Q, Feare me not, Q, feare not me
117 Towards him I made > I drew towards him.
Es würde zu weit führen, alle Stellen in extenso zu zitieren. Wir be-
gnügen uns daher damit, auf die betreffenden Verse zu verweisen.
Es sind dies die Verse: I. 2. 270, I. 3. 365, I. 4. 436, 460, 494/95, 496,
501, 530, I. 5. 590, 612, II. 1. 707, II. 2. 803, 841, 862, 863, 865, 924,
II. 8. 961, 1007, 1020, 1021, II. 4. 1069, 1071/72, 1081, 1090, 1099, 1106/07,
112I, I135, 1153, 1186, 1199, III. 1. 1399, 1417, 1438a, III. 2. 1597, 1605.
1608, 1630, 1653b, III. 3. 1693, 1772, 1779, 1786, 1793, 1856, III. 5.
1918, I92I, 1922, 1930, 1936, 1952, 1970, 2020, 2026, 2031/32, 2039,
2060, 2071, 2078/79, 2097/98, 2106, 2156, IV. 1. 2159, 2183, 2250, IV. 2.
2306, 2314, IV. 4. 2396/97, 2399, 2410, IV. 5. 2484, 2527, V. 1. 2572,
2573, 2609, V. 3. 2678, 2687, 2709, 2754, 2788, 2824, 2871, 2887, 2955.
IV. Abweichungen, die anscheinend darauf zu-
rückzuführen sind, daß die Schauspieler einzelne
oder mehrere Verse an anderer Stelle sprachen,
als dies in ihrer Rolle stand.
Wir haben schon in den einleitenden Bemerkungen zu diesem Abschnitte
darauf hingewiesen, daß es sich hierbei meist um unwichtige Sachen
handelt, die von den Schauspielern aus Versehen an unrechter Stelle
gesprochen wurden.
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 307
So stehen die beiden Verse 28 und 29 der 1. Szene des ersten Aktes
»,oamp: tis knowne I am a pretie peece of flesh‘‘ und die Antwort ,,Grego.
Tis well thou art not fish, if thou hadst, thou hadst bin poore John.“ in
etwas veränderter Fassung in Q, etwa zehn Verse früher. Am Steno-
graphen kann das unmöglich liegen. Wie sollte er dazu kommen, die
Verse an eine andere Stelle zu setzen? Der Grund kann nur der sein,
daß der erste der Verse dem Schauspieler zu früh einfiel. Sein Partner
ging darauf ein, und so gelangten die Verse, da das Stück von Steno-
graphen nachgeschrieben wurde, an die Stelle, an der sie jetzt in Q, stehen.
Man könnte ja auch auf den Gedanken kommen, daß der Regisseur die
Verse umgestellt hätte, aber für diesen lag nicht der geringste Grund
dazu vor.
Ähnlich liegt die Sache in den folgenden Versen: I. 4. 509, 511, II. 4.
1198b, 1199— 1201, III. 1. 1438b, 1443, 1444, 1447, 1473b, 1474b, ITI. 2.
1586, 1587, III. 3. 1853b, III. 5. 2012, 2021, 2032b, 2057b, IV. 2. 2314,
2315, IV. 5. 2426, 2429, 2455b, V. 1. 2603, V. 2. 2653, V. 3. 2788, 2789,
2865, 2866, 2874.
V. Abweichungen, die anscheinend darauf zu-
rückzuführen sind, daß die Schauspieler sich zu-
weilen ganze Sätze als Zusätze erlaubten, diein
Q, als neue Verse auftreten.
Dies ist besonders da der Fall, wo die Schauspieler allem Anscheine
nach ungenau gelernt hatten, oder wo sie sich dazu hinreißen ließen,
eine Zwischenbemerkung zu machen, die mehr oder weniger am Platze
war, die aber jedenfalls nicht in ihrer Rolle stand. Möglich ist es auch,
daß vielleicht eine Verlegenheitspause auf der Bühne entstanden war, die
der eine der Darsteller auszufüllen versuchte. Genau läßt sich das heute
nicht mehr feststellen. Jedenfalls gehen die folgenden in Q, nicht ent-
haltenen Verse vermutlich auf die Schauspieler zurück.
In der Nähe von Vers 1445, einer Stelle, an der die Schauspieler sehr
ungenau gelernt zu haben scheinen, frägt Mercutio am Schlusse seiner
Rede, ohne daß dies in seiner Rolle stand: ‚„Wher’s the Surgeon?‘‘ worauf
sein Partner schlagfertig antwortet: ,,Hee’s come sir.‘
III. 2. 1577 hat die Amme nach Q, zu sprechen:
„I, I, the cords.“ Sie spricht das auch, fügt aber eigenmächtig hinzu:
„alacke we are undone".
Hinter III. 3. 1765 erlaubt sich die Amme den Ruf: ,,Hoe Fryer.“
Als der Mönch auf nochmaliges Klopfen noch nicht öffnet, ruft sie:
„Hoe Fryer open the doore.“
Beides ist in Q, nicht enthalten.
308 Adolf Schéttner
Ahnliches haben wir hinter den Versen:
III. 3. 1800, 1855, III. 4. 1872, 1902a, III. 5. 1970, 2091a, 2104, vor
2285 zwei Verse, im Anfang von IV. 2, hinter 2305 und hinter IV. 5. 2539
je einen Vers.
VI. Verse, die die Schauspieler augenscheinlich
zu sprechen vergaßen.
Ebenso wie die Schauspieler sich Zusätze erlaubten, vergaßen sie auch
zuweilen einen oder zwei Verse zu sprechen. Dies ist nach unserer Meinung
der Fall in den Versen:
I. 1. 18, 19, 30a, I. 2. 250, 251, 254, 255, I. 8. 368b, I. 4. 510, 512, 533,
I. 5. 576, 658, 659, II. 2. 783, 913, II. & 1092, 1093, II. 5. 1269, 1270b,
1271a, 1272a, 1290, 1295, 1296, III. 1. 1360, 1361, 1362a, 1365, 1366,
1372, 1373, 1374, 1377, I4II, 1412, 1418, 1448, 1478, 1483, 1493, 1520,
IH. 2. 1578, 1579, 1585, 1598b, 1599a, 1606, 1631, 1632, 1666a, III. 3.
1708b, 1709a, 1732, 1761, 1762, 1763, 1766, 1769, 1803a, 1851, 1868,
III. & 1874, 1875, 1878, 1879, 1904, III. 5. 1972, 1973, 1998, 2001, 2015,
2019, 2049, 2051b, 2052, 2053, 2066, 2068a, 2069, 2072b, 2077, 2129,
2130, IV. 1. 2239, 2284, IV. 4. 2395, 2398, 2402, 2409, IV. 5. 2420, 2430,
V. 1. 2569, 2593b, 2594, V. 2. 2649, V. 8. 2681, 2700, 2701, 2713, 2714,
2800a, 2826, 2835, 2836, 2841, 2842, 2857.
Wir verweisen ausdriicklich nochmals auf das, was wir zu den wahr-
scheinlich von den Stenographen ausgelassenen und den vom Regisseur
gestrichenen Versen gesagt haben, daB wir dieses Verzeichnis ebenfalls
nur mit Vorbehalt wiedergeben.
3. Kapitel.
Abweichungen, die vermutlich den Setzern der beiden
Quartos zur Last zu legen sind.
Es konnte natiirlich nicht ausbleiben, daB auch die Setzer, zumal in
jener Zeit, wo die Buchdruckerkunst noch in den Kinderschuhen steckte,
verschiedene Druckfehler in den Text brachten. Es ist aber auffällig, daß
bei der Mehrzahl der Abweichungen, die sich als Druckfehler kennzeichnen,
das Falsche auf seiten des Textes der zweiten Quarto liegt. Möglicher-
weise hatte das Q, zugrunde liegende Bühnenmanuskript schon diese
Fehler.
Wir haben nur acht Abweichungen, die offenbar Fehler des Setzers
der ersten Quarto bilden. Es sind dies zwei Doppelsetzungen — I. 1. 4 steht
nämlich in Q, ,,out of the the collar“ und I. 1. 17 ,,and thrust the maids
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 309
to to the walls‘‘ — und ferner haben wir sechs Fälle, wo entweder ein
Buchstabe in dem betreffenden Worte falsch ist oder ein Buchstabe zu
viel enthalten ist:
II. 1. 732 muß es wohl wie in Q, heißen „Blind is his loue“ und nicht
wie in Q, „Blinde in his loue‘‘, ebenso V. 3. 2694 ,,;What cursed foot
wanders this way to night", und nicht wie in Q, ,,What cursed foote
wanders this was to night“.
Auch I. ı. 172 steht in Q, ganz richtig: „O any thing of nothing first
created :“, in Q, dagegen „O anie thing, of nothing first create!“
II. 4. 1165 muß es wie in Q, heißen: ‚that was so full of his roperie“
und nicht wie in Q, „that was so full of his roperipe“.
III. 3. 1855 sagt Romeo: ,,Do so, and bid my sweete preparetochide “;
Q, hat dafür: „Doe so and bidde my sweet prepare to childe“.
V. 3. 2825 steht in Q,: What meane these maisterlesse and goarie
swords’, in Q, ,, What meanes these maisterles and goory weapons?‘
In allen diesen Fallen ist auch von den modernen Ausgaben die Lesart
der zweiten Quarto anerkannt.
In den folgenden Fallen ist man aber den Lesarten von Q, beigetreten.
Es handelt sich hier um offensichtliche Versehen des Setzers von Q».
So finden wir I. 4. hinter 433 in Q, die beiden Verse:
Nor no without booke Prologue faintly spoke
After the Prompter, for our entrance.
Da Q, an dieser ganzen Stelle außerordentlich gut wiedergegeben ist,
dürften wir es hier kaum mit irgendwelchen Zusätzen der Stenographen
zutun haben. Auch ist nicht einzusehen, wie der Schauspieler dazu kommen
sollte, diesen Zusatz zu machen. Dagegen dürfte wohl der Setzer von Q,
aus Versehen diese baiden Verse fortgelassen haben, falls nicht das Bühnen-
manuskript, das Q, zugrunde lag, diese Verse gestrichen hatte.
Das Gleiche gilt von der in Q, hinter Vers 482 in der gleichen Szene
stehenden, aber in Q, fehlenden Frage: ‚Queen Mab whats she?‘“‘, worauf
die Antwort in Q, ganz richtig lautet: „She is the Fairies midwife“ usw.
Der Setzer von Q, hat diese vorhergehende Frage: „Queen Mab whats
she?“ augenscheinlich vergessen zu setzen. In dem dem Drucke zugrunde
liegenden Bühnenmanuskript hat diese Frage aber sicherlich gestanden.
Das geht aus dem nur als Antwort zu verstehenden Satze: ‚She is‘ usw.
deutlich hervor.
Ebenso liegt die Sache in 1. 5. hinter 573, wo sich in Q, der folgende,
in Q, fehlende Vers findet:
Good youths I faith. Oh youth’s a iolly thing.
Auch diese Stelle dürfte wohl vom Setzer übersehen worden sein.
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 22
310 Adolf Schéttner
III. 3. Vers 1831r heißt es in Q, ganz richtig: ,,there art thou happy
too“, da einen Vers zuvor schon einmal ,,There art thou happy“ steht.
In Q, steht auch im zweiten Falle nur „there art thou happie“. Das ,too“‘
scheint vom Setzer übersehen worden zu sein.
Am deutlichsten sieht man aber in IV. 5 hinter 2540, daß der Setzer
von Q, zum Teil sehr unaufmerksam bei seiner Arbeit gewesen ist. Hier
fehlt der aus metrischen Gründen unumgänglich notwendige Vers:
„And dolefull dumps the minde oppresse‘‘,
der in Q, vorhanden ist.
Unsicher ist es, ob in II. 2. 940—943, Versen, die eigentlich erst an den
Anfang von II. 3. gehören, wo sie auch in etwas abgeänderter Fassung
in Q, nochmals enthalten sind, nur der Setzer die Schuld hat, oder ob
sich bereits derjenige verschrieben hat, der das Stück von dem Original-
manuskript des Dichters abschrieb; denn darin stimmt ja die heutige
Shakespearekritik überein, daß kein einziges Stück Shakespeares nach
dessen Originalmanuskript gedruckt ist. Vielleicht hatte aber auch der -
Regisseur die Stelle gestrichen.
Einen ähnlichen Fall haben wir III. 3. 1726—29.
Man könnte ja nun auf den Gedanken kommen, daß alle diese Fehler,
die wir hier auf den Setzer von Q, zurückführen, bereits in dem dem
Setzer vorliegenden Manuskripte enthalten waren. Mag dies auch in
dem einen oder anderen Falle möglich gewesen sein, die folgenden Bei-
spiele, die ebenfalls noch Druckfehler in Q, bringen, beweisen jedenfalls,
daB der Setzer von Q, sehr wenig Sorgfalt auf seine Arbeit verwendete,
sodaß man sehr wohl zu dem Glauben kommen kann, daß auch er die
eben genannten Fehler gemacht hat.
I. Iı. 114 hat Q, Syramour, Q, da- | II. 2. 758 to > do
gegen richtig Sicamoure 827 Pylat > Pilot
134 portendous > portentous 828 washeth > washt
184 propogate > propagate II. 3. 947 Checking > Checkring
186 too > to 971 staies > slaies
209 uncharmd > unharm’d 972 encamp > incampe
I. 2. 265 fennell > female 977 Benedicitie > Benedicite
I. 3. 388 houre > honor II. 4. 1069 phantacies > fantasticoes
389 houre > honor 1073 pardons mees > pardon-
421 to make flie> to make it flie : mees
484 Agot > Aggat II. 5. 1297 high > hye
485 ottamie > Atomi III, 1.1459 mo > more
489 Philome > filmes 1464 end > eyed
507 Elklocks > Elfelocks 1536 It> I
531 stirrage > steerage III. 2. 1652b worser > worse
I. 5. 610 en dure > indure III. 3. 1739 obsoluer > abscluer
61r endured > indured 1803 deuote > denote
681 Whats tis? whats tis. > 1834 light > lights
Whats this? whats that? 1836 mishaued > misbehaude
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 311
III. 5. 1917 exhale > exhales IV. 5. 2460 loue > long
2074 lent > sent V. 1. 2635 pray > pay
2147 obsolu’d > absolu’d V. 3. 2678 young trees > Ew-tree
IV. 1. 2163 talke > talkt 2743 commiration > coniura-
2229 stay > slay tions
2240 chapels > chaples 2888 misheathd > sheathed
2255 breast > breath 2892 earling > early
IV. 2. 2297 selfewield > selfewild 2982 raie > erect; [es müßte raise
IV. 4.2410 Twou > Thou : | in Q, heißen]. Vgl. S. 268.
In allen diesen Fällen außer den beiden letzten, die man sinngemäß
verbessert hat, ist man jetzt den Lesarten von Q, beigetreten.
Eine arge Nachlässigkeit des Setzers von Q, zeigt sich auch in den
Rollenbezeichnungen. An acht Stellen ist die Rollenbezeich-
nung in Q direkt falsch, und man hat heute die Lesart von Q, als die
richtige anerkannt.
Es handelt sich um die Stellen:
II. 1. 706, wo die Worte: ,,Nay Ile coniure too‘‘ nach Q, ebenso wie
das Vorhergehende von Benvolio gesprochen werden, während Q, sie
bereits zu den folgenden Worten Mercutios zieht und dementsprechend
ein Mer: davor stehen hat.
Ferner steht in Q, II. 2. 938 nochmals ,Jul.“‘, obwohl Juliet bereits
die vorhergehenden Worte spricht. Q, dagegen hat ganz richtig „R o m.‘“‘.
An den folgenden Stellen hat Q, ebenfalls eine falsche Bezeichnung,
Q, dagegen die richtige:
II. 4. 1060 Ro. > Ben:
113r nichts > Mer:
1132 Mer. > Ben:
Ill. 5.1959 Ro> Jul:
2083 Father, 6 Godigeden > Cap: Oh goddegodden
IV. 5. 2452 Fri. > Par:
In Q, finden wir abgesehen von den oben S. 299 erwahnten ungenauen
Rollenbezeichnungen, die auf die Stenographen zurückzuführen sind, nur
zwei Rollenbezeichnungen, die direkt falsch sind:
I. 1. 97 steht in Q, „Mounta“, in Q, dagegen ‚„M. wife‘. Hier liegt
offenbar ein Druckfehler in Q, vor, da die anschließenden tadelnden Worte:
„Who set this auncient quarrel first abroach?
Speake Nephew, were you by when it began?“
doch zweifellos dem alten Grafen Mountague in den Mund gelegt sind
und nicht seiner Gattin. Ferner muß es in Vers 1048 Ben. statt Mer. heißen,
und ebenso muß vor 1050 wieder Ben. stehen.
312 Adolf Schöttner
Anhang.
J. Verse, die in der zweiten Quarto eine völlig andere Gestalt
zeigen als in der ersten.
Wir meinen damit nicht die Verse wie I. 2. 274—279, wo der Diener
offensichtlich seine Rolle nicht ordentlich gelernt hat und infolgedessen
alle Verse durcheinanderwirft, sondern die folgenden:
Vers 3, 9, 10, 14 des Prologs, I. 4. 10, 20, 21, 35, 37, 38, 42, 43, 47, 120,
I. 2. 243, 247, 373, 385, 396, 422425, I. 4. 468, 471, 523, I. 5. 623, 624,
662, 664, 665, 666, 684, 685, II. 1. 703, 715, II. 4. 1043a, 1061, 1136, 1145,
1152, I16I, 1170, 1171, 1172, 1173, 1176, 1177, 1180—1182, 1190, 1196,
1197, 1198a, I201, 1230, II. 5. 1235, 1236, 1247b, 1248, 1255, 1258—1260,
1267, 1268, 1273, 1284, 129I, 1293, 1294, 1304, 1306, 1307, II. 6 ganz
mit Ausnahme von 1323 und 1343, 1344, III. 1. 1355, 1367, 1381, 1386
bis 1388, 1402, 1406, 1407, 1419, 1420, 1429, 1431, 1434, 1435, 1440,
1441, 1442a, 1445, 1446, 1476, 1479, 1490—1502, 1505, 1508, 1509—I519,
1523, 1540, III. 2. 1575, 1576, 1600 —1603, 1611, 1623, 1658, 1674, III. 3.
1764, 1765, 1768, 1828, 1837, 1848, 1849, 1865, III. 4. 1901, III. 5. 1920,
1925, 1927, 1968, 1969, 1971, 1986, 1987, 1996, 1997, 1999, 2002, 2013,
2017, 2029, 2037, 2040—2042, 2044—2046, 2067, 2073, 2109, 2116, 2126,
2133, 2145, IV. 1. 2223, 2236, 2237, 2241, 2245, 2246, 2269, 2281, 2282,
2283, IV. 2. 2285, 2287, 2288, 2293, 2294, 2295, 2298, 2304, 2317, 2318,
2320, 2325, 2331, IV. 3. 23322336, 2338, 2340, 2344, 2345, 2347, 2353
2355, 2356, 2358, 2360, 2381, 2389, IV. 4. 2390—2392, 2400, 2404—2408,
2416, IV. 5. 2417—2419, 2425, 2431, 2436, 2437, 2440, 2443, 2444, 2457b,
2451—2483, 2492, 2493, 2500, 2501, 2503, 2504, 2518, 2522, 2524, 2533,
2538, 2539, 2548—2551, 2555, V. 1. 2558, 2560, 2562, 2578, 2582, 2583,
2585, 2587, 2591, 2600, 2601, 2607, 2610, 2612, 2618, 2620, 2621, 2628,
2630, 2632, 2636, 2637, 2641, V. 2. 2648, 2656, 2659, 2666, 2667, 2668,
2670, 2671, 2672, V. 3. 2676, 2680, 2682, 2686, 2688—2692, 2702, 2709,
2718, 2731, 2732, 2738, 2758, 2759, 2767, 2779, 2803, 2804, 2807, 2815
bis 2817, 2827—2829, 2833, 2834, 2837—2840, 2843, 2846, 2853, 2855,
2856, 2858, 2859, 2866, 2867, 2868, 2873, 2875, 2876, 2878—2881,
2886, 2894—2896, 290I, 2904, 2907—2937, 2940—2943, 2945, 2947,
2949— 2951, 2955, 2957, 2960, 2963, 2965, 2972, 2974, 2980.
Man könnte ja nun annehmen, daß diese Verse auf die Stenographen
zurückzuführen wären, und in einigen Fällen, die sich aber heute nicht
mehr feststellen lassen, mögen sie auch durch falsche Übertragung ihrer
Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 313
Stenogramme die Gestalt der Verse verändert haben, es finden sich aber
in unserem Stücke drei längere Partien, die von den gleichen Versen in Q,
gänzlich abweichen, und diese legen doch den Gedanken nahe, daß der
Dichter vor der Herausgabe der zweiten Quarto einige Teile des Stückes
einer Neubearbeitung unterzog. Die 6. Szene des zweiten Aktes, die
5. Szene des 4. Aktes, die viel mehr ausgearbeitet ist, und die Rede des
Friar’s 2906—2951 in der 3. Szene des 5. Aktes, von der nur die letzten
beiden Verse in gleicher Gestalt in Q, enthalten sind wie in Q,, sind unter
keinen Umständen von den Stenographen so stark verändert worden.
Wir werden später, wenn wir der Frage näher getreten sind, wieviel Steno-
graphen an der Nachschrift des Stückes beteiligt gewesen sind, uns noch-
mals mit dieser Frage beschäftigen und sehen, daß es gänzlich ausge-
schlossen ist, daß wir den Stenographen die andere Fassung dieser Stellen
zur Last legen können. Wir müssen bei diesen Versen annehmen, daß
der Dichter vor der Herausgabe der zweiten Quarto diesen Versen, die ihm
nicht gefielen, eine andere Fassung gab.
2. Verse, die Qı mehr enthält als Q,, soweit sie nicht den
Schauspielern oder den Setzern der beiden Quartos zur
Last fallen.
Auch diese Verse kann man nicht auf die Stenographen zurückführen,
da es dem Wesen jeder stenographischen Aufnahme widerspricht, Zu-
sätze zu machen. Wohl ist es möglich, daß der Stenograph etwas weg-
läßt, sei es, daß er es nicht verstanden hat, oder sei es, weil er dem Redner
nicht zu folgen vermochte, aber es dürfte kaum vorkommen, daß der
Stenograph sich eigenmächtig irgendwelche Zusätze erlaubt. Es handelt
sich hier wohl meist um Stellen, die der Dichter bei der Neubearbeitung
gestrichen hat, um unnötige Längen zu beseitigen.
So sagt II. 5. 1288 Julia in Q,: He saies like a kinde Gentleman, and
a honest, and a vertuous.“ In Q, lautet die Stelle dagegen: „Your loue
sayes like an honest gentleman.“
Ähnlich liegt die Sache hinter den Versen 1293, 1297, 1302b, 1307
(hier stehen sogar zwei Verse mehr in Q,), III.1. 1435, 1518 (ebenfalls zwei
Verse), III. 2. 1603, III. 5. 1950, 2032a, 2070, IV. 1. 2245, 2253a, IV. 2.
2318 (drei Verse mehr in Q,) 2320 (ebenfalls drei Verse), IV. 8. 2360,
IV. 4. 2410, IV. 5. 2483 (drei Verse mehr in Q,), V. 3. 2688, 2801b, 2832,
2842 (zwei Verse mehr), 2853, 2880, 2967.
314 Adolf Schdttner
VIERTER TEIL.
Zahl und Arbeitsweise der bei der Nachschrift von Q,
vermutlich tatig gewesenen Stenographen.
1. Kapitel.
Die Zahl der Stenographen, die vermutlich tätig gewesen sind.
achdem wir im Vorhergehenden gesehen haben, daß Stenographen tätig
N gewesen sind und welche Mängel einerseits auf sie zurückzuführen
sind und welche andererseits nicht, wollen wir uns jetzt der Frage zu-
wenden, ob wir vielleicht feststellen können, wieviel Stenographen tätig
waren. Wir haben nur ein Mittel, um zu entscheiden, ob mehrere
Stenographen das Stück nachgeschrieben haben, wir müssen nämlich in
den einzelnen Szenen die Prozentsätze der Fehler herausrechnen, die den
Stenographen zur Last fallen.
Die Berechnung wäre nun sehr einfach, wenn der Text von Q, der Auf-
führung zugrunde gelegen hätte und die Stenographen bei der Nachschrift
der Verse nur einige Fehler gemacht hätten. Man würde dann einfach
die Zahl der Fehler durch die Zahl der Verse dividieren, und erhielte so
die Prozentzahl der Fehler. Nun besteht aber schon die Schwierigkeit,
daß die Stenographen auch ganze Verse ausgelassen haben. Diese Schwie-
rigkeit ist jedoch zu überwinden. Wir ziehen von der Summe der Verse
in Q, die Verse, die ausgelassen sind, ab. Dadurch wird die Berechnungs-
zahl, wie wir es nennen wollen, kleiner und die Prozentzahl größer. Es
drückt sich also auch in den Prozenten aus, daß der Stenograph Verse
ausgelassen hat. Auf diese Weise könnten wir die Leistungen der Steno-
graphen bemessen, wenn uns der Text in seiner Gesamtheit erhalten wäre,
auf Grund dessen die Aufführungen stattgefunden haben. Leider ist uns
dieser Text nicht erhalten. Uns ist nur das Stenogramm (Q,) erhalten
und Q,, das wahrscheinlich auf ein Bühnenmanuskript zurückgeht. Nun
haben wir eben gesehen, daß wir die Zahl der Verse, die der Stenograph
ausgelassen hat, bei der Berechnung der Prozente nicht berücksichtigen
dürfen, da sonst die Zahl der Prozente für den Stenographen zu günstig
ausfallen würde. Wir dürfen also nur die Verse berücksichtigen, die der
Stenograph wirklich geschrieben hat. Nun hat der Stenograph aber alle
Verse, die in Q, enthalten sind, geschrieben. Wir erhalten also die rich-
tigen Zahlen, wenn wir die Zahl der Verse von Q, zugrunde legen.
Genau dasselbe Resultat erhalten wir übrigens auch, wenn wir aus
Q, die Verse, die in Q, fehlen, ebenfalls fortlassen, und die Verse hinzu-
Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tätig gewes. Stenographen 315
zählen, die nur in Q, enthalten sind. Es sind in Q, ja außer den Versen,
die der Stenograph ausgelassen hat, noch die Verse enthalten, die die Regie
gestrichen hat und die der Schauspieler zu sprechen vergaß. Die Verse,
die die Regie strich, können wir natürlich bei der Zahl der Verse, die wir
der Prozentberechnung zugrunde legen, nicht berücksichtigen, da sie der
Stenograph ja gar nicht hat schreiben können. Genau so verhält es sich
mit den Versen, die der Schauspieler zu sprechen vergaß. Da der Steno-
graph sie auch nicht hat schreiben können, weil sie nicht gesprochen
wurden, können wir sie auch nicht zu seinen Gunsten in Anrechnung
bringen. Wir sehen also, daß man am besten tut, die Zahl der Verse in Q,,
also des Stenogrammes selbst, bei der Berechnung der Prozente der Fehler
zugrunde zu legen.
Otto Pape hat in seiner Dissertation ‚Über die Entstehung der ersten
Quarto von Shakespeares Richard III.‘ einen anderen Weg eingeschlagen
und hat für die Berechnungszahl die Formel aufgestellt B Z = A — (g +h).
Darin bedeutet A ,,die Anzahl der Q, Verse‘‘; g sind ,,die fehlenden Q,
Verse“, h „die überzähligen Q, Verse‘‘. Schon die Benennung ist ungenau,
denn er meint die in Q, fehlenden und die nur in Q, enthaltenen Verse.
Diese Methode ist deswegen falsch, weil leicht der Fall eintreten kann,
der bei seinem Drama allerdings nicht eingetreten ist, daß die Zahl der
ausgelassenen Verse die Zahl der in Q, enthaltenen Verse übersteigt.
Man würde dann nach der Pape’schen Formel als Berechnungszahl eine
negative Größe erhalten.. Dieser Fall würde bei unserm Drama in Il. 5
und IV. 3 eintreten, wo die Zahl der in Q, enthaltenen Verse 40 bzw. 27,
die der ausgelassenen Verse 41 bzw. 31 beträgt. Ebensowenig ist ein Grund
zu ersehen, weshalb er die nur in Q, enthaltenen Verse, die doch der Steno-
graph geschrieben hat, bei der Berechnung der Prozente ausscheidet.
Diese falsche Formel bei Pape mußte natürlich auch falsche Resultate
nach sich ziehen.
Wir haben nun eben festgestellt, wie wir die Berechnungszahl erhalten,
und daß wir sie auf zweierlei Weise erhalten können — entweder legen
wir einfach die Zahl der Verse in Q, zugrunde — das ist das Einfachste,
und diesen Weg wollen wir beschreiten — oder wir ziehen von der Zahl
der Verse in Q, die Summe sämtlicher ausgelassenen Verse ab und zählen
andererseits die Zahl der Verse, die nur in Q, enthalten sind, zu. Auf
beiden Wegen erhalten wir die gleichen Resultate.
Wir müssen uns nun noch fragen, welche Fehler wir den Stenographen
bei der Berechnung der Prozente in Anrechnung bringen dürfen. Nicht
in Anrechnung bringen dürfen wir ihnen die Abweichungen, die anscheinend
auf die Mängel des Systems Bright zurückgehen, da diese Mängel untrenn-
bar mit dem System Bright verknüpft sind.
316 Adolf Schéttner
Es sind dies die Abweichungen, die vermutlich auf die Mangel der
I. accompanied signification,
2. des diakritischen Punktes,
3. der Regel: Umschreibungen können weggelassen werden,
4. der Unmöglichkeit, sprachliche Doppelformen wiederzugeben,
5. der Ähnlichkeit vieler stenographischer Zeichen
zurückgehen.
Wie verfahren wir nun aber mit den Versen, die in der zweiten Quarto
eine völlig andere Gestalt zeigen als in der ersten? Wir haben bereits
konstatiert, daß wir die veränderte Gestalt der Verse den Stenographen
nicht zur Last legen dürfen. Geschrieben haben sie aber die Stenographen.
Folglich haben wir auch kein Recht, sie aus der Berechnungszahl auszu-
schalten. Möglich ist es ja, daß sich hier und da in diesen Versen auch
Fehler befinden, die den Stenographen zur Last fallen. Es fehlt uns aber
jede Handhabe, um das zu erkennen. Augenscheinliche Fehler befinden
sich nicht darin. Wir schalten also diese Verse aus der Berechnungszahl
nicht aus.
Zur Last legen muß man aber den Stenographen die Stellen, wo sie
anscheinend ihr Stenogramm nicht wiederlesen konnten oder falsch wieder-
lasen, wo sie augenscheinlich Lücken ihres Stenogramms willkürlich aus-
füllten oder wo sie falsch gehört haben. Es kommen also für die Fehler-
berechnung die Verzeichnisse in Betracht, die sich auf S. 285 —296 unserer
Arbeit befinden. Es würde nun zu weit führen, wenn wir alle diese Ab-
weichungen hier nochmals in der Reihenfolge, wie sie nacheinander in
den einzelnen Versen vorkommen, aufführen würden und in Klammern
hinter jedem Verse angeben wollten, wieviele Abweichungen sich in den
einzelnen Versen befinden. Wir begnügen uns daher, die Abweichungen
des Prologs und der ersten Szene des ersten Aktes in der angedeuteten
Weise wiederzugeben, bemerken aber, daß wir das vollständige Verzeichnis
gern jederzeit zur Verfügung stellen.
Prolog ı. both > Frends (1)
4. where ..... bloud > Whose ..... warre (2)
Akt I. Sz.1. ı on> of; weele> Ile (2)
2 we> you (I)
3 I meane... we... weele> I... Ile (4)
4 I... of choller > Euer ... of the collar (2)
6 thou art > you are (I)
7 of > of the (1)
g thou runst > thou’t runne (1)
13 weake slaue > weakling (2)
15 Tis true, & > Thats true (2)
16 Mountagues men > the mn (1)
Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tatig gewes. Stenographen 317
Akt I. Sz. 1. 17
22
28
29
30
36
39
40
4I
46
52
83
90
91
92
97
I12
113
II4
IIS
116
117
118
119
122
134
135
136
149
156
167
174
177
183
184
185
187
189
192
193
194
197
199
200
203
206
209
his > the (1)
their > with their (1)
and tis knowne ... pretie > thou shalt see ... tall (4)
if ... hadst ... hadst bin > for if ... wert ... wouldst be (4)
of the house > two (3)
take of > haue on (2)
to them > enough (2)
Sir > nichts (1)
I do bite ... sir > I bite (2)
sir > nichts (1)
better ... one of ... kinsmen > I... kinsman (4)
thee > the (1)
the peace > your fault (2)
all the rest ... away > euery man ... in peace (5)
You ... shall go > Come ... come you (3)
new > first (1)
forth > through (1)
minde ... to walke abroad > thought ... from companie (4)
of > nichts (1)
this > the (1)
did > might (1)
made > drew (1)
stole ... couert > drew ... thicket (2)
measuring > noting (1)
humor > honor (1)
humor > honor (1)
may > doo (1)
My Noble Uncle > Why tell me Uncle (3)
comes, so please you step > is, but stand you both (4)
houres > hopes (1)
eyes see ... his > lawes giue ... our (3)
wel ... formes > best ... thinges (2)
that > which (1)
in... breast > at... hart (2)
it > them (r)
loue > griefe (1)
made > raisde (1)
nourisht > raging (1)
my > nichts (1)
Soft > Nay (1)
leaue me so > hinder me (2)
who is that you > whome she is you (2)
Grone > nichts (1)
A sicke man ... makes > Bid a sickn:an ... mak: (1)
neare, when I supposde > right, when als you said (4°
Well > But (1)
From loues weak > Gainst Cupids (3)
Wir haben nun die Zahlen der Beispiele für das ganze Stück in einer
Tabelle zusammengestellt. Um die größeren Abweichungen in ein Ver-
hältnis mit den kleineren zu bringen, haben wir die Anzahl der Verse
mit 2, 3, 4, 5 Abweichungen mit 2, bzw. 3, 4, 5 multipliziert und
die so gewonnenen Summen addiert. Die Ergebnisse zeigt die folgende
318 Adolf Schéttner
Tabelle I. Wir bemerken dazu, daß wir darauf verzichten mußten, für
II. 6 die Prozente herauszurechnen, da die beiden Quartos in ihren Fas-
sungen gänzlich voneinander abweichen.
Tabelle I.
Zahl der Verse mit Abweichungen
Prolog u. I. I 32 14 5 7 I 108 150 72,0
2 9 5 3 2 = 36 92 39,1
3 4 I 3 2 ee 23 60 | 38,3
4 18 8 4 ss = 46 86 53,5
5 19 II 6 I 2 73 128 57,0
L 290 516 56,2
II. 1 8 5 4 I er 34 43 791
2 39 13 6 3 I 100 172 58,1
3 16 5 I I = 33 89 37,1
4 25 15 5 -— 2 80 159 50,3
5 5 5 2 = = 2I 42 50,0
6 saci we ne = sach — in ==
II. 268 ' 505 53,1
III. x 26 18 7 4 3 114 150 76,0
2 14 3 4 4 L 53 58 91,4
3 17 6 6 2 I 60 141 42,7
4 7 2ı-| —- | — 11 24 | 45,8
5 33 18 5 5 I 109 193 56,5
III. 347 566 61,3
IV. ı 14 9 3 2 I 54 92 58,7
2 6 3 I I I 24 40 60,0
3 I I — 3 2 25 28 89,3
4 3 I Du un zu 5 20 25,0.
5 4 I 6 I — 28 88 31,8
IV. 136 268 50,7
V.1 8 5 3 — | — 28 63 42,9
2 — 3 I — | — 9 20 45,0
3 24 10 13 3 | 5 120 224 53,6
Ve 157 307 51,1
Das ganzeStiick | | 1198 2162 55,4
Diese Tabelle zeigt uns ein ziemlich klares Bild über die prozentuale
Fehlerverteilung. Wir entdecken auch schon bei näherem Zusehen
eine gewisse Regelmäßigkeit. Addieren wir die Berechnungszahlen der
Szenen, die annähernd gleiche Prozentzahlen haben, so finden wir, daß
die Zahl der Verse regelmäßig sich zwischen 150 und 200 Versen bewegt.
Wir erkennen daraus, daß nicht ein Stenograph allein das Stück nachge-
schrieben haben kann, sondern daß mehrere dabei tätig gewesen sein
müssen.
Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tätig gewes.Stenographen 319
Wir haben nun in der folgenden Tabelle die Abschnitte, die augen-
scheinlich zusammengehören, zusammengestellt. Dabei mußten wir aller-
dings II. 4 in zwei Teile zerlegen. Auch hier ergab sich eine deutliche
Trennung in zwei Hälften. II. 4 zerfällt nämlich in die beiden Teile
1043—1129 und 1130 bis Schluß der Szene.
Der erste Teil enthält 15 Verse mit einer, 8 Verse mit zwei, ı Vers mit
drei Abweichungen. Die Summe der Abweichungen ist also 34, die Berech-
nungszahl 67, in Prozenten 50,7. Der zweite Teil enthält 10 Verse mit
einer, 7 Verse mit zwei, 4 Verse mit drei, 2 Verse mit fünf Abweichungen.
Die Summe der Abweichungen ist 46, die-Berechnungszahl 67, die Zahl
der Prozente 68,6. Diese Zerlegung von II. 4 ist in der Tabelle mit berück-
sichtigt.
Tabelle II.
Zahi der Verse | Zahi dere Pro-
Akt, Szene Zahl der Fehler in Q, Be Leistungen des Stenographen
Prolog und I. ı schlecht
I.2undI.3 gut
I.gundI.5 mittelmäßig
II. 1 und II. 2 schlecht
II. 3 und II. 4 bis gut
1129
II. 4 bis S-hluß, mittelmäßig. Nicht ge-
II. 5 und II. 6 genau festzustellen, da
II. 6 nicht vergleichbar
III. ı und III. 2 schlecht
III. 3 und III. 4 gut
III. 5 mittelmäßig
IV. 1, 2, 3 schlecht
IV. 4,5, V.ı gut
V. 2 und V. 3 mittelmäßig
2. Kapitel.
Die Arbeitsweise der Stenographen.
Die Tabelle II zeigt uns ein klares Bild von der Tätigkeit der Steno-
graphen. Wir dürfen daraus entnehmen, daßBdreiStenographen
tätig waren, und zwar ein schlechter, ein guter und ein mittelmäßiger
Stenograph. Diese Stenographen haben in regelmäßiger Turnusfolge,
wie der Fachausdruck in den deutschen Parlamenten lautet, geschrieben.
Sie lösten sich regelmäßig ab und haben sich nach dem Szenenschluß
bzw. nach dem Auf- und Abtreten der Schauspieler gerichtet. Den Reigen
eröffnete der schlechte Stenograph. Das entspricht auch der allgemeinen
320 Adolf Schöttner
Gepflogenheit. Man läßt den Stenographen, der am wenigsten leisten
kann oder der noch Anfänger in der stenographischen Praxis ist, zuerst
schreiben, wo seine Kräfte noch frisch sind und die Debatten noch nicht
so heftig zu sein pflegen. Daß er bereits beim Prolog zwei Verse wegließ,
ist nicht verwunderlich, da Verse immer schwieriger zu schreiben sind
als Prosa. Als dann später der Streit begann zwischen den Dienern der
Capulets und der Mountagues, war es um den Stenographen geschehen.
Er vermochte den hier ziemlich erregten Debatten, die noch dazu von
ziemlichem Lärm begleitet waren, nicht zu folgen und begnügte sich
damit, die Vorgänge auf der Bühne kurz anzudeuten. Als dann die Hand-
lung wieder in ruhigeres Fahrwasser geriet, vermochte er eher zu folgen,
und gegen Schluß der ersten Szene hat er sich leidlich eingearbeitet. Auf
ihn folgte der gute Stenograph. Die ersten drei Zeilen der zweiten Szene
fehlen. Das ist auffällig und rührt augenscheinlich daher, daß der
zweite Stenograph zu spät eingesetzt hat. Das pflegt auch heute noch
vorzukommen. Dieser Stenograph ist ein außerordentlich guter Steno-
graph. Die Szene zeigt keine größeren Abweichungen. Die Rede des
Dieners 274—279 ist wahrscheinlich vom Schauspieler nicht ordentlich
gelernt, daher die Verwirrung in ihr. Vers 304—362 haben sogar als
Unterlage für Q, gedient. Es ist das Seite 12 und 13 der ersten Quarto.
Wir finden nur zwei kleine Abweichungen auf diesen beiden Seiten. Ein-
mal ist Zeile 304 ein „and‘‘ weggelassen, das augenscheinlich auch nicht
dorthin gehört, und dann ist Vers 312 ein „you“ für ‚‚thee‘‘ in Q, gesetzt.
Im übrigen stimmen die beiden Teile, wenn auch nicht in der Orthographie,
so doch in der Anordnung der Zeilen und in den beiden Bühnenanweisungen,
die sie enthalten, völlig überein. Mir scheint die von Gericke!) aufgestellte
Behauptung richtig zu sein, daß an dieser Stelle wohl im Manuskript
von Q, ein Blatt gefehlt habe, vielleicht auch unleserlich gewesen sei,
sodaß man Q,, das an dieser Stelle einen sehr vertrauenswürdigen Ein-
druck machte, benutzt hat. Da man hier also lediglich auf die Autorität
des Stenographen angewiesen ist, der allerdings an dieser Stelle ein guter
Stenograph gewesen ist, erscheint mir auch die von Gericke angegebene
Interpretation von Vers 307, wo er fiir ,, Up“ ,, To supper“ setzen will, nicht an-
gebracht. Stenographisch wenigstens wäre diese Änderung nicht zu erklären.
Der gute Stenograph wurde abgelöst von einem dritten Stenographen,
der nicht so gut schrieb. Er hat aber doch die Verse 482— 508 ganz richtig
als Verse erfaßt und sie bei der Übertragung dementsprechend als Verse
geschrieben, während sie in Q, als Prosa gedruckt sind. Die hinter 482
in Q, eingeschobene Bemerkung ,,Queen Mab whats she“ stammt auf
1) Seite 272 seines mehrfach zitierten Aufsatzes.
Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q| vermuti. tätig gewes. Stenographen 321
keinen Fall von dem Stenographen. Sie stammt auch kaum von dem
Schauspieler, sondern, wie wir schon erwähnten, wohl von dem Dichter,
und der Setzer hat sie aus Versehen fortgelassen. Bei dieser Gelegenheit
möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, daß in Mommsens Aus-
gabe von Q, irrtümlicherweise hinter 501 zwei Verse in Q, fortgelassen
sind, die in sämtlichen anderen Ausgaben von Q, stehen und auch
ursprünglich in Q, gestanden haben. Meine Zusammenstellung der Ab-
weichungen der einzelnen Ausgaben von Q, zeigt das Nähere (siehe $. 325
dieser Untersuchung).
Auf den mittelmäßigen Stenographen folgte wieder der schlechte, und doch
gibt die Stenographie auch der von Mommsen aufgsstellten Theorie recht,
daß die Verse 940—943 nur durch einen Irrtum in die Ausgabe von Q,
gelangten, wenn ich mich auch nicht der von Mommsen weiter aufgestellten
Behauptung anschließen kann, daß die Verse ursprünglich im Manuskripte
des Dichters standen, von ihm vergessen wurden durchzustreichen und
so in Q, Aufnahme fanden. Mommsen nimmt ja an, daß Q, nach dem
Originalmanuskripte Shakespeares gesetzt sei. Es kann sich aber in diesem
Falle ebensogut um ein Versehen des Schreibers handeln, der das
Manuskript zu Q, abschrieb. Auf der Bühne wurden die Verse jedenfalls
richtig gesprochen und wurden so auch richtig in Q, aufgenommen. Vers
1727—34 haben wir etwas Ähnliches, wo auch der Stenograph — an
dieser Steile übrigens der gute Stenograph — das Richtige brachte, während
Q, alles durcheinanderwirft. Vers 2777 haben wir das Gleiche. Q, hat
das Richtige. In Q; steht aber direkt hintereinander ‚I will beleeue“ und
in der folgenden Zeile „Shall I beleeue‘. Das erste muß gestrichen werden.
In regelmäßiger Reihenfolge haben also diese drei Stenographen das
ganze Stück nachgeschrieben. In ungefähr gleichen Abständen lösten
sie sich ab und nahmen als Ablösungspunkt merkliche Abschnitte in
der Handlung. Daß dabei einmal der eine Stenograph etwas besser weg-
kam, liegt in der Natur der Sache. Im allgemeinen war aber die Arbeits-
leistung gleichmäßig verteilt entsprechend der auch heute noch allgemein
üblichen Praxis. Auch der schlechte Stenograph, der augenscheinlich
ein Anfänger war, mußte das Gleiche leisten wie die beiden anderen Steno-
graphen. Auch das ist heute noch so in den Parlamenten. Allerdings
steht ihnen hier ein erfahrener Praktiker zur Seite, der den gleichen Turnus
mitschreibt. Das war bei unserem Stücke anscheinend nicht der Fall;
denn wenn noch ein Stenograph bei jedem Turnus mitgeschrieben hätte,
dann wäre beispielsweise der Streit in der ersten Szene des ersten Aktes -
sicherlich besser wiedergegeben worden, und es wäre, wenn jeder Steno-
graph seinen Kollationator gehabt hätte, wie man das heute nennt, auch
im Allgemeinen das Stück besser wiedergegeben worden.
x
322 Adolf Schéttner
FUNFTER TEIL.
Wert von Q, fär die Kritik.
ir sind numehr, nachdem wir unsere ‘Untersuchung in der Haupt-
Wae beendet haben, in der Lage, über den textkritischen Wert von
Q, ein Urteil zu fallen. Da Q, eine Theaternachschrift darstellt, die mit
Hilfe der Stenographie aufgenommen worden ist, haften ihr auch alle
die Mängel an, die mit stenographischen Aufnahmen verbunden sind,
d. h. Hörfehler, kleine Auslassungen, falsche Wiedergabe mancher Stellen.
Die Mängel, die durch das Stenographiesystem bedingt werden, kommen
hinzu. Wir dürfen also von vornherein eine wortgetreue Wiedergabe,
zumal das Stück auch ohne Kollation geschrieben ist, nicht erwarten.
Außerdem handelt es sich um eine Bühnenaufführung, zu der vom Re-
gisseur viel gestrichen ist. Die Stenographen darf man jedenfalls für die
starken Kürzungen nicht verantwortlich machen. Die Ansicht, daß die
Stücke von der Bühnenleitung gekürzt waren, teilt auch Richard Wegener
in seiner Preisschrift ‚Die Bühneneinrichtung des Shakespearetheaters‘‘1)
(Halle 1907). Wir lassen seine diesbezüglichen Ausführungen wörtlich
folgen:
„Wie gekünstelt wird die Kürze der Quartos bei Shakespeare erklärt!
Nur um Geld zu sparen, sollen die Drucker die kurze Form gewählt haben!
Diese kürzere Form war eben die populäre; in dieser Form war das Stück
im Volkstheater in Szene gegangen, war bekannt geworden und hatte
von sich reden gemacht. Man wird überhaupt im allgemeinen annehmen
dürfen, daß die kürzere Redaktion auf einen im Volkstheater gebrauchten
Text hinweist. Die meisten Stücke mußten hier etwas gekürzt werden.
Es war nicht möglich, ein Volk, das nicht gewohnt war, seine Gedanken
längere Zeit auf einen geistigen Vorgang zu konzentrieren, ein Volk, das
sich aus Fischern und Schiffern, Seeleuten aus aller Herren Länder, aus
den kleinen Leuten der unteren Volksschichten Londons zusammensetzte
und essend und trinkend, schwatzend und Tabak rauchend im Yard stand,
länger als zwei Stunden zu fesseln und seine Aufmerksamkeit wach-
zuhalten.‘‘
In einer Anmerkung schreibt er:
„Shakespeare gibt im Prolog zu Romeo und Julia die Dauer auf zwei
Stunden an.“
Durch die Stenographie ist es uns auch möglich, Stellung zu nehmen
zı den drei Partien, die gänzlich voneinander abweichen, nämlich II. 6,
1) Seite 27.
Wert von Q, für die Kritik 323
IV. 5 und V. 3. 2905—2949. II. 6 hat der mittelmaBige Stenograph ge-
schrieben. Es ist möglich, daß er einige Fehler gemacht hat, aber ihm
eine gänzliche Neubearbeitung der Szene in annähernd gleichem Umfange
in die Schuhe zu schieben, ist nicht angängig. IV. 5 hat der gute Steno-
graph geschrieben, und doch weichen die Verse fast sämtlich völlig von
den in Q, enthaltenen Versen ab. Ähnlich liegt die Sache bei den Versen
in V. 3, die allerdings der mittelmäßige Stenograph geschrieben hat. Es
ist ganz ausgeschlossen, daß die Stenographen diese Verse neu geschrieben
haben. Sie haben sich, wie zahllose andere Stellen beweisen, befleißigt,
möglichst wortgetreu nachzuschreiben, und sie haben alle drei den Beweis
erbracht, daß sie, wenn auch mit Fehlern an manchen Stellen, so doch im
allgemeinen imstande gewesen sind, den Inhalt sinngemäß wiederzu-
geben. Wie sollten sie nun gerade an diesen Stellen, die für sie kein größeres
Interesse boten als andere Stellen, dazu kommen, mit einem Male den
Text gänzlich zu verändern? Wir müssen also konstatieren, daß wir es
an diesen Stellen mit einer Neubearbeitung zu tun haben. Von wem diese
Neubearbeitung stammt, dem nachzugehen kann nicht Aufgabe dieser
Untersuchung sein. Sehr nahe liegt der Gedanke, daß Shakespeare selbst
diese Stellen nochmals bearbeitet hat. Den Stenographen kann man sie
jedenfalls nicht zur Last legen.
Wir sind damit am Schlusse unserer Untersuchung angelangt und
konstatieren nochmals, daß wir es in der ersten Quarto von ‚Romeo
und Julia‘‘ vom Jahre 1597 mit einer Theaternachschrift zu tun haben,
bei der drei Stenographen mitgewirkt haben. Es ist von ihnen das
System Bright in der Gestalt, die das Lehrbuch von 1588 zeigt, angewendet
worden.
Als Anhang lassen wir ein Verzeichnis der Abweichungen in den von
Daniel, Praetorius-Evans, Furness, den Cambridge-Herausgebern und
Mommsen veranstalteten Neudrucken der, ersten Quarto von 1597 folgen.
Die Neudrucke von Steevens (1766) und Ashbee-Halliwell von 1865—1869
waren uns leider nicht zugänglich. Ferner lassen wir ein Verzeichnis der
Abweichungen folgen, die in den von Daniel, Praetorius-Evans und Momm-
sen herausgegebenen Neudrucken der zweiten Quarto von 1599 enthalten
sind. Aus diesen Verzeichnissen ergibt sich einerseits, daß sich auch bei
Mommsen einige Druckfehler eingeschlichen haben, die wir in besonderer
Zusammenstellung bringen, und andererseits wird die von verschiedenen
Seiten aufgestellte Behauptung gestützt, daß die einzelnen Originalexem-
plare der Quartos auch voneinander abweichen, daß also tatsächlich nicht
324 Adolf Schöttner
alle Exemplare einer Ausgabe gleichzeitig gedruckt worden sind, sondern
je nach Bedarf, und daß auch an dem Satze des Textes noch geändert
worden ist!).
Anhang J.
Abweichungen zwischen den Neudrucken der ersten Quarto
von 1597.
| u [man | m | |
2 ||you* —3) na
4||drawe* — —
7 Dog* oes ta
16||to the* — to to the to to the
vor
34 || Mountagues* — — Monntagues
93 || Mouutague* — — Mountague
115 || Citties* — — Cities
135 || remooue.* — — remooue,
152|| Madame* — — madame
163 || fauor* — — fauour
170 |loue, loue,* — —
179 || Cose* — — cose
186 |owne:* — — owne.
189 | teares* — — tears
192 || Cose.* — — Cose,
200 || sadnes* — — sadness
207 || she* — — shee
243 || before, * before. — —
266/|| all, all* all all — —
268 || one,* one. — —
hinter
269 || Seruingman* — -—— Seruingmen
271 || feeke seeke* — —
274 || here here,* — —
276 || Painter* — — painter
280 || burning,* burning burning —
293 || you* — — yon
304 || Seigneur* — — seigneur
311 || Masters* — — masters
313 || il’e* ife — Il’e
317 || loues loues: * — —
331 || Ladyes* — — ladyes
341 || Mother* — — — mother
1) Vgl. dazu Prof. Dr. Försters Ausführungen, Shakespeare. Jahrbuch, Bd. 52,
S. 210 ff., zu R. B. Mc Kerrow’s ,,Notes on Bibliographical Evidence for Literary Students
and Editors of English Works of the Sixteenth and Seventeenth Centuries‘‘. Reprinted
from the Transactions of the Bibliographical Society, Vol. XIII. London 1914.
#) Ein Strich deutet an, daß die mit einem * versehene Lesart auch in der be-
treffenden Ausgabe steht.
Earth quake
—_
361 ; But : but
365 a leauen* -—
369 forward * —-
381 pre thee —
-—
nurce
of.
396 — wife
420 gut* But
422 readie’ —
428 || bee spoke* = beespoke —
433 || crow-keeper* — crow keeper —
433 ||without booke | withoutbooke* — without booke
465 || word,* -- word —
481 |/a sleepe* — asleepe
482 || Queene* — queen
483 || Queene* — Queen
483 || FairiesMidwife* — fairies midwife
485||a sleepe* asleepe
489 || flie,* flie
dream of loue: dream of loue:
496 || Ladies* — ladies
497 || sweetmeats Sweetmeats sweet meats* —
500 || Parsons* -— — Parson’s
501 ||of another Ben- — —
efice: Some-
time she gal-
lops ore a soul-
diers nose, And
then dreames
he of cutting*
selues*
wherefore
storm
597 Romeo
611 — — shal be
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, L 6, 23
326
620
628
633
640
650
651
675
675
677
678
682
682
799
712
723
726
731
732
734
754
758
779
780
795
806
811
834
860
861
885
889
892
894
924
hinter
945
951
987
1016
1019
1028
1046
1048
1048
1053
Master*
You’le*
knaue,
what.*
hartes.*
seeming"
hand*
dispaire*
Batcheler*
house, *
name
and*
Loue*
unknowne*
Nurse*
one I dancst
speak
nickname*
Tut*
she*
with*
darke.*
Medler* |
speakes, *
doe entreat*
Oh*
il’e*
il’e*
Saint*
loues*
complements.*
Idolatrie,*
Il’e*
il’e*
good*
il’e*
il’e*
il’e*
Frier*
drie,
righ*
cheekes*
cleares,*
mine,*
Rosaline,
Tybalt*
| Letter*
Nay,*
1066 || re-
/67 || uerso*
Adolf Schöttner
Praetorius-Evans
— — —
— — ——
knaue.*
—— —
hartes:
seeining — =e
despaire
batcheler
loue
unknowne,
nurse
one I dancst
danct foue I dancst
— —
oue T
— — ——
complements,
Idolatrie.
Rosaline’ Rosaline? Rosaline’
Anhang |
327
vej >» wt | | | See | m Cambridge- = |
Praetorius-Evans Furness Hecachgebes Mommsce .
1081
1083
1100
III3
1117
1125
1130
1139
1157
1159
1164
1166
1169
1172
1175
1180
1184
1203
1288
1289
1294
1297
ungef.
1327
ungef.
1342
1355
1356
1368
1369
1386
1388
1406
1407
1421
1437
1439
" ungef.
1440
hinter
1448
1450
1453
1509
1510
1516
1519
1580
ungef.
1602
1614
1615
a gray*
flop*
Pumpe*
sauce*
added to*
wouldst*
geare*
godyegooden*
is*
if*
merchant*
heare*
hee*
flurt -*
no bodie*
Jacke*
Gentlewoman
man shali*
an*
mother ?*
Romeo?*
Friar*
power,
fitrer*
Jacke*
mooude*
lay*
Taylor*
Consort.*
fiddle-sticke* .
boy*
drawe.*
aware
nor*
finde*
foure mens*
Exeunt*
frend*
kinsman
yong*
cryde peace
draw forth*
Mo:*
undone, *
Woe,*
blood ?*
day*
agray
—
—
addedto
power.*
laye
Consort
fiddle sticke
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a ware*
not
kinsman.*
crydepeace*
drawforth
undone
—
—
agray
— slop
marchant —
slurt- —
manshall
— Frier
fitter —
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not ==
— Exeunt
kinsman, —
drawforth —
slop
pumpe
sauce.
would
geere
godye gooden
Is
If
hear
he
flurt
nobodie
iacke
a
mother.
Romeo.
frier
fitter
iacke
moude
taylor
Consort,
hoy
aware
find
foure-mens
Exeunt.
friend
young
cryde peace
Ro:
Woe.
blood!
daye
23°
328
Adolf Schöttner
1626
1627
1636
1657
1668
1691
1720
1736
1741
1749
1752
1767
1782
1784
1784
1785
1787
1789
1800
1830
1837
1853
1856
hinter
1868
1887
1898
1906
1920
1930
1950
1962
1963
1988
2004
2014
2016
2031
2041
2061
2068
2070
2078
2087
2088
2093
2103
2128
2145
2146
2153|| many thousand* | manythousand | manythousand
matter*
meant*
Shame*
Banished*
banished.*
doome,*
here*
Frier*
word.*
preuailes*
estate
is*
deep*
death’s*
of*
her?*
ioy,*
is she?*
mansion?*
happy.*
Thou frownst*
is.
Heere*
wife*
Lord*
Lorde*
Nightingale*
awhile*
be gone*
number them*
ey-sight*
Loue*
Madame*
poore heart*
needfull*
Girle.
shalbe*
bodie*
fettle*
speake?*
thursday*
Lord*
heere*
Lord*
parentage,*
doe*
you.*
Tell her*
Father.*
Praetorius-Evans
Vers Daniel
estate, *
os
happy
Thoufrownst
is,*
Wife
Tellher
numberthem
ey sight
pooreheart
lord
you,
Tellher
Cambridge-
Herausgeber
Father
Mommsen
Here
lord
lorde
nightingale
a while
begone -
—
loue
madame
——
needful
shal be
body
settle
speake.
Thursday
lord
here
lord
parentage
do
—
father,
——
Anhang 3 329
Vers ' | Daniel | Praetorius-Evans Furness Cambridge: Mommsen
Herausgeber
2154 ||shal be shalbe* — — shal be
2165 || Sir* — — — sir
2176 || thursday* — — > Thursday
2177 || shalbe* — — — shalbe
2184 || wilbe* — — — wil be
2186 ||soule* — — — soule,
2196 | now.* — — — now,
2197 || Lord* — — — lord
2205 || nothing nothiug* — — —
2219 || Knife* — — — knife
2232 ||it selfe* — — — itselfe
2237 || Lions* — — — lions
2246 || get* — — — ged
2249 || Nurse* — — — nurse
2262 | houres.* — houres, — —-
ungef.
2282 || graue graue.* — — graue,
hinter
2284 || Wife* — — — wife
hinter
2284 | Seruingman* — — — seruingman
2287 || Sir* — — — sir
hinter
2293 || Seruingman* — — — seruingman
2294 || Frier* — — — frier
2298 || Confession* — — — confession
2299 || Head-strong* — — — head-strong
2315 || unto.* — unto, — —
2318 || morrow.* — — — morrow,
2320 || doo* — — — do
ungef. .
2330 || mood. * — — — mood,
2340 || Madame* — — — madame
ungef.
2380 || lunaticke,* — — — lunaticke:
2388 || stay.* — stay, — —
2402 || Seruingman* — — — seruingman
2403 ||a Jelous hood |a Jeloushood |a Jeloushood |a Jelous hood | Jelous hood
2419|| what bride whatbride* — — what bride
ungef.
2443 || wan.* — wan, — —
2460 thought long* /thoughtl ong |thought! ong — —
ungef.
2463 Forlorne* u — — Forlone
ungef.
2470 || wholy* — — — wholly
ungef.
2475||of sence* ofsence ofsence — —
ungef.
2481 || destinie.* — destinie, — —
ungef.
2502 || tomb’d,* — — — tomb’d.
2514 |foorth,* — — — foorth
2518||I by* Iby Iby — —
2538 || Iron* — — _ iron
330
Adolf Schöttner
Vers | Daniel | Prastorius-Evans I
2538
ungef
2539
2540
2546
ungef.
2552
2558
2561
2562
2578
2592
2613
2614
2619
2623
2628
2645
2647
2656
2663
ungef.
2670
ungef,
2680
ungef.
2686
2687
binter
2692
hinter
2692
2697
2707
2711
2728
2729
2731
2732
2752
2754
ungef.
2758
ungef.
2778
2788
2797
2799
2807
2831
2832
ungef.
2838
2842
wit.*
found*
dolefull
siluer.*
Fidlers*
come.
dreames.*
Me thought*
Sir,*
night.*
dwels.*
shut.*
geere,*
As suddenly*
Famine*
must*
John.*
up.*
weight.*
come*
Churchyard,*
Lord*
Sweete*
a at
and a crow*
Iron*
imployment.
lims.*
him.*
Mountague.*
heere.*
dye,*
along
so.*
life.*
loue.*
chamber mayds
barge.*
dye.*
dearely*
Fryer.*
of:*
accessarie.*
come.
dol efull*
——
come.
Sir
geere
Assuddenly
weight
Churchyard
—
—
imployment:*
come,
2
Herausgeber
wit, —
sound
come,*
dreames,
night,
dwels,
shut,
Assuddenly
John
come.
—
andacrow
imployment.
ims,
him,
Mountague,
heere,
—
so,
life,
loue,
chamber mayds*
barge,
dye,
Fryer,
accessarie,
come,
| dolefull
siluer
fidlers
Methought
mvst
up,
lord
Sweet
iron
dye.
along
dearly
of?
come
Anhang 2
Daniel Praetorius-Evans
2844 || heere*
2852 || resolute.*
2865 || Man*
2881 || Entor
2885 || Wife*
2905 || suspition*
2916 || Nurse*
2945 || afterhappened*
2950 || old*
2950 ||sacrificd*
2968 || doe*
2986 || Lady*
2993 || Romeo
Anhang 2.
Cambridge-
Herausgeber
331
wife
suspicion
nurse
after happened
olde
doo
lady
Verzeichnis der Abweichungen in den Neudrucken der zweiten
Quarto von 1599 von Daniel, Praetorius-Evans, Mommsen.
9 des Prologs fearfull | —})
ı0 des Prologs rage: —
t des Stückes carrie —
4 choller. —
5 moued. ._ =
6 strike. —
15 therfore —
20 one, —
24 maides —
26 sense —
30 John: draw —
30 of Mountagues —
36 law —
40 Do —
47 Do =
57 not —
61 do =
95 » our =
100 yours, —
127 soone, —
146 bewtie —
163 loue. loue:
Mommsen
re aai - — ~
feareful
therefore
one
maids
sense,
John. Draw
of the Mountagues
yours
soone
bewty
loue.
1) Ein Strich deutet an, daß Praetorius-Evans dieselbe Lesart hat wie Daniel.
332
ven | | Dam Daniel o | p | Pooma | ommen Praetorius-E
Adolf Schöttner
a
hart
transgression:
sweete
go along:
who?
‚in bewtie
wil
chaste
reade
tis,
faire
go
man,
On
anguish,
rancke
dye
‚ and
Anselme
Indeed
turne
mee
counsel
Lammas tide
night,
she
weaned
said
he
he?
Madam
crying,
bump
stone:
Nurse
Sommer
flower.
flower,
Finde
glorie
claspes
eye,
dayes.
beate
faire,
Mask,
asleep
do
Mommsen
doe
sleepe,
heart
transgression.
sweet
goe along.
who.
in bewtie,
will
chast
read
tis
faire
goe
man
One
anguish:
rank
die
: and
Anselme
Indeede
turn
me
counsell
Lammas-tide
night
shee
weand
saide
hee
he:
madam
crying
bomp
stone?
nurse
Summer
flower.
flower,
Find
glorie,
claspes,
eye
dayes.
beat
legs,
faire;
owne
Mask,
a sleepe
doe
333
Vers
481
490
490
495
519
538
546
593
604
631
657
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861
877
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933
1020
1023
1031
1041
1064
1082
1090
1095
1097
"1114
1140
1143
1144
1157
1160
Daniel
true.
half
litle
strait,
wooes,
fearfull
Courtcubbert,
gentlewomen
kinsman,
do
guest,
stand,
debt.
gentlemen
gentlemen,
gentlemen?
tis.
laid
blind,
truckle
jeasts
window
greefe,
me.
name:
foote,
tytle
me.
eies,
world,
thee.
it,
infinite:
Sweete
mine
thine,
in
hast.
button
Romeo,
yours,
curtesie.
Right.
not then
dyal,
himself
said,
meate
spent.
true,
halfe
little
strait,
wooes,
fearefull
Courtcubbert
Gentlewomen
kinsman
doe
guest,
stand
debt.
Gentlemen
gentlemen,
gentlemen?
tis.
sweete.
king
him,
laide
blind,
truccle
ieasts
windowe
greefe,
me
name:
foote,
title
me.
eies
world.
thee.
it,
infinite:
Sweet
my
thine.
in,
hast.
buton
Romeo
yours
curtesie:
Right.
not
dyal
himselfe
said,
meat
spent,
Vers
1177
1245
1250
1252
1267
1274
1279
1284
1285
1334
1342
1364
1370
1379
1424
1435
1453
1469
1480
1481
1488
1515
1555
1575
1584
1590
1599
1612
1621
1635
1642
1645
1658
1662
1682
1688
1695
1696
1712
1738
1762
1766
1773
1773
1776
1793
1809
1819
1831
1852
1859
1864
Adolf Schöttner
Daniel
goodquarel
wer
sweete
good,
choyse
No,
Beshrewe
An
mother?
ayre
worke,
eye
other
us,
sir,
villaine,
Cozen
go
mutherer
Tybalt
kisman,
go
bloud
newes?
cannot.
death arting
goare
gone
seem ’st
wish,
poor
Cozin
ten
Tybalts
finde
fearefull
companie
Princes
unthankfulnes
Confessor
grones,
studie
Lord?
Romeo?
mistresse
cries,
sley
Noble
happie.
night,
goodnight,
you,
Prastorius-Evans
mother:
worke.
happie
night:
goodnight
you
Mommsen
good quarell
were
sweet
good
choise
No
Beshrew
And
mother?
ayre,
worke.
eye,
other,
us?
sir
villaine
Cozin
goe
murtherer
Tibalt
kisman
goe
blood
newes?
cannot.
death (d] arting
gore
gone,
seem’st
wish,
poore
cozin
then
Tibalts
find
fearfull
company
princes
unthankfulnesse
confessor
grones
study
Lord,
Romeo,
Mistresse
cries
slay
noble
happie.
night,
goodnight,
you,
Anhang 2
335
Vers
1888
1889
1903
1934
1938
1954
1973
1979
1986
2022
2039
2079
2115
2118
2126
2127
2134
2160
2171
2173
2180
2186
2225
2241
2243
2245
2269
2282
2286
2289
2306
2337
2374
2388
2399
2402
hinter 2407
2445
2455
2459
2468
2474
2478
2478
2504
2510
2520
2568
2573
Praetorius-Evans
soone | soone,
gallant,
countefaits
to
lies.
Nurse
Nurse
and
quick
minde?
haste.
Sir,
annswere
Poor
do
graue,
haue
sweete
auncient
» with
Cookes.
so?
go
helpe
shroude
stay?
now,
Nurse
sir,
separated
lies,
liuing
day,
slaine,
Despisde,
martird,
Funerall
Sir
ease.
Balthazer,
ill,
hither:
death?
gallant
so:
Nurse.
sir
separated,
liuing
slaine °
Despisde
martird
Sir, (nach dem
Druckfehlerver-
zeichnis hinter
dem Vorworte)
her,
by,
deuideth
day,
oportunitie
hither?
Therefore
death,
gallant,
counterfaits
too
lies,
nurse
nurse
, and
quicke
minde?
haste?
sir
answere
Poore
doe
graue
hane
sweet
ancient
with
Cookes,
so?
goe
help
shrowde
stay;
now
Nurse.
sir,
separated,
lies
liuing,
day
slaine,
Despisde,
martird,
funerall
Sir
ease,
Balthazer?
ill,
336
Adolf Schöttner
m |
2594
2616
2668
2678
2687
2691
2694
2719
2725
2727
2729
2730
2748
2778
2781
2797
2798
2827
2843
2847
2859
2866
2870
2873
2880
2888
2895
2924
2946
2956
2958
2962
2969
2970
2988
men.
lowd
Exit.
Trees
strew
keepe:
foote
doubt.
greefe
villainous
toyle
death?
Juliet,
that
that
seasick
Appothecary:
pale!
away.
help
buried.
till
too
is so shrike
Warme
missheathd
mine
mariage
me.
monument
death,
Sirrah,
Loue,
‚that
brings,
Juliet.
Appothecary
pale.
me:
death
brings.
Praetorius-Evans
men:
lowd?
Diese Bemerkung
fehlt bei Momm-
sen.
trees
strew,
keepe,
foot
doubt,
greefe,
villanous
toyle,
death:
Juliet.
, that
that,
sea-sick
Appothecary:
pale!
away,
helpe _
buried,
, till
too,
they so shrike
Warm
misheathd
my
marriage
me:
Monument
death,
Sirrah
Loue
that
brings,
Zusammenschreibungen und getrennte Schreibungen in den
Vers
hinter 427
481
486
506
610
747
Neudrucken von Qs.
| Dan
torchbearers
asleep
waggo spokes
in the
endure
Arise
Praetorius-Evans
waggospokes
inthe
torch bearers
a sleepe
waggöspokes
inthe
en dure
A rise
Anhang 2 337
Vers | Daniel Praetorius-Evans Mommsen
796 Henceforth — Hence forth
1177 goodquarel — good quarell
1476 be gone — begone
1619 woluish rauening woluishrauening woluishrauening
1991 with all — withall
2057 howhow — how how
2229 stay thy staythy staythy
2239 Orecouerd — Ore couerd
2279 | feare a fea re
Stärkere Abweichungen in den Neudrucken von Qs.
30 of Mountagues of Mountagues of the Mountagues
57 not not nor
281 On paine On paine One paine
1020 mine mine my
1114 not then well not then well not well
1658 ten thousand ten thousand then thousand
2873 that is so shrike that is so shrike that they so shrike
2888 missheathd missheathd misheathd
2895 mine age mine age my age
Druckfehler im Texte des Wiederabdrucks der Ausgaben von
1597 und 1599 bei Mommsen.
Seite 10 Zeile 2 von oben muß es heißen you statt yon,
Seite 13 Zeile 6 von oben Mountagues statt Monntagues,
Seite 26 Zeile 7 von unten you statt yon,
Seite 31 Zeile 11 von oben giue statt gine,
Seite 32 Zeile 2 von oben thou statt lhou, '
Seite 52 Zeile 17 von unten befits statt besits,
Seite 68 Zeile 10 von unten thou statt thon,
Seite 80 miissen die beiden Ziffern 1235 und 1240 je einen Vers tiefer
gestellt werden. Die Zahlung stimmt sonst nicht.
Außerdem müssen Seite 38 Zeile 10 von unten hinter „of“ die Worte
eingeschaltet werden:
another benefice:
Sometime she gallops ore a souldiers nose,
And then dreames he of
Hier liegt sicher bei Mommsen ein Druckfehler vor, da alle anderen
Ausgaben die Verse haben.
338
Adolf Schöttner
I.
cost
IO.
II.
I2.
13.
14.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25
26.
27
Literatur.
I. Zu Shakespeare.
Tycho Mommsen, Shakespeare’s Romeo und Julia. Eine kritische Ausgabe
des überlieferten Doppeltextes mit vollständiger varia lectio bis auf Rowe. Olden-
burg 1859.
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— Romeo and Juliet, Reprint of Q, 1599. London 1874.
. — Parallell Texts of the first two Quartos of Romeo and Juliet. London 1874.
. — Revised edition of the second or 1599 quarto of Romeo and Juliet. London
1875.
. Ch. Praetorius-Evans, Romeo and Juliet by W. Sh. The first Quarto 1597.
London 1886.
. — Romeo and Juliet by W. Sh. The Second Quarto 1599. London 1886.
. — Romeo and Juliet by W. Sh. The Undated Quarto. London 1887.
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facsimile of the first Folio-edition 1623 from the Chatsworth copy. Number
942 & 961. London 1902. l
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The Arden Shakespeare. General editor W. J. Craig. The Tragedy of Romeo
and Juliet. Edited by Edward Dowden. London.
Horace Howard Furness, A New Variorum Edition of Shakespeare. Philadelphia.
Delius, ,,Sh.s Werke mit engl. Text und deutschen Anmerkungen.
. Eversley edition. Herford.
Schlegel-Tieck.
Friedrich Gundolf, Shakespeare in deutscher Sprache. II. Zum Teil neu über-
setzt. Berlin.
Th. Eichhoff, Unser Shakespeare. Beiträge zu einer wissenschaftlichen Sh.-
Kritik. Halle 1903 und 1904. 4 Bde.
Bd. III. Ein neues Drama von Shakespeare. Der älteste bisher nicht
gewürdigte Text von Romeo and Juliet. Halle 1904.
Bd. IV. Die beiden ältesten Ausgaben von Romeo and Juliet. Eine
vergleichende Prüfung ihres Inhalts. Halle 1904.
The Cambridge History of English Literature. V. 1910.
William Jaggard, Shakespeare Bibliography. A Dictionary of every known
issue of the writings of our national Poet and of recorded opinion thereon in
the English language. Stratford1911 (500 copies distr. Nr. 146).
A. W. Pollard, Shakespeare Folios and Quartos. A Study in the Bibliography
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Tucker Brook, The Tudor Drama. 1912.
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(760 copies printed. N. 157.)
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Max Koch, Shakespeare. 1885.
Georg Brandes, Englische Persönlichkeiten. II. Teil. William Shakespeare,
I. Teil. München 1904.
Literatur 339
28.
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35-
36.
37-
38.
39.
40.
41.
44.
45.
46.
47.
48.
49.
50.
52.
53:
54.
DnA N
oD on
4
II.
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Dyce, Remarks on Collier’s and Knight’s edition of Sh. 1844.
Delius, Colliers alte handschriftliche Emendationen zum Shakespeare gewiirdigt.
. W. Franz, Die Grundziige der Sprache Shakespeares. Berlin 1902.
43-
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Alexander Schmidt, Shakespeare-Lexicon. 3. Aufl. Berlin 1902. 2 Bde.
Dr. Jacob Knecht, Die Kongruenz zwischen Subjekt und Prädikat und die 3. Per-
son Pluralis Präsentis auf -s im Elisabethanischen Englisch. Heidelberg ıgıı.
Englische Studien. Bd. 42.
Anglia. Bd.19 und 40.
Athenäum 1857 und IgıI.
New-Sh.-Society Transactions 1875—76, 1877—79.
. Shakespeare Society’s Papers. Bd.2 und 3. London 1845 und 1847.
The Library 1903 und 1906. New Series. Vol. IV und VII.
Shakespeare-Jahrbuch. Bd. 14, 34, 50 und 52.
Macmillan’s Magazine ‘1877.
I. Zu Timothy Bright.
. Characterie, an Arte of shorte, swifte and secrete writing by Character. Inuented
by Timothe Bright. London 1588. Reprint (limited to 100 copies) by J. Herbert
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Dr. Johnen, Geschichte der Stenographie. I. Bd. Berlin rgrz.
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Moser, Geschichte der Stenographie. I. Bd. Leipzig 1889.
. Faulmann, Geschichte und Literatur der Stenographie. 1895.
. Dr. Mentz, Geschichte der Stenographie. Leipzig, Göschen, I910.
. Paul Friedrich, Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeare’s:
Timothe Brights Characterie entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Mit einem Anhang: Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen
von Shakespeare-Quartos, dargelegt an der ersten Quarto der „Merry Wives of
Windsor“ 1602. Leipzig 1914. Diss.
Archiv für Stenographie. Monatshefte für die wissenschaftliche Pflege der Kurz-
schrift aller Zeiten und Länder. Herausgegeben von Dr. Curt Dewischeit. 1897
bis I9I4.
340 Adolf Schöttner
12.
12.
14.
I5.
16.
17.
18.
I9.
20.
2I.
22.
23.
24.
25.
Phonetic Journal 1875. 1884. 1886.
Pitman’s Journal 1900. 1907. 1909. IQII.
Shorthand, a scientific and literary magazine. 1884. Westby Gibson.
Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft.
Deutsche Stenotachygraphenzeitung 1890.
Stolzesche Stenographenzeitung 1902.
Deutscher Stenograph 1912.
Korrespondenzblatt 1912.
Archiv fiir Schriftkunde 1914—17. Jahrgang ı.
The Encyclopaedia Britannica 1911.
The Harmsworth Encyclopaedia.
Dictionary of National Biography (D. N. B.).
Oxford Dictionary.
Pitman’s English Dictionary for Schools. London. Pitman & Sons.
Druck von Breitkopf & Hirtel in Leipzig.
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IAN 3